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Sonntag, 24. Mai 2020

# 67 - "Meine kleine Balalaika" - Nicole (1974)

Nachdem so ein schöner Sonntag ist, möchte ich euch heute mit einem wunderbaren, schier niemals enden wollenden, Ohrwurm beglücken!




NICOLE
A: Saschka war ein Rabe (M & T: Fred Weyrich)
B: Meine kleine Balalaika (M: Gert Wilden / T: Fred Weyrich)

1974, Prom, 2429


Eins gleich vorweg: Hierbei handelt es sich nicht um eine Jugendsünde von Nicole "Ein bisschen Frieden" Seibert.

Folgendes schrieb die Plattenfirma über Nicole:

"Musik und Tiere liebt die 11jährige Nicole aus München am meisten. Sie spielt fünf Instrumente - 'am liebsten Klavier' - gleich danach aber kommen die Tiere. Dreimal in der Woche geht Nicole - Schülerin eines Neusprachlichen Gymnasiums mit den Lieblingsfächern Deutsch, Französisch und Mathematik - in den Zoo. 'Außerdem', so verrät sie, 'bin ich Mitglied im Tierschutzverein und im Förderkreis des Tierparks Hollabrunn.'
So versteht es sich eigentlich ganz von selbst, dass ihre erste Platte von Tieren handelt: Kindergeschichten von dem kleinen Raben, der ein großes Abenteuer wagt ('Saschka war ein Rabe') und von der Balalaika, die fast wie ein Mensch ist ('Meine kleine Balalaika').


Bei diesem Titel treffen wir wieder auf zwei Bekannte: Komponist Gert Wilden und Texter Fred Weyrich - beide haben uns in den letzten Tagen bereits mehrfach musikalisch beglückt.

Meine kleine Balalalalalalaika
Hat einen Hals und einen Bauch
Ein paar Wirbel und ein paar verschied'ne Saiten
Hat meine Balalaika auch

Meine kleine Balalalalalalaika
Ist ab und zu sogar verstimmt
Ganz besonders dann wenn man sie ein paar Tage
Nicht in den Arm zum Spielen nimmt

Wenn ich zärtlich daran zupfe
Macht sie leise Bing, Bing, Bang
Und so plaud're ich mit meiner Balalaika
Mit meiner kleinen Balalalalaika
Mit meiner kleinen Balalaika stundenlang

Mein Väterchen kam von der großen Reise aus Nowohrad nach Haus
Da packte er zur allergrößten Freude Geschenke für uns aus
Mamuschka bekam ein Kleid aus weißem Batist
Petruschka die Süßigkeit, die er so gerne isst
Und ich bekam das Schönste, ein Instrument aus Holz
Doch es ist fast so wie ein Mensch und ich bin darauf stolz

Refrain

Nur Beine hat sie nicht und das ist schön
Denn so kann sie niemals heimlich von mir geh'n

Refrain





Die "russische Welle" war damals bereits mehrfach zu Tode besungen, aber Produzent Weyrich gibt nicht auf und spielt einen großen Trumpf aus: eine Kinderstimme! Ha! Mit dieser müsste sich doch auch die Geschichte einer "vermenschlichten" Balalaika gut verkaufen lassen!
Da ist dem Herrn Weyrich ein Coup gelungen. Denn es gibt kaum ein Instrument, das man so schön "versingen" kann wie eine Balalalalalalalalalaika. Mit einer Gitarringedingedonge oder einem Cellodeodeodeodeheo wäre das deutlich schwieriger gewesen.

Nun. Ich zügle mich ein bisschen. Schließlich war ja die kleine Nicole damals noch ein Kind und hatte noch wenig Möglichkeiten, auf den Text Einfluss zu nehmen. Und solange sie dabei Spaß hatte, ist ja auch alles gut.
So ein Zwiegespräch mit einem Musikinstrument kann ja durchaus neue Erkenntnisse bringen. Mir fallen allein spontan zwei weitere Titel ein, die ich demnächst als Neuvorstellungen verwursten kann ;)

"Und ich bekam das Schönste, ein Instrument aus Holz
Doch es ist fast so wie ein Mensch und ich bin darauf stolz"

Das hat sich der alte Gepetto bei der "Erfindung" seines Pinocchios wohl auch gedacht? Wobei ich nicht hoffe, dass dieser auch als "Instrument" für verschiedene Gelegenheiten benutzt wurde ... öhem ...

"Nur Beine hat sie nicht und das ist schön
Denn so kann sie niemals heimlich von mir geh'n"

Das freut natürlich die kleine Nicole. Aber wenn die Balalalalalalalaika sprechen könnte, würde sie vielleicht nicht auch sagen wollen: "Du Nicole, weißte, es liegt echt nicht an dir. Wirklich. Und auch an deinem schönen Gesang gibt es nichts auszusetzen. Aber ich glaube, ich brauch ein bisschen Zeit für mich. Verstehst du? Ich hab mich die letzten Jahre immer so von dir zupfen lassen - und das war ja auch schön - aber ich möchte doch noch ein bisschen was von der Welt sehen. Wir können ja Freunde bleiben. Weißt du was, ich ruf dich einfach an, wenn ich wieder einmal Zeit habe. Tschööö"

Freitag, 22. Mai 2020

# 65 - "Ich hab' kein Herz aus Stein" - Claudia Costa (1973)

Mediziner können wieder aufatmen: Claudia Costa offenbart endlich die große Erfolgsmeldung: "Ich hab' kein Herz aus Stein". Alles wird wieder gut. Oder etwa doch nicht? 




CLAUDIA COSTA
A: Ich hab' kein Herz aus Stein (M: Gert Wilden / T: Günther Behrle)
B: Ein Mann wie Jason King (M: Gert Wilden / T: Günther Behrle)

1973, Pop-Music, PM 32 029
Produziert von Gert Wilden



Es gibt SängerInnen, über die findet man einfach keinerlei Informationen. Nada, niente, null. So ging es mir auch bei dieser jungen und - laut Schallplattencover - durchaus attraktiven Sängerin. Kommt man aber mit den Aufnahmen in Kontakt, dann lügt die Nachfolgesingle leider, denn "Du hast mir so gefehlt" kommt mir dabei eher weniger in den Sinn. Und dann ist Claudia Costa (ein Künstlername - bürgerlich hieß sie möglicherweise Renate Müller oder Silke Koslowski) 1974 ebenso schnell wieder in der Versenkung, aus der sie kurz zuvor auftauchte, wieder verschwunden.

Dabei hätte eigentlich Vieles rund laufen müssen: Sie sah ganz gut aus, die Titel sind kommerziell angelegt und gehen ins Ohr. Tina York und Tanja Berg haben zu dieser Zeit vergleichbare Aufnahmen - mit Erfolgsproduzent Jack White - gemacht. Die wurden zu Hits.

Allein die Beteiligung des Komponisten Gert Wildens (1917-2015), der u. a. mit Hannelore Auer (Heinos späterer Ehefrau), Elke Sommer oder Hildegard Knef arbeitete, und des damals 27-jährigen Texters Günther Behrle (* 1945), der zu diesem Zeitpunkt bereits Erfolge wie "Wie eine Ladung Dynamit" (Teddy Parker, 1971), "Ich hab' in Essen mein Herz vergessen" (Kirsti, 1971), "Ali Baba und die 40 Räuber" (France Gall, 1971), "Ein einsames Herz, das braucht Liebe" (Ulli Martin, 1972) oder "Es ist schwer, dich zu vergessen" (Peggy March, 1972) verbuchen konnte. Ein Riesenerfolg war die deutsche Textfassung für "How do you do?", das sowohl von den Originalinterpreten Mouth & MacNeal als auch den "Windows" auf den Markt kam.

Doch hören wir uns mal an, was dabei rausgekommen ist:

Ich verliebte mich schon oft und merkte hinterher
Dem Mann, der vorher viel verspricht, fällt dann das Treusein schwer
Drum zog ich die Lehren draus und ließ so manchen geh'n
Aber dir muss ich heut' Nacht gesteh'n

Ich hab' kein Herz aus Stein
Und möchte glücklich sein
Ein ganzes Leben lang
Und immer nur mit dir

Ich hab' kein Herz aus Stein
Und bin nicht gern allein
Darum geh' nie mehr fort
Nie wieder fort von mir

"Lass sie geh'n", so sagen dir die anderen vielleicht
"Jeder weiß doch, dass ein Mann bei der nicht viel erreicht"
Dazu sage ich nur eins: "Ich weiß doch was ich will
Du allein, du bist mein ganzes Ziel"

Refrain




So. Nun kommen wir zu der Kritik und auch ich werde versuchen, kein "Herz aus Stein" dabei zu haben. Wie Moderator Dieter Thomas Heck am Anfang ihres Live-Auftritts (!) in der Anmoderation anführt: Claudia Costa ist eine Nachwuchssängerin und das ist tatsächlich auch ihr erster (und vermutlich) einziger Fernsehauftritt. Ob sie zuvor jemals vor so großem Publikum gesungen hat, ist ebenfalls fraglich. Das ist für die Nerven schon eine ordentliche Zerreißprobe und da kann man jedes Herzklopfen absolut verstehen. Allerdings sind die Töne - leider - an sehr vielen Stellen nicht dort, wo sie sein sollten. (Dank des eifrig-mitklatschenden Publikum fällt das aber trotzdem nicht so stark auf) ...

Die Story des Songs ist schnell erzählt: Ein junges naives leichtsinniges Girl hat zu vielen Boys ihr Herz geschenkt. Die haben es ihr aber nicht gedankt und dann mit ihrer vermeintlich besten Freundin rumgemacht. Ende vom Lied? Sie ist wieder Single und gilt als frigide, konservative Tussi, die viel zu hohe Ansprüche an das arme männliche Geschlecht hat. Aber dann traf sie ihren Märchenprinz mit weißem Schimmel am Pimmel (pardon, jetzt ist es mit mir durchgegangen!) und möchte sich am liebsten selbst herschenken (es tönt fast so als würde jeder Eisprung mit einem eigenen Tusch gefeiert).
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch glücklich miteinander. Oder auch nicht.

Claudia Costa hat ganz bestimmt mehrere Talente gehabt und - so wünsche ich es ihr - hoffentlich auch ihr privates Lebensglück gefunden. Eine große (und um ehrlich zu sein auch keine kleine) musikalische Karriere hätte ich ihr allerdings auch damals nicht prognostiziert. Aber das ist ja auch nicht alles im Leben ... da fällt einem so mancher Stein vom Herzen ;)