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Montag, 30. November 2020

# 132 - "Deine Mama ist ein Wunder" - Barbara Stromberger (1974)

Ich sag es gleich vorweg: Ja, der Song wäre eigentlich für Muttertag passend, oder sagen wir mal so, ziemlich "aufg'legt" gewesen. Ich finde es aber deutlich spannender - wie ihr ja vermutlich bereits mitbekommen habt - nicht immer das zu tun, was von mir (oder allgemein) erwartet wird. In diesem Sinne passt das Lied ohnehin in unterschiedlichen Situationen vermutlich auch.




BARBARA STROMBERGER

Deine Mama ist ein Wunder (M & T: Barbara Stromberger)

1974, nicht auf Schallplatte veröffentlicht


Die 1948 in Kärnten geborene Barbara Stromberger, die mit 12 Jahren mit dem Gitarrespielen begann, absolvierte die Ausbildung zur Kindergärtnerin und betreute zwei Jahre lang geisteskranke Kinder in einem Heim. 1968 zieht sie nach Wien, besuchte die Akademie für angewandte Kunst und beginnt verstärkt auf Musik zu setzen. Das Studium brach sie ab, weil sie Geld verdienen musste und arbeitete wieder als Kindergärtnerin.
1970 beteiligt sie sich an dem von ORF und Ö3 initiierten Casting-Format, der "Show-Chance", die durch alle Bundesländer zog und ihr großes Finale im Herbst 1970 hatte. Obwohl sie mit dem Titel "Der Dreh" eher im hinteren Feld landete, erhielt sie einen Plattenvertrag. Dass sie damals - ohne vorherige Single-Produktion - mit einem Album in Deutschland (!) starten konnte, galt als Sensation.

Die Titel ihres ersten Albums waren allesamt Eigenkompositionen, die sie im Alter von 17 Jahren verfasste. Udo Jürgens äußerte dazu "Die Lieder von Barbara Stromberger sind bester Chanson-Stil. Ich beglückwünsche sie zu ihrer Phantasie und zu ihrem Mut, Themen aufzugreifen, die im deutschen Schlager sonst nicht üblich sind."
In den 70er-Jahren veröffentlicht Babara Stromberger drei Alben, von denen ich vor allem die Eigenkompositionen "Kleine Irre", "Vorsehung, Bestimmung oder Zufall?", "Ich bin frei", "Beeil' dich" und "Die gute, alte Zeit" hervorheben möchte. Beeindruckend ist ihre LP "Die zweite Zeit beginnt" von 1975, auf der sie u. a. bekannten Titeln von Neil Young, Joan Baez, Kenny Loggins, Carly Simon und Veronique Sanson ausdrucksstark in deutscher Sprache vertonte.

Barbara Stromberger ist bis heute musikalisch aktiv. Gemeinsam mit ihrem Sohn Jörg Pibal arbeitete sie beispielsweise an einer TV-Dokumentation über Hermann Hesse mit dem Titel "Name verpflichtet - Hermann Hesses Enkelin", der im August 2012 (anlässlich Hesses 100. Todestag) im ORF gezeigt wurde.

Deine Mama ist ein Wunder
Deine Mama ist enorm
Sie kann alles, sie weiß alles
Und im Falle eines Falles
Backt sie Brot aus einem Korn
Ja, deine Mama ist ein Wunder
Deine Mama ist enorm

Mama bügelt Hosenfalten
Die sich lange Zeit erhalten
Wäscht die Hemden weiß wie Kreide
Putzt die Spiegel nur mit Seide
Schont die Möbel, spart bei allem
Lässt die Bürste länger wallen
Macht der Welt den besten Kuchen
Staub wird man vergeblich suchen
Bei Mama, bei Mama, bei Mama, bei Mama, bei Mama, ja

Refrain

Mama mixt selbst Marmeladen
Tötet Mäuse, Motten, Maden
Spart mit Strom und Lippenstift
Hält Konservenkost für Gift
Färbt und legt sich selbst das Haar
Sieht am Monatsschluss noch klar
Kleidet sich in Selfmade-Roben
Könnt' zur Not auch Sümpfe roden
Die Mama, die Mama, die Mama, die Mama, die Mama, ja

Refrain

Mama sitzt mir im Genick
Und du schaffst es mit Geschick
Mich durch sie davon zu jagen
Ich kann es nicht mehr ertragen
Dir dem Haushaltsgott zu dienen
Heute zweigen sich die Schienen
Denn ich geh' fort und lass dich da
Bei Mama
Denn deine Mama ist ein Wunder
Deine Mama ist enorm


Ich weiß, dass Barbara Stromberger heute mit einigen ihrer Frühwerken relativ hart ins Gericht zieht. Aufgrund ihrer künstlerischen Entwicklung kann ich das sehr gut nachempfinden - dennoch gehört sie zu den Künstlerinnen, die sich für ihr anfängliches musikalisches Schaffen definitiv nicht verstecken müssen. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte sie ja die Möglichkeit, eigene Texte zu verfassen und so zumindest einen Teil ihres Inneren nach außen zu tragen. Wenn es auch heute - viele Jahre später - möglicherweise nicht mehr "ihre Welt" ist, verstehe ich das total. Allerdings waren ihre Texte damals authentisch und das unterscheidet sie von vielen musikalischen Sternchen und Eintagsfliegen, die ein bedeutungsschwanger-belangloses Lied nach dem anderen Trällern mussten, in der Hoffnung, dass es zumindest ein kommerzieller Erfolg wird. Hits im klassischen Sinn wurden die Lieder von Barbara Stromberger keine. Das hat manchmal auch Vorteile - so muss sie nicht seit 50 Jahren auf der Bühne die selben Titel singen.

Nun aber zu diesem Titel. Zuerst möchte ich auf die sprachlichen Aspekte eingehen. Barbara Stromberger verwendet eine äußerst bildhafte Sprache, die es schafft, mit wenigen Worten Alltagssituationen plastisch erlebbar zu machen. Viele Frauen kennen diese Situation und können es ihr bereits nach wenigen Sekunden nachfühlen, ja stärker noch, sich mit ihr identifizieren. Das Feindbild Schwiegermutter hängt wie ein Damoklesschwert über dem Ehebett und rüttelt permanent massiv am trauten Haussegen. 
Und die Schwiegertochter? Egal wie nett sie ist, wie sorgsam sie sich um Haus und Hof kümmert, wie gut sie kocht, wie gut sie die Kinder erzieht, wie erfolgreich sie im Beruf ist oder - besser noch - wie selbstlos sie ihr eigenes Leben aufgegeben hat, um den Karriereplänen ihres Mannes nicht im Weg zu stehen, sie wird nichts richtig machen. Denn sie hat einen großen Fehler gemacht: Der Mutter das Liebste, den einen, den ihren Sohn, genommen. Unaufhaltsam entfacht nun ein Kampf, der seine Opfer sucht, bei dem man - als Schwiegertochter - eigentlich nur verlieren kann. Denn Sohnemann wird sich stets für das arme, sich stets schier endlos aufopfernde Mutterherz entscheiden.
Am Ende gibt es nur wenige Möglichkeiten: Mord (pro: Schwiegermutter losgeworden, contra: Rest des Lebens hinter schwedischen Gardinen, pro: man muss sich keine Gedanken darüber machen, was man heute putzt oder kocht!), Auszug (pro: Schwiegermutter losgeworden, contra: Mann leider auch) oder bleiben und ertragen (definitiv der schlimmste Zustand!). In letzterem Fall kann man nur auf die natürliche Selektion bauen und hoffen, dass der Drache bald eines natürlichen Todes dahinsiecht ... oder im Zweifel ein bisschen nachhelfen (ideal: Gifte, die sich nicht nachweisen lassen und Unfälle, die wie selbst verschuldet aussehen). Im Zweifel bitte Handschuhe tragen und Zeugen vermeiden!

Sonntag, 22. November 2020

# 125 - "Ave Maria" - Kristin Bauer-Horn (1967)

... und schon wieder ist Sonntag. Zugegeben: Der Unterschied zwischen Werk-, Sonn- und Feiertag ist momentan relativ überschaubar, da ohnehin (fast) alles, das nicht den Beinamen "systemrelevant" trägt, geschlossen ist. Waffengeschäfte zum Beispiel. 😬 Die sind schon überlebenswichtig. Vor allem im Krieg. Ach, wir haben gerade gar keinen Krieg? Oh ... dann hab ich das wohl nicht ganz verstanden.

Vielleicht gibt euch ja der heutige Song ein bisschen Antwort darauf? Ich dachte mir, wir könnten gerade wieder ein bisschen Protest-Liedermacher aus der guten alten Zeit gebrauchen. Herrlich oder? Vor allem wenn man bedenkt, dass jede gute alte Zeit einmal eine neue schlechte war 😂




KRISTIN BAUER-HORN

Ave Maria (M & T: Kristin Bauer-Horn)

1967, Da Camera Song, LP "68 Lebensjahre und andere Chansons"


Leider finden sich nicht viele Informationen zu Kristin Bauer-Horn (* 1936 in Thüringen) nur spärliche Informationen. Als sie 1967 ihre erste LP "68 Lebensjahre und andere Chansons" veröffentlichte, war sie eine der ersten politischen Liedermacherinnen ("Chanson-Poetin" betitelte sie Max Nyffeler) in der deutschen Musikszene. Sie widersetzte sich dem Trend, so links wie möglich zu sein und sich auf eine bestimmte Art von Musik (die, die "ankam") festlegen zu lassen.
Der Traum einer Karriere als Pianistin zerplatzte bereits mit 13 Jahren - nach mehreren Sehnenscheidenentzündungen. Mit 15 widmete sie sich - mit einer Sondererlaubnis als jüngste deutsche Vollstudierende - der Malerei. Ihre erste eigenen Texte vertonte sie bereits Mitte der 50er-Jahre und erhielt bereits kurz darauf eine Sendung im Südwestfunk. Nachdem sie 1959 ihren Mann kennenlernte, folgte eine kurze Pause - bis die "Waldeck-Zeiten" begannen.
In einem Interview äußerte sie 1989, dass ihre Funktion als Liedermacherin sei, "bewusst zu machen, bewusst zu machen, bewusst zu machen! [...] Der Liedermacher hat mit seiner ganzen Person für das einzustehen, was er singt. Nur so hat er das Recht, sich der Gesellschaft gegenüber- und entgegenzustellen."
1982 wurde sie, "die unverwechselbare zeitkritische und poetische Lieder schreibt, komponiert und interpretiert, die, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, für dieses Genre Maßstäbe gesetzt hat", in Mainz mit dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte "Chanson" ausgezeichnet.


Veröffentlichungen:
1967 LP "68 Lebensjahre und andere Chansons" (Da Camera Song)
1983 LP "Was treibt uns um?" (Folk Freak) - als Kristin Horn
1985 LP "Einfach Lieder" (Folk Freak) - als Kristin Horn
2004 CD "Burg Waldeck Festival 1967 Chansons Folklore International" (Studio Wedemark) 
mit "Ave Maria" (1967)
2006 CD-Box "Liedermacher in Deutschland - Für wen wir singen" (Bear Family Records)
mit "68 Jahre" und "Wiegenlied"
2008 CD-Box "Die Burg Waldeck Festivals 1964-1969" (Bear Family Records)
mit "Das Ameisenspiel" (1965), "Hat das Gewicht?" (1967), "Herbstlied" (1965), "Sarahs Kinder" (1967), "Trinklied" (1966) und "Und gehen nicht mehr um" (1966)



Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren
Dass uns're Luft zu dick zum Atmen wird
Ich seh' sie schon als schwere graue Tropfen
In uns're aufgesperrten Münder fallen
Und uns're Nasenlöcher ganz verstopfen
Und den Hausierer, dieses alte Schwein
Mit seinen Büstenhaltern, Strümpfen, Gürtelschnallen
Als ersten lila werden und ersticken
Aber die jungen Witwen, die rosanes stricken
Und hellblaues und ganz weit weg blicken
Doch es weiß ja noch niemand außer mir
Und dem alten Soldaten

Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren
Dass uns're Luft zu dick zum Atmen wird
Ich seh' sie schon als schwere graue Wellen
Den Dichtern auch das letzte Wort verdrecken
Und aus den Komponistenfenstern quellen
Und allen Malern vor den Staffelein
Die Blicke auf den letzten Sonnenfleck verdecken
Und uns're Musen schreiend flieh'n
Aber die Jünglinge, die durch die Felder zieh'n
Und nachts Verse schreiben
Und vor Julia knien
Doch es weiß ja noch niemand außer mir
Und dem alten Soldaten

Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren
Dass uns're Luft zu dick zum Atmen wird
Ich seh' sie schon als schwere graue Klumpen
Die Kirchen und die Glocken überrollen
Und die Reliqiuenfledderer und Lumpen
Mit ihren Säcken in den Trümmern steh'n
Und uns, die Richter, fragen, was sie hier noch sollen
Und den Hausierer als den letzten lila werden
Aber die freundlichen Worte, die uns Besseres lehren
Und seit 2000 Jahren Hosianna auf Erden
Doch es weiß ja noch niemand außer mir
Und dem alten Soldaten


In diesem Zusammenhang spare ich mir eine ausführliche Interpretation und lasse Kristin Bauern-Horn einfach "bewusst machen". Ein spannendes Zeitdokument - ohne Frage. Erschreckend, wenn ich manche Parallelen zu heute ziehen könnte ...

Zur Unterhaltung und als Ausklang der Woche biete ich hier Zugang zu zwei Dokumentationen, die sich stellenweise decken, über die legendären Musikfestivals auf der Burg Waldeck:



Schönen Start in die Woche!

Sonntag, 2. August 2020

# 120 - "Herz und Verstand" - Die Huthmachers (1978)

Die leisen Töne sind es, die mich aktuell beschäftigen. Die, die meist überhört werden. Und doch gibt es aktuell kaum etwas, dass ich mir mehr wünschen würde, als das Herz und Verstand wieder mehr Einzug in unsere Gesellschaft finden würden ...



DIE HUTHMACHERS
Herz und Verstand (M & T: Dieter Huthmacher)

1978, Doppelfant, aus der LP "Lieder"


Die Huthmachers bestanden aus Karin Huthmacher, geb. Oehler (1950-2020) und Dieter Huthmacher (* 1947). Das Duo, das auch privat ein Paar war, formierte sich 1977 und trat bis zur Scheidung 1999 gemeinsam auf.

Im Juli 1977 traten sie im "Talentschuppen" und 1979 in Michael Schanzes Fernsehsendung "Michael Schanze präsentiert Nachwuchkünstler" auf.

Dieter Huthmacher nahm solistisch bereits 1974 ("Ich sing' jetzt nicht das Deutschlandlied") und 1976 ("Immer in Eile") Langspielplatten auf.
Zwischen 1978 und 1996 veröffentlichten sie gemeinsam mehrere Langspielplatten mit ihren eigenen Titeln.


Wenn keine Zeit mehr bleibt
Wenn keine Zeit mehr bleibt
Für ein paar Gefühle

Wenn keine Zeit mehr bleibt
Wenn keine Zeit mehr bleibt
Für ein paar Gefühle

Wenn keine Zeit mehr bleibt
Wenn keine Zeit mehr bleibt
Für ein paar Gefühle

Bleibt mir nur der Verstand
Bleibt mir nur der Verstand
Und nichts mehr, was ich liebe

Bleibt mir nur der Verstand
Bleibt mir nur der Verstand
Und nichts mehr, was ich liebe

Bleibt mir nur der Verstand
Bleibt mir nur der Verstand
Und nichts mehr, was ich liebe

Dass, ich beides mir bewahr
Verstand und Herz sogar
Erfinde ich die Lüge

Dass, ich beides mir bewahr
Verstand und Herz sogar
Erfinde ich die Lüge

Dass, ich beides mir bewahr
Verstand und Herz sogar
Erfinde ich die Lüge

Und bau' auf den Verstand
Und bau' auf den Verstand
Auf dass er mir genüge

Und bau' auf den Verstand
Und bau' auf den Verstand
Auf dass er mir genüge

Und bau' auf den Verstand
Und bau' auf den Verstand
Auf dass er mir genüge

Weil keine Zeit mehr bleibt
Weil keine Zeit mehr bleibt
Für ein paar Gefühle

Weil keine Zeit mehr bleibt
Weil keine Zeit mehr bleibt
Für ein paar Gefühle



Dem ist fast nichts hinzuzufügen. Faszinierend wie wenig Worte man manchmal verwenden muss, um doch ganz viel auszusagen. Die wichtigste Botschaft steckt allerdings auf den leeren Zeilen dazwischen ... doch die finden leider nur die wenigsten.

Freitag, 3. Juli 2020

# 106 - "Zahnschmelzfreundlich" - Marcel (1971)

Leere Werbeversprechen und Konsumzwang. Zwei unliebsame Nebenerscheinungen unserer schnelllebigen, vernetzten Zeit. Das dies aber vor fast 50 Jahren auch nicht viel besser war, illustriert der heutige Song.



MARCEL
A: Zahnschmelzfreundlich (M & T: Marcel Schaar)
B: Sonnenstrahlen (M & T: Marcel Schaar)

1971, BASF, 05 10153-8


Marcel wurde 1946 als Wolfgang Schaar in Winsen an der Luhe geboren. Mitte der 60er-Jahre macht er vor allem als Sänger von Folk und Folklore von sich reden. Er trat mit musikalischen Größen wie Joan Baez, Donovan, Michel Polnareff sowie Simon & Garfunkel auf. Die Einnahmen aus Auftritten im legendären Hamburger Star-Club (wo zuvor bereits die Beatles auftraten!)  spendet er an contergankranke Kinder. Den Großteil seiner Lieder schreibt er selbst. 1967 veröffentlicht er seine erste Single ("Wer weiß, wohin der Wind mich weht"). Acht Monate steht er 1969 in Hamburg und Düsseldorf als "Claude" in der deutschen Version des Musicals "Hair" auf der Bühne.
Mit seiner zweiten Single ("Zahnschmelzfreundlich") macht sich der Haupt- und Realschullehrer über die Werbung und den damit verbundenen Massenkonsum lustig.  Bis 1980 folgen noch eine weitere Single und ein Album.
Marcel ist bis heute musikalisch aktiv.


"Ja?"
Jeden Morgen um halb sieben
Weckt mich das Fräulein vom Amt
Ich frage gähnend: "Wo ist die Zeit geblieben?"
Und dann fällt mir der Hörer aus der Hand

"Bei diesem Ton ist es 6 Uhr 30 Minuten und 11 Sekunden"

Ich putze meine ultraweißen Zähne
Mit zahnschmelzfreundlichem Präparat
Ja, sie macht schon Spaß die Hygiene
Wenn man das nötige Kleingeld dafür hat

Sekunden später sitz' ich schon im Käfer
Mit Anzug, Fliege und mit Hut
Dann schimpf' ich auf die Ampelschläfer
Doch eine Stimme in mir flüstert: "Ruhig Blut!"

In der Firma ist bald Frühstückspause
Ich trinke einen röstfrischen Kaffee
Um elf träum' ich von meinem Bett zu Hause
Ja Arbeit, Arbeit, das tut weh

Um halb fünf ist der Arbeitskampf zu Ende
Ermattet steige ich ins Auto ein
Zu Hause wasch' ich zitternd nochmal Hände
Ja und dann, dann schlaf' ich wieder ein

Am nächsten Morgen wieder um halb sieben
Weckt mich das Fräulein vom Amt
Ich frage gähnend: "Wo ist die Zeit geblieben?"
Und dann fällt mir der Hörer aus der Hand




So viel hat sich eigentlich gar nicht geändert. Wenn man davon absieht, dass die Zeitansage leider unbemerkt einen leisen einsamen Tod gestorben ist und deutlich weniger VW-Käfer auf den Straßen zu sehen sind. Mit dem Rest kann ich mich schon ganz gut noch immer identifizieren. Träumst du auch gerade wieder von deinem Bett? Immerhin ist bereits Freitag, d. h. das Wochenende steht vor der Tür. Solltest du also das Glück haben, einer Tätigkeit mit geregelten Arbeitszeiten nachzugehen, dann kannst du immerhin zwei Tage ausschlafen - außer du hast minderjährige MitbewohnerInnen oder Tiere oder PartnerInnen, die dir dies vermiesen. Dann empfehle ich dir, diese mit zahnschmelzfreundlichem Präparat ruhigzustellen. Falls es nicht funktioniert? Hallstatt soll gerade ziemlich nett und menschenfrei sein ...

Mittwoch, 17. Juni 2020

# 91 - "Lied über den Terroristen Karl-Heinz Pawla" - Elke & Alexander (1969)

Obskures und Skurriles steht im Untertitel meines Blogs (Schauriges habe ich heute ausnahmsweise ausgeklammert) und damit will ich keinesfalls geizen :P 

Der heutige Song thematisiert definitiv - in vielerlei Hinsicht - eine ziemliche Scheißsituation!




ELKE & ALEXANDER
Lied über den Terroristen Karl-Heinz Pawla (M: Peter-Alexander Kugler & Elke Nicolaisen-Gerstenberg / T: Volker von Törne)

erschien auf folgenden Tonträgern:

1969 EP "Nachrichten aus Berlin" (Wagenbachs Quartplatte 5, Verlag Klaus Wagenbach)
1969 LP "Steve Club Berlin" (Thorofon)
2006 CD "100 Jahre Kabarett - 1955-1970" (Bear Family Records)




Das Duo Elke & Alexander, alias Elke Nicolaisen-Gerstenberg (* 1944) und Peter-Alexander Kugler-Righetti (1944-1988), habe ich euch bereits vor längerer Zeit mit einem anderen Titel in Post #26 vorgestellt. Dort sind auch weitere biographische Informationen über die beiden zu finden.

"Sein Leben war voller Arbeit für eine bessere Welt, eine Welt ohne Krieg, in der Menschen in Frieden ihr Brot essen, ihren Wein trinken können. Brot und Wein: sie sind Törne-Symbole der Freundschaft, der Hoffnung und der Freude. Er war überzeugt, dass politische Konfrontationen heute nicht zu todbringenden Fronten führen müssen, sondern in lebensbewahrenden Verhandlungen ausgetragen werden können." (Planetlyrik.de, 2015)
Der Text des heute vorgestellten Liedes basiert auf einem Gedicht des Schriftstellers Volker von Törne (1934-1980). Von 1963 bis zu seinem Tod während einer Vortragsreise war er Geschäftsführer der Aktion Sühnezeichen.
Der Sohn eines SS-Standartenführers trug schwer daran, in der Zeit des Faschismus aufgewachsen zu sein und - obwohl schuldlos - fühlte er sich mit dieser Zeit der Verbrechen verstrickt. 
Nach der Schule studierte er zunächst Pädagogik in Braunschweig und nahm später das Kombistudium Politik/Wirtschaft/Arbeit in Wilhelmshaven auf. Ende der 50er-Jahre arbeitete er drei Jahre lang als Steinhauer sowie Hoch- und Tiefbauarbeiter.
Ab 1962 lebte er in Berlin, wo er zunächst als Redakteur und Mitarbeiter der Zeitschrift Alternative tätig war, ehe er 1963 Geschäftsführer der Aktion Sühnezeichen wurde. In dieser Funktion setzte er sich im Rahmen zahlreicher Vortragsreisen für Aussöhnung, Verständigung und Frieden einsetzte.
Er starb am 30. Dezember 1980 während einer Vortragsreise in Münster an einer Gehirnblutung.

Sein literarisches Werk besteht großteils aus engagierter Lyrik, nicht selten auch Sonetten, womit er eine große Kunstfertigkeit offenbart. Obwohl sich der Autor vom Literaturbetrieb weitgehend fernhielt, fand sein Werk sowohl in Deutschland als auch im Ausland großen Anklang.

Nun aber zu diesem besonderen Titel:

Hört die Schandtat von dem frechen
Karl-Heinz Pawla aus Berlin:
Dieser schwarze Sohn von Tschechen
Ohne Zucht und Disziplin,
Lange Haare, ungewaschen,
Und die Hände in den Taschen,
Trat er vor das Landgericht
Als ein schlimmer Bösewicht

Finster stand der Lichtesscheue
In Justizias heil'gem Haus
Ohne Demut, ohne Reue
Und zog sich die Schuhe aus
Alle Bürger war'n erschrocken
Als er dastand in den Socken
Und er grinste ins Gesicht
Den hohen Herr'n vom Landgericht

Schließlich trieb er's immer bunter
Ohne Zucht und ohne Scham
Er ließ seine Hosen runter
Weil ihm ein Bedürfnis kam
In Justizias heil'gen Hallen
Ließ er hinter sich was fallen
Mitten in das Landgericht
Sowas tut ein Deutscher nicht!

Das ging den Richtern an die Ehre
Ihre Würde war beschmutzt
Des Gesetzes ganze Schwere
Haben sie darob benutzt
Und den Strolch ins Loch geschmissen
Weil er auf's Gericht geschissen
Und so siegten Zucht und Pflicht
Vorm Berliner Landgericht

Die Moral von der Geschichte:
Kommt dich ein Bedürfnis an
Vorm Berliner Landgerichte
Lass nichts fallen, deutscher Mann!
Mach dich lieber in die Hose
Statt wie jener sittenlose
Terrorist und Bösewicht
zu scheißen auf das Landgericht!
Sowas tut ein Deutscher nicht
Deutscher Mann - sauberer Mann
Ein Deutscher tut das nicht!



Ja, das ist ja mal eine Scheißgeschichte - im wahrsten Sinn des Wortes ;) Und sie hat sich tatsächlich wirklich so zugetragen!

Nach kurzem Recherchen habe ich tatsächlich noch zwei authentische (und vermutlich seriöse) Berichte aus der Zeit des Geschehens gefunden:



"Karl-Heinz Pawla, 24. (West-)Berliner Kommunarde, muss wegen eigenwilliger Demonstration in einem Moabiter Gerichtssaal zehn Monate einsitzen. Vorletzten Mittwoch hatte der Student, der bereits einmal im Mai wegen Verdachts auf Diebstahl der Siegel der Freien Universität festgenommen worden war (linkes Bild) und gegen den nun ein Schöffengericht wegen Hausfriedensbruchs und Richterbeleidigung verhandelte, vor der Sitzung Abführpillen geschluckt, während der Verhandlung plötzlich seine Hosen heruntergelassen, seine Notdurft verrichtet, vom Richtertisch einige Akten gegriffen und sich damit gereinigt. Während das Gericht in einen anderen Saal umzog, um dort den Inkulpaten mit einer Ordnungsstrafe von drei Tagen zu belegen, photographierten Justizbeamte den Tatort und entfernten dann das Corpus delicti (rechtes Bild). Bereits zwei Tage später wurde der Kommunarde wegen öffentlicher Beleidigung des Gerichts zu zehn Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt - und zu drei Tagen Haft, weil er den Staatsanwalt während dessen Plädoyer mit einer Sandale bewarf." (Der Spiegel 38/1968, 16.09.1968)

"Der Berliner Kommunarde Karl Heinz Pawla, 24, der am 4. September als Angeklagter vor einem Berliner Schöffengericht seine Notdurft verrichtet und Gerichtsakten beschmutzt hatte, wurde zwei Tage später von einem anderen Schöffengericht zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt, in der Urteilsbegründung des Amtsgerichtsrats Käppen hieß es:
Am 4. September 1968 fand gegen den Angeklagten (...) eine Hauptverhandlung vor dem Schöffengericht Tiergarten unter dem Vorsitz des Amtsgerichtsrats Loch im Kriminalgericht Moabit in Berlin statt. Nach der Vernehmung der in dieser Sache geladenen Zeugen etwa um 10.25 Uhr sagte der Angeklagte, er möchte eine Erklärung abgegeben. Er begab sich daraufhin zu dem vor dem Richtertisch stehenden Zeugentisch, drehte sich mit dem Rücken zum Gericht, zog seine Hose herunter und kotete vor den Zeugentisch in den Gerichtssaal. Sodann drehte sich der Angeklagte um, ging zum Richtertisch, griff zu den auf diesem liegenden Gerichtsakten 272-103/68, riss aus diesen acht Seiten heraus und wischte sich damit das Gesäß ab, wodurch diese Aktenblätter mit Kot beschmutzt wurden. Er wollte dadurch dem Gericht, insbesondere dem Vorsitzenden Amtsgerichtsrat Loch, seine Missachtung kundgeben.
Der Angeklagte gibt die Tat zu und lässt sich wie folgt ein: Er habe die 'Scheiße' konkret machen wollen. Deshalb habe er Abführtabletten eingenommen, deren Wirkung er vorher ausprobiert habe. Er ärgerte sich nur, dass er das komische Barett auf dem Richtertisch nicht erwischt habe. Der Amtsgerichtspräsident als Dienstvorgesetzter hat gegen den Angeklagten wegen Beleidigung des Amtsgerichtsrats Loch Strafantrag gestellt.
Hiernach hat sich der Angeklagte der Beleidigung des Amtsgerichtsrats Loch gemäß § 185 StGB in Tateinheit mit einem Vergehen nach § 133 StGB schuldig gemacht. Durch das Koten vor dem Zeugentisch hat er symbolisch den Anspruch des Gerichts und insbesondere des Gerichtsvorsitzenden Loch auf angemessene, der Würde eines Gerichts entsprechende Behandlung verletzt und dadurch seine Missachtung bekundet (§ 185 StGB). (...) Der Angeklagte hat auch vorsätzlich gehandelt, da er die Tatumstände kannte und wollte. Beide Taten sind wegen ihres engen zeitlichen und räumlichen Zusammenhangs als natürliche Handlungseinheit anzusehen. (...)
Strafschärfend fiel (...) ins Gewicht, dass der Angeklagte durch die Tat eine Missachtung gegenüber den Grundregeln jeglichen menschlichen Zusammenlebens und eine derart niedere Gesinnung gezeigt hat, die einem Menschen an sich nicht zuzutrauen ist.
Strafschärfend war ferner zu werten, dass es sich bei der Tat nicht um eine sogenannte 'Spontanreaktion' gegen die vorhandene Gesellschaftsordnung gehandelt hat.
Vielmehr hat der Angeklagte nach seinem eigenen Zugeständnis in der Hauptverhandlung die Tat durch Einnahme von Abführtabletten mit vorangegangener Probe zielstrebig vorbereitet. (...) Zur Sühne und Abschreckung (konnte) nur eine empfindlichere Freiheitsstrafe den Strafzweck erreichen. Eine Gefängnisstrafe von zehn Monaten erschien schuldangemessen."
(Der Spiegel 43/1968, 21.10.1968)


Wer jetzt auch Lust bekommen hat, "auf etwas zu scheißen", dem sei ans Herz gelegt, zuvor die juristischen Stellen im jeweiligen landesrechtlichen Kontext zu betrachten, ehe man Notdurftstelle gegen "Häfenatmosphäre" tauschen muss ... ;)

Donnerstag, 14. Mai 2020

# 58 - "Der Mann, das ist ein Lustobjekt" - Schneewittchen (1978)

Heute greife ich den morgigen Beitrag, weil es thematisch gerade so gut dazu passt, vorweg. Und nein, ich bin kein Feminist - ganz und gar nicht. Allerdings habe ich in meiner beruflichen Tätigkeit als Sexualpädagoge (Gott sei Dank) gelernt, über den Tellerrand zu blicken und mich kritisch mit meiner Umwelt (und beiden Geschlechtern) auseinanderzusetzen. Seht dies als kostenloses Aufmerksam-Machens meinerseits an. Am Wochenende kommt dann wieder heiterer und/oder belangloser Trash.




SCHNEEWITTCHEN
Der Mann, das ist ein Lustobjekt (M: Angi Domdey / T: Holger Güssefeld)

ausgekoppelt aus der LP "Zerschlag' deinen gläsernen Sarg"
1978, Philips

Bereits vor drei Wochen habe ich einen Beitrag über die Gruppe Schneewittchen gemacht - nähere Informationen über die Gruppierung sind dort nachzulesen.

Ich finde es allerdings äußerst spannend, dass gerade dieser Text von einem Mann stammt!

Mein Freund steht auf dem Fußballplatz
Und ich steh' in der Küche
Er nennt mich seinen liebsten Schatz
Doch das, das sind nur Sprüche

Noch nie hat er den Tisch gedeckt
Er könnt sich was verstauchen
Ja, der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen
Der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen

Ich werd' ihn heute seinen Fraßen
Alleine kochen lassen
Ich hole mir wo anders Spaß
Adieu, ihr Untertassen

Adieu, mein Kochtopf, heut fließt Sekt
Heut' gibt es Hasch zu rauchen
Ja, der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen
Der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen

Der Mann, das ist ein Lustobjekt
Oh, das hab ich begriffen
Und wenn die Männer, das erschreckt
Wird ihnen was gepfiffen

Ab heut', da müssen alle ran
Bis sie den Geist aushauchen
Der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen
Der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen

Und wenn der Neue streicheln kann
Und schöner als der Alte
Dann bleib' ich bei dem neuen Man
Bevor ich ganz erkalte

Dann werd' ich von ihm heiß gestreichelt
Bis die Matratzen hauchen
Oh, der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen
Der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen

Wenn einer nicht mehr funktioniert
Und anfängt zu querelen
Ja, das er an meiner Lust krepiert
Ja, dann, ja meiner Sinnen


Geb' ich ihm ein paar Euroschecks
Dann kann er sich was kaufen
Ja, der Mann ist halt nur für den Sex
Und sonst nicht zu gebrauchen
Der Mann ist halt nur für den Sex

Und sonst nicht zu gebrauchen


Ja dürfen Frauen so etwas sagen!? Natürlich dürfen sie ... und jeder von euch ertappt sich wohl dabei, dass es da die eine oder andere Phrase gibt, die man sich umgekehrt vielleicht auch schon einmal gedacht hat.
Ich lasse diesen Blickwinkel jetzt einfach so auf euch wirken.

Lasst euch nicht unterkriegen und wir sehen (und hören) uns am Wochenende wieder mit etwas "leichterer Kost" ;)

Dienstag, 28. April 2020

# 41 - "Uran im Urin" - WiederWillen (1984)

Für den heutigen Tag hab ich mir etwas Lustiges rausgesucht. Nein, keine neue Pressekonferenz der österreichischen Regierung. Aber ein Titel, der sich durchaus (ironisch) einem gesundheitlichen Thema widmet.


Bob Klein - Edith Jeske - Peter Bytzek - Johannes Thiem



WIEDERWILLEN
Uran im Urin (M & T: Rudolf Kucharcyzk)

Der Song (im Original von "Traumtänzer", allerdings nie auf Platte erschienen) wird 1984 in Michael Schanzes Fernsehshow "Hätten Sie heut' Zeit für uns?" (ein jährliches Spin-off, in der er jungen NachwuchskünstlerInnen eine Plattform bietet) vorgestellt.

Die Gruppe ging 1981 aus der Formation "Großstadtmusik" hervor und bestand aus:
Peter Bytzek
Edith Jeske (* 1957)
Hans-Joachim "Bob" Klein
Johannes Thiem

Nach einem Auftritt beim "Bonner Sommer", dem letzten Kanzlerfest von Helmut Schmidt, erhalten sie von einer Plattenfirma das Angebot, ein Album zu produzieren. Nachdem die Titel - auf eigene Kosten - produziert wurden, macht die Plattenfirma einen Rückzieher. Vier dieser Titel brachten sie 1982 auf ihrem eigenen Label auf den Markt.

Peter Horton 1983 über diese Gruppe:
"Vier junge Berliner, die Freude an Musik haben, Freude am Leben un Lust zum Überleben. Sie schreiben und singen Lieder, welche sie entlarven als humorvoll, zornig, verwundbar, verschmust, ironisch, gefühlvoll, tief betroffen. Und ehe man sein Vorurteil einrasten kann, entsteht im Inneren das Bild einer Stadt mit großer menschlicher Geschichte, gemalt in hinreißender Einfachheit, als ob man einem kleinen Fest beiwohnen würde, bei dem ein paar Gitarren und eine Flöte gezückt wurden. Auf einmal steht es neben dir, möchte man Ringelnatz zitieren, und auf einmal sitzt du mittendrin."

Die Gruppe löste sich 1985 auf. Alle Mitglieder sind - soweit ich es in Erfahrung bringen konnte - nach wie vor musikalisch aktiv.
Edith Jeske arbeitet seit den 90er-Jahren verstärkt als Textautorin, u. a. für Wolfgang Petry, Roland Kaiser und Claudia Jung.

Zuerst dacht' ich ja noch, das wär 'ne Grippe
Doch dann sah ich im Spiegel mein Gerippe

Und als ich dann in meine dunklen Augenhöhlen sah
Da wurde mir mit einem Male klar

Ich hab Uran im Urin
Da hilft kein Aspirin
Ich muss zur Kur in die Natur
In den Harz sagt der Arzt

Das Ganze ist mir ungeheuer peinlich
Denn eigentlich bin ich doch sehr reinlich - unheimlich
Das muss ich ja auch sein, weil ich ein Kernphysiker bin
Und wenn Kernphysiker schutzig wär'n, wo käm'n wir denn da hin?

Refrain

Das Ganze muss wohl neulich im Labor geschehen sein
Ich machte grad Versuche mit 'nem hoch aktiven Stein
Ich möchte bei der Arbeit meine Frühstücksstull'n nicht missen
Da hab' ich wohl versehentlich in diesen Stein gebissen

Refrain

Ich fahr' dann auch zur Kur, da musst ich Sprudelwasser trinken
Und nachmittags in kochendheißer Jodtinktur versinken
Es hatte keinen Zweck, ich kriegte Ausschlag, Pickel, Falten
Und eine Woche später fing mein Arsch sich an zu spalten

Refrain

Mein Chef hat mich entlassen, ich kann den Mann versteh'n

Ein durchsichtiger Kernphysiker wird nicht gern geseh'n
Ich hab' auch keine Lust ständig zum Arbeitsamt zu laufen
Ich werde mich als Brennstab an ein Kernkraftwerk verkaufen

Refrain




Diesen launigen Text lass ich jetzt einfach so auf euch wirken - unter dem Motto: "Hey, es könnte auch noch viel schlimmer sein!". Nach Tschernobyl und aktuellen Waldbränden in der Gegend ist es vielleicht nicht ganz so ideal, über dieses Thema Witze zu machen, aber Humor gehört einfach zum Leben dazu. Und den lassen wir uns doch auch in dieser Zeit nicht nehmen, oder?

Sonntag, 26. April 2020

# 39 - "Paul" - Milestones (1971)

Heute widmen wir uns wieder einmal der österreichischen Popmusik. Wichtige Vertreter der frühen Austropop-Gattung waren die Milestones. Meilensteine auf dem Weg der österreichischen Musik. Und der Sound dieser Gruppe aus Wien war durchaus prägend und absolut spannend für diese Zeit.
Nachdem ich gestern sehr feministisch unterwegs war, gibt es heute die Geschichte von einem Mann namens Paul - der übrigens im Wald lebte.




MILESTONES
A: Paul (M & T: Günter Grosslercher)
B: Der staatenlose Koffer (M & T: Günter Grosslercher)

1971, Bellaphon, BL 1179

Die Milestones formierten sich 1968. 
Gründungsmitglieder waren:

Günther Grosslercher (* 1945) - Gesang, Gitarre
Beatrix Neundlinger (* 1947) - Gesang, Flöte
Rudi Tinsobin - Gesang, Bass, Flöte, Posaune
Robert Unterweger - Gesang, Banjo, Gitarre

In dieser Besetzung nahmen sie an einem großen von Ö3 und ORF österreichweit initiierten Talentwettbewerb ("Show-Chance") teil, der im März 1969 mit einer großen Live-Finalausscheidung mit der ORF-Bigband im Fernsehen übertragen wurde. Der junge Ö3-Discjockey André Heller führte durch den Abend und auf dem Siegertreppchen standen die Milestones mit der dadaistischen Eigenkomposition "Einmal (wird der Stein der Weisen weich)". Die ursprüngliche Absicht dieses Wettbewerbs war es einen geeigneten Vertreter für Österreich beim Grand Prix d'Eurovision zu finden (Österreich nahm allerdings erst 1972 wieder am ESC teil!).
Die fünf Bestplatzierten traten bei der "Internationalen Show-Chance", in Kooperation mit Deutschland und der Schweiz, in der Rheingoldhalle in Mainz auf - Sieger dieses Bewerbs: Ebenfalls die "Milestones".

Ihr Siegertitel wurde auf Schallplatte veröffentlicht und 1970 folgte die erste LP, deren Titel großteils Grosslercher beisteuerte. 1972 stießen Christian Kolonovits (* 1952) und Norbert Niedermayer zu der Gruppe.
In dieser Formation wurden sie 1972 als Vertreter Österreichs zum Eurovision Song Contest nach Edinburgh geschickt. Ihr romantischer Titel "Falter im Wind" belegt Platz 5. Am Siegertreppchen landete übrigens Vicky Leandros mit "Aprés toi" für Luxemburg. 

Bis zur Auflösung 1975 gab es noch weitere Umbesetzungen.
Neundlinger und Grosslercher schlossen sich den "Schmetterlingen" an, Niedermayer wechselte zur Band "Springtime" und Christian Kolonovits verlegte sich auf das Komponieren und Arrangieren.

Weitere Titel der Gruppe waren "20 Uhr 02" (1970), "Alle Tage" (1973), "Apfelbaum" (1973), "Ballade von Hartmut Winzer" (1970), "Bürgers Traum" (1970), "Chor der Alten" (1970), "Hamlet" (1973), "In den neuen besseren Zeiten" (1970) und "Schade" (1974).

Nun aber zur Geschichte von Paul:

Er lebte im Wald
Und träumte von Waffen
Man fasste ihn bald
Man wollt' ihn bestrafen
Sein Verhängnis: Abnormität

Paul hieß er wohl, Paul
Und faul war er auch
Er hielt sich den Bauch vor Lachen
Als eine Taube dem Bürgermeister
Schwarz-weiß-grauen Kleister
Auf den Hutrand schmiss

Refrain
Zwei Jahre Gefängnis

Paul hieß er ja, Paul
Auch war er wohl faul
Gerne sprach er zu Mädchen
Die ihre Freunde verließen
Lieber lief er über leere Wiesen
Als so ein Mädchen anzurühren
Paul - er ließ sich nie verführen

Refrain
Zwei Jahre Gefängnis

Paul hieß 22 Jahre Paul
Steinmetzgehilfe wohl
Einer der auf Blechbüchsen schoss
Der im Steinbruch Füchse zähmte
Und meistens eine unverschämte Lust verspürte
Sich vor der Welt zu verstecken

Refrain
Abnormität
Für was anderes war es zu spät


Tja. Das ist also die Geschichte vom 22jährigen Paul, der im Wald lebt und gelegentlich von Waffen träumt. Die attestierte Abnormität bleibt fraglich, die Haftstrafe deutet aber auf ein Vergehen hin. Eine überführte Tat oder war es einfach sein Verhängnis, das er sich als Einsiedler in die Natur zurückzog?
Spannend, dass man für einen Song so einen Sonderling in den Mittelpunkt stellt. Paul hat mehr die Züge einer sympathischeren Version von Brechts Parade-Antiheld Baal.
Möglicherweise gab es einen Vorfall? Ein Übergriff, eine Vergewaltigung? Zumindest könnte es damit zu tun haben, sonst wäre die dritte Strophe obligat.

Gerne sprach er zu Mädchen
Die ihre Freunde verließen
Lieber lief er über leere Wiesen
Als so ein Mädchen anzurühren
Paul - er ließ sich nie verführen

Dennoch bleibt das Schicksal des Steinmetzgehilfen in vielerlei Hinsicht rätselhaft. Was wurde aus ihm? "Für was anderes war es zu spät" - das Ende bleibt offen.
Das dieser Song kein riesengroßer Hit wurde, verwundert auch weniger. Dennoch haben die Milestones für mich einen unvergleichlichen "Sound". Die klaren, markanten Stimmen harmonieren wahnsinnig gut miteinander und die Arrangements setzen stets das Lied bzw. den Text in den Vordergrund. Sie erinnern mich immer ein wenig an Peter, Paul & Mary. Aber sie kopieren nicht, sie sind komplett eigenständig. Ihr Werk ist absolut einmalig. Ihre Lieder sind meist leise. Es gibt keine großen Ausbrüche, keine überraschenden Harmoniewechsel oder Effekte. Dennoch sind sie nie beiläufig und regen an. Zum Zuhören. Zum Nachdenken. Aber weniger zum Tanzen oder Mitsingen.




Für diesen Song lege ich fünf Meilensteine auf den Weg, in der Hoffnung, dass Paul doch noch zurückfindet.

Was Paul wohl heute macht, falls es ihn jemals wirklich gab? Ich glaube, dass man mit ihm durchaus Spaß haben hätte können. Vor allem diese "unverschämte Lust, sich vor der Welt zu verstecken" kann ich ihm sehr gut nachempfinden. Gerade an Tagen wie diesen.

Montag, 13. April 2020

# 26 - "Der schöne Alfred" - Elke & Alexander (1967)

Heute habe ich etwas ganz Besonderes ausgegraben. Eines meiner absoluten Lieblingslieder. Zugegeben, es ist ziemlich skurril und dessen Thematik besonders, aber in Zeiten wie diesen ist mir jedes Mittel recht ;)


Das Bild zeigt die beiden bei ihrem Auftritt auf der Burg Waldeck 1967


ELKE & ALEXANDER
Der schöne Alfred (M: Pete-Alexander Kugler & Elke Nicolaisen-Gerstenberg / T: Rudolf Alexander Schröder)

1967, Live-Mitschnitt vom Festival auf der "Burg Waleck"
CD "Burg Waldeck Festival 1967. Chanson, Folklore, International. Eine Dokumentation" (studio wedemark, 2004)





Der Text basiert auf einem Gedicht von Rudolf Alexander Schröder (1878-1962), einem deutschen Schriftsteller und Dichter, der u. a. mit Hugo von Hoffmansthal 1913 die "Bremer Presse" gründete. 1950 schrieb er die von Hermann Reute vertonte "Hymne an Deutschland", die sich letztlich aber nicht als neue Nationalhymne durchsetzen konnte.

Da liegt er nun, der schöne Knabe
Oh Freunde weint an seinem Grabe
Und singt mit lautem Klaggetön'

Der gute Alfred war so schön, so schön
Der gute Alfred war so schön
Der gute Alfred war so schön, so schön
Der gute Alfred war so schön

Es kommen 180 Frauen
In Trauerkleidern, langen grauen
Und singen auch mit Klaggetön'

Refrain

Es kommen Fräuleins an, dreitausend
Vor Kummer bleich, vor Schrecken grausend
Und singen auch mit Klaggetön'

Refrain

Es kommen 30 holde Knaben
Um ihren Abgott zu begraben
Und singen auch mit Klaggetön'

Refrain

Der ganze Friedhof steht voll Herren
Die alle ihrem Kummer wehren
Und singen auch mit Klaggetön'

Der gute Alfred war so schön, so schön
Der gute Alfred war so schön - kann man wohl sagen
Der gute Alfred, ja, war so schön
Der gute Alfred war so schön

Ja selbst die dieses Lied hier hören
Geh'n sie nach Haus, ich möchte schwören
Sie singen auch mit Klaggetön'

Refrain



Was soll ich sagen? Ich glaube ich habe noch niemals ein originelleres Lied über eine Beerdigung gehört! Zudem finde ich das Arrangement äußerst gelungen und wie die beiden stimmlich die unterschiedlichen Trauergruppen darstellen, erfreut mich nach wie vor mit nie enden wollender Heiterkeit.

Dafür gebe ich beiden stolze fünf von fünf Taschentüchern!



Bis vor einigen Wochen waren es bloß Elke und Alexander für mich. Sämtliche Rechercheversuche scheiterten gnadenlos. Mein heutiger Google-Versuch führte auf einmal ihre Identitäten zutage. Ein erfreuliches Gefühl, wenn aus den Stimmen zweier Namen auf einmal "echte" Menschen werden und man auch Bilder der beiden findet.

Und nun haben sie eine Identität bekommen: Elke Nicolaisen-Gerstenberg (* 1944) und Peter-Alexander Kugler-Righetti (1944-1988). Die Grafikerin und der Germanist lernten sich 1965 kennen. Zuvor hatten die beiden bereits unterschiedliche Erfahrungen in der Berliner Jazz- und Folkloreszene gesammelt. Nun begannen die beiden zusammenzuarbeiten und suchten nach interessantem Liedmaterial, das sich positiv abhob. In diesem Zusammenhang lernten sie Volker von Törne (1934-1980) kennen und seine Texte lieben.

Ein Kritiker schrieb über die beiden: "Elke und Alexander sind Bänkelsänger von der leisen, der durchtriebenen Art, der rüde Protest und der schrille Aufschrei sind nicht ihre Art, dagegen der leise Hohn, die subversive Sanftmut, die diskrete Kritik. Mit diesen Liedern reiben sie Salz in die Wunden, die die deutsche Geschichte den Bürger zufügte, die sich die Bürger selbst zufügen."


Von Elke und Alexander gibt es leider nur wenige  Aufnahmen:

"Das Attentat" (CD-Box "Die Burg Waldeck Festivals 1964-1969", Bear Family, 2008)
"Kudamm-Bummel" (LP "Steve Club Berlin", Thorofon, 1969)
"Lied über den Terroristen Karl-Heinz Pawfla" (LP "Steve Club Berlin", Thorofon, 1969)



Aber es gibt eine LP:

Elke Nicolaisen und Alexander Righetti singen Volker von Törne - Im Lande vogelfrei (Sound-Star-Ton, 1983)
Auf der Elbchaussee / Ballade vom braven Mann / Ballade von Helga M. / Beim Straßenbau / Die apokalyptischen Reiter / Frei wie ein Vogel / Im Fabelreich / Kinderlied / Küchenlied / Lied über den Terroristen Karl-Heinz Pawla / Lied von den Helden in dieser Zeit / Kudamm-Bummel / Not War

Elke ist bis heute noch als Liedermacherin - unter dem Namen "Elke Querbeet" - vor allem in Berlin aktiv und tritt immer wieder auf.


Da ich diesen Blog mitunter auch als Bildungsauftrag verstehe, gibt es hier einen kurzen, aber nicht minder kritischen, TV-Bericht über das Festival auf der Waldeck von 1966. Es hat einen ungeheuren Charme, wie sich pseudo-despektierlich über die schreckliche Jugend, die dorthin pilgert, geäußert wird. Zudem wird es mit ein paar wenigen schönen und zahlreichen ziemlich obskuren musikalischen Beiträgen angereichert. Ansehen höchst empfehlenswert!




Was zeigt uns dieses Lied in Zeiten wie diesen? Wenn man einen Menschen verliert, ist das unfassbar traurig. Aber woran soll man denken? An das Gute, an das Schlechte? An das Erlebte, an das Versäumte? An das Schöne.


"Am Grab der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben."
- Georg Jellinek (1851-1911) -