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Donnerstag, 21. Mai 2020

# 63 - "Tomatenrote Lippen" - Edina Pop (1970)

Nachdem ja langsam der Sommer gibt, wird nicht nur das Wetter schöner, sondern auch die Tomaten bekommen langsam ihren Geschmack. Wer heute Lust auf eine schöne Portion Caprese hat, kann sich dazu passend musikalisch "verwöhnen" lassen:



EDINA POP
A: Tomatenrote Lippen [Colori] (M: Guido Lombardi & Edoardo Vianello / dt. T: Fred Weyrich)
B: Alles geht vorüber (M: Rudi Bauer / T: Fred Weyrich)

1970, Philips, 6003 069

Edina Pop ist ein kleines Mysterium. Die 1941 in Budapest als Marika Késmárky geborene ungarische Sängerin, trat dort erst um 1969 musikalisch in Erscheinung. In Deutschland veröffentlichte sie aber bereits 1966 - unter dem Pseudonym Maria Marky - drei Singles.
1969 zog sie schließlich nach Deutschland und startete hier ihre Gesangskarriere.
Sie war von 1971, bis zu dessem Tod, mit dem Schauspieler Günther Stoll (1924-1977). Ab 1974 wurde es musikalisch ruhiger um sie, ehe sie 1979 als Mitglied der von Ralph Siegel gegründeten Formation "Dschinghis Khan" große Erfolge feierte. Mit der Revival-Formation steht sie auch heute noch hin und wieder auf der Bühne.

Einige ihrer Solo-Titel (von denen sicher noch der eine oder andere - aufgrund der Skurrilität - hier vorgestellt wird!) waren "Eine Feier mit Tokajer" (1969), "Holiday in Germany" (1969), "Zwischen Wolga und Don" (1969), "Mein Apollo ist kein Raumschiff" (1970), "Alle Tränen, die ich weine" (1970), "Dreimal täglich sieben Küsse" (1970), "Komm, komm zu mir" (1971), "Was soll ich tun?" (1972) und "Dingo Dongo" (1973).

Texter Fred Weyrich (1921-1999) erreichte erste große Erfolge in der Zusammenarbeit mit der Sängerin Alexandra (1942-1969), die 27jährig bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. 
Zu seinen größten Erfolgen zählten "A Banda" (France Gall, 1968), "Sind Sie der Graf von Luxemburg?" (Dorthe, 1968), "Sehnsucht" (Alexandra, 1969), "Einmal um die ganze Welt" (Karel Gott, 1971) und "Kinder der Liebe" (Su Kramer, 1973).


Nun aber zu diesem musikalischen Epos:

Tomaten-Tomatenrote Lippen sind ein Tick von dir
Tomaten-Tomatenrote Lippen siehst du gern an mir
Boing, Boing, die Augenlider lila und die Fingernägel grün
Ein Rosenblatt am Nabel und im Haar weißen Jasmin
Tomaten-Tomatenrote Lippen findest du so schön

Ein Student mit Talent ist mein Raphael
Für mich ist er ein Genie
So ein Mann, der was kann, ist ein Juwel
Denn er hat sehr viel Fantasie

Er sieht die Welt in Farben, in rosaroten Farben
Seine seelischen Reflexe sind tausend bunte Kleckse
Er hält sich für noch größer als je Picasso war
Ja vielleicht wird er ein Superstar?

Refrain




Ja gut. Das Lied könnte gut als Fortsetzung von France Galls "A Banda" ("Zwei Apfelsingen im Haar und an den Hüften Bananen ..." fungieren. Das Tomaten in den frühen 70er-Jahren einen besonderen Stellenwert hatten, bewies auch Graham Bonney mit einem bereits vorgestellten Song.

Um ein wenig in Edinas tiefe Beziehung, als Muse des Malers Raphael (nicht mit dem Raffael zu verwechseln!), einzutauchen, bedarf es wohl psychoanalytischer Fähigkeiten a la Sigmund Freud, die mir leider nicht vorliegen.
Aber wir kennen das doch alle: Im Jolly-Farbstift-Sammelsurium, zwischen zinnoberrot und kaminrot, lag immer tomatenrot. Diese Farbe ist auch heute noch - von Maybelline bis Chanel - tomatenrot marktführend. Raphaels Tick sei Dank.
Die Kombination mit lila Lidschatten und grünen Fingernägel würde bei Shopping Queen allerdings vermutlich  zu Punkteabzügen führen. Wobei ... das "Rosenblatt am Nabel" hat zuvor sicher noch keine Kandidatin präsentiert.

Meine Lieblingsstelle ist übrigens:

"Er sieht die Welt in Farben, in rosaroten Farben
Seine seelischen Reflexe sind tausend bunte Kleckse
Er hält sich für noch größer als je Picasso war
Ja vielleicht wird er ein Superstar?"


Da gibt es eindeutig Sonderpunkte für den Reim "seelischen Reflexe" auf "tausend bunte Kleckse". Darauf muss man wirklich erst einmal kommen!
Meine spontane Lust auf Tomaten muss ich - aufgrund meiner Histerminunverträglichkeit - vorerst wieder ad acta legen. Aber damit komme ich ganz gut zurecht ;) Vielleicht stöbere ich jetzt noch im neuen Bipa-Prospekt und decke mich morgen mit farblich passendem Nagellack, Lidschatten und vor allem toooooooomatenrotem Lippenstift ein!

Dienstag, 7. April 2020

# 20 - "Keine Küsse und keine Tomaten" - Graham Bonney (1969)

Das heutige Lied ist allen Menschen mit Histaminproblematik ans Herz gelegt. Denn wir wissen doch, wie schwer es im Sommer ist, wenn man zu einem farbenfrohen Caprese schluchzend "Nein, danke" sagen muss.




GRAHAM BONNEY
A: Keine Küsse und keine Tomaten [No more Kisses] (M: Graham Bonney & David Hamber / dt. T: Hans Blum)
B: Tausendschön (M & T: Hans Blum & Graham Bonney)

1969, EMI Columbia, C006 28 035

Graham Bonney, 1943 als Graham Bradley in England geboren, kam in den 60er-Jahren nach Deutschland, nachdem er dort mit seinen Songs mehr Erfolg hatte, als in seiner englischen Heimat.
Bonney, der noch gelegentlich auftritt, hatte zahlreiche Hits in Deutschland, so zum Beispiel "Super Girl" (1966, #8), "Das Girl mit dem La-La-La" (1966, #8), "Siebenmeilenstiefel" (1967, #6) oder "Wähle 3-3-3" (1969, #12). Zudem landete er auch kleinere Erfolge mit der deutschen Version von "Brandy" (das 1974 mit Barry Manilow als "Mandy" zum Hit lancierte) und Sweets "Poppa Joe" - beide 1972.

Der Song, "Keine Küsse und keine Tomaten", den ich heute vorstelle, kam im Mai '69 immerhin auf #39 der Charts und hielt sich vier Wochen.

Ich möchte euch den bahnbrechenden Text, mit dem sich der liebe Graham (oder besser gesagt Textautor Hans Blum) unter den emanzipierten Feministinnen sicher keine Freude macht, nicht vorenthalten:

Keine Küsse und keine Tomaten
Kein Ei und kein Tee und kein Speck
Keine Liebe und auch keinen Braten
My Honey, my Darling ist weg

--> Hier muss man sich förmlich jede Refrainzeile auf der Zunge zergehen lassen. "Küsse" als Assoziation zu "Tomaten", (fleischliche) "Liebe" im Gleichklang mit "Braten". Das ist definitiv einer der tragischsten Songs über das Verlassenwerden eines Mannes, den ich bisher gehört habe. Fassen wir zusammen: Graham vermisst seine Freundin. Allerdings auch das Essen, das sie zubereitet hat. Da mehr Lebensmittel besungen werden, schließe ich darauf, dass er das Essen etwas mehr vermisst als sie. Nun steht der arme Graham ganz allein in seiner Küche. Um ihn herum ein Chaos aus ungeschnittenen Tomaten, ungekochten Eiern im Karton, Tee in Beuteln und rohem Speck. Wie um alles in der elt soll ein Junggeselle ohne Kochausbildung daraus auch nur irgendetwas Essbares zubereiten können? Vom rohen Fleisch im Kühlschrank reden wir noch gar nicht. Er wird wohl verhungern müssen. 
Doch überlegen wir uns nun genauer, was zu dieser plötzlichen und vor allem unerwarteten Trennung geführt haben könnte?

Alles war schön
Kann nicht versteh'n
Warum ist sie hier nicht geblieben?

Das war doch wahr
Das wir uns lieben
Alles war so wunderbar

--> Ja, Graham, genau. Alles war schön und wunderbar und trotzdem ist sie abgehauen? Da kannst du noch so putzig mit deinem Pony in deinem Ringelpulli dreinschau'n, ich glaube, da gäbe es doch vielleicht die eine oder andere Erklärung ...

Natürlich kam ich mal spät in der Nacht --> aha, da sehen wir es schon!
Hat sie mir Frühstück gemacht --> sehr selbstlos von ihr, damit der arme verkaterte Mann nicht noch mehr leiden muss
Ging ich am Tag nochmal aus
Blieb sie alleine und putzte das Haus

--> Graham, sorry? Aber da wunderst du dich? Bis in die Puppen saufen, dann musste sie dir beim Kotzen vermutlich noch die Haare halten, bringt dir ein Frühstück ans Bett und zum Dank gehst du dann wieder los und feierst mit deinen Freunden, während sie allein zu Hause bleibt und das Chaos - das du angerichtet hast - in Ordnung bringt? Wahrscheinlich ist sie mit dem Briefträger abgehau'n!

Refrain

Sie war so schön
Ein Phänomen
Nie gab es Streit zwischen uns beiden

--> Natürlich nicht! Du warst ja nie zu Hause. Mit wem hätte sie denn streiten können?

Sie war so lieb
Sie war mein Typ
Warum mein Honey nicht blieb?

--> Fragst du das nach der ganzen Story allen Ernstes?

Ich frag mich: Wer hat mein' Darling geseh'n?
Sie war sehr schlank und sehr schön
Haare sehr lang und sehr blond
Und wenn sie küsste, das war schon gekonnt

--> Ja, die "gekonnten" Küsse kannst du dir jetzt (gemeinsam mit den Tomaten) abschminken! Nach der Beschreibung hat sie ja einen recht hohen Marktwert und hat hoffentlich einen anderen Typen gefunden, der sie etwas netter und wertschätzender behandelst als du. Big fail, my Boy! Kein Mitleid!

Refrain




Für dieses Lehrbeispiel, wie man im 20. Jahrhundert eine Beziehung erfolgreich an die Wand fahren kann, vergebe ich fünf von fünf Tomaten (die Küsse behalte ich für mich!)

Ich hoffe ihr habt einen schönen Tag. In dieser Jahreszeit hat man zumindest eine Chance auf Tomaten, die nach etwas schmecken. Wenn man Pech hat, sind sie allerdings so schal im Geschmack, wie die Beziehung zwischen Graham und seiner Holden. In diesem Fall würde ich auf Karotten ausweichen ... oder Äpfel ... oder Bananen ... kein Küsse und keine Bananen ... mmh ... hätte auch funktioniert ;)