Obskures, Skurriles, Schauriges und manchmal sogar Schönes aus der Welt der deutschsprachigen und internationalen Musikszene - mit Schwerpunkt auf den 60er- und 70er-Jahren. Inklusive Nostalgiebonus und einem großen Augenzwinkern ;)
Heute greife ich den morgigen Beitrag, weil es thematisch gerade so gut dazu passt, vorweg. Und nein, ich bin kein Feminist - ganz und gar nicht. Allerdings habe ich in meiner beruflichen Tätigkeit als Sexualpädagoge (Gott sei Dank) gelernt, über den Tellerrand zu blicken und mich kritisch mit meiner Umwelt (und beiden Geschlechtern) auseinanderzusetzen. Seht dies als kostenloses Aufmerksam-Machens meinerseits an. Am Wochenende kommt dann wieder heiterer und/oder belangloser Trash.
SCHNEEWITTCHEN Der Mann, das ist ein Lustobjekt (M: Angi Domdey / T: Holger Güssefeld) ausgekoppelt aus der LP "Zerschlag' deinen gläsernen Sarg" 1978, Philips
Bereits vor drei Wochen habe ich einen Beitrag über die Gruppe Schneewittchen gemacht - nähere Informationen über die Gruppierung sind dort nachzulesen. Ich finde es allerdings äußerst spannend, dass gerade dieser Text von einem Mann stammt! Mein Freund steht auf dem Fußballplatz Und ich steh' in der Küche Er nennt mich seinen liebsten Schatz Doch das, das sind nur Sprüche
Noch nie hat er den Tisch gedeckt Er könnt sich was verstauchen Ja, der Mann, das ist ein Lustobjekt Und sonst nicht zu gebrauchen Der Mann, das ist ein Lustobjekt Und sonst nicht zu gebrauchen
Ich werd' ihn heute seinen Fraßen Alleine kochen lassen Ich hole mir wo anders Spaß Adieu, ihr Untertassen
Adieu, mein Kochtopf, heut fließt Sekt Heut' gibt es Hasch zu rauchen Ja, der Mann, das ist ein Lustobjekt Und sonst nicht zu gebrauchen Der Mann, das ist ein Lustobjekt Und sonst nicht zu gebrauchen
Der Mann, das ist ein Lustobjekt Oh, das hab ich begriffen Und wenn die Männer, das erschreckt Wird ihnen was gepfiffen
Ab heut', da müssen alle ran Bis sie den Geist aushauchen Der Mann, das ist ein Lustobjekt Und sonst nicht zu gebrauchen Der Mann, das ist ein Lustobjekt Und sonst nicht zu gebrauchen
Und wenn der Neue streicheln kann Und schöner als der Alte Dann bleib' ich bei dem neuen Man Bevor ich ganz erkalte
Dann werd' ich von ihm heiß gestreichelt Bis die Matratzen hauchen Oh, der Mann, das ist ein Lustobjekt Und sonst nicht zu gebrauchen Der Mann, das ist ein Lustobjekt Und sonst nicht zu gebrauchen
Wenn einer nicht mehr funktioniert Und anfängt zu querelen Ja, das er an meiner Lust krepiert Ja, dann, ja meiner Sinnen Geb' ich ihm ein paar Euroschecks Dann kann er sich was kaufen Ja, der Mann ist halt nur für den Sex Und sonst nicht zu gebrauchen Der Mann ist halt nur für den Sex Und sonst nicht zu gebrauchen
Ja dürfen Frauen so etwas sagen!? Natürlich dürfen sie ... und jeder von euch ertappt sich wohl dabei, dass es da die eine oder andere Phrase gibt, die man sich umgekehrt vielleicht auch schon einmal gedacht hat. Ich lasse diesen Blickwinkel jetzt einfach so auf euch wirken. Lasst euch nicht unterkriegen und wir sehen (und hören) uns am Wochenende wieder mit etwas "leichterer Kost" ;)
All jene, die den Beitrag "Männerwelten" von Joko und Klaas nicht gesehen haben, empfehle ich, dies hier nachzuholen. In solchen Situationen schämt man sich wirklich ein Mann zu sein. Es ist mir ein absolutes Rätsel, weshalb sich gerade die primitivsten aller Umgangsformen bis in die Neuzeit durchgesetzt haben und man fragt sich, ob sich Männer auch heute noch gerne ihr Hemd zerreißen und - nach erfolgreichem Beutezug - gorilla-haft die Fäuste auf ihre Brust schlagen würden, während sie feierlich Brunftgeräusche von sich geben. Leider werden Frauen - nicht nur die, die in der Öffentlichkeit stehen - häufig nur noch als Lustobjekt angesehen und auf ihren "sexuellen Marktwert" reduziert (aus diesem Grund gibt es heute noch etwas später einen zweiten Eintrag)!
STEPHANIE LINDBERGH A: Fühl' mich [Feel me - Baccara] (M: Rolf Soja / dt. T: Peter Zentner)
B: Komm zu mir (M: Rolf Soja / T: Peter Zentner)
1977, RCA, PB 5550 produziert von Rolf Soja Peter Zentner arbeitete - meist gemeinsam mit Rolf Soja - vor allem für Baccara, Lesley Hamilton sowie Waterloo & Robinson. Später auch für Vicky Leandros, Gitte, Peter Maffay, Matthias Reim und die Klostertaler. Stephanie Lindbergh wurde 1952 in der Schweiz geboren und arbeitete zunächst als Kellnerin, ehe sie 1971 entdeckt wurde. Jahre später - nachdem sie Gesangs-, Ballett- und Gitarrenunterricht genommen hatte - wurde der spätere Baccara-Produzent auf die Sängerin mit der schönen Alt-Stimme aufmerksam und baute sie zunächst als "Nachfolgerin" der 1969 tödlich verunglückten Alexandra auf. Nicht nur, dass sie tatsächlich von Alexandra geschriebene, aber unveröffentlicht gebliebene, Titel sang ("Das Märchen einer Frühlingsnacht", "Nur einen Sommer lang" und "Kinderjahre"), war auch Fred Weyrich, der auch Alexandra produzierte und für sie schrieb, an dieser Produktion beteiligt. Man könnte also annehmen, dass ursprünglich für Alexandra geplante Titel mit Stephanie Lindbergh - der man übrigens auch den markanten Pagenkopf verpasste - umgesetzt wurden. Dennoch war es ihr stets unangenehm, dieses Image auferlegt bekommen zu haben und die Versuche, sie als deutsche Disco-Sängerin (mit deutschen Baccara-Titeln) zu promoten, scheiterten - sie war bereits in ihrer Schublade gefangen. Nach sieben Singles und zwei Alben zog sie sich 1981 ins Privatleben zurück. 1998 startete sie ein kurzes Comeback als Teilnehmerin des Schweizer Vorentscheids zum Grand Prix der Volksmusik. Heute hat sie als Therapeutin im Bereich autogenes Training und Hypnosetherapie ihre Berufung gefunden. Wenn du mit mir sprichst, dann sitz' ich staunend neben dir Du weißt vieles, doch du weißt nichts von den Mädchen Spiel' nicht nur mit Worten, sondern spiel' auch mal mit mir Und ich zeig' dir, was ich will, wenn ich dir sag'
Fühl' mich - Wie ein Kleid aus Samt und Seide Fühl' mich - sanft auf deiner Haut Fühl' mich - Wie den ersten Sonnenstrahl Komm fühl' mich - warm auf deiner Haut Fühl' mich - Wie die Brandung aller Meere Fühl' mich, fühl' mich wie ich bin in dieser Nacht
Frag' mich nicht mit Worten, frag' mich zart mit deiner Hand Ob ich vorhab', diese Nacht mit dir zu teilen Denn ein Mädchen denkt so oft ganz anders als ein Mann Wenn Gefühle stärker sind als der Verstand
Refrain
Heute wirkt der Text ein wenig naiv, aber in den 70er-Jahren war es nichts Alltägliches, das eine Frau so offen von ihren "Bedürfnissen" sprach. Und ist es schlüpfrig zu sagen, "Fühl' mich wie ein Kleid aus Samt und Seide"? Darf das eine erwachsene Frau? Ohne dass es als direkte "Einladung" zu körperlichen Übergriffen verstanden wird? Natürlich darf sie - auch wenn es fraglich ist, ob sie selbst das so ausdrücken wollte. Immerhin ist der Text ja aus der Feder eines Mannes und gerade die erste Strophe gibt zum Ausdruck, dass die Beziehung nicht unbedingt auf Augenhöhe geführt wird ... Es würde mich nur interessieren, ob eine deutschsprachige Sängerin so ein Lied heute auch noch öffentlich singen könnte, ohne unangenehme sexuelle "Einladungen" (oder anderweitig abfällige Bemerkungen) zu erhalten. Da würde vermutlich auch die "korrekte" hochgeschlossene Garderobe nichts ändern :( An diesem Punkt denke ich an eine Stelle aus George Bernard Shaw's "Pygmalion", als es zum Streit zwischen Eliza Doolittle und Professor Higgins kommt. "Ich habe Blumen verkauft - nicht mich". Und genau das ist der Punkt, den viele Männer einfach nicht unterscheiden können. Leider! Daher vergebe ich heute fünf Minuten, um darüber nachzudenken.
Nach den ganzen lieblichen Songs der gestrigen Tage (aka "Balsam für die Seele" mit "Glanz und Gloria"), gibt es heute mal etwas Rockigeres auf die Ohren. Die 70er-Jahre waren ja beliebt und bekannt für die unterschiedlichsten musikalischen Genres. Eine Vertreterin des deutschsprachigen Rocks wird heute vorgestellt. Sie ist auch ein deutlicher Gegenbeweis dafür, dass man mit einem Namen wie Jutta Weinhold auch international für Furore sorgen kann ;) - und so spießig wie der Name klingt, ist die gute Jutta auf keinen Fall!
JUTTA WEINHOLD A: Cadillac (M: Sam L. Goldfield = Michael Holm & Rainer Pietsch / T: Michael Holm)
B: Ticket nach Memphis (M: Rainer Pietsch / T: Michael Holm)
1974, Ariola 13 259 AT produziert von Michael Holm Die Zeit der Rock-Ladies bricht an. Rau und draufgängerisch rasen die Pop-Amazonen über die Bühnen und verunsichern männliche Kollegen und Zuhörer. In das harte Rock-Geschäft schlägt eine noch nicht dagewesene Emanzipationswelle ein. "Cadillac" ist die zweite Single des rassigen Münchener Super-Girls Jutta Weinhold, ehemals "Sheila""-Darstellerin im Rock-Musical "Hair". In diesen Aufnahmen verbirgt sich die perfekte Schockwirkung einer dreist-kratzigen, provokativen Stimme. Jutta Weinhold gilt als der vielversprechendste Tipp für das deutsche Rock-Jahr 1974. So schrieb zumindest die Plattenfirma auf der Rückseite des Single-Covers. Klingt ein bisschen selbstgefällig und leicht belächelnd. So nach dem Motto "Naja, wenn die Frauen das wollen, dann sollen sie es halt machen" - und jede Frau, die auf eine eigene Meinung besteht und sich nicht von Männern Dinge vorschreiben will, wird automatisch zur Emanze gekrönt.
Jutta Weinhold wurde 1947 in Mainz geboren. Nach ersten Erfahrungen in Amateurbands folgten zwischen 1969 und 1972 Engagements in den deutschsprachigen Uraufführungen der Muscials "Hair" (Hauptrolle Sheila), "Jesus Christ Superstar" und "Godspell". 1973 bekommt sie einen Plattenvertrag und covert Suzi Quatros Hit "48 Crash" in deutscher Sprache ("Feuer und Eis"). Weinhold gilt als eine der bekanntesten deutschen Rocksängerin, sie sang u. a. bei "Amon Düül II" und Udo Lindenberg. Mit ihrer 1985 ins Leben gerufenen Band Zed Yago gilt sie als Mitbegründerin des Dramatic-Metal-Genres. Jutta Weinhold tritt seit 2012 wieder regelmäßig mit ihrer Band (Kollegen aus verschiedenen früheren Formationen) auf - Metal, Rock, Soul und Blues zählen nach wie vor zu ihren Stärken.
Der Song, mit dem wir uns heute beschäftigen, ist tatsächlich etwas unbequemer als viele andere Lieder dieser Zeit. Besungen wird nämlich der Alltag aus Sicht eines Stalkingopfers. Eine durchaus ungewöhnliche Thematik für die damalige Zeit. Vor meinem Haus, das halt' ich nicht aus, Steht er bei Tag und bei Nacht Wo er mich sieht, da hupt er ganz wild Und überall fährt er mir nach Vor meiner Tür liegen Blumen, ich schau' nicht hinaus "Baby, ich will immer nur bei dir sein" Er läuft mir nach, wenn ich auch wie ein Eisberg bin "Baby, steig' ein, ich bin so allein" Ich sage "Nein" Goodbye Goodbye
Cadillac, fahr' weg "Heut' nacht bin ich frei - Na, wie wär's mit uns zwei?" Oh no Cadillac fahr' weg "Wir beide ein Paar, das wär wunderbar"
--> Der Song ist in der Hinsicht speziell, dass sich erstmals in einem deutschen Song eine Frau von den Avancen eines Mannes nicht geschmeichelt, sondern bedrängt fühlt. Doch so liebevoll, wie der Mann seine Anliegen untermauert, sind sie vermutlich nicht. Der Besitz des Objekts seiner Begierde wird angestrebt. Das männliche Ego ist angekratzt, weil es verschmäht wurde. Jetzt soll sie spüren, wer die Hosen anhat und was passiert, wenn sie nicht gehorcht. Die zweite Strophe wird etwas präziser. "Sonntags um acht werde ich wach" und er steht wieder vor der Tür und lacht. "Und mir wird übel bei Nacht" Ich setz mich auf mein Fahrrad und radle fort "Baby nicht den Feldweg, der ist so schmal" Doch komm ich mittags heim, ja, wer wartet dann? "Küss mich, dann verzeih' ich dir noch einmal" Ich sage nein, Goodbye, Goodbye --> Ist der einzige Ratschlag, der in diesem Song gegeben wird, neben nicht aus dem Fenster zu sehen, den Rest ihres Lebens den schmalen Feldweg zu nehmen, weil ihr der fette Cadillac dort nicht folgen kann? Oder wartet der Typ dort das nächste Mal - ohne Cadillac - im fahlen Abendlicht auf sein "Opfer"?
Ich gehe in mich und frage mich, was mich an diesem Song stört. Liegt es daran, dass der Textautor ein Mann ist? Dass die ganze Thematik, das Leid der jungen Frau, verharmlost wird? Er ist ihr doch nur ein bisschen nachgefahren, wollte sie sehen, ihr nah sein, sie überraschen. Was ist denn da dabei? - Sehr viel ist dabei. Vor allem dann, wenn die andere Person das partout nicht möchte. Und so wie die gute Jutta in dem Song auftritt, hat sie es ihm bestimmt bereits mehr als einmal klipp und klar mitgeteilt. "Ich sage nein-nein-nein-nein-oh-nein" - ein ganz wichtiger Punkt! Doch kann Jutta mit dem Lied anderen Frauen Mut machen - außer dem lapidaren "Nein"-sagen? Das Lied lässt mich ein wenig ratlos zurück. War dieses mutige Unterfangen am Ende ein wenig zu halbherzig verfolgt? Wahrscheinlich stört mich am meisten, dass es keine Auflösung gibt. Keine Strophe darüber, dass die Polizei kam und ihm verbot sich ihr zu nähern. Kein "Happy End". Aber das ist vielleicht auch gut so, weil es dieses "Happy End" für viele Frauen im echten Leben auch nicht gibt. Weil ihnen nicht geglaubt wird. Weil andere Männer sagen, dass sie sich nicht so anstellen sollen. In manchen Momenten schämt man sich für das, was andere Männer Frauen antun können. Und man hofft darauf, dass es irgendwann besser wird. Das Frauen so sein dürfen, wie sie wollen, und ein kurzer Rock oder ein Oberteil mit Ausschnitt kein Freifahrtsschein oder eine Extraeinladung zur Befriedigung der männlichen Libido sind. #metoo
Trotz alledem muss man der guten Jutta gutheißen, dass so ein Song 1974 produziert wurde und sie auch bei diesem Liveauftritt definitiv alles gibt. Ihre Performance erscheint - geschuldet durch den Nostalgiebonus - ein wenig eigenwillig und steigert sich frenetisch-extatisch bis zum Höhepunkt (speziell ab Minute 2:47). Das ein Song über eine Frau, die vor ihrem Stalker flüchtet, zum Tanzen anregt, befremdet mich irgendwie auch. Noch schlimmer finde ich allerdings das Mitklatschen des Studiopublikums. Aber gut, das ist den Deutschen scheinbar angeboren, sobald der Musikrhythmus von den Klatschsynapsen erkannt wurde. Ich vergebe heute fünf aufgestochene Reifen (inklusive Reserverad) eines nicht näher definierten Cadillacs für diesen Song! Ein kleiner Kommentar trotzdem: Die weiße Hose gibt eindeutig mehr preis, als vielleicht notwendig gewesen wäre (ab Minute 1:24, speziell 2:04) ;) Jutta hat sicher oft genug Aktenzeichen XYungelöst angeschaut und weiß daher, wie man sich als Frau in einer unangenehmen Situation verhalten muss. Und so wie sie sich bewegt glaube ich, dass sich jeder Triebtäter dreimal vorher überlegen sollte, sie anzusprechen. Denn ich glaube, ihre Gegenwehr ist schärfer und stärker als so manches Pfefferspray! Passt auf euch auf! Und falls ihr einen Cadillac besitzen solltet, macht einen großen Umweg um Jutta! (Das meine ich ernst!)