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Montag, 14. Dezember 2020

# 142 - "Wie ein Feuerwerk" - Michelangelo (1970)

Diese Woche startet mit einem richtigen "Knaller" - im wahrsten Sinn des Wortes. Oder ist es doch eher ein Rohrkrepierer? Naja, da Silvester heuer sowieso deutlich anders ausfallen wird, als die letzten Jahre, kann man sich ja jetzt schon Gedanken um eine passende Playlist für das neue Jahr (oder zumindest für Mitternacht machen) ...



MICHELANGELO

A: Wie ein Feuerwerk (M: Ralph Siegel / T: Mal Sondock)
B: Er oder ich (M: Mal Sondock / T: Michael Holm)

1970, Decca, D 29 025

Michelangelo wurde 1946 als Rainer Limpert geboren. Zwischen 1969 und 1977 veröffentlichte er zehn Solo-Singles (die letzte unter dem Pseudonym "Richard Sussex"), u. a. "Sie trägt blau, blau, blau" (1969), "Ein Tag mit Maria" (1972) und "Ein Garten der Liebe" (1973). Von 1972 bis 1975 war er Mitglied der Gruppe "Family Tree" (weitere Mitglieder waren Enry David, Monique Melsen, Millie Fennell, Timothy Touchton, Tommy Roland, Donna Summer und Tony Gregory).

Mal Sondock (1934-2009), gebürtig aus Amerika, kam 1951 nach Deutschland und begann hier eine Karriere als Discjockey und Radiomoderator. Zwischen 1959 und 1966 veröffentlichte er selbst einige Singles, u. a. "My Heidelberg Baby" (1961), "Das Mädchen mit dem traurigen Blick" (1964) und "Juanita Banana" (1966). Zudem zeichnete er auch für folgende Titel verantwortlich: "Sand in my Shoes" (Johnny Tame, 1967), "Schulmädchen-Träume" (Twin Set, 1971), "Weißt du schon, dass ich dich liebe?" (Michael Martin, 1972) oder "Goodbye Marie" (Martin Mann, 1973).

Mein Leben war langsam ein Trauerspiel
Und das grausame Ende war nah
Ich fand das Spiel schon ein bisschen zu viel
Dann kamst du und die Liebe war da

Und wie ein Feuerwerk - Feuerwerk
Explodierte mein Herz
Weg war der Kummer und weg war der Schmerz

So wie ein Feuerwerk - Feuerwerk
Es leuchtet mir ein
Du musst die Richtige sein

Was ich bisher nur in Träumen geseh'n
War auf einmal wirklich so nah
Ich sah dich an und glaube es kaum
Da warst du und die Liebe war da

Refrain

Gestern versprachst du, dass wir uns heut' seh'n
Und ich glaubte schon, es sei nicht wahr
Ich lud dich ein, dort um halb acht zu sein
Dann kamst du und die Liebe war da

Refrain



Zuallererst: Nein! Dieser blonde, bebrillte Jüngling ist nicht der lange Zeit verschollene Halbbruder von Heino. Das ist Michelangelo. Nein, nicht der begnadete Künstler. Michelangelo aus Frankfurt. Der Schlagersänger. Was? Von dem habt ihr noch nie gehört? Nun ja ... auch wenn seine Stimme gut ist, war es auch in den 70er-Jahren schwierig, mit so einem Titel in Erinnerung zu bleiben.

Gut, dass Michelangelo (zumindest im Song) noch seine große Liebe gefunden hat. Die erste Strophe klingt doch ziemlich nach der Vorbereitung auf den Suizid. Und ich machte mir schon kurz Sorgen, denn "Wie ein Feuerwerk explodierte mein Herz". Das will ich eigentlich nicht sehen - und auch nicht hören, schon gar nicht in einem Schlager. "Weg war der Kummer und weg war der Schmerz" - das kannst du selber glauben! Wenn der da blutüberströmt in Einzelteilen herumliegt, weil sich die Schmetterlinge im Bauch als Molotow-Cocktail herausgestellt haben. Aber egal. Hauptsache: "Die Liebe war da". Mehr möchte ich zu diesem Reim-Einerlei definitiv nicht sagen ;)

Einen Vorteil hat es zumindest: wenn man verliebt implodiert ist, braucht man sich zumindest keine Gedanken mehr machen, ob man heuer zu Silvester lieber kein Raclette oder kein Käse-Fondue machen soll.

Freitag, 11. Dezember 2020

# 141 - "Ein Leben lang" - Joy Fleming (1974)

Ich mag den Dezember an sich sehr gerne. Der Ausklang eines langen, intensiven Jahres. 2020 ging es mir fast zu schnell. Gefühlt bin ich noch irgendwo im August. Aber auf der anderen Seite ist es für viele die Hoffnung groß, dieses eigenwillige Jahr schnellstmöglich abzuhaken und ad acta zu legen. Ob 2021 besser wird oder müssen wir uns jetzt ein Leben lang mit Corona aussetzen. Ach ja, ein Leben lang, ... was heißt das eigentlich?




JOY FLEMING

A: Rocktown [Black Sheep] (M: Stephen Stills / dt. T: Carl J. Schäuble)
B: Ein Leben lang [Life's too short] (M: Pete Wyoming Bender / dt. T: Carl J. Schäuble)

1974, Global Records, 22 543-3

Joy Fleming nahm beide Titel auch in englischer Sprache auf.


Joy Fleming wurde 1944 als Erna Raad in Rockenhausen geboren. Bereits als Teenager gewann sie Gesangswettbewerbe und sang anschließend - nach ihrer Lehre zur Verkäuferin - gemeinsam mit ihrer Schwester Jazz und Blues in Bars und Kneipen, wo hauptsächlich amerikanische Soldaten stationiert waren. 1966 gründete sie mit Freunden die Gruppe "Joy and the Hit Kids", die 1969 in "Joy Unlimited" umbenannt wurden. Ihr erster Auftritt im legendären "Talentschuppen" machte sie schlagartig bekannt - zahlreiche Schallplatten in englischer und deutscher Sprache folgten.
1971 setzte Joy Fleming ihre Karriere als Solosängerin fort und verbuchte mit dem "Neckarbrückenblues" (in Mannheimer Dialekt) einen großen Erfolg. 1975 vertrat sie Deutschland beim Eurovision Song Contest mit "Ein Lied kann eine Brücke sein", belegte allerdings nur den 17. Platz. Zwischen 1986 und 2002 versuchte sie noch dreimal den deutschen Vorentscheid für sich zu gewinnen.
Joy Fleming, die wohl zu recht als Deutschlands beste Soul- und Blues-Sängerin bezeichnet werden kann, war bis zu ihrem plötzlichen Tod 2017 musikalisch aktiv.
Bekannte Titel von ihr waren "What can I do without you?" (1967), "Daytime, Nighttime" (1968), "Neckarbrückenblues" (1972), "Halbblut" (# 38, 1974), "Ein Lied kann eine Brücke sein" (# 32, 1975), "Geld" (1975) oder "Ich sing' fer's Finanzamt" (1977).

Carl J. Schäuble (1933-2010) war ein bekannter deutscher Texter. Seine bekannteren Titel - neben den bisher angesprochenen - waren "Ein Hoch der Liebe" (Wencke Myhre, 1968), "Nuevo Lardeo" (Tony, 1970), "Geh' mit mir durch den Regenbogen" (Peter Horton, 1970), "Was ich tat, tat ich nur für Maria" (Oliver Bendt, 1971), "Hast du keine anderen Sorgen?" (Die Windows, 1973) oder "Bad, bad Leroy Brown" (Jerry Rix, 1974).


Ich schenk' mein Leben her
Als ob es gar nicht wär'
Ich leb' als hätt' ich tausend Leben

In jedem Augenblick
Verschwende ich ein Stück
Wofür hab' ich es hergegeben?

Ein Leben lang was heißt was schon?
Wie Wasser läuft die Zeit davon
Jede Antwort läuft mit ihr
Und nur die Fragen bleiben mir

Ein Leben lang was heißt das schon?
Die Träume schwimmen dir davon
Was dir dann noch übrig bleibt
Sag', ist das die Wirklichkeit?

Ich liege manchmal wach
Und denke daran
Was ich dir alles nicht gegeben

Verzeih', verzeih'
Was kann ich tun?
Ich hab' nur dieses eine Leben

Refrain


Wofür sind wir denn noch bereit zu leben und was ist uns wirklich wichtig? Und auf was sind wir eigentlich bereit zu verzichten - in unserem Wohlstand? Würde noch jemand sein Leben für jemanden oder etwas hergeben? Schwierige Frage. Aktuell scheitern wir stellenweise ja bereits an einem dünnen Stück Stoff.

Mittwoch, 9. Dezember 2020

# 140 - "Sag doch 'Ich liebe dich' (Bla, bla, bla)" - Love Generation (1975)

Manchmal liegt das Gute so nah und ist doch so fern, weil einem einfach nicht die richtigen Worte (zur rechten Zeit) einfallen. Davon kann auch die heutige Gruppe ein Lied singen (#schlechterscherzolé).



LOVE GENERATION

A: Ja, wir verreisen (M & T: Frank Cornely)
B: Sag' doch "Ich liebe dich" [Bla, Bla, Bla - Squallor] (M: Giancarlo Bigazzi, Daniele Pace & Gaetano Savio / dt. T: Fred Jay)

1975, United Artists, UA 35 851
Produziert von Günter Henne & Joachim Heider


Die Love Generation war eine deutsche Popgruppe, die 1971 aus den "Cornely Singers" hervorging. In wechselnder Besetzung existierte die Gruppe bis 1978.
1975 bestand die Gruppe aus Gitta Walther (1940-2014), Birgit Laury (* 1946), Lucy Neale (* 1948), Peter Hedrich (* 1948) und Timothy Touchton (* 1946). Bis auf Birgit Laury waren alle auch solistisch tätig.
Lucy Neale, die zuvor bei "Family Tree" war, und Gitta Walther gehörten in den 80er-Jahren zu dem Damenquartett "Hornettes". Gitta Walther, die eine gefragte Studiosängerin war (von ihr stammt der legendäre Schrei in "Lady Bump" von Penny McLean), versuchte sich unter dem Pseudonym "Jackie Robinson" auch als Discosängerin. Peter Hedrich gelang 1979 als "Peter Kent" mit "It's a reel good Feeling" ein Hit. Auch Timothy Touchton, der bereits mit Lucy Neale bei "Family Tree" war, machte solistisch weiter.

Bekanntere Titel der Gruppe waren: "Love for everybody" (1971), "Israel" (1972), "Morning of my Life" (1973), "Goin' Downtown" (1973), "Hör' wieder Radio" (1975 - Teilnahme am deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest) oder "Thomas Alva Edison" (1976 - Teilnahme am deutschen Vorentscheid für den ESC).

Der in Linz geborene Textautor Fred Jay (1914-1988) hatte bereits in den 40er- und 50er-Jahren erste Erfolge als Texter. In den 70er-Jahren schrieb er u. a. folgende Titel: "Diese Welt" (Katja Ebstein, 1971), "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo" (Christian Anders, 1972), "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" (Jürgen Marcus, 1972), "Fahrende Musikanten" (Nina & Mike, 1973), "Ein Schlafsack und eine Gitarre" (Renate & Werner Leismann, 1973) oder "Wir lassen uns das Singen nicht verbieten" (Tina York, 1975).


Bla-Bla-Bla-Bla-Bla
Bla-Bla-Bla-Bla-Bla-Bla
Bla-Bla-Bla-Bla-Bla
Bla-Bla-Bla-Bla
Bla-Bla-Bla-Bla
Sag' was du wirklich denkst

Bla-Bla-Bla-Bla
Bla-Bla-Bla-Blaaaaha
Bla-Bla-Bla
Bla-Bla-Bla-Bla-Bla-Bla
Sag' was du wirklich denkst

Mit dir allein zu sein
Erfüllt zu Träumerein
Dir fallen jederzeit die rechten Worte ein
Du bist so wunderbar
Ich mag dein rotes Haar
Dein Gang ist federleicht
Dein Lächeln unerreicht

Bla-Bla-Bla-Bla-Bla
Bla-Bla-Bla-Bla
Bla-Bla-Bla-Bla-Bla
Bla-Bla-Bla-Bla
Bla-Bla-Bla-Bla-Bla
Sag' was du wirklich denkst

Du siehst ganz reizend aus
Machst dich gewaltig raus
Wenn du so sprichst zu mir
Strahl ich und glaub' es dir

Und deiner Augen Glanz
Der fasziniert mich ganz
Das hört sich beinah an
So wie ein Kitschroman

Sag' doch "Ich liebe dich"
Einfach "Ich liebe dich"
Sag' doch, du willst nur mich
Denn darauf warte ich

Wenn du das Richt'ge denkst
Weißt du schon längst
Ich bin für dich schon da
Ganz ohne "bla, bla, bla"


Zweifellos ein großartiges Machwerk. Ist es denn nicht oft so, dass man seinem Partner oder seiner Partnerin manchmal gar nicht zuhören kann, weil man von den sich bietenden Reizen so genervt ... angeekelt ... becirct ist, das man der anderen Person zwar förmlich an den Lippen hängt, aber das Einzige, was der Organismus abspeichern kann, ist "Bla bla bla". In dieser Situation ist es übrigens äußerst gefährlich, negativ durch einen Unachtsamkeitsfehler aufzufallen. Eine falsche Beantwortung der Folgefrage: "Was hab' ich denn gerade gesagt?" kann zu schwerwiegenden Problemen führen, die schlimmstenfalls ein Beziehungsende (oft sogar durch das unerwartete, plötzliche und vor allem tragische Ableben einer der beteiligten Personen) bedeuten.
In diesem Fall können wir uns aber entspannt zurücklehnen, den beiden Turtelnden zuhören und hoffen, dass sie irgendwann wieder Zugang zu ihrem Sprachzentrum erhalten.

Dienstag, 8. Dezember 2020

# 139 - "Dum-Didel-Dum" - Patricia Cramer (1974)

** YEAH! Wir haben die 2.000-Besucher-Marke geknackt! **

Vielen Dank für eure Treue in den letzten Monaten! Es erfüllt mich mit großer Freude, dass ich anscheinend nicht die einzige Person bin, die in diesem Blog mitliest ;) Ich verspreche euch, die schrecklichschönen Songs werden mir so bald nicht ausgehen.

 


PATRICIA CRAMER

A: Dum-Didel-Dum (M & T: Horst Hornung)
B: Herrliche Träume (M & T: Horst Hornung)

1974, Jupiter Records, 13 322 AT
Produziert von Horst Hornung


Patricia Cramer wurde um 1959 geboren. Die Plattenfirma, die besonders intensiv versucht hat, ihre Karriere zu pushen, war äußerst ambitioniert in der Bewerbung ihres neuen Schützlings: "Teen-Prinzessin mit Märchenstimme". Tatsächlich wurde Patricia Cramer zur "Teen-Prinzessin '74" gekürt. In welchem Zusammenhang ist aber unklar - sie wurde weder "Bravo-Girl des Jahres" noch war sie Teilnehmerin der "International Teen Princess" (1973 holte sich übrigens tatsächlich die deutsche Ute Kittelberger den Sieg!). 

"Patricia ist jetzt gerade 15 Jahre jung und schon auf dem besten Weg, ein hell leuchtender Stern am deutschen Schlagerhimmel zu werden. Entdeckt wurde sie im Frühling 1973 bei einem Talentwettbewerb in Darmstadt. Unser schnuckeliger Teenager (158 cm klein) spielt Gitarre, möchte aber auch noch Bass lernen. Dazu hat sie aber nicht genügend Zeit, sie geht noch zur Realschule."

Schnuckelig ist auch ein Attribut, das man heute keinem jungen Mädchen mehr auf die Plattenhülle schreiben würde ...

"Aufgefallen ist sie mit ihrer frischen Stimme und dem für sie charakteristischen Timbre bei den Pfadfindern." Ah ja. Die waren ja immer schon als Talentschmiede bekannt und nicht dafür, dass man lernt, wie man am besten ein Zelt aufstellt oder so.

"In ihrer Plattensammlung überwiesen Interpreten wie Suzi Quatro, T. Rex, Bernd Clüver, Cindy & Bert." <-- DAS ist auch eine ziemlich harte Kombi!

"Wir sind davon überzeugt, dass Patricia in einiger Zeit bald so bekannt ist wie ihre Vorbilder. Patricia Cramer ist d i e Entdeckung der letzten zwei Jahre!" Tja, beides ist nicht eingetreten. Und ich muss zugeben: zu Recht! Da gab es tatsächlich deutlich begabtere Sängerinnen.

Patricia Cramer, die damals scheinbar auch in Darmstadt lebte, veröffentlichte zwischen 1974 und 1975 insgesamt drei Singles. Weitere Titel waren "Teenage Romeo", "Hello, little Joe", "Ich bin wieder zu Hause" und "Er heißt Michael". Keine der drei Singles wurde in Deutschland ein Hit. Auf holländischen Piraten-Radiosendern wurde sie allerdings häufig gespielt. Dieser Umstand führt dazu, dass sich ihre Singles heute noch für teilweise dreistellige Beträge verkaufen lassen. 
Laut Informationen aus einem Online-Musikforum ist sie im Jahr 2007 verstorben.


Horst Hornung, der in den frühen 70er-Jahren auch selbst als Sänger in Erscheinung trat, war bereits öfter auf meinem Blog zu Gast. Klingende Titel aus seiner Feder waren beispielsweise "Arthur Infernale" (Maggie Mae, 1975), "Liebt er dich, wie ich dich liebe?" (Roy Black, 1975), "Wer trinkt schon gern den Wein allein?" (Roberto Blanco, 1978), "Tut-Ench-Amun" (Penny McLean, 1979) oder "Die Familie hat 'nen Knall" (Rex Gildo, 1979).



Wo geht er hin, kommt er her?
Didel-Didel-Didel-Dum Didel-Dum-Didel-Dum
Nichts was er tut, fällt ihm schwer
Didel-Didel-Didel-Dum Didel-Dum-Didel-Dum

Ja, der Spielmann ist unser Freund
Wir haben nie mit ihm geweint
Wenn er spielt sind wir froh
Sein Lied geht so Didel-Didel-Dum

Dum-Didel-Dum-Didel-Dum
Didel-Didel-Didel-Dum-Didel-Dum-Didel-Dum
Dum-Didel-Dum-Didel-Dum 
Didel-Didel-Didel-Dum-Didel-Dum-Didel-Dum

Er singt sein Lied überall
Didel-Didel-Didel-Dum Didel-Dum-Didel-Dum
Und wenn's gefällt noch einmal
Didel-Didel-Didel-Dum Didel-Dum-Didel-Dum

Refrain

So wie er kam, ging er fort
Didel-Didel-Didel-Dum Didel-Dum-Didel-Dum
Sein Lied war sein Abschiedswort
Didel-Didel-Didel-Dum Didel-Dum-Didel-Dum

Ja, der Spielmann war unser Freund
Wir haben nie mit ihm geweint
Und sein Lied, ja das geht für immer um
Didel-Didel-Dum


Eines kann ich euch sagen: Wenn dieser Spielmann den ganzen Tag mit seiner piesigen Blockflöte um die Häuser zieht und dabei diesen nervigen Ohrwurm dudelt, dann wäre er ganz sicher nicht mein Freund! "Nichts was er tut, fällt ihm schwer" - ja, vor allem anderen Leuten auf die Nerven zu gehen. Das scheint mir seine Hauptbeschäftigung zu sein!
Schön, dass es in den 70er-Jahren schon ausreichend für eine gute Freundschaft war, dass man nicht zusammen weint. Toll. Das ist wirklich beeindruckend. Patricia hat anscheinend noch nie mit ihren Freunden Zwiebeln geschnitten. Das wäre nämlich ein ziemlich (Achtung: schlechter Wortwitz) einschneidendes Erlebnis gewesen!
"Und sein Lied, ja , das geht für immer um - Didel-Didel-Dum", ja das ist tatsächlich eine Drohung. Ich fürchte dieser Spielmann war so etwas wie der erste analoge Trojaner, dessen Anwesenheit zu einem ziemlichen Crash in der menschlichen Hardware führt. Danach kannst die Festplatte vermutlich in die Tonne schmeißen und maximal noch als Klatsch-Statist im Musikantenstadl vermittelt werden.

Ich warne euch wirklich! Di-didel-eser Song hat es wirklich in sich. Man muss aufpassen, dass da-dum-ruch nicht der eigene Sprachfluss gestört wird. Ist di-didel-es, der Fall, dann hilft nur noch ... Dum-Didel-Dum-Didel-Dum Didel-Didel-Didel-Dum ...

Freitag, 4. Dezember 2020

# 137 - "Es ist ein Mensch" - Meeting Point (1976)

Mit großen Schritten nähere ich mich dem 2.000. Besucher dieser Seite. Vor knapp neun Monaten, als ich diesen Blog mehr oder weniger als Beschäftigungstherapie ins Leben rief, dachte ich nicht, dass es nicht nur mir selbst, sondern auch anderen so viel Freude bereiten wird. Hoffentlich ist die Zeit der Lockdowns bald vorbei - für schlechte Musik lässt sich das definitiv nicht sagen ... dieses Themenfeld ist schier unerschöpflich.






MEETING POINT

A: Es ist ein Mensch (M & T: Wilton Kullmann)
B: This is a Man [Es ist ein Mensch] (M: Wilton Kullmann / engl. T: Howard Barnes)

1976, Linda, LIN S 4201
produziert von Robert Puschmann


Die Formation, die - wenn Anglizismen nicht damals bereits so populär gewesen wären - sonst womöglich "Treffpunkt" gehießen hätte, bestand von 1976 bis 1977. Soweit meine Recherchen es zulassen, wurde die Gruppe eigens für den Deutschen Vorentscheid zum Grand Prix d'Eurovision 1976 (heute: Eurovision Song Contest) von Robert Puschmann zusammengestellt. Die einzelnen Mitglieder kannte er vermutlich von bereits realisierten Schallplattenproduktionen oder durch Studiojobs.

Mitglieder, die zweifelsohne erkannt werden konnten, waren:
- Robert Puschmann alias Peter Stern (1939-2000, bürgerlich Peter Wischmann)
- Herlinde Grobe (* 1948) -> 1973 Single-Produktion mit Puschmann als "Angela Burg" (alle aufmerksamen Leser dieses Blogs erinnern sich mit Schrecken an ihren Guten-Morgen-Song!)
- Mark Ellis (* 1943, bürgerlich Volker Burkhardt)

Nach einer weiteren Single ("Montego Bay") war 1977 dann auch wieder Schluss damit und das Projekt verschwand wieder von der Bildfläche.

Das musikalische Schaffen von Wilton Kullmann (* 1926), das auf Schallplatte veröffentlicht wurde, ist leider recht überschaubar. Dazu gehören z. B. "Ich sag' 'No', Boy" (Mary Roos, 1964), "Umarme mich" (Terry Lamo, 1965), "Lass mich lieber geh'n" (Monia, 1967) und "Sonne, Wind und Meer" (Michel Polnareff, 1969) dazu.

Robert Puschmann war da deutlich erfolgreicher. Bekannte Titel von ihm sind "Es tut gut" (Siw Inger, 1972), "Komm doch zu mir" (Agnetha, 1972), "Michaela" (Bata Illic, 1972), "Ti-Lai-Lai-Li" (Danyel Gérard, 1973) oder "Vogel der Nacht" (Paola, 1979).

Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du
Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du

Es ist ein Mensch
Den die Mutter liebte
Ja, es ist ein Mensch
Der mit Kindern spielte
Es ist ein Mensch
Der vor Freude lachte
Ein Mensch
Der an and're dachte
Ja, es ist ein Mensch
Wenn man ihn umarmte
Es ist ein Mensch
Der einst Freunde hatte
Ein Mensch
Der in Freude lebte
Ja, es ist ein Mensch
Der das Glück ersehnte

Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du
Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du

Es ist ein Mensch
Der vom Sturm getrieben
Es ist ein Mensch
Dem ist nichts geblieben
Ja, es ist ein Mensch
Der am Boden kauert
Es ist ein Mensch
Der vor Kälte schauert
Ja, es ist ein Mensch
Den der Hunger peinigt
Es ist ein Mensch
Der nach Wasser dürstet
Es ist ein Mensch
Der im Elend leidet
Oh ja, es ist ein Mensch
Dessen Augen schweigen

Es ist ein Mensch
Der um Gnade bittet
Ja, es ist ein Mensch
Der vorm Grauen flüchtet
Es ist ein Mensch
Den die Ängste plagen
Ein Mensch
Den die Feinde schlagen
Es ist ein Mensch
Den die Fesseln schinden
Es ist ein Mensch
Der im Schmerz sich windet
Yeah, ein Mensch
Dessen Wunden bluten
Es ist ein Mensch
Den die Menschen töten

Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du
Hilf ihm, es ist ein Mensch wie du


Die Botschaft ist ja relativ simpel: Gelebtes miteinander. Frei nach dem Motto "Hilf und dir wird geholfen". Trotzdem ist diese rührselig anmutende Gospel-für-Arme-Nummer alles andere als eine gelungene Ode der (christlichen?) Nächstenliebe. Der Text bleibt plakativ und in seiner Oberflächlichkeit dann auch leider recht platt und banal, obwohl an sich recht harte Dinge angesprochen werden.
Während die erste Strophe noch recht brav daherkommt und eher das allgemeine kindliche Miteinander im Freundes- und Familienbund beschreibt, wird uns spätestens in der zweiten Strophe klar, dass diesem Menschen (ich möchte jetzt nur äußerst ungern auf die aktuelle Genderthematik eingehen und bin froh, dass ich in diesem Song auf etwaige * verzichten kann, da der/die HauptprotagonistIn die Hauptfigur zweifelsohne ein Mensch ist. Und der scheint so allerhand mitgemacht zu haben, was man selbst in seiner Heilen-Welt-Blase nur ungern am eigenen Leib spüren möchte. Das Ganze spitzt sich dann in der dritten Strophe noch weiter zu und endet in einem eher mäßig optimistischen Schlusschor.

Die erste und dritte Strophe wird übrigens von Robert Puschmann, die zweite von Mark Ellis gesungen. Die Damen und der Herr in grün sind schmückendes Beiwerk. Die Aussprache lässt stellenweise ein wenig zu wünschen übrig, obwohl alle deutschsprachig sind. Da kann man sich leicht verhören ("Der vor Frauen flüchtet", "Der im Schlaf sich windet" oder "Dessen Hoden bluten"). Von zwölf Teilnehmern landeten sie damit tatsächlich auf Platz 6.

Was man sich definitiv auf der Zunge zergehen lassen darf, sind die originellen zeltartigen Kostüme der Damen und die klare Farbgestaltung. Auf die Choreographie komme ich noch gesondert zu sprechen.
Wir stehen im Dunkeln, drehen uns um und dann stehen wir erstmal wie festgeklebt und regungslos am Platz, ehe wir die Hände fröhlich zum Himmel emporstrecken (im Yoga-Kurs würde das fast als halber Sonnengruß akzeptiert werden) - hierbei kommt übrigens die sackartige Schnittgestaltung der Damenroben besonders gut zum Tragen. Diese Kleider eignen sich auch ideal um Problemzonen oder ganze Schwangerschaften vollständig zu verstecken.
Für die Strophen kommt dann die überaus beliebte rechts-links-Schunkel-Choreo zum Einsatz (die aber nicht von allen Mitgliedern gleich enthusiastisch geführt wird!). Die gilt für alle außer für Robert Puschmann - der muss ja die Hauptstimme singen. Und das geht nur, wenn man apathisch und regungslos dasteht - zugegeben, ein paar Emotionen hätten da durchaus mit hineinfließen dürfen. Aber wir befinden uns ja erst in Strophe 1, da ist die Welt ja sozusagen noch in Ordnung.
Der nächste Richtungswechsel für den Refrain ging rund 20 Jahre später übrigens als "Startposition für Macarena" in die internationale Musikgeschichte ein. Der vorgetragene Song eignet sich aber weder als Sommerhit, noch als Dance-Challenge.
Mark Ellis' Interpretation von Strophe 2 bringt da deutlich mehr Emotionen mit hinein. Wenn auch die Schunkel-Choreo thematisch langsam zu irritieren beginnt. "Hey yeah, ein Mensch, der im Elend leidet", diese Stelle eignet sich doch besonders gut zum fröhlichen Mitwippen!
Für die dritte Strophe durfte sich Robert Puschmann dann aber netterweise doch bewegen und auch seine Stimme schlägt deutlich stärkere Töne an. Spätestens jetzt ist die Gaudi-Schunkelei aber nur noch peinlich und deplatziert. Wissen die nicht, was sie gerade singen? Hey, der Typ bittet um Gnade, hat Angst, wird zusammengeschlagen und am Ende getötet. Sollen wir ihm vielleicht helfen? Ja, lasst uns fröhlich für ihn tanzen! :P
Die Tanzeinlage ab 3:05 kann sich aber fürchte ich nur für eine Situation eignen: Regen herbeizuschwören (oder den Lichttechniker, die Scheinwerfer auszumachen).

Ja, heute war ich etwas streng mit dem Song. Vielleicht bin ich morgen wieder etwas gnädiger ;)

Donnerstag, 3. Dezember 2020

# 136 - "Lügen" - Goldie Ens (1972)

Das Spannende an früheren musikalischen Talentwettbewerben (alias Castingformaten) ist, dass reproduzierende Sänger eher in der Minderheit waren. Die meisten konnten und wollten nicht nur eigene Songs machen, sondern es war eine Art Teilnahmebedingung. Heute heißen diese Gestalten "Singer-Songwriter", damals waren es einfach Sänger, die eigene Musik machen wollten. Beeindruckend - heute schaffen es viele Kandidaten nicht einmal mehr selbstständig die Bodenmarkierung vor der DSDS-Jury zu finden ...
Allerdings gab es damals doch auch manche Entscheidungen, die man nicht verstehen konnte. Es gab nämlich dann auch noch beliebte Haus- und Hof-Schreiberlinge, die natürlich auch in irgendeiner Art und Weise befriedigt werden mussten. Und so gelangten dann auch ihre Lieder in diese Veranstaltungen und wurden den jungen Künstlern mit dem fröhlichen Motto "friss oder stirb" vorgesetzt. Und da gab es schon die eine oder andere "Krot" (dialektal für Kröte), die geschluckt werden musste ...



GOLDIE ENS

Lügen (Autor: unbekannt)

1972, nicht auf Schallplatte veröffentlicht


Die 1954 als Ursula Wratschko in Kapfenberg geborene Sängerin, besuchte die Handelsschule und studierte Musik in Salzburg. Bereits als Kind lernte sie zunächst Klavier und später Gitarre. Den Namen "Goldie" verpasste sie sich - in Anlehnung an Goldie Hawn - selbst. 1972 bewirbt sie sich bei dem von Ö3 und ORF initiierten bundesländerübergreifenden Talentwettbewerb "Show-Chance" und kommt bis ins Finale. Trotz eines eher eigenwilligen Songs erreicht sie Platz 5 und bekommt einen Plattenvertrag. Den Nachnamen "Ens" gibt es frei Haus dazu. 1973 erscheint ihre erste Single ("Meine Stadt"), mit Texten von Alfred Komarek. In weiterer Folge wird Lance Lumsden ihr Manager. Ihren Durchbruch erzielt sie 1974 mit der Single "Goodbye Joe". Fortan singt sie als eine der wenigen österreichischen Künstler(innen) nur noch englisch. Weitere erfolgreiche Titel waren "Tuesday" (1974), "Disco Baby" (1976, #18) und "Can I reach you" (1979).
Nachdem ein deutsches Album mit eigenen Texten nicht realisiert wurde, stieg sie Ende der 70er-Jahre aus dem Popgeschäft aus und ging nach Amerika. In den 80er-Jahren startete sie ein erfolgreiches Comeback in der damaligen Tschechoslowakei, wo sie mehrere Schallplatten veröffentlichte. Für ihr Album "This is my Love" (1983) erhielt sie sogar eine Goldene Schallplatte.
Goldie Ens, die heute Ursula Polster heißt, betreibt den "Wohnsalon P." im ersten Wiener Gemeindebezirk und steht noch gelegentlich als Einrichtungsberaterin im ORF vor der Kamera.


Glas zerbricht - war es nur Verseh'n?
Er sieht mich an, kann er versteh'n
Dass Zank und Streit keine Zukunft baut
Und deshalb nur die Trennung bleibt

Ich hab' versucht, tolerant zu sein
Doch einmal hab' auch ich genug
Einmal hab' auch ich genug
Die größte Liebe geht vorbei

Lügen zerstören was man Liebe nennt
Weil die Wahrheit immer siegen wird
Lügen zerstören was man Liebe nennt
Weil die Wahrheit immer siegen wird

Der Zug fährt ab
Und die Nacht umhüllt mein Sein
Die Frage bleibt
Ob ich ihm je verzeihen kann

Auch ich hab' Schuld, das muss ich eingesteh'n
Doch sicher liegt's nicht nur an mir
Wer Fehler macht, der zahlt dafür
Und wenn dabei das Glück zerbricht

Refrain


In diesem Fall verstehe ich ganz klar, warum es mir bis dato (nach über zehn Jahren!) nicht gelungen ist herauszufinden, wer für diesen Titel verantwortlich ist. Wäre ich die Person, ich würde alles daran setzen, dass das auch weiterhin so bleibt.
Also wer auf die Idee kommt, einer 17jährigen äußerst ansehnlichen jungen Frau so einen Titel zu verpassen wird sich mir vermutlich niemals erschließen. Zudem verdient der Song definitiv den ersten Preis in der Kategorie: "Sperrigste Refrain-Zeile aller Zeiten". 

Ihr habt aufgepasst? Es geht schon wieder um ein Beziehungsende! Wieder so ein Heini, der scheinbar mehrgleisig gefahren ist und dessen interner Spitzname vermutlich "Münchhausen" ist. Zudem hat er anscheinend nichts Besseres zu tun, als noch das gute alte Erbgeschirr zu zerdeppern, nur um über seine eigenen Fehltritte hinwegzutäuschen. 

Folgende Passage (ich habe übrigens aufgegeben herauszufinden, ob dieses Lied in irgendeiner Form ein Reimschema besitzt) finde ich übrigens besonders faszinierend:

Der Zug fährt ab 
Und die Nacht umhüllt mein Sein
Die Frage bleibt
Ob ich ihm je verzeihen kann

Dem Autor dieses Liedes kann man definitiv nicht verzeihen, dass die arme Goldie diesen Schmachtfetzen singen muss. Herzlichste Gratulation meinerseits, dass es so würdevoll schafft. Für den Autor hieß es hoffentlich auch: "Der Zug fährt ab" (nach Nirgendwo).



Das Goldie allerdings wirklich etwas (musikalisch) auf dem Kasten hat und zu recht als österreichische "Disco Queen" bezeichnet wurde, zeigen ihre späteren Titel, wie z. B. "Disco Baby". Hier beweist sie mit lebensbejahender Freude und Power, was so in ihr steckt. 
Für alle Zartbesaitete unter euch: Achtet nicht zu genau auf die Umgebung. Ich habe auch jedes Mal große Sorge, dass sie im schummrigen Kellergewölbe mit spärlicher Lichtzufuhr stolpert und rückwärts die Stiege runterfällt. (Spoiler: Es passiert zum Glück nichts!)

Dance, dance, dance, Disco Baby
Playing around at the Girls
Run, run, run, Disco Lover
I won't get caught in your Arms

You're Casanova
Oh Lady Killer
No time to Lover
Oh Casanova

Turn, turn, turn, Disco Baby
Sending Kisses away
Flash, flash, flash, Disco Baby
You can't win anyway

Refrain

Burn, burn, burn, burn, burn, you're a Liar
Burn, burn, burn, burn, burn, you're a Liar
Burn, burn, burn, burn, burn, you're a Liar
Burn your Lie
Burn your Lie
Burn

Fly, fly, fly, Disco Baby
Call me up every Day
Smile, smile, smile, Disco Baby
My Love won't change anyway

Refrain

You're a Liar, Baby
Keep on dancing, Baby
You're a Liar
You're a Liar
You're a Liar


Ab jetzt gibt's nur noch die Wahrheit, weil nur die Wahrheit siegen wird. Hoffen wir das Beste - auch für unsere Regierung ;)

# 135 - "Die Weckuhr" - Stefanie (1982)

Was gibt es Schöneres, als sanft und zärtlich aus dem Schlaf gerissen zu werden. Wenn einem noch ganz verträumt die letzten kleinen Sandkörnchen aus den lahmen Augen auf den heißen Toast kullern, den der oder die Liebste, bereits ans Bett serviert hat. Tja. Schöne Traumvorstellung! Die Realität sieht da ganz anders aus - ich erinnere nur an die sadistischen Aufweckmethoden von "Radio Luxemburg" oder Tana Schanzara.
Das auch wir in Österreich da die eine oder andere Lösung gefunden haben, den Langschläfern den Garaus zu machen, beweist der heutige "Start in den Tag".



STEFANIE 

A: Die Weckuhr (M: Stefanie Vyhnak / T: Richard Leonhard)
B: Es is a Wahnsinn (M: Stefanie Vyhnak / T: Richard Leonhard)

1982, Lion Baby, LB 3537
produziert von Peter Lossack


Stefanie wurde 1949 als Stefanie Vyhnak in Niederösterreich geboren. Solange sie sich erinnern kann, hat sie gesungen. Das äußerst musikalische Kind, das mit einer Naturstimme gesegnet war, die sie selbst als Geschenk bzw. eine Art inneren Ruf ansah, lernte Gitarre und Barockflöte, sang im Kirchenchor und tingelte bereits als 15-Jährige allabendlich mit verschiedenen Bands durch die Gegend. Im Anschluss daran wechselte sie allerdings ins Klassikfach und übte sich als Koloratursopran, ehe sie aber wieder der Popmusik zuwandte. Knapp anderthalb Jahre war sie Mitglied der vierköpfigen Damengruppe "Soul Magics", mit denen sie zahlreiche Auftritte in Deutschland, Österreich und der Schweiz absolvierten. 1969 übersiedelt sie schließlich für zwei Jahre nach Amerika, wo sie als "Claudia" vor allem Soul und Jazz sang. Um sich über Wasser zu halten, arbeitete sie nebenbei als Serviererin.
1971 frisch aus Amerika zurückgekehrt, wurde Erich Kleinschuster auf sie aufmerksam. Erste Studioaufnahmen mit der ORF-BigBand, den Madcaps, Art Farmer, André Heller und Gipsy Love folgten. 1972 beteiligt sie sich an der "Show-Chance", dem legendären Talentwettbewerb von ORF und Ö3. Leider wurde in diesem Jahr das Reglement geändert und alle Solisten mussten deutsch singen, weshalb ihre wahnsinnig starke Eigenkomposition "Truth" in eine kryptische deutsche Fassung ("Ich such' die Wahrheit") gebracht wird. Trotz allem kann sie diesen Wettbewerb für sich entscheiden und gewinnt. Zwischen 1972 und 1983 erscheinen zahlreiche Single in insgesamt vier Sprachen - Balladen, Pop, Disco, Schlager und Dialekt. Stefanie ist nur schwer in eine Schublade zu stecken - doch das, was ihr am meisten liegen würde, Blues, Soul und Jazz, wird leider nicht mit ihr für die Schallplatte produziert. Veröffentlichte Titel waren beispielsweise "Lies for Sale" (1972), "Der Toni von St. Anton" (1975), "Kleine Plauderei" (1975), "I'm falling in Love again" (1975), "Mister Disco" (1977), "Meine Herr'n gestatten" (1982) und "I möcht' nur an Kuss" (1983).

Darüber hinaus ist sie auch öfters auf der Bühne zu sehen, beispielsweise in der Ballett-Komödie "Der Bauer als Edelmann" (1973, Wiener Burgtheater), "Candide" (1976, Wiener Burgtheater), "Cyrano de Bergerac" (1976, Volkstheater Wien), "Mayflower" (1977, Theater an der Wien) und "Valerie" (1985, Wiener Festwochen).
Stefanie sagte stets, wenn ihr etwas nicht passte. Das waren viele "mächtige Herren" in dieser Zeit nicht gewohnt. Irgendwann hatte Stefanie genug von leeren Versprechen und den ewigen Machtspielchen und kehrte dem Musikbusiness den Rücken zu und suchte sich einen "ordentlichen" Brotberuf. Rund 20 Jahre lang war sie Straßenbahnfahrerin in Wien, bis sie aufgrund einer schweren Krebserkrankung aufhören musste. Ihre Lebensfreude hatte sie bis zuletzt. Ich denke noch immer mit großer Freude an das bewegende Treffen mit ihr im Sommer 2012, ein halbes Jahr vor ihrem Tod. Sie starb im Januar 2013 im Alter von nur 63 Jahren.


Jetzt ist Sense mit'n Schnorchn
Olle miasst's jetzt auf mi horch'n
Auf mi horch'n, olle miasst's jetzt auf mi horch'n
Bei dem Ton von meina Glock'n
Haut's an jed'n aus de Sock'n
Aus de Sock'n, haut's an jed'n aus de Sock'n
Na bei mir zittert sogar der Luster am Plafond
Glaubt's vielleicht ihr kummt's bei mir so leicht davon?

Mir scheint's jetzt hot's eich, hot's eich, hot's eich, hot's eich oba g'riss'n?
Hot's eich g'riss'n, no hot's eich oba g'rissn'n?
Ja hot's euch, hot's euch vielleicht g'stört?
Hot's euch g'stört, hot's euch vielleicht wirklich g'stört?

Jo, hobt's mi, hobt's mi endlich überriss'n?
Überriss'n, endlich überriss'n
I bin de Weckuhr, i bin de Weckuhr
I bin de Weckuhr, de ihr olle so gern hörts

Auße aus da worman Hapf'n
Eine in die kolt'n Schlapf'n
In die Schlapf'n, eine in die kolt'n Schlapf'n
Ja gemma's an, es Arme, 
Gemma, gemma in die Firma
Griana is nimma, gemma, gemma in die Firma
Heute wird es garantiert a ries'n Show
Denn erst die Arbeit macht den Menschen froh

Refrain


Habt einen schönen Start in den Tag! ;)

Montag, 23. November 2020

# 126 - "Rab-da-da-dab" - Martin Mann (1973)

Ich weiß, die anspruchsvollen Worte von Kristin Bauer-Horn gestern waren ein bisschen zu ernsthaft - vor allem an einem Sonntag. Ich gelobe Besserung für den Start in die Woche und habe sogleich ein eher dadaistisch-anmutendes prosaisch-lyrisches Musikstück ausgegraben. Wohl bekommt's!




MARTIN MANN

A: Rab-da-da-dab (M: Martin Mann / T: Jean Frankfurter & Michael Holm)
B: Goodbye Marie (M: Mal Sondock / T: Michael Holm)

1973, Decca, D 29 208
produziert von Michael Holm

Treuen LeserInnen wird der Herr auf dem Singlecover vermutlich noch von seiner glorreichen Performance einer Albert-Hammond-Coverversion in Erinnerung sein (# 14).
Martin Mann alias Mario Löprich (* 1944 in Wien) begann seine Musikkarriere 1960 mit dem Titel "Wann hast du Geburtstag?" (damals noch unter dem Pseudonym Mario Loss). Bis 1964 folgten vier weitere Schallplatten bei insgesamt drei Plattenfirmen. Er studierte Musik und nahm Schauspiel- und Tanzunterricht, ehe 1969 Michael Holm (der parallel gerade mit "Mendocino" einen Riesenhit gelandet hatte) auf den jungen Sänger mit dem Schnäuzer aufmerksam wurde und ihn unter seine Fittiche nahm.
In den Folgejahren folgten einige Hits, wie z. B. "Cecilia" (# 38, 1970), "Meilenweit" (# 8, 1971), "Heut' ist mir alles egal" (# 36, 1971), "Strohblumen" (# 41, 1977) oder "Memories" (# 69, 1980).
In dieser Zeit war er aber nicht nur als Interpret, sondern auch als Komponist und Autor tätig, so z. B. für Tony Marshall, Jürgen Marcus, Tina York, Chris Roberts, Roland Kaiser, Rex Gildo, Ingrid Peters, Nicole oder Roberto Blanco.


Rab-da-da-dab, Rab-da-da-di
Heut' wird getanzt und geküsst wie noch nie
Rab-da-da-dab, Rab-da-da-di
Süß ist der Wein und der geht in die Knie

Rab-da-da-dab, Rab-da-da-di
Ich weiß ein Spiel und ich hab' Fantasie, oh
Rab-da-da-dab, Rab-da-da-di
Bleib' noch uns ruft schon der Hahn morgen früh

Hell war das ganze Haus
Voll Musik und Tanz
Ich stand davor als ein Fremder

Da kam ein Mädchen raus
Nahm mich bei der Hand
Sagte: "Komm herein, ich lad dich ein"

Wir singen
Refrain

Mädchen, ich hab' dich gern
Deinen roten Mund
Deine gold'nen Haare

Wenn du nicht schüchtern bist
Werden wir ein Paar
Und wir singen noch so manches Jahr wie heute

Refrain

Rab-da-da-dab, Rab-da-da-di
Ich weiß ein Spiel und ich hab' Fantasie, oh
Rab-da-da-dab, Rab-da-da-di
Bleib' noch uns ruft schon der Hahn morgen früh
 

Ob Rabdadadab und Rabdadadi ein Paar sind? Möglicherweise sind sie die Hauptdarsteller in einem ganz berühmten Bollywood-Film (vermutlich mit Shah Rukh Khan - nein, nicht Shir Khan aus dem Dschungelbuch :P).
Fraglich ist aber ob den beiden nicht besser zu raten gewesen wäre, bei der körperlichen Ertüchtigung (vgl. tanzen) auf alkoholische Beiwerke (süßen Wein) zu verzichten. Knieprobleme sind nie förderlich (am wenigsten, wenn man hauptberuflich Bollywood-Schauspieler ist). Um welches Spiel es hierbei geht, meine ich aber bereits zu erahnen. Ich nehme an, dass in diesem Fall eher Bettakrobatik eine Rolle spielt - vor allem wenn man das ländliche Ambiente (inklusive Bio-Wecker, vgl. Hahn) mit einbezieht. 

Dennoch muss man sich gewisse Phrasen dieses romantischen Songs doch genauer auf der Zunge zergehen lassen:

Hell war das ganze Haus
Voll Musik und Tanz
Ich stand davor als ein Fremder

Da kam ein Mädchen raus
Nahm mich bei der Hand
Sagte: "Komm herein, ich lad dich ein"

Das hätten wohl weder Heine noch Schiller romantischer ausdrücken können. 
Wir fassen zusammen: die Hausbesitzer müssen Geld haben, da sie die Stromrechnung bezahlen können. Indoor findet eine Party mit etwaiger Damenwahl statt, nur unser Hauptprotagonist ist zu diesem launigen Party-Happening nicht eingeladen. Glück im Unglück: Eine der Damen macht grad Rauchpause (oder muss austreten, weil indoor alle stillen Örtchen besetzt sind?) und erwischt den kleinen Knilch beim Spannen durch das Wohnzimmerfenster. Na das gibt aber ein Hallo!

Und der junge Mann kommt gleich zur Sache: Nach der braven Anführung der ins Auge stechenden Attribute (Mund, Haare), engagiert er sie gleich als Lebensabschnittspartnerin auf Dauer - aber nur unter der Voraussetzung, dass sie "nicht schüchtern" ist. Sagt genau der Richtige. Wer hat hier nochmal die Initiative übernommen, als der feine Herr zu feige war, an der Tür zu klingeln? Genau ...

Martin Mann hatte in den frühen 70er-Jahren anscheinend ein großes Faible für enge Kleidung. Auch dieses Outfit erweckt den Eindruck, als hätte man ihm die Kleider förmlich auf den Körper genäht. Hochachtung, dass hier atmen und (!) singen gleichermaßen möglich ist. Ich glaube übrigens, dass es sich tatsächlich um Hose und Weste handelt - auch wenn ich ihm durchaus einen Einteiler zutrauen würde. 
Bei 0:47 stellt man allerdings fest, dass bestimmte Dinge nicht so leicht durchführbar sind (spontanes hinsetzen beispielsweise).
Besonders schön ist der Moment, als er ganz "improvisiert" (bestimmt ...) auf die Idee kommt, eine holde Jungfer aus dem Publikum zum Tanz aufzufordern. Anscheinend hat er sich aber so aus der Fassung gegroovt, dass er bei 2:20 falsch abbiegt und dann die heiße Mieze aus der ersten Reihe holt. In Bezug auf Outfit und Frisur könnte es sich allerdings auch um seine Mutter handeln. Ich habe ja schon öfter angeführt, wie großartig ich das unrhythmische Mitklatschen in deutschen Musiksendungen dieser Zeit finde - aber wie "taktlos" besagte Dame ihr Tanzbein schwingt (und ganz ehrlich: diese Choreo ist wirklich nicht anspruchsvoll), ist einmalig! Besser hätte man es auch nicht in der Dorfdiscokaschemme von Castrop-Rauxel erleben können. Wobei mir vorkommt, dass ich kürzlich bei "Let's dance" eine ähnliche Choreographie mit Höchstpunktebewertung gesehen habe. Aber ich kann mich auch getäuscht haben, da mich die erotischen Reize von Martin ... äh ... Lady in Red doch zu sehr aus der Fassung gebracht haben. 

So, jetzt hör' ich aber auf, sonst muss ich auf FSK 18 umstellen :P

Sonntag, 22. November 2020

# 125 - "Ave Maria" - Kristin Bauer-Horn (1967)

... und schon wieder ist Sonntag. Zugegeben: Der Unterschied zwischen Werk-, Sonn- und Feiertag ist momentan relativ überschaubar, da ohnehin (fast) alles, das nicht den Beinamen "systemrelevant" trägt, geschlossen ist. Waffengeschäfte zum Beispiel. 😬 Die sind schon überlebenswichtig. Vor allem im Krieg. Ach, wir haben gerade gar keinen Krieg? Oh ... dann hab ich das wohl nicht ganz verstanden.

Vielleicht gibt euch ja der heutige Song ein bisschen Antwort darauf? Ich dachte mir, wir könnten gerade wieder ein bisschen Protest-Liedermacher aus der guten alten Zeit gebrauchen. Herrlich oder? Vor allem wenn man bedenkt, dass jede gute alte Zeit einmal eine neue schlechte war 😂




KRISTIN BAUER-HORN

Ave Maria (M & T: Kristin Bauer-Horn)

1967, Da Camera Song, LP "68 Lebensjahre und andere Chansons"


Leider finden sich nicht viele Informationen zu Kristin Bauer-Horn (* 1936 in Thüringen) nur spärliche Informationen. Als sie 1967 ihre erste LP "68 Lebensjahre und andere Chansons" veröffentlichte, war sie eine der ersten politischen Liedermacherinnen ("Chanson-Poetin" betitelte sie Max Nyffeler) in der deutschen Musikszene. Sie widersetzte sich dem Trend, so links wie möglich zu sein und sich auf eine bestimmte Art von Musik (die, die "ankam") festlegen zu lassen.
Der Traum einer Karriere als Pianistin zerplatzte bereits mit 13 Jahren - nach mehreren Sehnenscheidenentzündungen. Mit 15 widmete sie sich - mit einer Sondererlaubnis als jüngste deutsche Vollstudierende - der Malerei. Ihre erste eigenen Texte vertonte sie bereits Mitte der 50er-Jahre und erhielt bereits kurz darauf eine Sendung im Südwestfunk. Nachdem sie 1959 ihren Mann kennenlernte, folgte eine kurze Pause - bis die "Waldeck-Zeiten" begannen.
In einem Interview äußerte sie 1989, dass ihre Funktion als Liedermacherin sei, "bewusst zu machen, bewusst zu machen, bewusst zu machen! [...] Der Liedermacher hat mit seiner ganzen Person für das einzustehen, was er singt. Nur so hat er das Recht, sich der Gesellschaft gegenüber- und entgegenzustellen."
1982 wurde sie, "die unverwechselbare zeitkritische und poetische Lieder schreibt, komponiert und interpretiert, die, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, für dieses Genre Maßstäbe gesetzt hat", in Mainz mit dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte "Chanson" ausgezeichnet.


Veröffentlichungen:
1967 LP "68 Lebensjahre und andere Chansons" (Da Camera Song)
1983 LP "Was treibt uns um?" (Folk Freak) - als Kristin Horn
1985 LP "Einfach Lieder" (Folk Freak) - als Kristin Horn
2004 CD "Burg Waldeck Festival 1967 Chansons Folklore International" (Studio Wedemark) 
mit "Ave Maria" (1967)
2006 CD-Box "Liedermacher in Deutschland - Für wen wir singen" (Bear Family Records)
mit "68 Jahre" und "Wiegenlied"
2008 CD-Box "Die Burg Waldeck Festivals 1964-1969" (Bear Family Records)
mit "Das Ameisenspiel" (1965), "Hat das Gewicht?" (1967), "Herbstlied" (1965), "Sarahs Kinder" (1967), "Trinklied" (1966) und "Und gehen nicht mehr um" (1966)



Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren
Dass uns're Luft zu dick zum Atmen wird
Ich seh' sie schon als schwere graue Tropfen
In uns're aufgesperrten Münder fallen
Und uns're Nasenlöcher ganz verstopfen
Und den Hausierer, dieses alte Schwein
Mit seinen Büstenhaltern, Strümpfen, Gürtelschnallen
Als ersten lila werden und ersticken
Aber die jungen Witwen, die rosanes stricken
Und hellblaues und ganz weit weg blicken
Doch es weiß ja noch niemand außer mir
Und dem alten Soldaten

Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren
Dass uns're Luft zu dick zum Atmen wird
Ich seh' sie schon als schwere graue Wellen
Den Dichtern auch das letzte Wort verdrecken
Und aus den Komponistenfenstern quellen
Und allen Malern vor den Staffelein
Die Blicke auf den letzten Sonnenfleck verdecken
Und uns're Musen schreiend flieh'n
Aber die Jünglinge, die durch die Felder zieh'n
Und nachts Verse schreiben
Und vor Julia knien
Doch es weiß ja noch niemand außer mir
Und dem alten Soldaten

Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren
Dass uns're Luft zu dick zum Atmen wird
Ich seh' sie schon als schwere graue Klumpen
Die Kirchen und die Glocken überrollen
Und die Reliqiuenfledderer und Lumpen
Mit ihren Säcken in den Trümmern steh'n
Und uns, die Richter, fragen, was sie hier noch sollen
Und den Hausierer als den letzten lila werden
Aber die freundlichen Worte, die uns Besseres lehren
Und seit 2000 Jahren Hosianna auf Erden
Doch es weiß ja noch niemand außer mir
Und dem alten Soldaten


In diesem Zusammenhang spare ich mir eine ausführliche Interpretation und lasse Kristin Bauern-Horn einfach "bewusst machen". Ein spannendes Zeitdokument - ohne Frage. Erschreckend, wenn ich manche Parallelen zu heute ziehen könnte ...

Zur Unterhaltung und als Ausklang der Woche biete ich hier Zugang zu zwei Dokumentationen, die sich stellenweise decken, über die legendären Musikfestivals auf der Burg Waldeck:



Schönen Start in die Woche!

Freitag, 20. November 2020

# 123 - "Telegramm für Angelique" - Julie Patou (1971)

So ganz hat das jetzt doch nicht geklappt, mit meiner täglichen Motivation. Aber ich gelobe Besserung. Mein großes Tönen fällt in die Kategorie "zu früh gefreut". Auch bei uns im Opernhaus ist jetzt mitten im Probenprozess der Vorhang gefallen. Auch für uns gilt jetzt die Lockdown-Phase. Diese ungeplante Pause hat aber auch Vorteile ... ich konnte z. B. mein Schlafdefizit der letzten Wochen ausgleichen und mir Gedanken über Rezepte mit Käferbohnen machen. Für alle treuen LeserInnen dieses Blogs: Den inneren Drang mein Siphon (wieder) auseinanderzunehmen und zu reinigen, habe ich bis dato noch nicht verspürt. Aber das kann ja in den Weihnachtsputz-Vorbereitungen noch kommen ... 😜


JULIE PATOU

A: Telegramm für Angelique [Envoi-moi des Télégrammes] (M: Jean Fredenucci / dt. T: Günter Loose)
B: Oui, Monsieur
 [Balade a Velo] (M: Jean Fredenucci / dt. T: Günter Loose)

1971, Hansa, 10 813 AT


Jean Fredenucci ist ein französischer Komponist und Produzent sowie ehemaliges Mitglied der "5 Gentlemen", der auch Anfang der 70er-Jahre als Solosänger in Erscheinung trat.
1970 komponierte er beispielsweise "Nue au Soleil" für Brigitte Bardot. Das ist der (für mich) prominenteste Name in seiner Vita. Ich bin im französischen Musikbusiness leider zu wenig bewandert.

Nun aber zur Interpretin und ursprünglichen Textautorin. Die Plattenfirma schrieb folgendes zur Veröffentlichung ihrer einzigen deutschsprachigen Schallplatte:

Und wieder ein neuer Frankreich-Import bei Hansa: Nach Severine will sich als nächste die 23jährige Julie Patou dem deutschen Publikum vorstellen.
Julie Patou wurde 1948 in Paris geboren. Sie besuchte nach Abschluss der Schule eine Kunstakademie und im Mai [Anmk. 1971] siedelte sie um nach Paris, um sich dort für einen Wettbewerb der Graveure vorzubereiten. Sie reichte allerdings nie etwas ein. Stattdessen schrieb Julie Novellen ...
Zwischendurch betätigte sie sich als Schaufenstergestalterin, Bühnenbildnerin, Mannequin ... zwischendurch schrieb sie wieder Novellen ...
Dann begann sie eigene Chansons zu schreiben, und sie sang sie so lange allen möglichen Leuten vor, bis man endlich entdeckte, dass es niemanden gibt, der besser singen kann als sie.
Deshalb singt sie jetzt ihre Lieder und schreibt Novellen ...

Zwischen 1970 und 1972 veröffentlicht Julie Patou-Senez drei Schallplatten in Frankreich. Einzig die zweite ("Envoi-moi des Télégrammes") erscheint auch in einer deutschen und einer spanischen Version. Nach "L'appareil mecanique" wird es still um sie. 1978 erscheint das Buch "Coca-Cola-Story", danach verschwindet sie aus der Öffentlichkeit.
Mitte der 00er-Jahre trat sie - inzwischen unter dem Namen Julie Gence - im französischen Fernsehen wieder in Erscheinung. Leider findet man heute auch keinerlei Informationen mehr über diese Aktivität von ihr. Vor rund zehn Jahren hatte ich sehr kurzen E-Mail-Kontakt mit ihr. Unüberbrückbare Sprachbarrieren waren die Ursache dafür: geringe Englischkenntnisse ihrerseits und gänzlich nicht vorhandene Französischkenntnisse meinerseits.

Nun aber zu diesem "besonderen" Lied:

Telegramm für Angelique
Für die kleine Angelique
Heut' wird sie den Pierre wiedersehen
Und ihr Kummer, der wird vergehen

Telegramm für Angelique
Nur noch ein paar Augenblicke
Und dann wird ein Traum Wahrheit werden
Der schenkt ihr den Himmel auf Erden

Oh weinte sie, denn es kam kein Brief
Und sie saß ganz allein zu Haus
Aber seit heut', da sieht die Welt
Auch für sie viel schöner aus

Denn endlich kam ein
Refrain

Sie macht sich schön, nur für ihn allein
Denn sie freut sich auf ihn so sehr
Die Einsamkeit ist nun vorbei
Die gibt es für sie nicht mehr

Denn endlich kam ein
Refrain



Nun, wie bereits erwähnt, ist mein Französisch ziemlich bescheiden. Dank Google-Translate erhalte ich aber zumindest eine grobe Ahnung, was uns Julie im französischen Original, dessen Text sie selbst verbrochen verfasst hat, uns mitteilen wollte: Während im Original noch mehrere Telegramme angefordert wurden, u. a. aus Berlin, Basel, Rom oder Louisiana und sie gerne wissen möchte, ob in Nizza gerade die Sonne scheint, muss sie sich - frisch in Deutschland angekommen - mit einem einzigen Telegramm begnügen. Und das ist dann auch gar nicht für sie! Sondern für Angelique!
Zudem ist der Text um ein vielfaches umfangreicher und klingt eher danach, als würde die Beziehung möglicherweise nicht auf Gegenseitigkeit beruhen ... kleine Stalking-Tendenzen lassen sich erkennen, wenn sie z. B. davon spricht, dass seine Nachrichten all ihre Wände zieren.
In diesem Fall wäre seinerseits viel früher ein "Stop", wie in Telegrammen üblich, in der Realität notwendig gewesen. (Für alle jugendlichen LeserInnen: Mit Telegramm ist in diesem Fall nicht der gleichnamige Nachrichtendienst gemeint. Das klassische Telegramm ist eine Art analoge SMS - damals toll, heute richtig skurril).

Die Überraschung muss auch seitens der Plattenfirma groß gewesen sein, als die Redaktion der legendären ZDF-Hitparade tatsächlich Julie als Neuvorstellung im Januar 1972 auftreten ließ, wo sie live (!) "Telegramm für Angelique" vorstellen durfte. Das ein "bis-schön frahnsöhsisches Achsendt" durchaus süß sein kann, bewies bereits France Gall eindrucksvoll. Bei Julie ließen allerdings Textdeutlichkeit und Gesangskünste doch etwas zu wünschen übrig. Vielleicht wäre es klüger gewesen, wenn sie bei Novellen geblieben wäre?

In diesem Fall ist die Passage aus dem Plattenfirma-Text eher wie eine Drohung zu verstehen: "Dann begann sie eigene Chansons zu schreiben, und sie sang sie so lange allen möglichen Leuten vor, bis man endlich entdeckte, dass es niemanden gibt, der besser singen kann als sie." - Erinnert mich ein wenig an den "Böse-Königin"-Effekt aus Schneewittchen.
Wenn ich mir deutsche Aufnahmen französischer SängerInnen aussuchen darf, dann ziehe ich auf jeden Fall Mike Brant und Francoise Hardy vor - und dann kommt erstmal lange nichts.

Auf den deutschen Text, der an Plattheit und oberflächlicher Einfallslosigkeit kaum zu überbieten ist - eine schwache Stunde von Günter Loose, der zumindest mit Titeln wie "Marmor, Stein und Eisen bricht" oder "Wunder gibt es immer wieder", große Erfolge verbuchen konnte. Der Reim "Augenblicke - Angelique" ist einer meiner persönlichen Tiefpunkte im deutschen Schlagergeschäft (und als Germanist bin ich nur knapp einem Nervenzusammenbruch entkommen).

Ach ja, auf die Performance sollte ich auch noch eingehen. Nun ja: "Sie hat sich stets bemüht", könnte man irgendwo vermerken. Leider fehlt es dann doch an Bühnenpräsenz und Show-Talent, um den schwachen Song (der auch nicht wirklich zum Mitklatschen einlädt, auch wenn sie es immer wieder versucht anzuregen) aufzuwerten. Da nützt auch das Outfit, das - warum auch immer - "Born in the USA" vermitteln soll, wenig. Es reicht nicht aus, um Julie einen Platz im deutschen Schlagergeschäft zu ermöglichen.

Habt ihr schon einmal ein Telegramm abgeschickt? Ich nicht ... geht das überhaupt noch? In Lockdown-Zeiten könnten solche altmodischen Kommunikationstechniken durchaus wieder an Popularität gewinnen. Schreibt doch einfach eine Nachricht an eine Person, von der ihr schon lange nichts mehr gehört habt. Ich bastle derweil aus leeren Bierdosen ein "Dosen-Telefon" ... ich muss mich nur noch entscheiden, wohin ich die Leitung verlege ;)

Montag, 16. November 2020

# 122 - "Mutter, fahr' mal mit" - Steffi (1985)

Bevor ihr mich steinigt: Ja, ich weiß, dass Reisetipps momentan für niemanden hilfreich sind. Schon gar nicht, wenn man eine potentielle Hochrisikogruppe ("Mutter") gegen ihren Willen mit anstiften möchte. Aber ich bin ein zuversichtlicher und positiv (nicht corona, sondern) denkender Mensch und glaube, dass es irgendwann wieder möglich sein wird, abseits der eigenen vier Wände neue Destinationen kennenzulernen. Zugegeben: Ich habe bereits während Lockdown I Spinnweben in Ecken meiner Wohnung entdeckt, von deren Existenz ich zuvor niemals zu träumen gewagt hätte 😜 ... was für ein Satz!



STEFFI

A: Hipp-Hipp-Hurra (M & T: Edi Lagua)
B: Mutter, fahr' mal mit
 (M & T: Edi Lagua)


1985, Lagua Records, LA-85/1


Die biographischen Angaben kann ich heute relativ kurz halten. Es gibt nämlich keine. Weder zur Interpretin noch zum Autor.
Über Edi Lagua lässt sich nur sagen, dass sein Label "Lagua Records" von etwa 1970 bis Ende der 80er-Jahre existierte. Auf diesem Label veröffentlichten Interpreten mit so klingenden Namen wie Melinda, Meisenfloo, The Giants oder Tony Westen Songs.
Er trat auch als Komponist und Texter in Erscheinung, beispielsweise mit vielversprechenden Titeln wie "Monsieur Filou" (Franca, 1971), "Chicochi" (Rosi & Eddy, 1974) oder "Dein Blick kann Liebe sein" (Gudrun Simmon).


Na dann: gute Fahrt!

Am grünen Rand von (?)
Da kommt die kleine Stadt
Oho - aha
Die Spatzen pfeifen es vom Dach
Was sie für Reize hat, die kleine Stadt

Dort wo's die schönsten Mädchen gibt
Ja und ein Kesselbier
Das muss man seh'n, um zu versteh'n
Steig' ein und fahr mit mir
Mmh - oh - ah

Mutter, fahr' mal mit nach Oer-Erkenschwick
Da ist die Luft noch nicht so dick
Da gibts Ozon und keinen Mief
Ein Hoch und nie ein Tief

Mutter, trimm dich fit in Oer-Erkenschwick
Dann fühlst du dich wie Hans im Glück
Und stimmt der Tag ist noch reichlich Platz (?)
Dafür gibt's keinerlei Ersatz

Wir waren oft in Österreich auch Spanien ist ganz schön
Oho - aha
Bei (?) am Wattseestrand kannst du nackt baden geh'n
Doch suchst du mal was spitze ist, was je ein Auge sah
Die grüne Hand von Erkenschwick, was sonst, das ist doch klar
Mmh-oh-ah

Refrain

Refrain


Danke Steffi für diesen einzigartigen Freizeittipp! Ich muss gestehen, Oer-Erkenschwick stand bisher noch nicht auf meiner To-do-Liste! Diese verträumte Stadt in NRW (im romantischen Kreis Recklinghausen) hat eine Fläche von rund 40 km² und etwas mehr als 31.000 Einwohner.
Funfacts: bis 2005 lag der Wirtschaftsschwerpunkt der Stadt in der Fleischverarbeitung, seither setzt man auf eine andere Art von "Fleisch", nämlich im Freizeit- und Erlebnisbad "Stimbergpark". Zudem war der SpVgg Erkenschwick zwischen 1945 und 1955 einer der führendsten Fußballvereine Westdeutschlands.
Bekannte Persönlichkeiten, die mit Oer-Erkenschwick in irgendeiner Weise verbunden sind, sind beispielsweise der Schauspieler Leonardo DiCaprio, der in seiner Kindheit zeitweilig bei seinen Großeltern in Oer-Erkenschwick lebte, die Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali besuchte das Willy-Brandt-Gymnasium in Oer-Erkenschwick, Bodybuilder und Schauspieler Ralf Möller trainierte in den 80er- und 90er-Jahren in einem örtlichen Fitnessstudio und Sönke Wortmann spielte für den bereits erwähnten SpVgg Erkenschwick.

Steffi wurde sicherlich nach Veröffentlichung der vorliegenden Single zur Ehrenbürgerin ernannt. Leider lässt ihre Aussprache zwischenzeitlich doch recht zu wünschen übrig, weshalb einige regionale Spezifikationen in Form von Ortsnamen leider nicht vollständig korrekt wiedergegeben werden können.





Und wenn man sich diese Bilder dieser beeindruckenden Landschaft zu Gemüte führt ("und suchst du mal was spitze ist, was je ein Auge sah"), dann möchte man doch am liebsten sofort mit Sack und Pack die Reise nach Oer-Erkenschwick antreten und am besten gleich mal für ein halbes Jahr hier Station machen ... so viel blühende ... äh ... Landschaft und malerische ... äh ... Architektur ... und ... äh .. ja ... alles hier gibt! Schließlich pfeifen sogar die Spatzen bereits vom Dach, was für "Reize" (so kann man es natürlich auch sagen), diese Idylle bietet. Glücklicherweise wurde er bislang als touristischer Hotspot noch weitgehend ignoriert ... dieser Geheimtipp ist exklusiv für euch! 

Und es gibt auch schöne Mädchen ... und Kesselbier! Also bitte, was wollt ihr denn noch?
Gut ... so wie Österreich und Spanien ist es nicht, okay ... FKK-Strand gibt es auch keinen ... aber sonst gibt es echt ALLES, vor allem Luft! Die ist hier nämlich noch nicht so dick, obwohl es auch hier Ozon gibt! Aber keinen Mief. Nein, nein, nein! Mief ist out ... also quasi ... aus.

Wenn ihr auch wollt, dass sich eure Mutter wie "Hans im Glück" fühlt, dann verwöhnt sie doch mit einer abenteuerlichen Tour ins ferne Oer-Erkenschwick. Ihr werdet es sicher nicht bereuen und alle anderen, die nicht dabei waren und sich diesen Spaß entgehen ließen, werden sich - da es dafür keinerlei Ersatz gibt - bis an ihr Lebensende wie Rumpelstilzchen ärgern!

Bon voyage!