Obskures, Skurriles, Schauriges und manchmal sogar Schönes aus der Welt der deutschsprachigen und internationalen Musikszene - mit Schwerpunkt auf den 60er- und 70er-Jahren. Inklusive Nostalgiebonus und einem großen Augenzwinkern ;)
Gestern hat mich tatsächlich die Nacht - oder vielmehr der Schlaf - so überrumpelt, dass ich dann keinen zweiten Eintrag mehr geschafft habe. Das hole ich hiermit nach und mache mich dann sogleich an den heutigen!
Bei den Pasaremos handelte es sich um eine (politische) Gesangsgruppe, deren Mitglieder, soweit ich das eruieren konnte, Studierende der TU Dresden waren. Die Gruppe formierte sich 1967 und löste sich vermutlich Anfang der 70er-Jahre auf. Mitglieder waren u. a. Barbara, Bernd Rump (* 1947), Birgit, Dagmar, Helmut, Heiner, Sabine und Stefan. Die Gruppe war teil der DDR-Singbewegung und ist mit einigen Titeln auf verschiedenen Alben vertreten. Der Name der Gruppe geht auf eine Brigade im spanischen Bürgerkrieg zurück. Der vorliegende Titel wurde dann - mit abgewandeltem Text - auch von der FDJ genutzt. Dran und drauf Drauf und dran Kommt wir fangen mit der Arbeit an Mann und Frau Frau und Mann Kommt wir fangen mit der Arbeit an
Immer mehr muss jeder wissen Wer es schaffen will, studiert Um die Vielfalt zu erfassen Wird die Uni reformiert
Refrain
Morgen gilt es zu beherrschen Elektronik, Energie Und die große Produktivkraft Wissenschaft und Industrie
Refrain Auch Chemie wird großgeschrieben Und beim Studium bedacht Weil sie reich und uns're Mädchen Immer attraktiver macht
Überall wohin wir schauen Neue Häuser und viel Licht Jede Stelle noch zum Bauen Doch man selber baut sich nicht
Refrain
Das Lied (und vor allem das Video) geben einen Einblick in das Studentenleben der DDR in den späten 60er-Jahren. Im Gegensatz zu Westdeutschland war es in der DDR ja ein großes Ziel, dass auch Frauen Berufe ausüben und die Universität besuchen (sofern sie loyal zum Staat waren ... sonst sah das Ganze schnell anders aus). Das Ganze hat natürlich 50 Jahre später einen seltsamen und auch lustigen Beigeschmack. Mein persönlicher Favorit ist definitiv die vorletzte Strophe: Auch Chemie wird großgeschrieben Und beim Studium bedacht Weil sie reich und uns're Mädchen Immer attraktiver macht So schön wurde die chemische Verschönerung von Frauen auch noch nie besungen ;) Eine Ode an die künstliche Optimierung! So ... und jetzt fang ich mit der Arbeit an!
Heute habe ich etwas ganz Besonderes ausgegraben. Eines meiner absoluten Lieblingslieder. Zugegeben, es ist ziemlich skurril und dessen Thematik besonders, aber in Zeiten wie diesen ist mir jedes Mittel recht ;)
Das Bild zeigt die beiden bei ihrem Auftritt auf der Burg Waldeck 1967
ELKE & ALEXANDER
Der schöne Alfred (M: Pete-Alexander Kugler & Elke Nicolaisen-Gerstenberg / T: Rudolf Alexander Schröder)
1967, Live-Mitschnitt vom Festival auf der "Burg Waleck" CD "Burg Waldeck Festival 1967. Chanson, Folklore, International. Eine Dokumentation" (studio wedemark, 2004)
Der Text basiert auf einem Gedicht von Rudolf Alexander Schröder (1878-1962), einem deutschen Schriftsteller und Dichter, der u. a. mit Hugo von Hoffmansthal 1913 die "Bremer Presse" gründete. 1950 schrieb er die von Hermann Reute vertonte "Hymne an Deutschland", die sich letztlich aber nicht als neue Nationalhymne durchsetzen konnte.
Da liegt er nun, der schöne Knabe Oh Freunde weint an seinem Grabe Und singt mit lautem Klaggetön'
Der gute Alfred war so schön, so schön Der gute Alfred war so schön Der gute Alfred war so schön, so schön Der gute Alfred war so schön
Es kommen 180 Frauen In Trauerkleidern, langen grauen Und singen auch mit Klaggetön'
Refrain
Es kommen Fräuleins an, dreitausend Vor Kummer bleich, vor Schrecken grausend Und singen auch mit Klaggetön'
Refrain
Es kommen 30 holde Knaben Um ihren Abgott zu begraben Und singen auch mit Klaggetön'
Refrain
Der ganze Friedhof steht voll Herren Die alle ihrem Kummer wehren Und singen auch mit Klaggetön'
Der gute Alfred war so schön, so schön Der gute Alfred war so schön - kann man wohl sagen Der gute Alfred, ja, war so schön Der gute Alfred war so schön
Ja selbst die dieses Lied hier hören Geh'n sie nach Haus, ich möchte schwören Sie singen auch mit Klaggetön'
Refrain Was soll ich sagen? Ich glaube ich habe noch niemals ein originelleres Lied über eine Beerdigung gehört! Zudem finde ich das Arrangement äußerst gelungen und wie die beiden stimmlich die unterschiedlichen Trauergruppen darstellen, erfreut mich nach wie vor mit nie enden wollender Heiterkeit. Dafür gebe ich beiden stolze fünf von fünf Taschentüchern! Bis vor einigen Wochen waren es bloß Elke und Alexander für mich. Sämtliche Rechercheversuche scheiterten gnadenlos. Mein heutiger Google-Versuch führte auf einmal ihre Identitäten zutage. Ein erfreuliches Gefühl, wenn aus den Stimmen zweier Namen auf einmal "echte" Menschen werden und man auch Bilder der beiden findet. Und nun haben sie eine Identität bekommen: Elke Nicolaisen-Gerstenberg (* 1944) und Peter-Alexander Kugler-Righetti (1944-1988). Die Grafikerin und der Germanist lernten sich 1965 kennen. Zuvor hatten die beiden bereits unterschiedliche Erfahrungen in der Berliner Jazz- und Folkloreszene gesammelt. Nun begannen die beiden zusammenzuarbeiten und suchten nach interessantem Liedmaterial, das sich positiv abhob. In diesem Zusammenhang lernten sie Volker von Törne (1934-1980) kennen und seine Texte lieben. Ein Kritiker schrieb über die beiden: "Elke und Alexander sind Bänkelsänger von der leisen, der durchtriebenen Art, der rüde Protest und der schrille Aufschrei sind nicht ihre Art, dagegen der leise Hohn, die subversive Sanftmut, die diskrete Kritik. Mit diesen Liedern reiben sie Salz in die Wunden, die die deutsche Geschichte den Bürger zufügte, die sich die Bürger selbst zufügen."
Von Elke und Alexander gibt es leider nur wenige Aufnahmen: "Das Attentat" (CD-Box "Die Burg Waldeck Festivals 1964-1969", Bear Family, 2008) "Kudamm-Bummel" (LP "Steve Club Berlin", Thorofon, 1969) "Lied über den Terroristen Karl-Heinz Pawfla" (LP "Steve Club Berlin", Thorofon, 1969)
Aber es gibt eine LP:
Elke Nicolaisen und Alexander Righetti singen Volker von Törne - Im Lande vogelfrei (Sound-Star-Ton, 1983) Auf der Elbchaussee / Ballade vom braven Mann / Ballade von Helga M. / Beim Straßenbau / Die apokalyptischen Reiter / Frei wie ein Vogel / Im Fabelreich / Kinderlied / Küchenlied / Lied über den Terroristen Karl-Heinz Pawla / Lied von den Helden in dieser Zeit / Kudamm-Bummel / Not War Elke ist bis heute noch als Liedermacherin - unter dem Namen "Elke Querbeet" - vor allem in Berlin aktiv und tritt immer wieder auf.
Da ich diesen Blog mitunter auch als Bildungsauftrag verstehe, gibt es hier einen kurzen, aber nicht minder kritischen, TV-Bericht über das Festival auf der Waldeck von 1966. Es hat einen ungeheuren Charme, wie sich pseudo-despektierlich über die schreckliche Jugend, die dorthin pilgert, geäußert wird. Zudem wird es mit ein paar wenigen schönen und zahlreichen ziemlich obskuren musikalischen Beiträgen angereichert. Ansehen höchst empfehlenswert!
Was zeigt uns dieses Lied in Zeiten wie diesen? Wenn man einen Menschen verliert, ist das unfassbar traurig. Aber woran soll man denken? An das Gute, an das Schlechte? An das Erlebte, an das Versäumte? An das Schöne.
"Am Grab der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben."