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Donnerstag, 3. Dezember 2020

# 136 - "Lügen" - Goldie Ens (1972)

Das Spannende an früheren musikalischen Talentwettbewerben (alias Castingformaten) ist, dass reproduzierende Sänger eher in der Minderheit waren. Die meisten konnten und wollten nicht nur eigene Songs machen, sondern es war eine Art Teilnahmebedingung. Heute heißen diese Gestalten "Singer-Songwriter", damals waren es einfach Sänger, die eigene Musik machen wollten. Beeindruckend - heute schaffen es viele Kandidaten nicht einmal mehr selbstständig die Bodenmarkierung vor der DSDS-Jury zu finden ...
Allerdings gab es damals doch auch manche Entscheidungen, die man nicht verstehen konnte. Es gab nämlich dann auch noch beliebte Haus- und Hof-Schreiberlinge, die natürlich auch in irgendeiner Art und Weise befriedigt werden mussten. Und so gelangten dann auch ihre Lieder in diese Veranstaltungen und wurden den jungen Künstlern mit dem fröhlichen Motto "friss oder stirb" vorgesetzt. Und da gab es schon die eine oder andere "Krot" (dialektal für Kröte), die geschluckt werden musste ...



GOLDIE ENS

Lügen (Autor: unbekannt)

1972, nicht auf Schallplatte veröffentlicht


Die 1954 als Ursula Wratschko in Kapfenberg geborene Sängerin, besuchte die Handelsschule und studierte Musik in Salzburg. Bereits als Kind lernte sie zunächst Klavier und später Gitarre. Den Namen "Goldie" verpasste sie sich - in Anlehnung an Goldie Hawn - selbst. 1972 bewirbt sie sich bei dem von Ö3 und ORF initiierten bundesländerübergreifenden Talentwettbewerb "Show-Chance" und kommt bis ins Finale. Trotz eines eher eigenwilligen Songs erreicht sie Platz 5 und bekommt einen Plattenvertrag. Den Nachnamen "Ens" gibt es frei Haus dazu. 1973 erscheint ihre erste Single ("Meine Stadt"), mit Texten von Alfred Komarek. In weiterer Folge wird Lance Lumsden ihr Manager. Ihren Durchbruch erzielt sie 1974 mit der Single "Goodbye Joe". Fortan singt sie als eine der wenigen österreichischen Künstler(innen) nur noch englisch. Weitere erfolgreiche Titel waren "Tuesday" (1974), "Disco Baby" (1976, #18) und "Can I reach you" (1979).
Nachdem ein deutsches Album mit eigenen Texten nicht realisiert wurde, stieg sie Ende der 70er-Jahre aus dem Popgeschäft aus und ging nach Amerika. In den 80er-Jahren startete sie ein erfolgreiches Comeback in der damaligen Tschechoslowakei, wo sie mehrere Schallplatten veröffentlichte. Für ihr Album "This is my Love" (1983) erhielt sie sogar eine Goldene Schallplatte.
Goldie Ens, die heute Ursula Polster heißt, betreibt den "Wohnsalon P." im ersten Wiener Gemeindebezirk und steht noch gelegentlich als Einrichtungsberaterin im ORF vor der Kamera.


Glas zerbricht - war es nur Verseh'n?
Er sieht mich an, kann er versteh'n
Dass Zank und Streit keine Zukunft baut
Und deshalb nur die Trennung bleibt

Ich hab' versucht, tolerant zu sein
Doch einmal hab' auch ich genug
Einmal hab' auch ich genug
Die größte Liebe geht vorbei

Lügen zerstören was man Liebe nennt
Weil die Wahrheit immer siegen wird
Lügen zerstören was man Liebe nennt
Weil die Wahrheit immer siegen wird

Der Zug fährt ab
Und die Nacht umhüllt mein Sein
Die Frage bleibt
Ob ich ihm je verzeihen kann

Auch ich hab' Schuld, das muss ich eingesteh'n
Doch sicher liegt's nicht nur an mir
Wer Fehler macht, der zahlt dafür
Und wenn dabei das Glück zerbricht

Refrain


In diesem Fall verstehe ich ganz klar, warum es mir bis dato (nach über zehn Jahren!) nicht gelungen ist herauszufinden, wer für diesen Titel verantwortlich ist. Wäre ich die Person, ich würde alles daran setzen, dass das auch weiterhin so bleibt.
Also wer auf die Idee kommt, einer 17jährigen äußerst ansehnlichen jungen Frau so einen Titel zu verpassen wird sich mir vermutlich niemals erschließen. Zudem verdient der Song definitiv den ersten Preis in der Kategorie: "Sperrigste Refrain-Zeile aller Zeiten". 

Ihr habt aufgepasst? Es geht schon wieder um ein Beziehungsende! Wieder so ein Heini, der scheinbar mehrgleisig gefahren ist und dessen interner Spitzname vermutlich "Münchhausen" ist. Zudem hat er anscheinend nichts Besseres zu tun, als noch das gute alte Erbgeschirr zu zerdeppern, nur um über seine eigenen Fehltritte hinwegzutäuschen. 

Folgende Passage (ich habe übrigens aufgegeben herauszufinden, ob dieses Lied in irgendeiner Form ein Reimschema besitzt) finde ich übrigens besonders faszinierend:

Der Zug fährt ab 
Und die Nacht umhüllt mein Sein
Die Frage bleibt
Ob ich ihm je verzeihen kann

Dem Autor dieses Liedes kann man definitiv nicht verzeihen, dass die arme Goldie diesen Schmachtfetzen singen muss. Herzlichste Gratulation meinerseits, dass es so würdevoll schafft. Für den Autor hieß es hoffentlich auch: "Der Zug fährt ab" (nach Nirgendwo).



Das Goldie allerdings wirklich etwas (musikalisch) auf dem Kasten hat und zu recht als österreichische "Disco Queen" bezeichnet wurde, zeigen ihre späteren Titel, wie z. B. "Disco Baby". Hier beweist sie mit lebensbejahender Freude und Power, was so in ihr steckt. 
Für alle Zartbesaitete unter euch: Achtet nicht zu genau auf die Umgebung. Ich habe auch jedes Mal große Sorge, dass sie im schummrigen Kellergewölbe mit spärlicher Lichtzufuhr stolpert und rückwärts die Stiege runterfällt. (Spoiler: Es passiert zum Glück nichts!)

Dance, dance, dance, Disco Baby
Playing around at the Girls
Run, run, run, Disco Lover
I won't get caught in your Arms

You're Casanova
Oh Lady Killer
No time to Lover
Oh Casanova

Turn, turn, turn, Disco Baby
Sending Kisses away
Flash, flash, flash, Disco Baby
You can't win anyway

Refrain

Burn, burn, burn, burn, burn, you're a Liar
Burn, burn, burn, burn, burn, you're a Liar
Burn, burn, burn, burn, burn, you're a Liar
Burn your Lie
Burn your Lie
Burn

Fly, fly, fly, Disco Baby
Call me up every Day
Smile, smile, smile, Disco Baby
My Love won't change anyway

Refrain

You're a Liar, Baby
Keep on dancing, Baby
You're a Liar
You're a Liar
You're a Liar


Ab jetzt gibt's nur noch die Wahrheit, weil nur die Wahrheit siegen wird. Hoffen wir das Beste - auch für unsere Regierung ;)

Donnerstag, 2. Juli 2020

# 104 - "Feuerrote Ohren" - Heidi Czaikowski (1971)

Heute gibt's was auf die Ohren: im wahrsten Sinn des Wortes! ;)




HEIDI CZAIKOWSKI
A: Feuerrote Ohren (M & T: Fred Oldörp)
B: Er ist der Größte (M & T: Josef Niessen & Fred Rauch)

1971, Metronome, M 25 371
produziert von Hans-Jürgen Früchtnicht



Fred Oldörp arbeitete ab den 50er-Jahren nicht nur als Komponist und Texter, sondern sang auch selbst. Titel von ihm sind "Meine Braut ist bei der Feuerwehr" (Ralf Bendix, 1963), "Es ist nicht alles Gold, was glänzt" (Vico Torriani, 1966), "Geh' doch nicht am Glück vorüber" (Howard Carpendale, 1970), "Hand aufs Herz" (Manuela, 1974) oder "Im Salzkammergut da gibts kein Heiratsbüro" (Maria & Margot Hellwig, 1976).

Über die Sängerin Heidi Czaikowski ist leider wenig bekannt. Sie wurde 1953 als Tochter jüdischer Eltern, die aus Polen vertrieben wurden, in Regensburg geboren. Sie besuchte ein Gymnasium und studierte am Richard-Strauss-Konservatorium in München. Ihr Berufsziel war damals (1971) Lehrerin. Für den Bayerischen Rundfunk sang sie Volkslieder in hebräischer Sprache. Ein Auftritt im "Talentschuppen" brachte ihr schließlich einen Plattenvertrag ein.
In den 80er-Jahren erscheinen Titel, die sie als Komponistin anführen: "Talisman" (Venus, 1981) und "Summernights" (1986, Dan Byrd). Ob es noch weitere Veröffentlichungen gibt, konnte ich noch nicht eruieren.
Heute lebt sie in Antwerpen.


Feuerrote Ohren kriegst du immer, wenn du lügst
Feuerrote Ohren kriegst du, wenn du mich betrügst
Feuerrote Ohren, die verraten dich im Nu
Da hilft auch kein "I love you"

Deine schönen Märchen glaube ich dir nicht
Das seh' ich gleich immer an deinem Gesicht
Schau' doch in den Spiegel, du wirst ja ganz rot
Darüber lach' ich mich halb tot

Refrain

Du kennst jedes Mädchen, hier in uns'rer Stadt
Drum bist du für mich kein unbeschrieb'nes Blatt
Ich ertapp' dich immer, denn ich bin nicht dumm
Ich lach' nur und sag' dir, warum

Refrain






Bühne frei für Heidi "der personifizierte Lügendetektor" Czaikowski! Das ist ja mal wieder ein Lied, oder? Ich frage mich wirklich immer, wer auf solche Ideen kommt. Sitzt man da zu Hause und denkt sich: "Mmmh ... ich würde gerne ein Lied über Untreue schreiben. Es sollte aber ein fröhlicher Schlager sein. Woran erkennt man so ein Verhalten bloß optisch?". Da es in den frühen 70er-Jahren (glücklicherweise noch) keine Talkshows mit Lügendetektor-Test gab, mussten Menschen mit dem Hang zum Seitensprung anderweitig überführt werden. Hilfreich ist, wenn man ein scharfes Auge für jedes noch so kleine Detail hat.
Und unsere Heidi ist da eindeutig führende Expertin, erkannte sie doch bei ihrem Boy, dass dieser nach dem "Außer-Beziehungs-Betthupferl" immer äußerst rote Ohren hat, wenn er sich gerade wieder - ertappt-fühlend - in Rage redet und sich in ein Netz aus Lügen und Ausreden verspinnt.
Unglücklicherweise scheint sich der feine Herr aber sehr häufig anderweitig zu amüsieren, denn sonst wäre die Indizienkette nicht so stark ausgeprägt. Warum sich die liebe Heidi das aber gefallen lässt, ist mir nicht klar. Denn ein schnödes "I love you" reicht ihr ja nicht. Möglicherweise hat er auch ein paar Qualitäten, die so schnell nicht anderweitig zu finden sind, weshalb eine einseitige offene Beziehung für sie zwar ein lästiges Übel, aber doch hinnehmbar ist? Hoffen wir mal, dass sie ihn nicht irgendwann "inflagranti" mit ihrer besten Freundin, seiner Ex oder ihrem Vater ertappen muss ...

Heidi Czaikowski war sicherlich eine talentierte Sängerin. Ihre hebräischen Lieder für den Bayerischen Rundfunk würden mich sehr interessieren. Dieser Song ist wieder mal ein Beweis dafür, dass auch durchaus guten Sängerinnen damals - durch "eher bescheidene" Titel-Auswahl (für die sie selbst ja nichts kann) - wenig Chancen auf eine vielversprechende Karriere hatten. 

Wir haben jetzt allerdings zumindest gelernt, dass feuerrote Ohren nicht nur ein Anzeichen für Fieber (Corona-Alarm!!!), sondern auch für Lügen und Untreue sein können. Achtet mal bei eurem Partner oder eurer Partnerin darauf. Holt euch aber lieber eine zweite Meinung ein, bevor ihr zum Rundumschlag oder einer Zwangsquarantäne ausholt ;)