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Sonntag, 28. Juni 2020

# 100 - Musical "Fäustling" - Wolfgang Ambros & Joesi Prokopetz (1973)

Endlich ist es soweit: Der 100. Blog-Eintrag ist tatsächlich online! Ich muss ehrlich sein. Zu Beginn der Corona-Entwicklung hätte ich gedacht, dass es sich dabei tatsächlich nur um eine kurze und vorübergehende Maßnahme handeln wird. Das mein Leben auch noch 3,5 Monate nach dem Lockdown alles andere als "Normalität" erreicht hat, hätte ich nicht erwartet. Dennoch fühle ich mich in vielerlei Hinsicht "reicher" als zuvor - in Bezug auf Freundschaften, Zeit und neuer Erkenntnisse, die ich mir in den letzten Wochen und Monate machen konnte.

Für den Jubiläumsbeitrag habe ich ganz tief in meine Trickkiste gegriffen und etwas ausgegraben, das vermutlich die wenigsten kennen: Ein Musical von Wolfgang Ambros. Okay, jetzt werden einige sagen: "Ge bitte, hör mir auf mit diesem 'Watzmann'!" - was ich durchaus verstehen kann. Allerdings handelt es sich bei diesem künstlerischen "Frühwerk" um ein anderes. Nämlich den "Fäustling", eine Wiener Adaption von Goethes "Faust".


Musical "Fäustling"
Musik und musikalische Leitung: Wolfgang Ambros
Text und Regie: Josef "Joesi" Prokopetz
Arrangements: Christian Kolonovits

Uraufführung am 19. Mai 1973 im Rahmen der Wiener Festwochen

Cast:
Heinrich Fäustling, Beamter - Alexander Wächter (* 1948)
Teufel - Wolfgang Ambros
Grete, Sekretärin - Elga Weinberger (* 1948)
Erdgeist - Uzzi Förster (1930-1955)
Frau Smeditschek, Friseurin - Angelica Schütz

sowie Michael Fischa, Agota Littasy, Ingrid Nowara, Eduard Schmiege, Lisa Ungar und die "Milestones"


Die musikalische Karriere des 1952 geborenen Wolfgang Ambros begann gleich mit einem Hit. 1971 schlug "Da Hofa" (geschrieben von Joesi Prokopetz) wie eine Bombe ein und landete sofort auf Platz der Ö3-Hitparade, an deren Spitze er sich acht Wochen hielt. Ambros, der zuvor eine Lehre zum Siebdrucker machte, veröffentlichte kurz darauf sein erstes Album. Mit den Nachfolgetiteln konnte er aber nicht an seinen ersten großen Erfolg anknüpfen. Für Aufregung sorgte 1973 der Titel "Tagwache", der sich gegen das österreichische Bundesheer und den damaligen Verteidigungsminister Lütgendorf richtete. Das Lied wurde daraufhin vom ORF boykottiert. Nach dem "Fäustling" entwickelte Ambros gemeinsam mit Joesi Prokopetz und Manfred Tauchen 1974 das Konzeptalbum "Der Watzmann ruft", das nach wie vor regelmäßig aufgeführt wird.
Seinen nächsten Nummer-1-Hit landete Ambros erst 1975 mit "Zwickt's mi". Weitere Hits sind "Es lebe der Zentralfriedhof" und "Schifoan". 1997 formierte er sich mit Rainhard Fendrich und Georg Danzer zu "Austria 3", die bis zu Danzers Tod regelmäßig gemeinsam auftrat. Ambros ist bis heute musikalisch aktiv.

Josef "Joesi" Prokopetz, ebenfalls 1952 geboren, begann 1969 erste Texte zu schreiben. Neben bereits angeführten Titeln stammen auch "Du bist wia de Wintasunn", "Baba und foi net" und "Die Blume aus dem Gemeindebau" aus seiner Feder. Große Erfolge feierte er in den 80er-Jahren als Mitglied und Songwriter der NDW-Gruppe "DÖF" (mit Manfred Tauchen sowie Annette und Inga Humpe). In diesem Zusammenhang seien vor allem ihre Hits "Codo" und "Taxi" zu nennen. Auch als Solist schaffte es Prokopetz mit "Sind Sie Single?" zu einem Nummer-1-Hit.



Mit einer Umwandlung von Goethes Faust zum wienerischen Dialektstück "Fäustling" entstaubten Ambros und Prokopetz nicht nur die Wiener Festwochen, sondern auch die österreichische Popkultur. Über die Produktion und Neo-Regisseur Prokopetz wurde vielfach medial berichtet. Die Süddeutsche Zeitung äußerte sich darüber beispielsweise: "Aus den Regiefehlern des Prokopetz könnten Generationen von Reinhard-Seminaristen etwas lernen."

"Die Handlung orientiert sich am großen Vorbild. So wie Heinrich Faust immer mit der Wissenschaft unzufrieden war, ist Heinrich Fäustling mit seinem Beamtentum unglücklich und sehnt sich nach dem Ausstieg aus der gutbürgerlichen Welt. Am Ende des Stücks gibt sich Fäustling dem Haschisch und sexuellen Orgien hin und tritt somit 'in die Welt der Hippies und Gammler' ein, so Prokopetz. Fäustling fühlt sich, befreit von den Zwängen des Alltags, erstmals als Mensch und zitiert die Kernbotschaft des Stückes: 'A Mensch und menschlich muass ma sei!'." (Kronen Zeitung, 12. November 2012)

Am 23. September 1973 strahlt der ORF die, von Peter Rapp moderierte, Jugendsendung "Spotlight" aus, in der Ausschnitte aus dem Musical gezeigt werden. Ein wahrlich beeindruckendes Zeitdokument!

(beim Video kommt eine Fehlermeldung - wenn ihr "auf YouTube ansehen" anklickt, könnt ihr es sehen)


- 0:40-2:45: "I bin da Teifl" (Wolfgang Ambros als Teufel und Alexander Wächter als Fäustling)
- 2:46-5:17: Interview Peter Rapp mit Wolfgang Ambros und Joesi Prokopetz
- 5:18-8:44: "Heat's es mi, es Dämonen" (Alexander Wächter als Fäustling und Uzzi Förster als Erdgeist)
- 9:17-11:50: "Halb acht" (Alexander Wächter als Fäustling und Elga Weinberger als Grete)

Elga Weinberger wurde bald darauf zu Österreichs bekanntester "Fernsehtante" im Kinderformat "Am dam des", während Alexander Wächter vor allem als "Nudlaug" in der Fernsehserie "Ein echter Wiener geht nicht unter" Bekanntheit erlangte.

Mein persönliches Highlight ist definitiv die Szene zwischen Fäustling und Grete im feinsten Wienerisch. Kein Wunder, dass Grete "diesem Charme" (trotz Lebensabschnittsgefährten) über kurz oder lang nicht entziehen kann. 

Literarisch hat sich Prokopetz als Songwriter später deutlich gesteigert. Dennoch präsentiere ich euch hier noch ein paar der "Hits" aus dem Fäustling-Musical ;)

"A Kopf ohne Hoor" (Angelica Schütz)


"Es is jo net, doss ma red" (Ensemble)


"Die Zeit" (Ensemble)



"Unmoralisch" (Wolfgang Ambros)


Und mein persönliches absolutes Highlight:

"Wia a Schreibmaschin" (Elga Weinberger)
in dem Grete ihren "harten" Arbeitsalltag beschreibt ;)



Die Doppel-LP, die 1973 bei Atom erschien, wurde 2012 - anlässlich des 60. Geburtstags von Wolfgang Ambros - als Doppel-CD-Album wiederveröffentlicht.

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem 100. Post (und den 99 davor) eine kleine Freude bereiten und ihr habt daran mindestens genauso viel Spaß gehabt wie ich! ;) Schauen wir mal, was die Zeit so bringt und ob wir uns in hundert Tagen beim 200. Post wiedersehen. Ich werde auf jeden Fall weitermachen und hoffe, dass ihr mir gewogen bleibt und wieder einmal vorbei schaut! :)

Samstag, 23. Mai 2020

# 66 - "Die Fliege" - Konrad Heinz (1975)

Ein Hoch auf die Schnapszahl! Das die 66 nicht ganz so teuflisch wie die 666 ist, beweist auch der heutige - dramatische - Song!



KONRAD HEINZ
A: Die Fliege (M & T: Konrad Heinz)
B: Alles spricht von Liebe [My little Butterfly] (M: Franco Andolfo / dt. T: Wolfgang Fischer)

1975, BASF, 06 15713-4


Über den Sänger Konrad Heinz aus Villach (nicht zu verwechseln mit dem berühmten Schauspieler und Kabarettisten Heinz Conrads, der von 1913 bis 1986 lebte) ist so gut wie nichts bekannt.
Am 29. April 1972 gewinnt er einen Talentwettbewerb der Kärntner Plattenfirma "Help Records" - unterstützt durch die Kärntner Tageszeitung. Sein Siegertitel "Piggy" erscheint auf der dazugehörigen LP, zu Plattenveröffentlichungen mit Eddy Korsche von Help kommt es allerdings nicht.
Erst drei Jahre später kommt diese Platte auf den Markt. Es folgt noch eine weitere ("Wempate Sempate" / "Hey Du mit die Gummischuh") 1976 bei Bellaphon, dieses Mal allerdings als Heinz Konrad.
Über sein weiteres Leben (und musikalisches Schaffen) ist leider nichts bekannt.

Umso schöner ist aber die vorliegende Single, die tatsächlich ziemlich genau den Nerv - in Zusammenhang mit einem unliebsamen Mitbewohner - trifft. Also: Ohren auf!

In meina Wohnung summt a Fliag'n
Ich bete drum, i wüll sie kriag'n
Das Summen zerrt an meinen Nerven
Ich möcht' mich ihr nicht unterwerfen
Drum denke ich mit meinem Hirn
Wie könnt das Luder bold krepier'n

A Fliege - ja
Wenn ich die kriege - haha

Reiß i der ans, zwa, drei, vier Hax'n aus

A Fliege - ja
Wenn ich die kriege - haha
Reiß i der ans, zwa, drei, vier Hax'n aus

Ein stiller Traum ist dos Dawisch'n
Mehr Glück hob' i jo noch beim Fisch'n
Doch es kummt Zeit, doch es kummt Rot
I werd' schon fertig mit der Plog
De summt und brummt, dos is zum Heul'n
I könnt's daschlog'n mit der Keul'n

Refrain

An Funk'n hob' i jetzt im Hirn
Wie dos Übel könnt' krepier'n
I heb' die Hand und schlog' glei zua
Ach Gott sei Donk, jetzt hob' i Ruah
Jetzt hob' i's gschofft, i setz' mi nieder
Auf amol hör' ich's Brummen wieder
Auf amol hör' ich's Brummen wieder
Auf amol hör' ich's Brummen wieder


Refrain



Viel muss ich zu diesem großartigen österreichischen musikalischen Highlight wirklich nicht sagen. Jeder, der zwischendurch von Insekten oder anderen unliebsamen Mitbewohnern (Kinder zählen nicht dazu!) gepeinigt wird, versteht das Konrads Frustrationsgrenze hier eindeutig überschritten wurde.
Sonderpunkte gibt es für die liebenswürdige weibliche Backgroundstimme im Refrain ("ha-haaa"), das furchteinflösend-reale Fliegengesumme und das Artwork des Singlecovers. Hier hat sich definitiv ein ganz großer Künstler ausgetobt. Die lässig übereinandergeschlagenen Beine, in der blauen Schlaghose, gepaart mit dem rustikalen Schaukelstuhl in der urbanen Oberkärntner Kuchl sind ein unschlagbares Zusammenspiel des 70er-Jahre-Zeitgeist-Feelings.
"Sex sells" war auch das Motto dieser Plattenfirma, weshalb das ganze Arrangement noch durch eine sexy Maus im kurzen Kleid aufgeputzt wurde. Die freizügige kesse Biene ("ha-haaa") war aber etwa schüchtern und musste sich noch an der heimeligen Feuerstelle aufheizen ...

Ich mach jetzt auch mal die Fliege! Habt einen schönen Samstag - bis morgen :)

Dienstag, 19. Mai 2020

# 62 - "Vatter, aufsteh'n" - Tana Schanzara (1971)

Momentan hat man ja verschiedene Gründe, warum man morgens gerne etwas länger im Bett bleiben würde ... ein paar Menschen haben diesen "Luxus" ja nach wie vor - allerdings sollte man sich bei dieser Entscheidung ganz genau überlegen, mit wem man sich das Bett gerade teilt. ;) 



TANA SCHANZARA
A: Vatter, aufsteh'n (M: Christian Dornaus / T: Michael Rauchmann)
B: Die Lotto-Ziehung (Christian Dornaus / Thomas Gronau = Günter Sonneborn / Michael Rauchmann)

1971, Cornet, 3204


Tana Schanzara kam 1925 als Konstanze Schwanzara in Kiel als Tochter der Opernsänger Gertrud und Hans Schanzara zur Welt. Nachdem sie ihre Kindheit in Dortmund verbrachte, besuchte sie in Köln (aufgrund eines Wechsels des Vaters an die Kölner Oper) die Schule und legte dort auch ihr Abitur ab. Im Anschluss daran nahm sie Schauspielunterricht und spielte in Bonn, Köln, Mannheim, Oldenburg und Gelsenkirchen Theater.
Ab 1956 gehörte die "Duse vonne Ruhr" oder "Perle des Ruhrgebiets" zum Ensemble des Schauspielhauses Bochum. Hier überzeugte sie nicht nur in ihrem Paradegebiet der komischen Nebenrollen, sondern vor allem in den 80er- und 90er-Jahren auch in Hauptrollen in ernsten Stücken.
Nach einem Sturz im Jahr 2001 und einer anschließenden Hüftoperation war Tana Schanzara körperlich stark eingeschränkt und spielte zuletzt ihre Rollen zum Teil im Sitzen. Sie starb an ihrem 83. Geburtstag in einer Bochumer Klinik.

Neben zahlreichen Theateraufführungen und Soloprogrammen, stand sie auch sehr regelmäßig vor der Kamera, so u. a. in "Ein Herz und eine Seele" (1976), "Männerpension" (1996), "Die Anrheiner" (1999-2003) sowie zahlreichen deutschen Krimiserien.


Text

Vatter
Vatter, aufsteh'n!

Vatter, willste jetzt endlich aufsteh'n
Aufsteh'n, mein Gott nochmal
Jeden Morgen dat selbe Theater!

Vatter, du sollst jetzt aufsteh'n, verdammt nochmal

Fernseh'n bis in die Puppen
Und morgens nicht aus den Betten

Steh' jetzt sofort auf, sonst kannste was erleben

Vatter, du kommst zu spät nach'e Maloche!
Vatter, ich sag dir dat jetzt zum letzten Mal
Oder es passiert was
Vatter
Vatter

So Vatter, jetzt kannste liegen bleiben!



Zugegeben: Mord ist nicht die ideale Lösung, wenn der Ehemann in der Früh nicht aufstehen will. Da könnten auch zu starker Fernsehkonsum oder etwaige Beischlafnebengeräusche (aka Schnarchen) nicht zu mildernden Umständen führen.
Das einzige entschuldigende Motiv für mich wäre, wenn die arme Tana zuvor - stundenlang - vom "fröhlichen Wecker" von RTL Luxemburg geweckt wird (wir erinnern uns mit Schrecken an "Radio Luxemburg wünscht guten Morgen").
Natürlich ist der Song nicht ernst gemeint, dennoch würde ich zu dem sanftmütigen "Vaaaaatter" mit dem jazzig-swingingem Sound besser in den Tag starten als mit anderen vergleichbaren Songs :D ... gut. Auf das Erschießen könnte ich persönlich verzichten. Das wäre mir dann doch ein zu unglanzvoller Tod. (Ersticken unter einem Mundschutz oder vor Corona-Viren zu Tode gefürchtet haben es übrigens auch nicht in die engere Auswahl geschafft!) Ich denke, ich möchte doch noch ein paar Jährchen leben ... 113 Tage sollten es mindestens noch sein ... so viel Lieder habe ich nämlich aktuell bereits für die nächsten Postings rausgekramt. Ihr seht also, so schnell werdet ihr mich - vermutlich - nicht los ;) 
Ich wünsch euch einen guten Start in den Tag!

Dienstag, 5. Mai 2020

# 48 - "Weanerisch is klass" - The Malformation (1971)

Ist Patriotismus gut? Darf man sich darüber freuen, ÖsterreicherIn zu sein? Was ist denn eigentlich dieses Österreichische? Der Wiener Charme, Salzburger Nockerl, das Grantln, das Z'sammsitz'n oder die unfassbar große Bandbreite an sympathischen Schimpfwörtern, die so in keiner anderen Sprache funktionieren?

Was auch immer es genau ist, ich hab eine große Begeisterung für diese (heute) ein wenig eigentümlich wirkende Musik!




THE MALFORMATION
A: I steh' auf di (M & T: Georg Danzer)
B: Weanerisch is klass (M & T: Georg Danzer)

1971, EMI Columbia, E 006 33 041
produziert von René Reitz

"Wie diese Dialektwelle, die heute als Ursprung des sogenannten 'Austro-Pop' verstanden wird, wirklich begonnen hat, ist nicht ganz klar. Fix ist, dass es entgegen der gängigen Auffassung nicht die Gerhard-Bronner-Komposition 'Wie a Glock'n' war, die dieses Genre begründet hat.
Die Ursprünge in der damals sehr vitalen Wiener Folk-Szene zu vermuten, ist schon eher nahe liegend. Einige nennen Walter Frey, den Sänger der Wiener Underground-Band Jesus H.C., den eigentlichen Erfinder des Austropops. 1967 sei er bereits in Wiener Clubs mit der Interpretation bekannter Folk-Songs auf Wienerisch aufgetreten. 1969 fragte die ORF-Jugendredaktion bei der Wiener Folk- und Blues-Band The Worried Man Skiffle Group an, ob diese nicht Lust hätten, für eine Sendung ein paar Songs auf Wienerisch aufzunehmen. (...) Der im TV uraufgeführte Song 'Glaubst i bin bled?' führte daraufhin sieben Wochen die österreichische Hitparade an und öffnete dem Mundart-Pop Tür und Angel. 1970 toppte Columbia diesen Erfolg mit dem Mega-Seller 'Wie a Glock'n' von Marianne Mendt (...).

Die Vermarktbarkeit dieses neuen Dialektphänomens bewegte einige österreichische Bands dazu, von Englisch auf Wienerisch umzusatteln. Die Lost Generation zum Beispiel, die schon eine englischsprachige Single eingespielt hatten, brachten im neuen, zeitgemäßen Gewand mit 'Hau di am Dampfer, Zwutschkerl' einen der fiesesten Put-down-Songs aller Zeit heraus. (...) Columbia legte nach. Innerhalb kurzer Zeit wurden neue Bands ins Rennen geschickt, die alle nach der gleichen Rezeptur gestrickt waren: Englischer Name, Wienerischer Gesang, derber Humor und harter Sound. Eine der profiliertesten war die Formation The Madcaps, die vier Singles und ein Album herausbrachten. Der junge Georg Danzer, der sich in den Jahren zuvor mit wenig Erfolg an einer Solo-Karriere versucht hatte, stieg nach der ersten Single (...) in die Band ein, war aber weiterhin auch als Komponist für andere Künstler tätig. So schrieb er auch für The Malformation den Song 'Weanerisch is klass', der als Hymne für dieses junge - von später folgenden Peinlichkeiten noch völlig verschonte - Genre 'Austro-Pop' verstanden werden kann." (Al "Bird" Sputnik, Trash Rock Archives - Part 1: Beat in Österreich - Die Sechziger Jahre)


Diese ursprüngliche Art von Austro-Pop ist wirklich spannend, da man diese Musik - meiner Meinung nach - mit keiner anderen musikalischen Gattung auch nur ansatzweise vergleichen kann. Federführend für diese musikalische Weiterentwicklung war definitiv Georg Danzer (1946-2007), dem nach dem großen Erfolg von "Tschik" (1972 unter Pseudonym) erst 1975 mit "Jö schau" auch ein Hit unter seinem bürgerlichen Namen gelang.

Mitglieder von "The Malformation" (zu deutsch: die Missbildung) waren
Stefan Haselmayer
Ludwig Kalkus
Karl Mayerhofer
Albin Wegerbauer
Bernd Zischka

Nach zwei Singles in "weanerisch", orientierte sich die Band wieder an englischer Popmusik und wurde zu Österreichs einziger Glam-Rock-Band (a la Sweet).
Zwischen 1971 und 1976 brachte The (New) Malformation insgesamt sieben Singles auf den Markt.




I steh' auf mi söba
Heut' is alles leiwand
Hat vielleicht von euch no irgendwer an Einwand - ha?
I brauch kane Häuser, dass ma amoi guat geht
I brauch nur an Sound, der was ma untern Huat geht - jo

I brauch kan Blues mehr und kan Underground
Weu i sag: Weanerisch is klass
Und die Erkenntnis stesst mi au'n G'wand
I bin auf nix mehr anders haas

Endlich bin i frei, weu i jetzt die Musik hab
Die ma alles gibt, was i heut' fir a Glick hab - jo!
Weanerisch is klass, des war scho längstens föllig
I steh' auf mi söba, i bin richtig söllig - jo 





Da muss man doch gar nichts mehr extra dazusagen, oder? Sunst kaunst di übad'Häusa hau'n, wenn'st a Problem host ... fong jetzt gfölligst kan Ballawatsch an und hau di am Dampfer, Zwutschkerl!

All jene, die mit dieser sprachlichen Varietät wenig anfangen können bzw. die starke Verständnisschwierigkeiten haben, kann ich nur sagen: Die Musik ist geil. Und wenn man's nicht versteht, auch wurscht (wer versteht schon die Texte von französischen Chansons  ...)!

Habt trotz bescheidenem Wetter einen möglichst leiwand'n Tag!

Donnerstag, 23. April 2020

# 36 - "I steh' nur auf Italiener" - Margit P. (1986)

Für die heutige Songvorstellung müssen wir nicht so weit reisen: es geht nach Bayern! Thema des heutigen Songs ist wieder einmal Liebe in einer besonderen Form.
(Ich habe übrigens schon lange kein Schallplattencover mehr so laut "Hey, schau mal, wir sind die 80er!!" schreien gesehen, wie dieses!)




MARGIT P.
A: I steh' nur auf Italiener (M: Lenz Hauser & Herbert Heudecker / T: Herbert Heudecker)
B: I mog di [Piove] (M: Domenico Carlucci / dt. T: Lenz Hauser & Siegfried Labenz) 

1986, Koch-Records, AS 145.267
produziert von Lenz Hauser

Margit P. wurde 1963 als Margit Petraschka geboren und lebte damals im niederbayerischen Eggenfelden. Bekannte Persönlichkeiten, die ebenfalls dorther kamen, sind die deutsche Kabarettistin Lisa Fitz und der seit 2018 verschollene Sänger Daniel Küblböck.
Bereits in der Schule war sie musikalisch aktiv, spielte Saxophon, sang in unterschiedlichen Formationen und hatte eigene Bands. Sie arbeitete damals als Friseurin. Margit brachte es immerhin auf eine Hand voll Schallplattenaufnahmen. Weitere Titel waren beispielsweise "Kinderaugen", "Bodybuilding", "Ui, i bin im Radio" und "September in Rimini".

Mit ihrer Eigenkomposition "Der Sonne entgegen" versuchte sie 1986 ihr Glück beim deutschen Vorentscheid für den Grand Prix d'Eurovision, landete damit aber nur auf Rang 9. Diesen Bewerb konnte Ingrid Peters mit "Über die Brücke geh'n" für sich entscheiden (beim ESC belegte sie Platz 8).

Das ganze lange Jahr hab' ich gespart für meinen Urlaub in Italia
Ich hab' dafür einen guten Grund, drum muss ich immer wieder hin
Es liegt nicht an der Sonne oder an dem weißen Strand der blauen Adria

Es ist was völlig anderes, das geht mir einfach nicht mehr aus dem Sinn

--> Gut, dass dieser Song aus dem Jahr '86 ist - damals, als man noch ohne Probleme nach Italien fahren konnte. Durch den Corona-Ausbruch wird der Traum von "Bella Italia" wohl noch für einige Zeit ad acta zu legen sein :/ Die gute Margit müsste heute ihr gespartes Urlaubsgeld wohl für einen Trip nach Salzgitter, Detmold, Buxtehude oder Bad Salzuflen ausgeben.

Jo i steh nur auf Italiener
Auf Spaghetti, Vino, Pizza, Amore, o la la 
Und nächstes Jahr, do kumm i wieder
Denn meine Papagalli s
an sicher wieder da

--> Dennoch zeigt sich Margit bescheiden. Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen - daher ist die Reihenfolge Nudeln, Wein, Pizza, Liebe ganz klar vorgegeben. Für meinen Geschmack fehlt noch eine ordentliche Portion Gelato, aber man muss ja nicht alles haben - kommt ja auch auf die Menge an! ;)

Im letzten Urlaub hab' ich mir gedacht, ich hätte ihn gefunden
Schwarze Haare, blauen Augen und mit einer sportlichen Figur
Braungebrannt und wie er von sich selber sagt auch nicht gebunden
Doch er war kein Italiano, von Temperamento keine Spur

--> Tragisch, dass sich der vermeintliche Italiener dann doch als Flop herausgestellt hat. Wie sie trotz der intensiven Informationseinholung getäuscht werden konnte, ist nicht überliefert. Anscheinend hat ihn aber im entscheidenden Moment sein "Temperamento" verlassen. Das ist natürlich blöd. Weiche Nudeln können ja bekanntlich nix, die müssen schon "al dente" sein ;)

Refrain

Bella Italia
Bella Italia
Bella Italia
Bella Italia

Refrain




Margit P. hat sich dann Ende der 80er-Jahre wieder aus dem professionellen Musikgeschäft zurückgezogen. Was sie heute genau macht, ist mir nicht bekannt. Nur, dass sie verheiratet ist und heute Zitzelsberger heißt. Der Name spricht dafür, dass sie nicht mehr nur auf Italiener steht! ;)

Für diesen obskuren Liebesbeweis vergebe ich dennoch fünfmal Pizza Calzone und lege noch eine equisite Flasche Lambrusco drauf.

Wenn euch das Fernweh packt, schaut euch alte Urlaubsfotos an, esst Pizza (von mir aus auch tiefgekühlt), trinkt ein Glas Wein und überlegt euch Dinge, die auch abseits vom Sandstrand schön sind! :D

Samstag, 11. April 2020

# 24 - "Oh Muater" - Balthasar (1972)

Ostersamstag. Für viele ein besonderer Feiertag. Zumindest eine Art "Weihnachten light", in Bezug auf Essen und Familienansammlungen (normalerweise). Auch um Geschenke muss man sich im konkreten Fall glücklicherweise weniger Gedanken machen ;) Vor allem heuer nicht :(

Da wir das große musikalische "Kulinarik"-Wochenende einläuten, habe ich eine besondere Perle, eine Ode an die "moderne" Mutter gefunden :D (Und ja, es ist NATÜRLICH wieder eine Coverversion, wenn auch dieses Mal eine nicht ernst gemeinte)




BALTHASAR
A: Oh Muater [Mamy Blue - Ivana Spagna] (M: Hubert Giraud / dt. T: Werner Schüler-Steger)
B: Rama Damma (M: Ralf Nowy / T: Robert Jung) 

1972, Ariola 10 867 AU


Der 1947 als Wolfgang Freundorfer geborene "Balthasar" ("1,88 groß und drei Zentner schwer) wurde schnell zum "König der Bierzeltunterhaltung" in Deutschland, Österreich und der Schweiz - eines seiner größten "Talente" war nämlich das sehr schnelle Austrinken von Maß Bier (angeblich 6 Sekunden) ;) Es folgten noch weitere Parodien bekannter Hits, wie z. B. "Der Junge mit dem Hund von Monika" (Der Junge mit der Mundharmonika, 1973) oder "Marie, mir bleim dahoam" (Theo, wir fahr'n nach Lodz, 1974), ehe es nach 1976 musikalisch ruhig um ihn wurde. Später verlagerte sich auf das Schauspiel und stand auf zahlreichen Bühnen und auch für TV-Produktionen seinen Mann. Am bekanntesten war er vermutlich durch seine Rolle in der ARD-Telenovela "Sturm der Liebe", die er 2006 bis 2007 sowie 2010 verkörperte. Er starb im Januar 2020 nach längerer Krankheit.


Parodie-Versionen bekannter Hits waren stets ein lukratives Geschäft, umso mehr, wenn man jemanden mit einer besonderen Stimme hat, der das Ganze noch glaubhaft verkörpert!
Die Wahl fiel auf den Welthit "Mamy Blue", der nach anfänglichen Startschwierigkeiten 1971 einen Riesenhit für die spanische Gruppe "Pop Tops" und Ricky Shayne in Deutschland wurde.

Für Balthasar entschied man sich zu einer bayerischen Version. Und der traurige Song, in dem es um den Verlust der Mutter geht, wird hier anders interpretiert. Der überaus starke Alkoholkonsum der Mutter wird sozialkritisch thematisiert. Und diese Mutter trinkt nicht nur, nein, sie benutzt Alkohol als Mittel für und gegen alles ;)


Oh Muater
Oh Muater, Muater, bist schon wieder blau?

Oh Muater
Oh Muater, Muater, bist schon wieder blau?

Oh Muater
Oh Muater, Muater, bist schon wieder blau?

Oh Muater-Muater
Oh Muater, Muater, bist schon wieder blau?

Seitdem du hörst‘, dass d’Umwelt stinkt - Oh Muater
Und Schmutz uns in die Kniee zwingt - Oh Muater
Und glaubst, dass Schnaps desinfiziert - Oh Muater
Is‘ schlimm bei uns

In jedes Essen kippst du rein - Oh Muater
An Whisky, Wodka oder Wein - Oh Muater
Statt Kaffee in den Tassen drin - Oh Muater
Is Gin – mei Muater, muss des sein?

Refrain

Zur Körperpflege nimmst du Bier - Oh Muater
Deswegen ich mich schon genier‘ - Oh Muater
Die Hemden stärkst du mit Likör - Oh Muater
Ham die einen Duft – i holt des nimmer aus

Zum Waschen brauchst du echten Rum - Oh Muater
In Sekt schwimmt unser Goldfisch rum - Oh Muater
Der Kuckuck von der Kuckucksuhr - Oh Muater
Schreit zwölfmol – um sechse in der Fruah

Refrain

Mit Schnaps putzt du die Wohnung nur - Oh Muater
d’Toilette spült mit Whisky pur - Oh Muater
Die Luft is voller Alkohol - Oh Muater
Hol's der Teufel, jetzt wer‘ i a schon blau

Drum lieber Muater gib mir schon - Oh Muater
Auch einen zur Desinfektion - Oh Muater
Damit ich mich nicht noch ansteck‘ - Oh Muater
Im Umweltdreck - ja Muater, so schaut's aus

Refrain




In Zeiten von Corona, wo manche Menschen am liebsten alles desinfizieren möchten, ein absolut passender Song (und der Bezug auf den Umweltdreck ist heute aktueller den je). Aus diesem Grund vergebe ich stolze fünf von fünf Alkomaten für diesen heißen Partysong, den man auch ideal beim 70er von Oma Gisela anbringen könnte!

Für jene, die ein bisschen mehr Romantik haben möchten: Hier ein Live-Auftritt von Ricky Shayne (* 1944) mit der deutschen Version von "Mamy Blue" (#7 der Charts). Ricky, dessen Hemden meist bis zum Bauchnabel geöffnet waren, galt damals als ziemliches Sexsymbol und kam über Italien (aus dem Libanon) nach Deutschland, wo er bis heute lebt und noch immer auftritt. Einige Jahre betrieb er zuletzt einen Kiosk in Düsseldorf.

Weitere Hits von ihm waren "Ich sprenge alle Ketten" (#20, 1967), "Ich mache keine Komplimente" (#24, 1969), "Ginny, komm näher" (#13, 1971) und "Delta Queen" (#20, 1972).

Ob sein echter Name Rashid oder George Albert ist, gehört wohl zu den größeren Mythen, die um ihn und seine Herkunft gesponnen werden.




In diesem Sinne - stoßt mit eurer Mutter an (auf die Desinfektion) und falls ihr keine (mehr) habt, dann macht es trotzdem und denkt dabei ganz fest an sie! Frohe Ostern und bis morgen!

Dienstag, 24. März 2020

# 6 - "Der Schneemensch" - Madcaps (1972)

Es soll nicht so aussehen, als würde ich hier jeden Tag nur die schrecklichsten und schauderhaftesten Produktionen präsentieren. Nein. Heute gibt es sogar eine - meiner Meinung nach - besonders liebevolle Aufnahme.

Denn die Madcaps waren - wie ihr Name bereits verspricht - ein klein bisschen verrückt. Trotzdem sind sie prägend für die Entwicklung österreichischer Popmusik gewesen, da sie zu den ersten Interpreten zählten, die - professionell - im Dialekt sangen.



MADCAPS
A: Der Schneemensch (M: Georg Danzer & René Reitz / T: Georg Danzer)
B: No, na (M & T: Georg Danzer)

1972 / EMI Columbia 2E 006 33 081
produziert von René Reitz



Georg Danzer hat übrigens nicht nur zahlreiche Titel für diese Gruppe geschrieben, sondern gehörte ihr auch rund zwei Jahre selbst an - bis er mit dem legendären "Tschik" erste eigene Erfolge feiern konnte.
Davor hat er übrigens recht schöne, aber leider wenig erfolgreiche eigene Songs (im Udo-Jürgens-Stil) veröffentlicht und sehr viel für - damals - bekannte österreichische SängerInnen komponiert und getextet.


Doch kommen wir nun zum "Schneemensch". Immer schon waren die Menschen davon fasziniert, was wohl auf unserem Planeten irgendwo lebt(e) und als knapp 20 Jahre nach dieser Aufnahme der Ötzi entdeckt wurde (nicht der DJ!), war das eine große Sensation.

Die Madcaps waren in der Hinsicht bereits Pioniere und ließen ein wenig in die spezielle Lebenswelt dieser "Schneemenschen" einblicken ;) - all jene, die mit der österreichischen Sprachvarietät nicht so vertraut sind, erhalten unten stehend die "deutsche" Übersetzung:

Ich wohne am Dach der Welt
Ich lebe und brauche kein Geld
Weil ich nur ein Schneemensch bin

Die Leute, die fürchten sich
Was interessiert das mich,
Wenn ich nur ein Schneemensch bin?

Ich bin fast drei Meter groß
Dabei bin ich anspruchslos
Und es gibt rein gar nichts, was mich stört

Hier oben habe ich meine Ruhe
Und ich schau von oben zu
Wie sich unten die Menschheit schikaniert

Ich wohne am Dach der Welt
Ich lebe und brauche kein Geld
Weil ich nur ein Schneemensch bin

Ich bin etwas, dass du selten findest
Harmlos wie ein kleines Kind
Ich brauche nur (die) Kälte und (den) Schnee

Hier oben habe ich meine Ruhe
Und ich bin mir selbst genug
Jetzt seid ehrlich, wer ist da das "Weh"*?


* unter einem "Weh" wird ein Mensch verstanden, dessen Gutmütigkeit bis zum Exzess ausgereizt wird - die legendäre Wiener Gruppe "Worried Men Skiffle Group" hat mit "I bin a Weh" etwas später (1975) auf diese besonderen Menschen aufmerksam gemacht.



Parallel zu diesem Smash-Hit haben sie auch gleich noch versucht einen neuen Modetanz zu entwickeln, der auf der Rückseite des Singlecovers beschrieben wird.

Wer sich darunter jetzt absolut nix vorstellen kann (was ich in jeglicher Hinsicht verstehen kann), hat das große Glück, dass es von dieser "Performance" ein Video gibt, das ich an dieser Stelle zeigen kann:


Die Madcaps traten damit 1972 in der legendären ORF-Musiksendung "Spotlight" (die von 1968 bis 1978 lief und von Peter Rapp moderiert wurde) auf und präsentierten die ausgewählte Choreographie in obskuren Pelzmänteln (von der Oma?) in einer - nostalgisch-betrachtet - rührig naiven Bluescreen-Szenerie! (DAS war damals technisch wirklich etwas Besonderes!)

Ich vergebe fünf von fünf Nerzkappen!

Nachdem Schnee inzwischen ziemliche Mangelware ist, gibt es wohl keine "echten" Schneemenschen mehr (auch wenn sie ziemlich genügsam sind). Für langweilige Corona-Tage empfehle ich daher das Einlernen der Choreographie, falls es doch noch - klimawandelbedingt - zu einer neuerlichen Eiszeit kommt! Huh!