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Montag, 25. Mai 2020

# 68 - "Was wird sein in sieben Jahren?" - Nina & Mike (1972)

Zugegeben: Dabei handelt es sich nun um einen sehr philosophischen Wochenstart. Aber egal. Ich verspreche euch, es ist nicht so intellektuell-hochstehend wie das Singlecover verspricht.




NINA & MIKE
A: Was wird sein in sieben Jahren [In the Year 2525 - Zager & Evans] (M: Denny Zager & Rick Evans / dt. T: Jack White)
B: Wo Regen fällt (M & T: Jack White)

1972, Ariola, 10 933 AT
produziert von Jack White


Nina & Mike alias Michaela (1945-2005) und Lothar Schähfer (1944-2015) waren - nach Cindy & Bert - das zweiterfolgreichste Schlagerduo der 70er-Jahre. Die beiden lernten sich 1963 kennen, als sie gemeinsam in der gleichen Band waren. Nach kurzer Zeit heirateten die beiden und bekamen zwei Söhne (Frank und Ralph). 1966 begannen sie als Duo zu singen und veröffentlichten als Joe & Jenny eine erste Single ("Alle jungen Leute"). 1969 folgen zwei weitere Singles unter ihren bürgerlichen Namen Michaela & Lothar.
Bei einem Fernsehauftritt in der ZDF-Sendung "Showchance" wurden sie mit ihrer Interpretation des Bob-Dylan-Hits "Blowin' in the Wind" entdeckt und erhielten einen Plattenvertrag von Jack White.

(Funfact: Es gibt einen Live-Auftritt der beiden aus dem Jahr 1975, wo sie diesen Titel sangen. Eine deutsche Version davon befindet sich auf ihrem 1977 erschienen Album "El Paradiso")


In dieser Zusammenarbeit erschienen - unter dem neuen Namen "Nina & Mike" - ab 1970 zahlreiche Singles, großteils Coverversionen bekannter Hits, die sich jedoch nicht in den Charts platzieren konnten. Nach den ersten Hits wurden sie unter anderem 1974 mit der "Goldenden Europa" des Saarländischen Rundfunks ausgezeichnet. Die beiden ließen sich 1976 scheiden, arbeiteten aber noch weiterhin miteinander. Ab 1977 wurde Peter Orloff ihr neuer Produzent.
Von 1979 bis 1991 betrieben die beiden eine Discothek in Ludwigshafen. Mit kleineren Unterbrechungen waren sie bis zum überraschenden Tod von Nina 2005, im Alter von 59 Jahren, durchgehend musikalisch aktiv. Nach Ninas Tod litt Mike an Depressionen und Alkoholproblemen. 2013 erlitt er einen schweren Schlaganfall, bei dem er eine halbseitige Lähmung zurückbehielt. Er starb 2015 im Alter von 71 Jahren.

Die beiden haben zehn Alben und mehr als 60 Singles aufgenommen.
Ihre größten Charterfolge waren: "Rund um die Welt geht das Lied der Liebe" (1973, #14, 15 Wochen), "Fahrende Musikanten" (1973, #5, 25 Wochen), "Schenk' mir ein Leben mit dir" (1974, #39, 3 Wochen), "Kinder der Sonne" (1974, #45, 1 Woche) und "Paloma Blanca" (1975, #6, 15 Wochen). Das Repertoire an speziellen Titeln ist bei den beiden allerdings extrem hoch. Dadurch werdet ihr vermutlich noch öfters hier Titel der beiden zu hören bekommen ;)

Nun aber zum heutigen Song:

Was wird sein in sieben Jahren?
Lässt du mich nicht allein? Wowow
Wirst du dann noch wie heut' bei mir sein?

Was wird sein in 15 Jahren?
Wenn wir schon längst nicht mehr zur Jugend zählen
Wenn mir die ersten grauen Haare wachsen
Wirst du dann immer noch stolz auf mich sein?

Was wird sein in 20 Jahren?
Wenn uns're Kinder mit Problemen kommen
Wirst du ihnen dann zur Seite stehen
Oder sie sich selbst überlassen?

Was wird sein in 30 Jahren?
Wenn ich ab und zu mal nicht zu Hause bin
Wirst du in Gedanken bei mir sein
Oder ist dir ganz egal was ich mache?

Was wird sein in 40 Jahren?
Wenn uns're Kinder uns nur Briefe schreiben
Weil sie in eine and're Stadt gezogen
Wirst du mich trösten, wenn ich weinen muss? Wowow

Was wird sein in 50 Jahren?
Wenn wir schon alt und grau geworden
Wenn wir dann am Stock spazieren gehen
Wirst du mir auch noch liebe Worte sagen?

Und wer weiß in 60 Jahren?
Was wird sein, wenn wir den Himmel sehen
Werden wir auf unser Leben schauen
Und daran denken, wie schön es doch war? Wowow

Und was wird sein in 100 Jahren?
Wenn wir von allen längst vergessen sind
Wird auf uns'ren Gräbern Unkraut wachsen
Oder werden Blumen blühen? Wer weiß ...

Doch wir woll'n nicht zu viel denken
Heute sind wir jung und glücklich
Dass auch wir Probleme haben
Lässt uns nicht traurig sein

Komm gib mir deine Hand
Ich will nur dir gehören
Und wenn wir uns bemühen
Bleibt uns're Liebe immer schön

Refrain





Das Original "In the Year 2525" stammt von dem Duo Zager & Evans - dem Inbegriff eines "One Hit Wonders". Dieser apokalyptische Folk-Rock-Song, der sich mit der Beziehung des Menschen zur Technik und zum Planeten auseinandersetzte, wurde zu einem weltweiten Millionenseller. Der Song, den Rick Evans bereits 1964 innerhalb von einer halben Stunde geschrieben hatte, wurde im November '68 in einem kleinen Tonstudio in Texas aufgenommen. Die Hintergrund-Instrumentierung stammt von Schülern der örtlichen High School. Nachdem sie im kleinen Rahmen rund 11.000 Singles verkauften, wurde das Interesse des New Yorker Produzenten Ernie Altschuler geweckt. Der Titel erreichte am 12. Juli 1969, knapp drei Wochen nach der offiziellen Veröffentlichung, Platz 1 der Charts. Bereits vier Tage zuvor erhielten die beiden eine Goldene Schallplatte für den Verkauf der ersten Million Schallplatten. Bis 1985 wurde der Song weltweit vier Millionen mal verkauft. 




Der visionäre Text ist eine Zeitreise durch die Zukunft der Menschheit und beginnt im Jahre 2525. In Intervallen von in der Regel 1010 Jahren befassen sich die Strophen mit Vorhersagungen menschlicher Situationen. So werden im Jahre 3535 die Gedanken, Handlungen und Sprache des Menschen durch eine tägliche Pille programmiert. In jeder Strophe ändert sich dieses Muster, auch musikalisch steigert sich die Tonart jeweils um eine halbe Stufe (chromatische Rückung). Beginnend von As-Moll nach A-Moll, dann nach B-Moll für die Strophen der Jahre 7510, 8510 und 9595. Hier ist eine ökologische Grundbotschaft in der Art enthalten, dass der Mensch von Mutter Erde alles genommen habe, ohne ihr etwas zurückzugeben. Danach beginnt das Fade-out wiederum mit dem Jahr 2525. Ist alles schon einmal durchlebt worden, bevor ein neuer Zyklus begann? Schafft die Menschheit eine positive Wende? Die Antwort bleibt offen. „The twinkling of starlight“ (das Licht am Ende des Tunnels) und „maybe it's only yesterday“ sollen Hoffnung geben.
Das Thema schildert den Weltuntergang durch passive Inkaufnahme und übermäßige Abhängigkeit der Menschen von ihren übertriebenen Technologien, die die Menschheit letztlich entmenschlichen.


Sorry. So viele Medien bekommt ihr normalerweise nicht in einem einzelnen Beitrag. Aber der Song ist einfach zu spannend, um das Ganze zu ignorieren. Zudem ist es auch hier der Vergleich zwischen Original und Cover höchst interessant. Nämlich ein Beispiel, wie aus einem stark philosophisch und apokalyptischen musikalischen "Epos" ein schöner, aber auch relativ belangloser Liebessong werden kann.


Es gibt einen interessanten Beitrag darüber, wie sich Wissenschaftler die Zukunft vorgestellt haben. Für eine Dokumentation wurde der Song von Nina & Mike darüber gelegt. Hier gibt es einige interessante Vorstellungen darüber, wie die Zukunft aussehen wird. Ich schätze, dass der Bericht ungefähr aus dem Jahr 1973 stammt.

- um 1975: Zuverlässige Wettervorhersage
- um 1978: Biologische Mittel zur Zerstörung des Widerstandswillens eines Gegners
- um 1978: Energiestrahlen als Kampfmittel
- um 1982: permanente Stationen auf dem Mond
- um 1982: Begrenzte Kontrolle über das Wetter
- um 1983: Drogen zur Veränderung der Persönlichkeit
- um 1985: Landung auf dem Mars
- um 1989: Bergbau auf dem Meeresgrund
- um 1990: Künstliches Eiweiß als Nahrungsmittel
- um 2000: Unterwasserfarmen produzieren 20 % aller Lebensmittel
- um 2006: Stationen auf dem Mars
- um 2020: Landung auf einem Mond vom Jupiter
- um 2020: Direkter Kontakt zwischen menschlichem Gehirn und Computern. Heraufkunft der Mensch-Maschine
- um 2022: Kontrollierte Hypnotisierung ganzer Völker als militärische Maßnahme
- um 2023: Möglichkeit, Gedanken zu lesen
- um 2023: Vorbeiflug am Pluto
- um 2023: Kontakt mit anderen Milchstraßen

Ein bisschen gruselig das Ganze. Zählen Alexa und Siri als "Mensch-Maschine"? Naja, das Jahr 2020 dauert ja noch knapp 7 Monate ... bis dahin können wir sicher auch noch auf dem Jupitermond nachschauen, was aus den Marsstationen geworden ist.






Im Gegensatz zum (von mir bereits) hochgelobten Original beschäftigt sich die deutsche Coverversion mit der Frage, wie sich eine Beziehung im Laufe der Zeit verändert.

In Bezug auf die Geschichte von Nina & Mike lässt sich folgendes beantworten: Ihre (Liebes-)Beziehung hat - wir gehen stets vom Veröffentlichungszeitpunkt der Single aus - nur noch vier Jahre gehalten, beruflich blieben sie aber zusammen. Nina starb 33 Jahre, Mike 43 Jahre nach der Veröffentlichung. Die erhofften 60 Jahre konnten nicht erreicht werden. Schade!

"Doch wir woll'n nicht zu viel denken
Heute sind wir jung und glücklich
Dass auch wir Probleme haben
Lässt uns nicht traurig sein

Komm gib mir deine Hand
Ich will nur dir gehören
Und wenn wir uns bemühen
Bleibt uns're Liebe immer schön"


Ja, diese Message ist jetzt ein wenig kitschig zum Abschluss, aber sie passt doch ganz gut in diese unwirkliche aktuelle Situation, von der keiner weiß, was in sieben Jahren, geschweige denn vier Monaten, geschweige denn nächste Woche sein wird ... Versuchen wir - nach wie vor - das Beste draus zu machen und unseren Kopf nicht in den Sand zu stecken!

Sonntag, 19. April 2020

# 32 - "Wenn der Regen auf uns fällt'" - Lena Valaitis & Costa Cordalis (1984)

Heute habe ich deutlich länger gebraucht, um diesen Post zu verfassen, als sonst. Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich antriebslos - und das obwohl ich tatsächlich so etwas wie "echte" Arbeit hatte. Am Ende hatte mich dieser kurze Anflug von Normalität aber nicht so glücklich gemacht, wie ich es mir erhofft hatte, sondern schmerzlich aufgezeigt, wie weit wir noch von so etwas wie Normalität entfernt sind ... und dann hat es zu regnen begonnen. Die fallenden Tropfen auf meinem Fensterbrett übten etwas überraschend Beruhigendes auf mich aus. Und dann kam mir auch schon die Idee, welches Lied es heute sein wird:




LENA VALAITIS & COSTA CORDALIS
A: Wenn der Regen auf uns fällt [When the Rain begins to fall - Jermaine Jackson & Pia zadora] (M: Mike Bradley, Peggy March & Steve Wittmack / dt. T: Michael Kunze)
B: Ein Ticket in die Freiheit (M: Jack White / T: Michael Kunze) 

1984, Ariola 107 083-100
produziert von Uve Schikora

"When the Rain begins to fall" war ein großer Hit für Jermaine Jackson und Pia Zadora. Den wenigsten ist vermutlich bekannt, dass es sich hierbei um eine deutsche Produktion aus dem Hause Jack White (alias Horst Nussbaum) handelt. Während sich der Song in Europa über 1-Million-mal verkauft, erreicht er nur Platz 54 der amerikanischen Billboard-Charts.
Grund genug eine deutsche Version zu veröffentlichen. Die Wahl fiel dabei auf zwei der erfolgreichsten deutschen Künstler in der Schlagerbranche: Costa Cordalis und Lena Valaitis, deren letzte Hits bereits einige Zeit her waren.

Costa Cordalis (geboren als Konstantinos Koriates, 1944-2019) kam mit 16 Jahren nach Deutschland. Er besuchte das Goethe-Institut in Frankfurt/Main, um Deutsch zu lernen, machte sein Abitur und studierte Philosophie und Germanistik. 1965 begann er seine Gesangskarriere. Bekannte Titel waren "Tränen in den Augen" (1965), "Und die Sonne ist heiß" (1971), "Carolina, komm" (1973), "Steig' in das Boot heute Nacht, Anna Lena" (1974), "Es stieg ein Engel vom Olymp" (1975), "Anita" (1976) oder "Pan" (1980). Bis zu seinem Tod stand er regelmäßig auf der Bühne - häufig mit seinem Sohn Lucas, der übrigens Daniela Katzenberger geehelicht hat.

Fun-Fact am Rande: Das Costa Cordalis 2004 in der ersten Staffel von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" den Titel "Dschungelkönig" einheimste, dürfte noch einigen bekannt sein. Das er aber 1985 bei der Nordischen Skiweltmeisterschaft im Langlauf für sein Heimatland startete, wissen viele vermutlich nicht. In dieser Disziplin wurde er sogar zweimal griechischer Landesmeister.

Lena Valaitis (* 1943 als Anelé Luise Valaityé in Memel/Litauen geboren) kam als Kind nach Westdeutschland. Sie machte später eine Lehre bei der Post und sang in verschiedenen Amateurbands. 1970 erhielt sie einen Plattenvertrag.
Bekannte Titel sind "Ob es so oder so oder anders kommt" (1971), "So wie ein Regenbogen" (1972), "Bonjour, mon Amour" (1974), "Wer gibt mir den Himmel zurück?" (1975), "Da kommt José, der Straßenmusikant" (1976), "Ein schöner Tag" (1976), "Ich spreche alle Sprachen dieser Welt" (1977), "Johnny Blue" (1981, als Vertreterin Deutschlands beim Grand Prix d'Eurovision auf Platz 2) und "Gloria" (1982). Valaitis ist bis heute musikalisch aktiv.


Ich sage gleich vorweg: die deutsche Version ist gar nicht mal so schlimm. Als künstlerisch anspruchsvoll kann man das Original auch nicht unbedingt bezeichnen und so würde ich sagen, steht die deutsche Version dem in Nichts nach ... wobei ... der Auftritt in der ZDF-Hitparade tut schon weh (was die Outfits betrifft):

Sag wo geh'n wir hin, was gestern war ist heute schon so weit
Bleib bei mir, lass uns die Träume nie verlieren
Die Zeit zerstört so viel, doch dich und mich kann nichts mehr trennen

Und wenn der Regen auf uns fällt

Wirst du mein Regenbogen sein
Wenn dich die Nacht gefangen hält
Wird deine Liebe mich befrei'n
Brennt links um uns die ganze Welt
Will ich mit dir durchs Feuer geh'n
Und wenn der Regen auf uns fällt
Will ich mit dir zur Sonne seh'n

Zeit ist so wie Sand, sie rinnt mir durch die Hand, was ich auch tu'
Nichts gehört mir ganz, doch alles was ich wirklich will bist du
Du machst mich so stark, gemeinsam sind wir unbesiegbar

Refrain

Wenn die Dunkelheit uns auch umgibt
In uns ist immer noch ein Licht
Das wird uns führen, wir verlier'n uns nicht

Auf den Text gehe ich jetzt nicht näher ein. Das ist im Großen und Ganzen ein handelsüblicher deutscher Schlagertext mit den stets ausreichend Hoffnung bereitenden Alltagsliebesfloskeln, die sich ziemlich am Original orientieren. Zugegeben ein bisschen Schmalz und Sado-Masochismus ("Brennt links um uns die ganze Welt, will ich mit dir durchs Feuer geh'n") sind auch dabei.
P.s.: Wenn links die Welt brennt, würde ich erstmal versuchen nach rechts zu gehen ;)




Das Schönste an diesem Song ist aber, dass sie live in der ZDF-Hitparade aufgetreten sind. Und die beiden sehen aus, als wären sie ein Bilderrätsel das laut schreien würde: "Welches Jahrzehnt bin ich?". Ich glaube, dass ich noch niemanden gesehen habe, der mehr wie die 80er-Jahre aussieht, als diese beiden. Und leider haben sie so ziemlich alles an sich, woran man nicht mehr erinnert werden möchte. Grelle Farben (die nicht zusammen passen), sonderbare Kleidungsschnitte, Schulterpolster, hochgekrempelte Sakkos, Dauerwelle-Fönfrisur etc.
Allein die gelbe Kombi von C. C. lässt viele Fragen offen: z. B. Hat er das alles in ein und demselben Laden gefunden oder sich mühsam zusammengesucht? Würde das auch Bibo aus der Sesamstraße anziehen? 
Doch das Ganze ist nichts, sobald L. V. in einer Kombi aus ... ja ... aus was eigentlich? Ich würde sagen: der personifizierten Ratlosigkeit einer Kostümbildnerin, die von allem zu viel übrig hatte, das sonst nirgends dazu gepasst hat. Ein pinkes Satinkleid (Negligé?), darüber eine rote lange Bluse und darüber ein blitzblauer Blazer. Geilo. Aber wenn man ihr eine ordentliche Fönfrisur mit extra-viel Dreiwettertaft verpasst, fällt das doch kaum auf, oder? Vielleicht noch ein paar kleine Goldohrringe dazu, dann "verläuft" sich das schon. Mmmh ... vielleicht noch ein silbernes Armband. Was? Gold und Silber verträgt sich nicht? Stimmt doch gar nicht. Das sieht super aus! In die rote Bluse haben wir übrigens noch ein paar Knoten reingemacht, das wirkt dann ein bisschen frecher-peppiger ... nein, das ist nicht deswegen gemacht worden, weil man sonst sehen würde, dass es zu lang ist. Und die schwarze Hose, die sie unterhalb anhat? Achso ... ja ... Strumpfhosen gabs leider keine mehr. Also keine, die sich auch noch ordentlich mit dem gesamten Outfit geschlagen hätten ... man muss ja schließlich konsequent bleiben.

Besonders schön an der ZDF-Hitparade ist ja, dass die Leute hier immer so nett vorbei kommen und den SängerInnen, während sie live performen müssen, Blumen überreichen. Süß oder? Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Wer da in einem Studio einem Künstler näher kommen will, wird allein schon beim Gedanken von etwaigen Security-Bolzen aus dem Weg geräumt. Was bei Minute 1:25 noch ganz nett beginnt, kann aber ganz schnell ausarten: beispielsweise ab 1:50 - und die junge Frau bei 1:59 macht gleich den größten Groupie-Anfängerfehler! Sie übergibt der Lena die olle Rose falschrum! Aber Lena behält Nerven und rearrangiert sich die Blumen aus dem Effeff und mit einer Hand - selbst ist die Frau!
Ein weiterer Blick auf die junge Frau mit der grau-schwarz-weiß-karierten Jacke: Achtet mal darauf, was für ein mickriges Blümchen sie der Lena bei 2:07 in die Hand drückt und welch imposantes Gesteck für Costa bestimmt ist ;) Da sieht man wahre Fan-Treue!

Eine gekonnte Pose von Lena folgt noch bei Minute 2:11 - sie präsentiert ihr steiles Outfit - frei nach dem Motto: "Alles, was ich trage, können Sie auch anziehen - sofern Sie Entscheidungsschwierigkeiten, keinen Geschmack und kein Problem damit haben, ausgelacht zu werden".

Wie dem auch sei: Für diese steile Performance - gut, ein paar schiefe Töne muss ich abziehen - vergebe ich fünf Regenschirme und eine Dose Dreiwettertaft.

Holt doch mal eure Modesünden aus dem Kleiderschrank und zieht alle einmal an - am besten gleich übereinander, dann seid ihr mindestens genauso "cool" wie Lena! ;)

Donnerstag, 2. April 2020

# 15 - "Hey Baby, kannst du's nicht lassen?" - Tanja Berg (1975)

Heute widmen wir uns einer der meist unterschätzten deutschen Sängerin. Ihr Plattenproduzent erkannte das Potential, das diese Frau hatte meiner Meinung nach nicht genug. Es entstanden großteils Aufnahmen, die in erster Linie kommerziell konzipiert waren, inhaltlich aber als eher nichtssagend gelten und - trotz ihrer markanten Stimme - im Schlagereinerlei der frühen 70er-Jahre großteils untergingen.




TANJA BERG
A: Hey Baby, kannst du's nicht lassen? [Walk on the wild Side - Lou Reed] (M: Lou Reed / dt. T: Tanja Kannenberg)
B: Wir zwei (M: Hugg / dt. T: Tanja Berg)

1975, Decca 6.11632
produziert von Tony Aktins


Tanja Berg (* 1941 als Ute Kannenberg) ist eine von Deutschlands erfolgreichsten Jazz-Sängerinnen. 1964 erhält die Sängerin mit dem tiefen Timbre ihren ersten Plattenvertrag. Bis es dann zu ersten Hits kommt, dauert es allerdings noch einige Jahre.
Ex-Fußballer und Hit-Lieferant Jack White (alias Horst Nussbaum) produziert Tanja Berg von 1969 bis 1973, ehe Berg - die gern verstärkt anspruchsvollere Titel machen möchte - der U-Musik den Rücken zuwendet. White, der ihr zusagte, sie wieder verstärkt Jazz singen zu lassen, hielt sein Versprechen nicht. Die wenigen Eigenkompositionen, die sie veröffentlichen durfte, reichten ihr nicht (mehr). Sie wechselte nun zu der Rockband os mundi, ehe sie für längere Zeit nach Nepal und Thailand ging.
Zurück in Deutschland versuchte sie, inzwischen mit neuem Look und kurzen Haaren, verstärkt deutsche Popmusik zu machen. Zwei Singles mit Coverversionen großer Hits kamen auf den Markt, ehe Tanja das ganze Schlager-Business hinter sich ließ.
Auf dem zweiten Bildungsweg studierte sie Sozialpädagogik und engagierte sich für viele Menschen am Rande der Gesellschaft. Es folgten zahlreiche weitere Auftritte, Tätigkeiten für Radio und Fernsehen, Theaterstücke sowie Unterrichtsaufträge als Gesangsdozentin.

Tanja Berg hätte definitiv (mehr) andere Titel verdient. Listet man jetzt einige der Songs auf, die Jack White mit ihr produziert hat, wirkt das recht banal, da Tanja weder das Image des kleinen süßen Mädchens noch der treu ergebenen, leicht unterwürfigen, guten Freundin hatte: "Komm wieder, wenn du frei bist", "Eine Herde wilder Pferde" (1971), "Ich hab' dir nie den Himmel versprochen" (1971), "Die nächste Liebe kommt bestimmt" (1972), "Das Herz, das du brichst" (1973) oder "Vergessen ist leichter gesagt als getan" (1973).

Nun aber zu diesem interessanten Cover. Lou Reed's "Walk on the wild side", das Anfang 1973 bis auf Platz 16 der Billboard-Singlecharts kletterte, machte ihn fast über Nacht zu einem One-Hit-Wonder.
Der Song basiert auf dem Roman "A Walk on the Wild Side" von Nelson Algren aus dem Jahr 1956. Ursprünglich sollte daraus ein Musical entstehen, doch Reed lehnte ab. Die Figuren sprachen ihn nicht an. Trotz alledem schrieb er einen Song darüber, ersetzte die Figuren aber durch reale Personen, die er aus Andy Warhols Factory kannte - New Yorker Transvestiten und Homosexuelle der 60er- und frühen 70er-Jahre. Es ist faszinierend, dass dieser Song auch im prüden Amerika ein Hit wurde (okay ... anscheinend wurde die zweite Strophe mit der Oral-Sex-Stelle adaptiert).

Hermann hat das Leben auf dem Lande satt
Wollte mehr, wie das, was er bis jetzt gesehen hat
Zupft die Augenbrauen auf dem Weg
Rasiert die Beine und aus er wird sie

Hey Baby, kannst du's nicht lassen?
Hey Baby, kannst du's nicht lassen?

Jackie war ganz schön weit weg
Dachte er wär' James Dean für 'nen Tag
Doch dann verlor er den Überblick
Valium holte ihn schnell zurück
Hey Baby, kannst du's nicht lassen?Hey Baby, kannst du's nicht lassen?

Rosalia glaubte an Gott un den Heiland
In der Dollbar war sie jedermanns Darling
Aber nie verlor sie ihren Kampf
Auch wenn sie viele Haare lassen muss


Hey Baby, kannst du's nicht lassen?
Hey Baby, kannst du's nicht lassen?

Little Joe dealte nur im großen Stil
Jeder zahlte und nie gabs bei ihm zu viel
Mal Trouble hier, mal Trouble dort
Kein Ort, wo du was geschenkt bekommst
Hey Baby, kannst du's nicht lassen?

Hey Baby, kannst du's nicht lassen?

Marie-Luise kam frisch aus der Provinz
Stand auf große Welt ganz immens
Wollt' zum Film wie die Monroe
Jetzt zeigt sie Po in einem Porno


Hey Baby, kannst du's nicht lassen?
Hey Baby, kannst du's nicht lassen?

Tanjas Textadaption ist beeindruckend, da sie sich stellenweise sehr stark am Originaltext orientiert (Strophe 1, 2 und 4), auch wenn die Reihenfolge zum Original abweicht, während Strophe 3 bereits freier ist und die Protanistin statt Blowjobs im Backroom zu vergeben, eine Krebserkrankung hat, was dem ganzen definitiv mehr Tiefe gibt. Da orientiert sich die letzte Strophe eher an der zweiten Strophe des Originals.
Durch die Benutzung von deutschen Namen (Hermann, Marie-Luise) erhält der Song eine andere Realität. Es fühlt sich glaubwürdiger an und man hat das Gefühl, als würde es diese Personen in Tanjas Leben wirklich geben.
Beeindruckend wie diese fünf Schicksale in jeweils vier Verszeilen, trotz des simplen Arrangements des Originals und dem eher als Sprechgesang wertenden Einsatz Tanjas, plastisch erscheinen.

Für mich definitiv eine gelungene Coverversion, die heute natürlich ein wenig banal, verkünstelt und brav daher kommt, vor 45 Jahren aber definitiv die Menschen mehr polarisiert hat als heute. Da konnte man über einen Transvestiten bzw. "Menschen aus dem Milieu" noch nicht so frei singen. Lilli Marleen spielt ja beispielsweise auch nur eine sehr verkitschte und romantisierte Form der Prostitution wider ...

Für Tanjas Einsatz - danke, dass du es nicht lassen konntest - vergebe ich fünf von fünf High-Fives.



Und hier das Original





"The wild Side" ist für jeden etwas Anderes ... aktuell fühlen wir uns bereits auf der falschen Seite, wenn wir ohne Handschuhe ein Einkaufswagerl berühren. Hoffen wir, dass bald wieder einige Dinge an Normalität gewinnen ...