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Freitag, 4. Dezember 2020

# 137 - "Es ist ein Mensch" - Meeting Point (1976)

Mit großen Schritten nähere ich mich dem 2.000. Besucher dieser Seite. Vor knapp neun Monaten, als ich diesen Blog mehr oder weniger als Beschäftigungstherapie ins Leben rief, dachte ich nicht, dass es nicht nur mir selbst, sondern auch anderen so viel Freude bereiten wird. Hoffentlich ist die Zeit der Lockdowns bald vorbei - für schlechte Musik lässt sich das definitiv nicht sagen ... dieses Themenfeld ist schier unerschöpflich.






MEETING POINT

A: Es ist ein Mensch (M & T: Wilton Kullmann)
B: This is a Man [Es ist ein Mensch] (M: Wilton Kullmann / engl. T: Howard Barnes)

1976, Linda, LIN S 4201
produziert von Robert Puschmann


Die Formation, die - wenn Anglizismen nicht damals bereits so populär gewesen wären - sonst womöglich "Treffpunkt" gehießen hätte, bestand von 1976 bis 1977. Soweit meine Recherchen es zulassen, wurde die Gruppe eigens für den Deutschen Vorentscheid zum Grand Prix d'Eurovision 1976 (heute: Eurovision Song Contest) von Robert Puschmann zusammengestellt. Die einzelnen Mitglieder kannte er vermutlich von bereits realisierten Schallplattenproduktionen oder durch Studiojobs.

Mitglieder, die zweifelsohne erkannt werden konnten, waren:
- Robert Puschmann alias Peter Stern (1939-2000, bürgerlich Peter Wischmann)
- Herlinde Grobe (* 1948) -> 1973 Single-Produktion mit Puschmann als "Angela Burg" (alle aufmerksamen Leser dieses Blogs erinnern sich mit Schrecken an ihren Guten-Morgen-Song!)
- Mark Ellis (* 1943, bürgerlich Volker Burkhardt)

Nach einer weiteren Single ("Montego Bay") war 1977 dann auch wieder Schluss damit und das Projekt verschwand wieder von der Bildfläche.

Das musikalische Schaffen von Wilton Kullmann (* 1926), das auf Schallplatte veröffentlicht wurde, ist leider recht überschaubar. Dazu gehören z. B. "Ich sag' 'No', Boy" (Mary Roos, 1964), "Umarme mich" (Terry Lamo, 1965), "Lass mich lieber geh'n" (Monia, 1967) und "Sonne, Wind und Meer" (Michel Polnareff, 1969) dazu.

Robert Puschmann war da deutlich erfolgreicher. Bekannte Titel von ihm sind "Es tut gut" (Siw Inger, 1972), "Komm doch zu mir" (Agnetha, 1972), "Michaela" (Bata Illic, 1972), "Ti-Lai-Lai-Li" (Danyel Gérard, 1973) oder "Vogel der Nacht" (Paola, 1979).

Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du
Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du

Es ist ein Mensch
Den die Mutter liebte
Ja, es ist ein Mensch
Der mit Kindern spielte
Es ist ein Mensch
Der vor Freude lachte
Ein Mensch
Der an and're dachte
Ja, es ist ein Mensch
Wenn man ihn umarmte
Es ist ein Mensch
Der einst Freunde hatte
Ein Mensch
Der in Freude lebte
Ja, es ist ein Mensch
Der das Glück ersehnte

Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du
Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du

Es ist ein Mensch
Der vom Sturm getrieben
Es ist ein Mensch
Dem ist nichts geblieben
Ja, es ist ein Mensch
Der am Boden kauert
Es ist ein Mensch
Der vor Kälte schauert
Ja, es ist ein Mensch
Den der Hunger peinigt
Es ist ein Mensch
Der nach Wasser dürstet
Es ist ein Mensch
Der im Elend leidet
Oh ja, es ist ein Mensch
Dessen Augen schweigen

Es ist ein Mensch
Der um Gnade bittet
Ja, es ist ein Mensch
Der vorm Grauen flüchtet
Es ist ein Mensch
Den die Ängste plagen
Ein Mensch
Den die Feinde schlagen
Es ist ein Mensch
Den die Fesseln schinden
Es ist ein Mensch
Der im Schmerz sich windet
Yeah, ein Mensch
Dessen Wunden bluten
Es ist ein Mensch
Den die Menschen töten

Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du
Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du


Die Botschaft ist ja relativ simpel: Gelebtes miteinander. Frei nach dem Motto "Hilf und dir wird geholfen". Trotzdem ist diese rührselig anmutende Gospel-für-Arme-Nummer alles andere als eine gelungene Ode der (christlichen?) Nächstenliebe. Der Text bleibt plakativ und in seiner Oberflächlichkeit dann auch leider recht platt und banal, obwohl an sich recht harte Dinge angesprochen werden.
Während die erste Strophe noch recht brav daherkommt und eher das allgemeine kindliche Miteinander im Freundes- und Familienbund beschreibt, wird uns spätestens in der zweiten Strophe klar, dass diesem Menschen (ich möchte jetzt nur äußerst ungern auf die aktuelle Genderthematik eingehen und bin froh, dass ich in diesem Song auf etwaige * verzichten kann, da der/die HauptprotagonistIn die Hauptfigur zweifelsohne ein Mensch ist. Und der scheint so allerhand mitgemacht zu haben, was man selbst in seiner Heilen-Welt-Blase nur ungern am eigenen Leib spüren möchte. Das Ganze spitzt sich dann in der dritten Strophe noch weiter zu und endet in einem eher mäßig optimistischen Schlusschor.

Die erste und dritte Strophe wird übrigens von Robert Puschmann, die zweite von Mark Ellis gesungen. Die Damen und der Herr in grün sind schmückendes Beiwerk. Die Aussprache lässt stellenweise ein wenig zu wünschen übrig, obwohl alle deutschsprachig sind. Da kann man sich leicht verhören ("Der vor Frauen flüchtet", "Der im Schlaf sich windet" oder "Dessen Hoden bluten"). Von zwölf Teilnehmern landeten sie damit tatsächlich auf Platz 6.

Was man sich definitiv auf der Zunge zergehen lassen darf, sind die originellen zeltartigen Kostüme der Damen und die klare Farbgestaltung. Auf die Choreographie komme ich noch gesondert zu sprechen.
Wir stehen im Dunkeln, drehen uns um und dann stehen wir erstmal wie festgeklebt und regungslos am Platz, ehe wir die Hände fröhlich zum Himmel emporstrecken (im Yoga-Kurs würde das fast als halber Sonnengruß akzeptiert werden) - hierbei kommt übrigens die sackartige Schnittgestaltung der Damenroben besonders gut zum Tragen. Diese Kleider eignen sich auch ideal um Problemzonen oder ganze Schwangerschaften vollständig zu verstecken.
Für die Strophen kommt dann die überaus beliebte rechts-links-Schunkel-Choreo zum Einsatz (die aber nicht von allen Mitgliedern gleich enthusiastisch geführt wird!). Die gilt für alle außer für Robert Puschmann - der muss ja die Hauptstimme singen. Und das geht nur, wenn man apathisch und regungslos dasteht - zugegeben, ein paar Emotionen hätten da durchaus mit hineinfließen dürfen. Aber wir befinden uns ja erst in Strophe 1, da ist die Welt ja sozusagen noch in Ordnung.
Der nächste Richtungswechsel für den Refrain ging rund 20 Jahre später übrigens als "Startposition für Macarena" in die internationale Musikgeschichte ein. Der vorgetragene Song eignet sich aber weder als Sommerhit, noch als Dance-Challenge.
Mark Ellis' Interpretation von Strophe 2 bringt da deutlich mehr Emotionen mit hinein. Wenn auch die Schunkel-Choreo thematisch langsam zu irritieren beginnt. "Hey yeah, ein Mensch, der im Elend leidet", diese Stelle eignet sich doch besonders gut zum fröhlichen Mitwippen!
Für die dritte Strophe durfte sich Robert Puschmann dann aber netterweise doch bewegen und auch seine Stimme schlägt deutlich stärkere Töne an. Spätestens jetzt ist die Gaudi-Schunkelei aber nur noch peinlich und deplatziert. Wissen die nicht, was sie gerade singen? Hey, der Typ bittet um Gnade, hat Angst, wird zusammengeschlagen und am Ende getötet. Sollen wir ihm vielleicht helfen? Ja, lasst uns fröhlich für ihn tanzen! :P
Die Tanzeinlage ab 3:05 kann sich aber fürchte ich nur für eine Situation eignen: Regen herbeizuschwören (oder den Lichttechniker, die Scheinwerfer auszumachen).

Ja, heute war ich etwas streng mit dem Song. Vielleicht bin ich morgen wieder etwas gnädiger ;)

Montag, 6. April 2020

# 19 - "Träumen von Olivenbäumen" - Mess (1982)

Wir starten in Corona-Woche #4 mit einem neuen Wochenspecial. Dieses Mal geht es um "Kulinarisches" (wenn ich auch die eine oder andere Coverversion natürlich nicht ausschließen kann ;))





MESS
A: Do-re-mi-fa-so oder so (M: Michael Mell = Michael Scheikl / T: Rudolf Spreitzer)
B: Träumen von Olivenbäumen (M: Michael Mell = Michael Scheikl / T: Hans Georg Hausner)

1982, Bellaphon 100-30-007

Textautor Hans Georg Hausner war in den 70er-Jahren übrigens auch Manager vom Wolfi und vom Schurli. In dieser Zeit schrieb er u. a. "A Mensch möcht' i bleib'n" (Wolfgang Ambros, 1974), "Zwickt's mi" (Wolfgang Ambros, 1975) und "Du mi a" (Georg Danzer, 1976).

Das Duo Mess, alias Lizzi & Fritz, alias Lizzi Engstler & Michael Mell, alias Elisabeth Engstler (* 1960) und Michael Scheikl (* 1957), erreichte 1982 Popularität, als die beiden ausgewählt wurden, Österreich beim Eurovision Song Contest zu vertreten. Ihr Song "Sonntag" belegte zwar nur Platz 9, in Österreich waren sie aber wochenlang Nr. 1 der Charts.
Die beiden lernten sich 1980 bei Werbeaufnahmen im Studio kennen (und lieben). Ihre Beziehung hielt bis 1992.

Michael Scheikl war ehemaliger Sängerknabe und ab 1976 Mitglied der "One Family". Er ist bis heute musikalisch aktiv. 

Elisabeth Engstler ist ausgebildete Musicalsängerin und stand viele Jahre als Moderatorin im ORF - in den unterschiedlichsten Formaten - vor der Kamera. Aktuell (also nach Corona) ist sie im Musical "I am from Austria" zu sehen.

Allein für den Reim "Träumen von Olivenbäumen" muss es bereits Sonderpunkte geben! Poetischer könnte man diese Fernweh-Schmonzette, ihre zweite Single nach dem "Sonntagshit", kaum bezeichnen!

Auch dieser Sommer musste vorbei geh'n
Herrliche Stunden waren dabei
Lass hin und wieder die Uhr sich zurückdreh'n
Fliehe dem Alltag und träume dich frei


--> Was war das für ein Leben als es noch einen Sommer gab. Moment, wird in der dritten Zeile eine Ode an die Zeitumstellung gesungen? Zumindest waren herrliche Stunden dabei ... das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass es auch weniger herrliche gab ...

Träumen von Olivenbäumen
Erinnerung, du, gehst frei auf mich zu
Träumen von Olivenbäumen
Du, das Schönste von dem Traum bist du

--> Kitsch^10! (Wenn ich an meinen Urlaub zurückdenke, träume ich auch immer von Olivenbäumen. Selten von Meer, gutem Essen, Sandstrand oder der Liebsten. Aber schön, dass diese Person dann doch irgendwo hinter diesen Olivenbäumen verdeckt ist ... möglicherweise war sie ungünstig grün oder schwarz gekleidet? Immerhin kann ein Olivenbaum bis zu 20 Meter hoch werden!

Abends beim Rotwein, Fotos vom Urlaub
Erlebnis vom Menschsein kommt zurück von weit her
Nimm meine Hand und schließe die Augen
Ein Sommerstrand und rauschendes Meer


--> Äh, ja. Wer es schafft die zweite Verszeile zu entschlüsseln bekommt (nach Corona) ein Bier von mir dafür (ha, drei Reime!). Vom "Erlebnis Menschsein" habe ich in meinem bisherigen Feldversuch interessante Erkenntnisse hervorgebracht (z. B. das Geschirrspüler einräumen mehr Spaß macht als ausräumen). Hand nehmen und Augen schließen würde ich am Sommerstrand im rauschenden Meer allerdings nur bedingt empfehlen (vorausgesetzt, man kann schwimmen!). Sonst kann man leidenschaftliches Küssen schnell mit lebensnotweniger Mund-zu-Mund-Beatmung verwechseln. Und - mit Verlaub - seit wann reimt sich "Augen" auf "Urlaub"?

Refrain


Sag nicht: "Das hat keinen Sinn
Was war ist vorbei und dahin"
Ich habe mit dir erst zu leben gelernt
Was war, zeigt mir nur, was ich bin

--> oh, eine Beziehungskrise in der letzten Strophe? Damit konnte wirklich keiner rechnen. Und es macht auch keinen Sinn (mehr). Das Kind ist so oder so bereits in den Brunnen gefallen. Die Behauptung, dass sich "gelernt" auf irgendetwas reimt, lasse ich sogleich - verhärmt - unter den Teppich fallen. 

Gerade die letzten beiden Zeilen sind besonders philosophisch ... jetzt hat er endlich eine Person gefunden, mit der er "zu leben gelernt hat", und sie kontert mit einem zickigen "Was war, zeigt mir nur, was ich bin". Tja ... auf die würde ich bei einer lebensrettenden Maßnahme NICHT bauen, vielleicht stellt sie dabei ja gerade fest, dass sie ihren Selbstverwirklichungstrieb heute noch nicht genug ausgelebt hat ... und irgendwo auf der Welt, wird gerade die Leiche eines unglücklich-verliebten Mannes an den Strand gespült.

Refrain






Für diese Schmonzette gebe ich fünf von fünf Olivenbäumchen.

Wenn ihr wollt, könnt ihr davon träumen. Oder von entkernten Oliven auf Pizzen. Oder von Pizzen im Allgemeinen. Oder von Urlaub allgemein. Ja, das ist gut. Am Montag darf man noch relativ sentimental sein und hat noch genug Reserven über, ehe die Woche mitunter vielleicht wieder deprimierender wird. 
Habt einen schönen Tag, auch wenn ich - aufgrund von aktuellen Infos seitens der Regierung - bei meinem Leitsatz bleiben muss: #idontlikemondays

Freitag, 3. April 2020

# 16 - "Rock'n'Roll-Cowboy" - Maggie Mae (1981)

Ja, wer bei "Maggie May" automatisch an den Rod-Stewarts-Song denkt, hat etwas richtig gemacht. Denn jeder der Maggie Mae einmal gesehen bzw. gehört hat, wird sie nie wieder vergessen.
Ihre Lieder sind so "originell", dass ich eigentlich ein Maggie-Mae-Special machen und einen Monat jeden Tag einen ihrer schrägen Songs vorstellen müsste. Das wäre mit der Zeit aber zu einseitig und von den zugefügten Schäden würde ich mich vermutlich sehr lange nicht mehr erholen. Corona hin oder her.

Heute gibt es wieder gute Laune auf die Ohren und einen Text, der wirklich JENSEITS von Gut und Böse ist.




MAGGIE MAE
A: Rock'n'Roll-Cowboy [Making your Mind up - Bucks Fizz] (M: John Danter & Andrew Hill / dt. T: Bernd Meinunger & Werner Schüler)
B: Jet Set (M: Norbert Daum / T: Werner Schüler)

1981, Jupiter 6.13097
produziert von Werner Schüler



Maggie Mae (* 1960 als Andrea Carle in Karlsruhe) war so etwas wie ein Teenie-Idol in Westdeutschland. Mit dem Beinamen "verrücktes Huhn" grölte, piepste und jauchzte sie sich durch die Hitparaden und bewies immer jede Menge Körpereinsatz bei Live-Auftritten.
Ihre "Janis-Joplin-Gedächtnisbrille", die - als sie 14-jährig startete - ihr Markenzeichen war, tauschte sie Ende der 70er-Jahre gegen Kontaktlinsen und versuchte einen Imagewechsel. Der gelang leider nicht.
Also startete sie Anfang der 80er-Jahre wieder dort, wo sie zuvor aufgehört hatte. Brille wieder auf, Dauerwelle in die Haare und die inzwischen 21-Jährige, frisch gebackene Mutter, startete 1981 ihr Comeback - mit der deutschen Version des Song-Contest-Siegertitels aus England, "Making your Mind up" von Bucks Fizz.

Untypisch für die damalige Zeit: Die Sieger haben ihren Song in keiner anderen Sprache aufgenommen (gut, englisch ist ja universell ... aber trotzdem!) und da hatte man sich die Rechte schnell geholt. Und wer könnte einen Titel, der auf deutsch übersetzt, "Mach dir Gedanken" bzw. "Entscheide dich" heißt, besser singen als Maggie?

Gut. Mit dem Original, das jetzt literarisch auch nicht auf Weltniveau ist, hat diese Coverversion wirklich nichts zu tun! Während hier zwischenmenschliche Ratschläge u. a. auf Beziehungsebene gegeben werden, frönt Maggie Mae ungestört dem exzessiven Liebesleben im ländlichen Party-Idyll.


Er kam heut' in die Stadt
Mit einem alten Motorrad
Und schwankte so wie einst John Wayne in die Disco rein 
Und er war ganz allein
Und alle schrien: "Mensch wo ist dein Pferd?"
Hey Rock'n'Roll-Cowboy

Er roch nach Pferdestall
Und hat sich gleich in mich verknallt
Doch statt 'nem Cowboyhut trug er einen Helm
Und den nahm er nie ab
Und er tanzte Polka auf "King Creole"
Mein Rock'n'Roll-Cowboy

Er schoss mir 'ne Gladiole
Im Laden nebenan
Mit seiner Spritzpistole
War das ein Mann, oh Mann-o-Mann

Er sagte mir, er kommt vom Land
Zerdrückte mir beinah die Hand
Doch das hielt er für zärtlich
Er wusste mit seiner Kraft nicht wohin
Nur als er mich küsste war er ganz sanft
Mein Rock'n'Roll-Cowboy

Und alle haben ihn ausgelacht
Das hat mir gar nichts ausgemacht
Einen wie ihn fand ich hier in der Stadt noch nie
Und ich hab gedacht:
"Nimm mich auf dein Pferd und dann reite los"
Mein Rock'n'Roll-Cowboy

Da sah er 'ne Gitarre 
Und spielte wild drauf los 
Sang wie Elvis Presley
Bei mir war die Hölle los

Doch plötzlich kam ein fremder Mann
und fasste meinen Cowboy an
Und meinte: "Mensch, hau bloß schnell ab 
Du bist viel zu schlapp
Wenn's geht zack, zack, zack
Und deine Braut, die gehört jetzt mir
Du Rock'n'Roll-Cowboy"

Da ging ein bisschen Glas zu Bruch
Und alle waren auf der Flucht
Und am Schluss stand er ganz allein im Raum
Und hat nach mir gesucht
Und er fand mich unterm Tisch
Mein Rock'n'Roll-Cowoby

Romantischer hätte man eine Liebesgeschichte in der Dorfdisco wohl nicht beschreiben können. Inklusive Eifersuchtsszene, Prügelei und Provinzliebesbekundungen.
Da reimt sich teilweise auch nur mit sehr viel Schrecken Bruch auf Flucht, Gladiole auf Pistole, los auf los oder Pferdestall auf verknallt.

Irgendwo auf der Welt ist gerade ein Germanist an unsagbaren inneren Schmerzen aufgrund dieser Reime qualvoll verschieden.

Nun ja, zum Glück hat sie ja schlussendlich ihren "Rock'n'Roll-Cowboy" (wie kommt man eigentlich auf so eine Formulierung!?) gefunden (wer wird denn nicht schwach, wenn der/die Auserwählte nach Pferdestall riecht?) - Scherben bringen bekanntlich auch Glück und unter dem Tisch lag sicher so viel Zeugs herum, dass niemand Maggie finden hätte können. Gemeinsam verbringen sie jetzt hoffentlich ein langes und erfülltes Leben im "Jet Set" (B-Seite) und überlegen, wann man wohl wieder so einen herrlichen Abend verbringen würde ...



Großartiger Weise ist Maggie Mae mit diesem Titel aber auch live-singend (!) in einer TV-Sendung aufgetreten. BAM! Und da gibt sie in ihrer Fransen-Lederjacke (siehe Single-Cover) und einer Lederhose, die förmlich wie eine zweite Hau sitzt, zu leicht verruchten weißen Stiefelchen diesen Stimmungshit zum Besten. Und man kann ihr vieles vorwerfen, aber körperlich hat sie bei dieser Performance alles gegeben. (Man muss sich förmlich sorgen, dass nicht die Hose platzt oder sie bald eine zweite Hüfte braucht!)

Bei 0:20 wird in der ersten Reihe zumindest zaghaft versucht mitzuklatschen - ein deutsches Gesellschaftsproblem - ein Song wird erst als gut bewertet, wenn er am "Klatsch-o-Meter" eine gute Performance aufweisen kann. Erst bei 2:11 hatte Maggie geschafft, dass die Leute ihre wilde Gestikulierung als Klatschaufforderung erkannten. Ziemlich spät, denn Maggie bleiben nur noch knapp 20 Sekunden für ihren Auftritt.

Für diesen Partykracher vergebe ich fünf von fünf Gladiolen. Die Textautoren sind gestraft genug, dafür dass sie diese Textfassung nicht unter Pseudonymen angefertigt haben. Obwohl, die Formulierung "zack, zack, zack" ging immerhin 2019 in die österreichische Geschichte ein ;)

Maggie Mae kehrte nach zwei weiteren Schallplattenaufnahmen dem Musikbusiness endgültig den Rücken zu und wanderte mit ihrem ersten Ehemann nach Amerika aus. Sie lebt, inzwischen in zweiter Ehe und als Mutter von vier Kindern und mehrfache Großmutter, nach wie vor in Florida. Vor knapp 20 Jahren trat sie noch einmal im deutschen Fernsehen auf, danach wurde es ruhig um sie.

(Als besonderes Zuckerl zeig ich euch hier dieses charmante Video, wo Maggie ihren größten Hit von 1974 - eine Coverversion von "My Boy Lollipop" - nochmals zum Besten gibt. Und es klingt tatsächlich so, als hätte sie diesen Song damals (2001) neu aufgenommen. Und sie beweist, dass sie immer noch so toll tanzen kann wie 1981 und - Menschen mit Adleraugen wird es bereits aufgefallen sein - dass ihr die alte Lederjacke immer noch passt! Ha!)


Wenn ihr jetzt grad keinen Rock'n'Roll-Cowboy in eurer Umgebung habt, dann macht das nichts. Füllt die Spritzpistole mit Wasser und ärgert zumindest die Nachbarn (oder die Vögel, die vor euren Fenstern sitzen) ... ansonsten könnt ihr natürlich gerne Maggie's Choreo üben ... die Klamotten findet man sicher bei Zalando im Online-Shop! Gutes Gelingen ... und ach ja ... schönes Wochenende! ;)

Samstag, 28. März 2020

# 10 - "Eins, zwei, drei" - Nina Lizell (1976)

Okay, jetzt ist es offensichtlich. Ja, mir macht das Entdecken deutscher Coverversionen einfach viel zu großen Spaß. Dadurch lege ich jetzt offiziell (damit mein schlechtes Gewissen sich wieder schlafen legen kann) den Schwerpunkt für die nächste Zeit auf deutsche Coverversionen.
Ob ich damit dem deutschen Schlager einen guten Dienst erweise? Tja ... ;) Ich frag mal Herrn Kliebenstein, der weiß das sicher. Siehe dazu den gestrigen Post



NINA LIZELL
A: Eins, zwei, drei [Un, deux, trois - Catherine Ferry] (M: Jean-Paul Cara & Antoine Rallo / dt. T: Jörg von Schenckendorff)
B: Ich kann dir nur Liebe geben (M: Ralph Siegel / T: Kurt Hertha)

1976, Jupiter Records 16 762 AT
produziert von Ralph Siegel


Es war 1976 als sich das Leben der 23jährigen Catherine Ferry aus Frankreich von einem Tag auf den anderen schlagartig änderte: Zweiter Platz beim Grand Prix d'Eurovision (die damalige Bezeichnung des Eurovision Song Contests) in Den Haag. Das beste Ergebnis Frankreichs seit dem Sieg von 1969 - ehe sie ein Jahr später mit Marie Myriam wieder am Siegertreppchen stehen.

Doch hat ein Lied, das die romantische Adaption eines Kinder-Abzählreims Berechtigung an so einer Veranstaltung teilzunehmen? Nun ja, warum nicht. Der Grand Prix war damals kein Sängerwettbewerb, sondern eigentlich ein Wettbewerb für Komponisten und Texter. In diesem Sinne haben sie ihre Aufgabe zufriedenstellend erledigt, einen Song zu schreiben, der eingängig und unterhaltsam ist.
Und bei allem Respekt: Selbst ein eher einfaches Schlagerchen (der Vorteil an der französischen Sprache ist, dass viele diese nicht beherrschen und dadurch den eher nichts-sagenden Text in Originalsprache nicht verstehen - und auf französisch klingt - merdé - doch fast alles besser ;)) wirkt ganz anders, wenn es live mit einem großen Orchester - unter der Stabführung des Komponisten (!!), welcher ESC-Komponist wäre heute dazu noch in der Lage? - vorgetragen wird (einen Extrabonus an die vier Backgroundboys für die perfekten clapping hands).




Und so dachte sich wohl auch Ralph Siegel, dessen eigener Song-Contest-Beitrag "Sing sang Song" (im Vorjahr hatte übrigens die niederländische Band Teach-in mit dem literarisch anspruchsvollen #sarcasmoff "Ding-a-Dong" gewonnen) nur auf Platz 15 (von 18!) landete, davon müssen wir eine deutsche Coverversion machen!

Ob dann allerdings die von Nina Lizell oder jene von Catherine Ferry selbst schneller am Markt war, konnte ich auf die Schnelle nicht eruieren.

Nina Lizell (* 1944) ist etwas einzigartiges in ihrer Karriere gelungen: sie war in den 60er- und 70er-Jahren sowohl in Westdeutschland als auch der DDR eine höchsterfolgreiche Sängerin mit zahlreichen Plattenaufnahmen und Fernsehsendungen.
Hits waren beispielsweise "Ein kleiner Teufel steckt in dir" (BRD, 1970), "Rauchen im Wald ist verboten" (DDR, 1969) oder "Der Mann mit dem Panamahut" (DDR, 1973). Es gibt auch ein recht bekanntes Duett mit ihr und Lee "Summer Wine" Hazlewood.

Nina Lizell startete mit dieser Coverversion ein kleines Comeback, sie war zwar nie ganz weg, aber trotzdem war es für die Sängerin, die kurz zuvor ein Kind bekommen hat, eine gute Möglichkeit - idealerweise - wieder einen Hit zu landen.

Es brachte ihr zumindest einen Auftritt in der legendären Samstagabendmusiksendung, der ZDF-Hitparade, ein. Doch sie konnte sich damit leider nicht unter den besten vier platzieren. 

Eins, zwei, drei
Woran denkst du dabei?
Fällt es dir wieder ein
Unser Spiel, das wir als Kinder spielten

Eins, zwei, drei
Wie ein Vogel so frei
Will ich leben mit dir
Wir spielen

Eene, Eene, Meene, Muh
Eene, Meene, raus bist du
Damals dachten wir noch nicht daran
Das mit diesem Spiel das Glück begann

Eene, Eene, Meene, Muh
Heute sag ich "I love you"
Dieses Spiel soll nie zu Ende geh'n
Denn mit dir ist Liebe erst schön

Eins, zwei, drei
Jeder Tag geht vorbei
Doch die Stunden mit dir
Sind für mich mehr als nur Erinnerungen

Eins, zwei, drei
Wie ein Vogel so frei
Will ich leben mit dir
Wir spielen


Refrain ...


Auch heute spare ich es mir näher auf den wirklich sehr beliebigen Text einzugehen. Man muss wirklich eine gute und professionelle Sängerin sein, um auch so ein seichtes Schlagerchen adäquat zu präsentieren. Im Fernsehen legt sich Nina, inzwischen 32 Jahre alt, in dem pinken Fransenkleid immerhin voll ins Zeug und mit dem schwedischen Akzent klingt es gleich noch süßer - dachten sich damals sicher auch so manche Zuseher (vor allem der bei Minute 1:35 ist von Nina mehr als nur entzückt!). 




Eene-Eene-Meene-Muh eignet sich übrigens auch großartig als Abzählreim für unliebsame Hausarbeiten (z. B. muss die auserwählte Person den Müll runter bringen oder den Geschirrspüler ausräumen). Lebt man allein, ... tja ... dann ist man in dieser Hinsicht eigentlich immer der Verlierer ;) muss aber zumindest keinen fremden Dreck wegräumen!

Ich gebe fünf von fünf Zahlen, damit Nina beweisen kann, dass sie deutlich weiter als nur bis drei zählen kann!

Schönes Wochenende ... eene ... eene ... meene ... super, jetzt hab ich einen Ohrwurm :/