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Dienstag, 1. Dezember 2020

# 133 - "Ein Freund ging nach Amerika" - Musyl & Joseppa (1973)

Es gibt Tage, da überkommt einen das Fernweh. Da würde man am liebsten ganz weit weg, an einem fremden Ort sein. Gut - heute war eigentlich ein recht schöner, sonniger Tag. Wenn es -17 Grad hat, Nebel und der eisige Wind einem um die Ohren bläst, dann ist das "Träumen von Olivenbäumen" (oh weh, eine schreckliche Reminiszenz an einen früheren Blog-Eintrag!) definitiv realitätsnäher. Aber um ehrlich zu sein: Aktuell gibt es eh nicht wirklich einen anderen Ort, wo es so viel besser wäre ... zugegeben, die Karibik könnte ganz nett sein. Und dort gibt es sicher auch Masken, die gut zu Badehose und Bikini passen ;)



MUSYL & JOSEPPA

Ein Freund ging nach Amerika (M: Paul M. Musyl / T: Peter Rosegger)

1973, als Single und als Teil der LP "RoZZ" im Eigenverlag erschienen


Musyl & Joseppa bestand aus Paul M. Musyl (* 1946) und seiner Frau Joseppa (geboren als Ingrid Schleifer, 2015 verstorben). Die beiden lernten sich in den späten 60er-Jahre kennen. Obwohl beide aus Graz, verbrachte Joseppa den Großteil ihrer Kindheit und Jugend gemeinsam mit ihrer Familie in Afghanistan. Frisch nach Graz zurückgekehrt stieg sie mit ihrer Schwester Brigitte in Pauls Band "Pauli und wir" ein. Der Erfolg gab ihnen recht und sie traten im November 1969 sogar in legendären - von Peter Rapp moderierten - Jugendmusiksendung "Spotlight" auf.
Ab 1973 bildeten sie das Duo "Musyl & Joseppa", wobei sich Paul, Mathematik und virtuoser Gitarrist, ein wenig von der Bühne zurückzog und sich mehr auf das Komponieren konzentrierte. Im Fokus stand Joseppas ganz besondere Stimme. Gleich einer ihrer ersten Songs in dieser "Umbruchsphase" wurde zu einem heimlichen Hit - und dabei war es die Vertonung eines Gedichts von Peter Rosegger, "Ein Freund ging nach Amerika". In Eigenregie produzierten sie eine Single und das Album "RoZZ". Die 13.000 Singles verschenkten sie - vom Album wurden 1.000 Exemplare gepresst (Jahre später wurde es auch als CD wieder veröffentlicht). In den darauffolgenden Jahren folgen zwei weitere Alben: "Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen" (1981) und "Krach Ledernes" (1982).
1999 gewannen sie mit "No more War" den Peace Song Contest in Irland. Darüber hinaus sangen sie vor dem Papst und 100.000 Gläubigen sowie im Rahmen einer interreligiösen Meditation mit dem Dalai Lama. Die beiden prägten den Begriff "Weltmusik" im wörtlichsten Sinne, als er in unseren Breiten noch weitgehend unbekannt war. Bis 2010 betrieben sie (rund 30 Jahre lang) eine eigene Musikschule. Zuletzt arbeiteten sie gemeinsam an Joseppas erstem Solo-Album. Dies konnte nicht mehr fertiggestellt werden, da Joseppa nach kurzer schwerer Krankheit im März 2015 starb. Paul Musyl ist nach wie vor musikalisch tätig.

Ein Freund ging nach Amerika
Und schrieb vor einigen Lenzen
Schick mir Rosen aus Steiermark
Ich hab' eine Braut zu bekränzen

Und als vergangen war ein Jahr
Da kam ein Brieflein gelaufen
Schick mir Wasser aus Steiermark
Ich hab' ein Kindlein zu taufen

(Wiederholung)

Und wieder ein Jahr, da wollte der Freund
Ach, noch was anderes haben
Schick mir Erde aus Steiermark
Muss Weib und Kind begraben

Und so ersehnte der arme Mann
Auf fernsten, fremden Wegen
Für höchste Freud', für tiefstes Leid
Des Heimatlandes Segen

(Wiederholung)


Berührt. Nachdenklich. Gerührt. So bleibe ich zurück. Das Lied hat auch 47 Jahre nach ihrer Veröffentlichung nicht verloren. Und der Text Roseggers auch 140 (!) Jahre später ebenso wenig.

Montag, 16. November 2020

# 122 - "Mutter, fahr' mal mit" - Steffi (1985)

Bevor ihr mich steinigt: Ja, ich weiß, dass Reisetipps momentan für niemanden hilfreich sind. Schon gar nicht, wenn man eine potentielle Hochrisikogruppe ("Mutter") gegen ihren Willen mit anstiften möchte. Aber ich bin ein zuversichtlicher und positiv (nicht corona, sondern) denkender Mensch und glaube, dass es irgendwann wieder möglich sein wird, abseits der eigenen vier Wände neue Destinationen kennenzulernen. Zugegeben: Ich habe bereits während Lockdown I Spinnweben in Ecken meiner Wohnung entdeckt, von deren Existenz ich zuvor niemals zu träumen gewagt hätte 😜 ... was für ein Satz!



STEFFI

A: Hipp-Hipp-Hurra (M & T: Edi Lagua)
B: Mutter, fahr' mal mit
 (M & T: Edi Lagua)


1985, Lagua Records, LA-85/1


Die biographischen Angaben kann ich heute relativ kurz halten. Es gibt nämlich keine. Weder zur Interpretin noch zum Autor.
Über Edi Lagua lässt sich nur sagen, dass sein Label "Lagua Records" von etwa 1970 bis Ende der 80er-Jahre existierte. Auf diesem Label veröffentlichten Interpreten mit so klingenden Namen wie Melinda, Meisenfloo, The Giants oder Tony Westen Songs.
Er trat auch als Komponist und Texter in Erscheinung, beispielsweise mit vielversprechenden Titeln wie "Monsieur Filou" (Franca, 1971), "Chicochi" (Rosi & Eddy, 1974) oder "Dein Blick kann Liebe sein" (Gudrun Simmon).


Na dann: gute Fahrt!

Am grünen Rand von (?)
Da kommt die kleine Stadt
Oho - aha
Die Spatzen pfeifen es vom Dach
Was sie für Reize hat, die kleine Stadt

Dort wo's die schönsten Mädchen gibt
Ja und ein Kesselbier
Das muss man seh'n, um zu versteh'n
Steig' ein und fahr mit mir
Mmh - oh - ah

Mutter, fahr' mal mit nach Oer-Erkenschwick
Da ist die Luft noch nicht so dick
Da gibts Ozon und keinen Mief
Ein Hoch und nie ein Tief

Mutter, trimm dich fit in Oer-Erkenschwick
Dann fühlst du dich wie Hans im Glück
Und stimmt der Tag ist noch reichlich Platz (?)
Dafür gibt's keinerlei Ersatz

Wir waren oft in Österreich auch Spanien ist ganz schön
Oho - aha
Bei (?) am Wattseestrand kannst du nackt baden geh'n
Doch suchst du mal was spitze ist, was je ein Auge sah
Die grüne Hand von Erkenschwick, was sonst, das ist doch klar
Mmh-oh-ah

Refrain

Refrain


Danke Steffi für diesen einzigartigen Freizeittipp! Ich muss gestehen, Oer-Erkenschwick stand bisher noch nicht auf meiner To-do-Liste! Diese verträumte Stadt in NRW (im romantischen Kreis Recklinghausen) hat eine Fläche von rund 40 km² und etwas mehr als 31.000 Einwohner.
Funfacts: bis 2005 lag der Wirtschaftsschwerpunkt der Stadt in der Fleischverarbeitung, seither setzt man auf eine andere Art von "Fleisch", nämlich im Freizeit- und Erlebnisbad "Stimbergpark". Zudem war der SpVgg Erkenschwick zwischen 1945 und 1955 einer der führendsten Fußballvereine Westdeutschlands.
Bekannte Persönlichkeiten, die mit Oer-Erkenschwick in irgendeiner Weise verbunden sind, sind beispielsweise der Schauspieler Leonardo DiCaprio, der in seiner Kindheit zeitweilig bei seinen Großeltern in Oer-Erkenschwick lebte, die Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali besuchte das Willy-Brandt-Gymnasium in Oer-Erkenschwick, Bodybuilder und Schauspieler Ralf Möller trainierte in den 80er- und 90er-Jahren in einem örtlichen Fitnessstudio und Sönke Wortmann spielte für den bereits erwähnten SpVgg Erkenschwick.

Steffi wurde sicherlich nach Veröffentlichung der vorliegenden Single zur Ehrenbürgerin ernannt. Leider lässt ihre Aussprache zwischenzeitlich doch recht zu wünschen übrig, weshalb einige regionale Spezifikationen in Form von Ortsnamen leider nicht vollständig korrekt wiedergegeben werden können.





Und wenn man sich diese Bilder dieser beeindruckenden Landschaft zu Gemüte führt ("und suchst du mal was spitze ist, was je ein Auge sah"), dann möchte man doch am liebsten sofort mit Sack und Pack die Reise nach Oer-Erkenschwick antreten und am besten gleich mal für ein halbes Jahr hier Station machen ... so viel blühende ... äh ... Landschaft und malerische ... äh ... Architektur ... und ... äh .. ja ... alles hier gibt! Schließlich pfeifen sogar die Spatzen bereits vom Dach, was für "Reize" (so kann man es natürlich auch sagen), diese Idylle bietet. Glücklicherweise wurde er bislang als touristischer Hotspot noch weitgehend ignoriert ... dieser Geheimtipp ist exklusiv für euch! 

Und es gibt auch schöne Mädchen ... und Kesselbier! Also bitte, was wollt ihr denn noch?
Gut ... so wie Österreich und Spanien ist es nicht, okay ... FKK-Strand gibt es auch keinen ... aber sonst gibt es echt ALLES, vor allem Luft! Die ist hier nämlich noch nicht so dick, obwohl es auch hier Ozon gibt! Aber keinen Mief. Nein, nein, nein! Mief ist out ... also quasi ... aus.

Wenn ihr auch wollt, dass sich eure Mutter wie "Hans im Glück" fühlt, dann verwöhnt sie doch mit einer abenteuerlichen Tour ins ferne Oer-Erkenschwick. Ihr werdet es sicher nicht bereuen und alle anderen, die nicht dabei waren und sich diesen Spaß entgehen ließen, werden sich - da es dafür keinerlei Ersatz gibt - bis an ihr Lebensende wie Rumpelstilzchen ärgern!

Bon voyage!

Montag, 6. April 2020

# 19 - "Träumen von Olivenbäumen" - Mess (1982)

Wir starten in Corona-Woche #4 mit einem neuen Wochenspecial. Dieses Mal geht es um "Kulinarisches" (wenn ich auch die eine oder andere Coverversion natürlich nicht ausschließen kann ;))





MESS
A: Do-re-mi-fa-so oder so (M: Michael Mell = Michael Scheikl / T: Rudolf Spreitzer)
B: Träumen von Olivenbäumen (M: Michael Mell = Michael Scheikl / T: Hans Georg Hausner)

1982, Bellaphon 100-30-007

Textautor Hans Georg Hausner war in den 70er-Jahren übrigens auch Manager vom Wolfi und vom Schurli. In dieser Zeit schrieb er u. a. "A Mensch möcht' i bleib'n" (Wolfgang Ambros, 1974), "Zwickt's mi" (Wolfgang Ambros, 1975) und "Du mi a" (Georg Danzer, 1976).

Das Duo Mess, alias Lizzi & Fritz, alias Lizzi Engstler & Michael Mell, alias Elisabeth Engstler (* 1960) und Michael Scheikl (* 1957), erreichte 1982 Popularität, als die beiden ausgewählt wurden, Österreich beim Eurovision Song Contest zu vertreten. Ihr Song "Sonntag" belegte zwar nur Platz 9, in Österreich waren sie aber wochenlang Nr. 1 der Charts.
Die beiden lernten sich 1980 bei Werbeaufnahmen im Studio kennen (und lieben). Ihre Beziehung hielt bis 1992.

Michael Scheikl war ehemaliger Sängerknabe und ab 1976 Mitglied der "One Family". Er ist bis heute musikalisch aktiv. 

Elisabeth Engstler ist ausgebildete Musicalsängerin und stand viele Jahre als Moderatorin im ORF - in den unterschiedlichsten Formaten - vor der Kamera. Aktuell (also nach Corona) ist sie im Musical "I am from Austria" zu sehen.

Allein für den Reim "Träumen von Olivenbäumen" muss es bereits Sonderpunkte geben! Poetischer könnte man diese Fernweh-Schmonzette, ihre zweite Single nach dem "Sonntagshit", kaum bezeichnen!

Auch dieser Sommer musste vorbei geh'n
Herrliche Stunden waren dabei
Lass hin und wieder die Uhr sich zurückdreh'n
Fliehe dem Alltag und träume dich frei


--> Was war das für ein Leben als es noch einen Sommer gab. Moment, wird in der dritten Zeile eine Ode an die Zeitumstellung gesungen? Zumindest waren herrliche Stunden dabei ... das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass es auch weniger herrliche gab ...

Träumen von Olivenbäumen
Erinnerung, du, gehst frei auf mich zu
Träumen von Olivenbäumen
Du, das Schönste von dem Traum bist du

--> Kitsch^10! (Wenn ich an meinen Urlaub zurückdenke, träume ich auch immer von Olivenbäumen. Selten von Meer, gutem Essen, Sandstrand oder der Liebsten. Aber schön, dass diese Person dann doch irgendwo hinter diesen Olivenbäumen verdeckt ist ... möglicherweise war sie ungünstig grün oder schwarz gekleidet? Immerhin kann ein Olivenbaum bis zu 20 Meter hoch werden!

Abends beim Rotwein, Fotos vom Urlaub
Erlebnis vom Menschsein kommt zurück von weit her
Nimm meine Hand und schließe die Augen
Ein Sommerstrand und rauschendes Meer


--> Äh, ja. Wer es schafft die zweite Verszeile zu entschlüsseln bekommt (nach Corona) ein Bier von mir dafür (ha, drei Reime!). Vom "Erlebnis Menschsein" habe ich in meinem bisherigen Feldversuch interessante Erkenntnisse hervorgebracht (z. B. das Geschirrspüler einräumen mehr Spaß macht als ausräumen). Hand nehmen und Augen schließen würde ich am Sommerstrand im rauschenden Meer allerdings nur bedingt empfehlen (vorausgesetzt, man kann schwimmen!). Sonst kann man leidenschaftliches Küssen schnell mit lebensnotweniger Mund-zu-Mund-Beatmung verwechseln. Und - mit Verlaub - seit wann reimt sich "Augen" auf "Urlaub"?

Refrain


Sag nicht: "Das hat keinen Sinn
Was war ist vorbei und dahin"
Ich habe mit dir erst zu leben gelernt
Was war, zeigt mir nur, was ich bin

--> oh, eine Beziehungskrise in der letzten Strophe? Damit konnte wirklich keiner rechnen. Und es macht auch keinen Sinn (mehr). Das Kind ist so oder so bereits in den Brunnen gefallen. Die Behauptung, dass sich "gelernt" auf irgendetwas reimt, lasse ich sogleich - verhärmt - unter den Teppich fallen. 

Gerade die letzten beiden Zeilen sind besonders philosophisch ... jetzt hat er endlich eine Person gefunden, mit der er "zu leben gelernt hat", und sie kontert mit einem zickigen "Was war, zeigt mir nur, was ich bin". Tja ... auf die würde ich bei einer lebensrettenden Maßnahme NICHT bauen, vielleicht stellt sie dabei ja gerade fest, dass sie ihren Selbstverwirklichungstrieb heute noch nicht genug ausgelebt hat ... und irgendwo auf der Welt, wird gerade die Leiche eines unglücklich-verliebten Mannes an den Strand gespült.

Refrain






Für diese Schmonzette gebe ich fünf von fünf Olivenbäumchen.

Wenn ihr wollt, könnt ihr davon träumen. Oder von entkernten Oliven auf Pizzen. Oder von Pizzen im Allgemeinen. Oder von Urlaub allgemein. Ja, das ist gut. Am Montag darf man noch relativ sentimental sein und hat noch genug Reserven über, ehe die Woche mitunter vielleicht wieder deprimierender wird. 
Habt einen schönen Tag, auch wenn ich - aufgrund von aktuellen Infos seitens der Regierung - bei meinem Leitsatz bleiben muss: #idontlikemondays

Samstag, 4. April 2020

# 17 - "Japan ist weit" - Sandra (1984)

Heute gibt es wieder Fernweh für euch - passend zum sonnigen Wochenende. Darüber hinaus noch gratis eine deutsche Coverversion, die so gar nichts mit dem Original zu tun hat ;)




SANDRA
A: Japan ist weit [Big in Japan - Alphaville] (M: Marian Gold, Bernhard Lloyd & Frank Mertens / dt. T: Michael Kunze)
B: Sekunden (M: Michael Cretu / T: Michael Kunze)

1984, Piccobello 106 430
produziert von Michael Cretu



Sandra Ann Lauer, 1962 in Saarbrücken geboren, veröffentlichte als 14-Jährige ihre erste Single ("Andy, mein Freund"), die leider ziemlich floppte. 1978 wurde sie Mitglied des Frauen-Trios "Arabesque", mit dem sie als Leadsängerin bald große Erfolge feiern konnte.
1984 wagte sie einen Neuanfang als Solosängerin und Michael Cretu, der bald auch ihr Ehemann wurde (die Scheidung folgte 2008), produzierte diese Single mit ihr.
Während Alphaville (übrigens eine deutsche Band) mit "Big in Japan" einen Megahit in vielen Ländern landen konnten (der Song war 1984 der erfolgreichste in ganz Deutschland!) und die Platte millionenfach verkauften, ging Sandras deutsche Coverversion angeblich nur 125-mal über den Ladentisch. Der größte Flop ihrer Karriere.
Ein Jahr später gelang ihr mit "(I'll never be) Maria Magdalena" ein erster Hit. Mit ihren englischen Songs verkaufte sie rund 30 Millionen Platten und zählt damit nach wie vor zu den erfolgreichsten deutschen Sängerinnen.

Doch woran lag es, dass die Platte förmlich "schwer wie Blei" in den Regalen liegen blieb? Zugegeben, in den 80er-Jahren war der New-Wave-Sound von Alphaville revolutionär und fesselte viele Menschen. Deutscher Schlager war out und deutscher Pop nur in der schrägen Form der Neuen Deutschen Welle beliebt.

Da nützt es auch nichts, wenn Sandra ihre tragische Liebesgeschichte ins Mikro säuselt. Und es dabei immer ein wenig so klingt, als wäre die Frequenz ein bisschen zu hoch eingestellt ..

Wolken, schwer wie Blei
Über Häuserschluchten, Straßen 
ohne Ziel durch's Labyrinth
Wo soll ich hingehen?
Wo bin ich zuhaus?
Die Zeit der Illusionen ist vorbei

--> die erste Strophe ist vielleicht ein bisschen zu intellektuell gestaltet? Dieses höchst philosophische Thema über "Sein" und "Nicht-Sein" und die Frage nach der menschlichen Existenz sind nicht eingängig genug, um es auch in der Disco mitzusingen.

Ich mach' meine Augen zu
Was mir fehlt bist du, nur du
Doch du lebst in einer ander'n Welt
Ich wart' in der Dunkelheit
Jeder Herzschlag ist ein SOS
Ich ruf' dich, aber Japan ist weit

--> Liest man sich nur den Text durch, könnte es sich dabei wirklich um ein seichtes Schlager-Schnulzelchen a la Bonny St. Claire handeln. Da würde wirklich niemand auf die Idee kommen, dass es sich dabei um den Nummer-1-Pop-Song von Alphaville in deutscher Sprache handelt. (Zugegeben, inhaltlich haben sie ja wirklich nichts gemein)

Oh, Japan ist weit, so weit
Am ander'n Ende der Zeit
Und was uns trennt
Ist mehr als nur ein Meer

--> Ja, zwischen Saarbrücken und Japan sind definitiv ein paar Meere ... aber das mit dem "ander'n Ende der Zeit" stimmt allein schon in Bezug auf die Zeitzone nicht wirklich.

Japan ist weit, so weit
Doch ich will dich hier und heut'
Oh, ich brauch dich, aber Japan ist weit
Oh, Japan ist weit

Neonlicht auf nackter Haut
Silhouetten fremder Menschen
die an mir vorübergeh'n
Soll ich rausschrei'n, was ich fühl?
Schick ich meine Träume ins Exil 
um sie nie mehr zu seh'n?

--> in der zweiten Strophe hat man tatsächlich versucht, Teile des Originaltextes wortwörtlich zu übersetzen ("Neon on my naked skin passing silhouettes of strange illuminated mannequins"). Was im Original passt, wirkt hier stark künstlich und irritierend.




Gut. Jetzt kommen wir einfach zum Hauptargument, warum es vermutlich kein Hit wurde:

Marian Gold, der Leadsänger von Alphaville, der den Großteil des Textes schrieb, gibt ein wenig Aufklärung (die Idee zu den Zeilen kamen ihm übrigens auf dem Weg zum Zahnarzt). Da Lied handelt im Original von zwei befreundeten Junkies, die sich in der Drogenszene rund um Berlins Bahnhof Zoo bewegen. Es erzählt von ihren Fantasien, ein drogenfreies Leben zu führen. Und "Big in Japan" symbolisiert die Idee von einem erfolgreichen Neuanfang in einer anderen Welt.
"Es beschreibt, dass wenn du ein kompletter Versager bist, du anderen Leuten erzählst: 'Ich bin kein Versager, denn in Japan bin ich richtig erfolgreich'. Es ist die Lüge von Versagern und passt - auf tragische Weise - perfekt in die Geschichte dieser beiden Junkies." (Marian Gold, Interview von 2019, eigene Übersetzung)




So stülpte die deutschsprachige Coverversion eine schöne, wenn auch seichte Liebesgeschichte darüber und verklärte so den ganzen Song, was ihn zu - nicht mehr aber auch nicht weniger - einem beliebigen Lied über eine (zumindest einseitig) unbefriedigende geführte Fernbeziehung macht.
Die ernste Thematik des Originals führte meiner Meinung nach schon ein wenig zu dem Erfolg - auch wenn sich viele Menschen vermutlich noch nie Gedanken darüber gemacht haben, dass dieser Song deutschen Junkie-Alltag beschreibt.

Für diese Coverversion vergebe ich fünf von fünf japanische Essstäbchen.

Ob man nun "big in Japan" sein möchte oder sicher lieber nach einer Fernbeziehung mit einer Japanerin sehnt, bleibt einem selbst überlassen. Ich hege aktuell eher romantische Gefühle an eine große Portion Sushi, nach der ich tatsächlich schon länger Sehnsucht habe (schade, dass es keine Schlager über Sushi gibt!)

Genießt das Wochenende und bis morgen ;)

Montag, 30. März 2020

# 12 - "Johnny, bitte, bitte" - Mary Lynn (1971)

Heute versuche ich, dass ihr mit ein paar heißen Reggae-Beats das eher bescheidene Wetter vergessen könnt ...
Tatsächlich wurde 1971 eine der ersten deutschsprachigen Reggae-Songs veröffentlicht. Auch wenn die Produktion in der Schweiz stattfand, lassen wir das gelten ;)



MARY LYNN
A: Johnny, bitte, bitte [Johnny Reggae - The Piglets] (M: Jonathan King / dt. T: Ben Grib)
B: Will die Sonne sehen [Can't you see the Sun? - Proud Mary] (M: Stephan Sulke / dt. T: Sunny Lang)

1971, Mabel Records 10 991 AT

Leider ist über Mary Lynn nichts bekannt, außer das sie zuvor einige Titel als Frontfrau der Formation "Proud Mary" veröffentlicht hat. Die Platten wurden von Stephan Sulke produziert und großteils auch von ihm komponiert und getextet. Sulke lebte damals in der Schweiz und arbeitete - neben seiner Anfang der 60er-Jahre gestarteten Gesangskarriere - verstärkt im Background. Ab Mitte der 70er-Jahre hatte er dann auch als Sänger größere Erfolge im deutschsprachigen Raum (u. a. mit "Uschi" 1982).

Schade, dass über Mary Lynn nichts bekannt ist und es vermutlich keine weiteren Veröffentlichungen nach 1971 von ihr gibt. Sie hatte durchaus Talent (das erkennt man aber eher an ihrem Album!) ... Aber Hits und Gesangskarrieren sind und bleiben leider unergründlich. :/

Das Original "Johnny Reggae", das von The Piglets (zu deutsch: Die Ferkel) - einem scheinbaren Studioprojekt von Jonathan King - veröffentlicht wurde, stammt ebenfalls aus dem Jahr 1971 und erreichte Platz 3 der UK-Charts.
Die Gesangspart sind bis heute nicht lückenlos geklärt, Jonathan King beschreibt in seiner Autobiographie, dass es sich großteils um unbekannte Studiosänger handelte, der Leadgesang aber von Barbara Kay alias Kay Barry stammt, die obwohl bereits über 40, versuchen sollte, wie ein Teenager zu klingen.


Die ganze Aufnahme ist meiner Meinung nach durchaus zweideutig konzipiert. Vor allem die zweite Refrainzeile ("Johnny Reggae Reggae, lay it on me") ist speziell, da ich das Wort "it" auch nach 30 Wiederholungen nicht hören kann ... ;)

Doch nun zur deutschen Coverversion, die meiner Meinung nach schon ein bisschen expliziter auf das Ganze eingeht und das ist dann an Zweideutigkeit nicht mehr zu überbieten!

Ist das der Johnny?
Ja, das is' er
Er ist der Größe
Jeder kennt ihn hier
Alles kommt wenn er spielt
Klasse wie er's macht
Jede Nacht

So spielt nur er Gitarre
Alle Girls sind high
und danach schwupp


--> da wurde aus dem begabten Baseballer des Originals doch glatt ein virtuoser Musiker, der auch vor dem einen oder anderen Groupie nicht halt zu machen scheint ...

Johnny bitte bitte
Spiel' doch Johnny, bitte
Deine Hände, Johnny, können viel
Jeder mag's bei Johnny

jeder sagt's bei Johnny
Johnny bitte bitte 
Johnny spiel'


--> Johnny scheint also über sehr talentierte Fingerkünste zu verfügen. Natürlich gehen wir davon aus, dass er seine Hände nur zum Gitarrenspiel verwendet und nicht für andere Dinge, auch wenn mitunter sehr lasziv gefleht wird (das "jeder mag's bei Johnny" klingt für mich immer eher nach "jeder macht's bei Johnny")

Alles tanzt und tobt und schreit
Johnny go, go, go
Seine Hände können allesWas für eine Show
Johnnys Beat, der ist so sexy
Er ist spitze
Wie er's macht


--> Ja, aus dem Kontext gerissen könnte man diese Phrasen auch ganz anders interpretieren ;)



Für diese heiße Aufnahme vergebe ich fünf von fünf Plektren (damit Johnny seine zarten Finger ein bisschen schonen kann).

Zur Feier des Tages hier auch das "schweinische" Original :D




Habt einen schönen Tag - mit oder ohne Mundschutz - und findet doch mal heraus, was eure Hände so alles können ... auch ohne direkte Aufforderung ;)

Mittwoch, 25. März 2020

# 7 - "Eine Reise ins Nirwana" - Jürgen Drews (1973)

Damit nicht alle glauben, dass es nur "spezielle" Musik gibt, die von Frauen gesungen wird, hebe ich heute eine Lanze (#haha) für Jürgen Drews. Ja, den selbsternannten "König von Mallorca". Doch die wenigsten wissen, dass der 1945 geborene "Berufs-Jugendliche" vor seinem Ballermann-Gegröle, tatsächlich ein durchaus guter und ernst zunehmender Sänger war. Vor allem war er sogar ein wahnsinnig talentierter Banjo-Spieler. Heute ist er nur mehr eher wahnsinnig ... egal.
Nachdem er mit seiner Band "Die Anderen" einen Wettbewerb gewonnen hat, der zu Plattenaufnahmen führte, wurde ihm bald als Solist ein Plattenvertrag angeboten. Drews, der damals noch - neben seinem stark vernachlässigten Medizinstudium - hauptsächlich als Schauspieler in Italien arbeite, wurde bald von Les Humphries als "Pussy Puller" in seinen bunt-zusammengewürfelten Chor, den Les Humphries Singerss, gesteckt und Teil dieser Flower-Power-Erfolgsformation ("Mexico", "Mama Loo").
Seinen größten Hit landete er 1976 mit der deutschen Coverversion des Bellamy-Brothers-Hits "Let your Love flow" ("Ein Bett im Kornfeld").

Heute ist er (leider) meist in trashigen Formaten medial zu verfolgen, auch wenn man positiv feststellen muss, dass er wirklich was am Kasten hat.



JÜRGEN DREWS
A: Geh' nach Haus (M: Jürgen Drews / T: Gerd Müller-Schwanke)
B: Eine Reise ins Nirwana (M: Joachim Heider / T: Hans-Ulrich Weigel)

1973 / Warner Bros, WB 16 320
produziert von Joachim Heider

Joachim Heider war ab Mitte der 60er-Jahre eine ziemlich große Nummer im deutschen Pop-Geschäft. Teilweise verfolgte er noch parallel selbst eine eigene Gesangskarriere unter dem Pseudonym "Alfie Khan", konzentrierte sich dann aber später mehr und mehr auf das Komponieren und Produzieren deutscher SängerInnen.
So war er beispielsweise ab 1970 maßgeblich am Erfolg von Marianne Rosenberg beteiligt, schrieb ihr auch ihren ersten Song, der direkt ein Hit wurde ("Mr. Paul McCartney") - wobei bis Ende der 70er noch weitere folgen sollten ("Er gehört zu mir", "Marleen").
Weitere Hits in seiner umfangreichen musikalischen Laufbahn waren beispielsweise "Und es war Sommer" (Peter Maffay, 1976), "Dich zu lieben" (Roland Kaiser, 1981) oder "Joana" (Roland Kaiser, 1984).


Nun aber zu "Eine Reise ins Nirwana". Faszinierend muss man an dieser Stelle anmerken, dass dieser Titel für die legendäre ZDF-Hitparade ausgewählt wurde. Eine große Samstagabendsendung im zweiten deutschen Fernsehprogramm mit riesen Einschaltquote. Jürgen war bereits ein Jahr zuvor einmal zu Gast gewesen und konnte sich mit dem melancholischen "Dieser Tag hat so vieles verändert" - trotz züchtigem weißen Pullover und akkuratem Seitenscheitel - nicht platzieren.

Dann dachte man sich wohl auch: "Naja, ist ja ein ganz schmuckes Kerlchen", Hemd bis zum Bauchnabel auf, der Typ ist ja durchtrainiert und sommerbraun, der könnte auch das Telefonbuch singen ...

Doch was möchte uns Jürgen Drews mit diesem Titel sagen? Nein, es ist keine Coverversion von Nirvana und es riecht auch nicht nach "Teen-Spirit".
Möchte uns Jürgen das Tor zur göttlichen Erkenntnis näher bringen und die Wegbeschreibung zum geheimnisvollen Nirwana ins westdeutsch-gutbürgerliche Familienwohnzimmer flüstern? Oder ist es einfach nur das Ergebnis eines - eher als gescheitert zu betrachtenden - Drogentrips?

Wir werden es wohl nie erfahren. Allerdings kann man sich ja ein paar der göttlichen Zeilen noch vorher auf der Zunge zergehen lassen ...

Ich bin auf einer Reise ins Nirwana
Denn ich weiß, dass es ein Paradies noch gibt
Ich tu' alles, was ich kann, um es zu finden
Es fehlt nur noch ein Mensch, der mich liebt

Ich bin auf einer Reise ins Nirwana
Und ich gehe einen ungewissen Weg
Doch das Ziel liegt greifbar nah vor meinen Augen
Wenn nur du mit mir gehst und mich verstehst

Vielleicht liegt das mythenumworbene Nirwana aber auch in uns selbst? Das Gute liegt ja vermeintlich oft so greifbar nah und wird trotzdem sträflich missachtet. Gut. Jürgen ist klug. Wenn man es wissen will, muss man ihn schon begleiten. Aber was willst du erwarten? Schlagersänger der 70er-Jahre lebten ja auch nicht nur von Luft und Lieb... achso ... vielleicht ist es aber auch ein Plan, um das "gelobte Land" der Auserwählten zu erkunden?

Hallo, gelobtes Land, wir kommen
Ja, wir schreiben unser Gestern in den Wind
Wenn auch Wind und Wolken, Höh'n und Tiefen wechseln
Du wirst seh'n, dass wir bald glücklich sind

Wer kennt das nicht. Ein finsterer Montagvormittag und man sitzt wieder vor der weißen Raufasertapete im Wohnzimmer und schreibt bedröppelt mit grauer Farbe "das Gestern" an die Wand ... was? Achso ... in den Wind! Ja, das macht natürlich alles viel einfacher. Dann kann der Wind die traurige Botschaft gleich hinaus in die weite Welt tragen.
Wäre vielleicht auch in den aktuellen Zeiten ganz gut. So als neue Art, um miteinander in Kontakt zu treten. Scheiß auf Whatsapp, Windpaint oder so. Okay, ich sehe, das Konzept ist noch ausbaufähig.

Hallo, gelobtes Land, wir kommen
Ja, wir machen diese Welt zu unser'm Haus
Allen, die mit uns noch an die Liebe glauben,
Sagen wir: 'Gebt nicht auf, haltet aus'

Wer hätte gedacht, dass erst Corona kommen muss, um Jürgen Drews tatsächlich mal Recht zu geben.

Das Knistern eines Feuers
Der Staub auf unseren Schuhen
Und frei sein
Frei sein

Wir sind auf einer Reise ins Nirwana
Wir seh'n es schon, am fernen Horizont
Wenn du anders leben willst, als all die andern
Komm mit mir, du wirst seh'n, dass es sich lohnt 

Wer könnte dieser direkten Ansprache widerstehen? Ich jedenfalls nicht. Daher freut es mich umso mehr, dass Jürgen eben mit genau diesem Song im Fernsehen aufgetreten ist. Lassen Sie sich vom bescheidenen Versuch des Publikums, auch bei diesem Lied mitzuklatschen, nicht irritieren. Zur Verteidigung des armen Studiopublikums: Zuvor traten bereits Tony Marshall, Rex Gildo und Chris Roberts auf, die Erotik im Saal kochte und ein Stimmungshit jagte den nächsten - da kann einem schon mal die Hand ausrutschen.



Funfact am Rande: Onkel Jürgen trug bei diesem Auftritt übrigens einen Fifi, also eine Perücke. Er musste nämlich für eine Filmrolle sein wallendes Haupthaar abschneiden. Um sein Image nicht zu gefährden, kam die Plattenfirma dann auf diese Idee ... und er erzählte vor ein paar Jahren in einem TV-Interview darüber, dass ihm kurz vor seinem Gesangseinsatz noch ein Kollege durchs Haar wuschelte und das ganze Geheimnis fast gelüftet hätte.

Bei den Les Humphries verzichtete er in dieser Zeit aber großteils darauf (siehe unten stehendes Beweisfoto). Naja, so seriös gabs Jürgen Drews danach vermutlich auch nie wieder ;)


Für diese liebenswürdige Sinnfindungserfahrung vergebe ich fünf von fünf Karmapunkten!


Und nun: zurücklehnen, Augen schließen und Selbstfindungstrip starten. Nirwana liegt übrigens gleich hinterm Bernsteinzimmer. Vorm Kreisverkehr sollten Sie aber links abbiegen. Falls Sie sich verfahren haben sollten, fangen Sie einfach wieder von vorne an. Wir haben aktuell ja Zeitet. Gebt nicht auf, haltet aus. Danke, Jürgen! Bis morgen ;)

Samstag, 21. März 2020

# 3 - "Ob Tel Aviv, ob Timbuktu" - Bonny St. Claire (1970)

Was macht man, wenn man das Land bzw. die Stadt bzw. die Wohnung nicht verlassen kann? Richtig! Man träumt von der weiten romantischen Ferne ... Südseeträume und Urlaubsidylle zogen bereits nach den Zeiten des Wirtschaftswunders wie ein Kassenmagnet. Fernreisen waren noch teuer, also holte man sich den Urlaub nach Hause! Und wie? Direkt über eine kleine schwarze Scheibe, besungen von InterpretInnen, die teilweise vermutlich nicht einmal wussten, wo die Traumdestinationen, die sie besangen, überhaupt geographisch liegen.
Glücklicherweise brauchte man zum Abspielen einer solchen Schallplatte aber keinen Weltatlas, sondern einfach einen ordinären Plattenspieler!

... und niemand kann besser vom Urlaub und Fernweh singen als Holländer (das wissen wir spätestens seit Rudi Carrell's "Wann wird's mal wieder richtig Sommer"...)



BONNY ST. CLAIRE
A: In der Wuppertaler Schwebebahn (M: Ralph Siegel / T: Joachim Relin)
B: Ob Tel Aviv, ob Timbuktu [Tel Aviv to Timbuctoo] (M: Miki Antony / dt. T: Karl-Heinz Reichel)

1970 / EMI Columbia C006 28 725


Ob die englische Version des Briten Miki Antony, der durchaus ein recht talentierter Komponist war, irgendwann von irgendjemandem veröffentlicht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.
Karl-Heinz Reichel hat sich leider mit weiteren literarischen Perlen dieser Art zurückgehalten. Nach "Ob Tel Aviv, ob Timbuktu" gab es nur wenig weitere Veröffentlichungen, von denen bei meiner heutigen Recherche keine mein Augenmerk besonders erhellte.

Bonny St. Claire alias Bonje Cornelia Swart (* 1949) veröffentlichte in den späten 60er- bis Mitte der 70er-Jahre zahlreiche Schallplatten in deutscher Sprache - die alle etwas gemeinsam hatten: wirkliche Kassenknüller waren nicht dabei. Und wenn man sich die Songs etwas genauer anhört, dann weiß man auch warum (zugegeben: an Bonny's Gesangskünsten lag es nicht unbedingt. Da gab es Sängerinnen mit Top10-Hits, die deutlich schlechter sangen!). Ich würde sagen, es scheiterte eher an den Songs. Ein paar Beispiele gefällig? "Kai-Uwe Schmidt", "Sugar-Boo-Boo", "Ich weiß, dass ich kein Engel bin", "In der Wuppertaler Schwebebahn", "Viele Köche verderben den Brei", "Rauchen im Wald ist verboten" oder "Der Sohn vom Bäcker aus der Bäckergasse 10". Bonny St. Claire wird sicher in den nächsten Wochen wieder zu Gast auf meinem Blog sein - so viel kann ich jetzt schon verraten.

Und irgendwann sagte sie: "Ich kann nicht hundert Jahre warten" (1969 veröffentlicht) und ließ das deutschsprachige Show-Business hinter sich. 1973 hatte sie noch zwei kleine Hits in Deutschland ("Clap your Hands" #41 und "Waikiki Man" #30 der Charts) - gemeinsam mit der Gruppe "Unit Gloria".

So! Genug gelabert. Nun kommen wir zu diesem literarischen Meisterstück!

Literarisch fackelt die liebe Bonny (die einen wirklich süßen kleinen Akzent hat) direttisima nach einem happy-peppy-flower-power Intro ("Tella-Tella-Tel Aviv, Timbuk-Timbuktoooo") nicht lange und nennt sofort ein gesellschaftliches Problem direkt beim Namen:

Jeder sagt: 'Junge Leute soll'n
zuerst hinaus in die Welt'
Keiner fragt uns, ob wir auch wolln
Und keiner gibt uns das Geld!

Ja Bonny, so ist das. Erfahrungen im Ausland zu sammeln ist schwierig, wenn das nötige Kleingeld fehlt - Erasmus hin oder her. Aber Bonny ist nicht die Greta Thunberg von 1970 die sagt, Fliegen ist scheiße und schlecht für die Umwelt, sondern sie hat ihre rosa Sonnenbrille aufgesetzt und schwelgt in den ärgsten Frühlingsgefühlen.

Ob Tel Aviv, ob Timbuktu
Das ist mir gleich, ich frag nur: 'Wo bist du?'
Ob Tokyo, ob Hildesheim
Ich will bei dir sein

In Corona-Zeiten denken das viele Menschen. Man möchte einfach nur bei seiner oder seinem Liebsten sein, da ist die räumliche Trennung ein verschärftes Problem. Glücklicherweise weiß Bonny aber offensichtlich, wo sich ihr "Sugar-Boo-Boo" befindet und muss nicht zwischen Tokyo (wäre grad nicht so praktisch) und Hildesheim (gibt es einen anderen Love-Song, in dem ein internationaler Liebeshotspot - scheiß auf Paris! - wie Hildesheim vorkommt!?).

Und dann teilt Bonny noch ihr grenzenloses Wissen über die Liebe mit uns allen:

Sagt uns doch, ob ihr's besser wisst:
Wo ist die Welt denn intakt?
Ich weiß eine, die besser ist
Die hat mein Herz mir gesagt!

Sie ist dein
Sie ist mein
Die Welt der Liebe ganz allein


Danke Bonny für diesen schmalzigen Abschluss, den man wirklich in keinerweise vorhersehen konnte (#sarcasmoff). Wie es mit Bonnys Liebesgeschichte mit Kai-Uwe Schmidt, der übrigens auch der Sohn aus der Bäckergasse 10 ist, weitergeht und warum Rauchen im Wald - nicht nur in Australien - verboten ist, erfahrt ihr demnächst hier.



Diese Scheibe bekommt von mir definitiv fünf von fünf rosa Sonnenbrillen

Ich denke währenddessen an meinen letztjährigen Urlaub in Tel Aviv zurück und frage mich, ob ich noch nach Timbuktu fahren muss, um zu wissen, dass Israel eines der spannendsten Länder war, das ich bisher bereist habe ...