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Samstag, 5. Dezember 2020

# 138 - "Brötchen und Milch" - The Four Kings (1966)

Ist es nicht herrlich, wenn man am Wochenende die herrliche Möglichkeit hat, einfach ausschlafen zu können - so lange, wie man will und lustig ist? Ach, Sie können immer ausschlafen? Achso ja ... Home-Office, Lockdown. Wie konnte ich darauf vergessen? Vermutlich deswegen, weil er mir - im Vergleich zum März - in der Großstadt kaum auffällt. Die paar Mal die ich mich in den letzten Tagen aus dem Haus gewagt habe, erlebte ich überraschend gut gefüllte Straßen und auch in den Supermärkten und auf der Post war bewegtes Treiben. Spannend. Dicht gedrängtes Treiben während in den Theatern, wo man wahnsinnig gut kontrollieren kann, wer, wann und vor allem wo sitzt, der Vorhang immer noch unten bleiben muss. Hoffen wir, dass das im Januar wieder etwas anders aussieht.


THE FOUR KINGS

A: Immer wenn der Mond scheint ([I can't go on living, Baby, without you - Nino Tempo & April Stevens] (M: Jerry Riopelle & Nino Topo / dt. T: Tobby Lüth)
B: Brötchen und Milch [No Milke today - Herman's Hermits] (M: Graham Gouldman / dt. T: Carl-Heinz Dieter)

1966, Metronome, M 916

Die Four Kings waren eine deutsche (wie der Name bereits verspricht) vierköpfige Band. Die Gruppe veröffentlichte bis Mitte der 70er-Jahre auf verschiedenen Labels. Klingende Titel von ihnen waren z. B. "Come on, Marianne", "Mit dir allein", "So wie ich dich liebe", "Mädchen, komm mit mir heut' Nacht", "Mein Glück liegt in Bad Zwischenahn" und "Kleine Sonja". Meinen Recherchen zufolge waren sie die Begleitband von Peter Orloff, der sie auch ab 1971 produzierte.


Brötchen und Milch
Die steh'n vor meiner Tür
Seit Tagen vor der Tür
Denn sie ist nicht mehr hier

Brötchen und Milch
Ein jeder kann sie seh'n
Doch die vorüber geh'n
Sie können's nicht versteh'n

Hinter der Tür lag unser Märchenland
Ich hatte sie zur Prinzessin dort ernannt
Hinter der Tür lag unser Paradies
Jetzt ist es nur ein düsteres Verlies

Brötchen und Milch
Die steh'n vor meiner Tür
Seit Tagen vor der Tür
Denn sie ist nicht mehr hier


Das alte Haus hat nun seinen Glanz verloren
Es war ein Schloss als wir uns dort noch geküsst
Nun ist es leer hinter seinen alten Toren
Weil sie gegangen ist

Brötchen und Milch
Die jeder stehen sieht
Die sind das End' vom Lied
Von unser'm Liebeslied

Keine Musik
Kein Lachen mehr, kein Gruß
Nie mehr von ihr ein Kuss
Damit ist es nun Schluss

Wiederholung




Das englische Original "No Milk today", das ursprünglich für The Hollies geplant war, brachte Herman's Hemits 1966 einen ziemlichen Hit (#1 AT, #2 DE, #7 UK und #35 USA). Songwriter Graham Gouldman (* 1946) bekam die Idee zum Text, als er gemeinsam mit seinem Vater einen Freund besuchte, an dessen Tür ein Schild mit dem Hinweis "No Milk today" angebracht war. Gouldmans Vater erklärte, dass es dafür verschiedene Gründe geben könnte. Gouldman schrieb eine Geschichte um eine zerbrochene Liebesbeziehung. Damals war es noch üblich, dass Milchmänner täglich die frische Milch vor die Tür stellten. Verringerte sich die Anzahl der im Haushalt lebenden Personen (Von glücklicher Beziehung zu tragischem Single-Dasein), dann benötigt die Person heute leider keine Milch.

Die deutsche Coverversion versucht sich zumindest stellenweise am englischen Original zu orientieren, es hakt doch immer wieder an einigen Ecken und Enden. 
Das erste Rätsel ist bereits, woher die Brötchen stammen, die mitsamt der Milch vor der Tür gelandet sind. Ist unser Hauptprotagonist aufgrund der Entliebung nun auch in den Hungerstreik gegangen? Er könnte ja zumindest noch Enten im Park damit füttern. Die finden frische Sonntagsbrötchen sicher auch g'schmackiger, als das steinharte Uraltbrot, mit dem sie immer von Oma Gisela beworfen werden.

Okay. Ich nehme alles zurück: Denn bereits in der dritten Zeile wird klar, dass diese Utensilien bereits seit Tagen vor der Tür stehen. Bei den aktuellen Temperaturen muss er die Brötchen nur frisch aufbacken, die sind nämlich vermutlich tiefgekühlt. Milcheis? Ist ja durchaus bei manchen Menschen beliebt ...
"Doch die vorüber geh'n, sie können's nicht versteh'n" - Tja. Wer kann es ihnen auch verübeln? Du hast ja keinen Zettel an die Tür gehängt oder wenigstens eine gute Tat vollbracht, in dem du eine obdachlose Person damit gelabt hast. Mit ranziger Milch und steinharten Brötchen kommt man dem Paradies nicht unbedingt näher - nur mal so als kleiner Hinweis in Bezug auf das Karma-Konto.

Okay. Im Märchenland war's schön! Aber die Prinzessin ist jetzt scheinbar aus dem Paradies entflohen. Hat sie sich inzwischen als böse Hexe herausgestellt und ist mit dem nächstbesten dahergelaufenen Prinzen über die sieben Berge abgezischt? Oder hat sich um sie bereits eine unkrautartige Dornenhecke gebildet, weil schon länger niemand - so ganz zwischenmenschlich - vorbeigeschaut hat? 
Tja. Die Frage: "Wer hat heut' Nacht in meinem Bettchen geschlafen?" braucht man sich ja nun nicht mehr zu stellen. 
"Das alte Haus hat nun seinen Glanz verloren" - ach ja, das klingt ja ziemlich nach Aschenputtel-Effekt. War die große Liebe vielleicht doch eher eine Umschreibung dafür, sich die Kosten für eine adäquate Putzfee zu sparen?

Du könntest die alten Brotkrumen ja auch nehmen, um sie zu streuen .. vielleicht kommt ja so eine neue "Prinzessin" in deinen Haushalt? Oder zumindest ein paar Tauben ... ruckedigu, ruckedigu, Blut ist im Schuh! ... naja, der Spatz in der Hand wär' mir lieber.



Da es von den Four Kings kein bewegtes Bildmaterial gibt, hier für euch das Original von Herman's Hermits. Habt ein erholsames zweites Adventwochenende!

Donnerstag, 3. Dezember 2020

# 134 - "Adieu" - Marika Lichter (1968)

Nein, keine Sorge. Ihr bekommt heute kein französisches Chanson zu hören - wir haben ja noch immer "österreichische Wochen" ;)
Dafür habe ich heute einen Titel von einer Österreicherin ausgegraben, die man heute immer noch kennt - allerdings nicht mehr in erster Linie nur als Sängerin.




MARIKA LICHER

A: Adieu (M: Jack Grunsky / T: Andreas Miriflor = André Heller)
B: Erinnerung (M: Robert Opratko / T: Andreas Miriflor = André Heller)

1968, Amadeo, AVRS 21 534


Marika Lichter wurde 1949 als Mariza Lichter in Wien als Kind eine Polen und einer Ungarin geboren. Bereits als Kind erhielt sie Klavier- und Tanzunterricht, ab dem 14. Lebensjahr auch Gesang. 
Bereits als Jugendliche wird sie Mitglied der "Les Sabres", die großteils jüdische Folklore singen und veröffentlicht 1966 eine EP ("Schalom Alechem"). 1969 belegt sie bei der "Show-Chance" von ORF und Ö3 mit "Adieu" den dritten Platz. Zwischen 1968 und 1971 veröffentlicht sie mehrere Singles (u. a. "Luciana", "Dann wird es wieder schön sein", "Tu nicht so", "Ich hab' einen Kummer" und "Ungeküsst"). Zudem vertritt sie in dieser Zeit auch Österreich bei Songfestivals in Rio de Janeiro, Caracas, Mexico und Athen sowie sang in Gerhard Bronners legendärem "Cabaret Fledermaus".

Nach ihrem Opergesangsdiplom stand sie in zahlreichen Operettenproduktionen im Wiener Raimundtheater auf der Bühne, u. a. in "Die Fledermaus" (als Adele), "Der Graf von Luxemburg", "Viktoria und ihr Husar" oder "Wiener Blut" (als Franzi). Weitere Engagements waren unter an dem "Mayflower" (1978, Theater an der Wien), "Die Gräfin vom Naschmarkt" (1979, Theater an der Wien), "Les Misérables" (1988-1991, Raimundtheater), "Elisabeth" (1992, Tehater an der Wien), "Rebecca" (2007, Raimundtheater), "Non(n)sense" (2012-2013, Wiener Kammerspiele) und "Cabaret" (2019, New Stage Theatre Geislingen). Seit 2017 ist sie Intendantin des Musicalsommers Winzendorf.

Zudem gewann Marika Lichter 2005 die erste Staffel der ORF-Fernsehshow "Dancing Stars". Die 1991 gemeinsam mit Ingrid Windisch gegründete Künstleragentur trägt heute den Namen "Glanzlichter" und wird seit 1996 von ihr geführt. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit ist sie auch seit 1990 Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins "Wider die Gewalt".


Du warst irgendwo, mit irgendwem
Das hat man mir erzählt
Du belügst mich und betrügst mich
Das hat man mir erzählt

Und jetzt sitzt du neben mir
In deinen Augen spielt das Licht
Und es gibt noch Illusionen
Bis das letzte Wort zerbricht

Adieu, mehr kann ich dir nicht sagen
Dein Weg läuft weit, so weit von mir
Adieu, ich kann mich nicht beklagen
Es war eine wunderbare Zeit

Liebe fordert nicht, Liebe schenkt nur
Das hast du mir erzählt
Und du wüsstest schon wie man Träume lebt
Das hast du mir erzählt

Refrain

Refrain

Adieu


Das war er: Einer der ersten Fernsehauftritte der damals 19-jährigen Marika Lichter. Als Komponist fungierte Jack Grunsky, den Text steuerte der damalige Ö3-Discjockey Andreas Miriflor bei, der sich bald als André Heller auch international einen Namen machte. 

Was gibt es groß zu sagen? Ein schönes Chanson mit anspruchsvollem Text und guter Musik. Ansprechend arrangiert und live - mit der ORF-BigBand - vorgetragen.

Der Text selbst hat (leider) auch heute noch Gültigkeit. Da erfährt man nichts Böses ahnend - da noch immer rosarot-bebrillt - von der Untreue des Geliebten "und jetzt sitzt du neben mir - in deinen Augen spielt das Licht - und es gibt noch Illusionen bis das letzte Wort zerbricht" (Wow! Das ist wirklich eine äußerst treffende Beschreibung für diesen speziellen (und leider auch extrem beschissenen) Zustand, in dem man sich in so einer Situation befindet. Doch unsere Protagonistin kriegt glücklicherweise noch rechtzeitig die Kurve und gibt der treulosen Tomate den Laufpass - wenn sie sich auch ein bisschen zu ehrfürchtig, nicht beklagen kann, schließlich "war es eine wunderbare Zeit".
"Liebe fordert nicht, Liebe schenkt nur" ist übrigens eine äußerst nonchalant-formulierte Umschreibung für: "Ich darf immer und mit so vielen anderen Frauen Sex haben wie ich will - und du bleibst bei mir und beschwerst dich nicht und idealerweise wäschst du auch meine Wäsche, kochst für mich und kommst meinen sexuellen Grundbedürfnissen nach. Und sag gefälligst "Danke", dass ich dich auserkoren habe."

Manche Dinge ändern sich wohl leider nie. Das habe ich auch gerade nach ein paar Kurzschnitten aus der aktuellsten Folge der "Bachelorette" gelernt. Diese Typen gibt es immer noch ... Adieu Mondieu! :/

Donnerstag, 16. Juli 2020

# 111 - "Please me" - Michael Millner (1975)

Ja, ich poste leider momentan nur noch sehr unregelmäßig. Dennoch versuche ich weiterhin diesen Blog am Leben zu erhalten und hoffe, dass ihr mir trotzdem - auch über längere Phasen - treu bleibt.

Weiter geht es mit einem kleinen Special, nämlich Lieblingssongs (made in Austria) von mir!



MICHAEL MILLNER
A: Please me (M & T: Michael Millner)
B: It's all over (M & T: Michael Millner)

1975, Atom, 238.063
produziert von Peter Müller



Der 1948 in Heiligenkreuz geborene Michael Millner beteiligte sich als Jugendlicher bereits an Jazzmessen. Sein Kompositionsstudium führte ihn nach Graz und neben seinen umfassenden Künsten als Pianist, trat er bereits früh als Komponist und Arrangeur in Erscheinung, während die meisten Bands "nur" Coverversionen spielten. 
Als Mitglied von "Music Machine" (1969-1971 - mit Boris Bukowski und Helmut "Schiffkowitz" Röhrling), "Turning Point" (um 1974 - mit Alex Rehak) und später als Gastmusiker bei "STS", spielte er nicht nur Piano, sondern komponierte und arrangierte auch für die jeweiligen Formationen. Seine einzige Soloarbeit erschien 1975.
In den 80er- und 90er-Jahren zog er sich aus der vorderen Reihe des Musikgeschehens zurück und wirkte u. a. als Produzent der Gruppe "Magic", betrieb ein Studio und ging vor allem in seinem Beruf als Facharzt für Kinderpsychiatrie auf. Ab 1986 war er Oberarzt an der Kinderklinik des LKH Graz, unterrichtete ab 1993 an der Universität und war ab 2000 Leiter der von ihm mitbegründeten gemeinsamen Einrichtung für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters zwischen den Universitätskliniken für Neurologie, Psychiatrie sowie Kinder- und Jugendheilkunde in Graz. Michael Millner verstarb 2002 an Krebs.

Von ihm geschriebene Titel waren beispielsweise "Go, go, go" (Wilfried, 1974), "I'm a Playboy" (Turning Point, 1974), "Sorry Jane" (Waterloo & Robinson, 1978), "Es wird heller" (EAV, 1983) und "Die Liebe" (STS, 2003 erstveröffentlicht).

Für die Band "Magic", der u. a. auch Boris "Kokain" Bukowski angehörte und die er zeitweise auch produzierte, schrieb er beispielsweise "Baby 100 Volt" (1977), "Hey Jockey" (1978), "Liza" (1980), "Nessie" (1977), "Sag' bitte 'Ja'" (1977), "Schlagertyp" (1977), "Und es wird herrlich sein" (1978) sowie "Wenn du weißt, was ich meine" (1977).


Yes, it was only pride
To have a lonely night
It's over since I know
Your Love will never grow

I wanna live tonight
Without my lonely pride
And all the silence I feel
It's not a dream, it's reel

So come on please me
Only for breaking my golden pride
And than leave me never
I need to come back to you

Yes, I was playin' around
Came really on the ground
I saw a light, that's true
Yes, the face were you

I wanna live tonight
Without my lonely pride

Refrain


Wiederholung





Ich kann nicht genau beschreiben, was mir an dem Song so gut gefällt. Ich glaube es ist die Mischung aus lyrischer Melancholie, Millners sanfter Stimme und dem guten Arrangement. Die Sehnsucht nach gemeinsamer Zeit ist gerade in diesen Zeiten oft stärker als sonst. Zu viel Zeit, um über begangene Fehler nachzudenken, das Bedürfnis zu entwickeln, Geschehenes ungeschehen zu machen und die Zeit am liebsten zurückzudrehen, an den Anfang, als noch alles möglich war. Und dann kommt natürlich noch der eigene Stolz dazu. Und man möchte einfach nur wieder zufrieden und glücklich sein.

Freitag, 12. Juni 2020

# 84 - "Ich stehe nur auf Bielefeld" - Heidi Thuns (1973)

Ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass ich in letzter Zeit ein bisschen unregelmäßiger Einträge produziere, aber ich merke tatsächlich Anlaufschwierigkeiten bei mir. Nach der großen Zwangspausen-Entschleunigung merke ich, dass ich nicht (mehr) so belastbar bin, wie zuvor. Kleine Alltagsgeschichten kosten mich deutlich mehr Energie und ich habe das Gefühl, dass ich mich sogar von einem Eisessen wieder erholen muss. Hoffe, dass sich das bald wieder legt. Möglicherweise sind aber auch einfach nur die Impfbefürworter oder Chemtrails schuld. Was haltet ihr von Verschwörungstheorien?
Angeblich gibt es ja die Stadt Bielefeld nicht! Ich war noch nie dort - kann es also leider auch nicht bestätigen. Die Existenz der vorliegenden Single lässt sich allerdings nicht leugnen.




HEIDI THUNS
A: Ich stehe nur auf Bielefeld (M & T: Peter Lach)
B: Wer will noch mal? [Carneval Mars] (M: Jan Mol / dt. T: Peter Lach)

1973, Philips, 6003 336


Heidi Thuns wurde 1942 in Hamburg geboren. Zwischen 1965 und 1974 veröffentlichte sie neun Singles bei sechs Plattenfirmen (u. a. "Männertreu", "La, La, La, Luna", "Nur bei dir scheint die Sonne" oder "Hände weg von meinem Peter"). Darüber hinaus sang sie auf zahlreichen Compilations-LPs mit dem Orchester Frank Valdor bekannte Hits ein.

Peter Lach war ab Mitte der 50er-Jahre als Songwriter im Einsatz. So schrieb er unter anderem einen deutschen Text zum ABBA-Hit "Ring Ring" und Lenny Kuhr's Songcontest-Sieg "Der Troubadour".


Der vorliegende Song eignet sich auch wunderbar zum Mitschunkeln und kann auch noch mit einem Alkoholgehalt von drei Promille lautstark fröhlich mitgegrölt werden! 

Mein erster Freund, der stand im Tor, auf unserm Fußballplatz
Und weil sein Club niemals verlor, stand hoch im Kurs mein Schatz
Er wurde bald verkauft als Star und schrieb mir aus Turin
Komm her, hier ist es wunderbar, doch ich schrieb stolz an ihn

Ich stehe nur auf Bielefeld
Und auf den Teutoburger Wald
Ich pfeif' auf deine große Welt
Die lässt mich völlig kalt

Mein Zweiter stand im Atelier oft vor der Kamera
Und bald auch sein Zahnpasta-Portrait ganz groß im Fernsehen, ja
Man holte ihn sich nach Paris, als Dressman Nummer 1
Er wollt' nicht, dass ich ihn verließ, doch ich schrieb: "Lieber Heinz"

Refrain

Mein Dritter stand mir nur im Weg um sechs nach Ladenschluss
Und ständig in der Discothek beim Tanz auf meinem Fuß
"Geh bloß zum Mond, zum Mond mit dir", so schrie ich immerzu
Doch er schrie: "Nein, ich bleibe hier, ich bin genau wie du"

Refrain




Uff ... das ist ja mal eine Ansage! Für all jene, die Freunde von Verschwörungstheorien sind: Hierbei handelt es sich um keine Single von Fran "Die Nanny" Drescher, auch wenn eine gewisse Ähnlichkeit (auf diesem Foto) durchaus vorhanden ist.
Auch nach diesem Song können wir immer noch über die tatsächliche Existenz von Bielefeld spekulieren. Viele Hinweise gibt uns die gute Heidi nicht - nur, dass sie immerhin ein verhältnismäßig ausführliches Liebesleben Revue passieren lassen kann ... das ist schon beeindruckend, wenn auch verständlich, warum sie die drei Vögel abgeschossen hat.
Solltet ihr einmal die Chance haben, Bielefeld einen Besuch abzustatten, nutzt es doch! Ich kenne tatsächlich zwei Frauen, die dort angeblich arbeiten. Und die Frauen existieren wirklich. Das ist schon einmal mehr, als mir Verschwörungstheoretiker bieten können ... Ob Heidi zugunsten auch ein "Ehren-Baum" im Teutoburger Wald gepflanzt wurde? Naja, der kann sich gegen diese unfreiwillige Werbung leider auch nicht wehren. Oder findet gerade deshalb der Klimawandel immer mehr Einzug in unser Bewusstsein?

Sonntag, 7. Juni 2020

# 79 - "Hey, Mr. Möbelmann" - David Garrick (1967)

Der folgende Titel ist all jenen gewidmet, die sich in Corona-Zeiten mit Umzugsthematiken auseinandersetzen mussten.




NACHTRAG FÜR FREITAG

DAVID GARRICK
A: Hey, Mr. Möbelmann [Please, Mr. Moving Man] (M: Phil Barr & Billy Meshel / dt. T: Carl-Heinz Blecher)
B: Zeig' den ander'n nicht dein Herz [A broken Heart] (M: Alan Tew / dt. T: Tobby Lüth)

1967, PYE Records, HT 300098 


David Garrick wurde 1945 als Philipp Darrell Core in Liverpool geboren. Nachdem seine Stimme bereits im Kirchenchor seiner Heimatgemeinde positiv auffiel, besuchte er nach Abschluss seiner Schulzeit das Konservatorium, um sich als Opernsänger ausbilden zu lassen. Seine Karriere als Popsänger begann eigentlich durch eine Wette mit Freunden in einem Club in London. Nachdem seine Karriere Anfang der 70er-Jahre stagnierte, verbrachte er einige Jahre in Südafrika und Ägypten. In den 90er-Jahren versuchte er ein Comeback. Er starb 2013.

Seine erfolgreichsten Titel waren "Lady Jane" (1966, #28 UK), "Dear Mrs. Applebee" (1967, #1 DE, #3 AUT, #22 UK), "Please Mr. Movingman" (1967, #25 DE) und "Don't go out into the Rain" (1968, #26 DE). Er veröffentlichte drei Singles in deutscher Sprache.

Sein Künstlername ist eine Hommage an den bedeutendsten britischen Schauspieler des 18. Jahrhunderts.


Nun aber zum Song:

Hey, Mr. Möbelmann
Lass die Möbel nebenan
Und lass mein Baby hier bei mir
Hilfe, Hilfe

Das darf doch nie gescheh'n
Dass uns're Nachbarn geh'n
Und ich kann mein Girl nicht mehr seh'n
Hilfe, Hilfe

Sieh das Herz am Haustor
Wo sie schwor, das sie geht, kommt nie vor
Unser ganzes Glück, oh nein
Pack' es nicht in Kisten ein
Lass hier all das Gepäck
Und fahr' einfach weg

Refrain






"Hilfe Hilfe" kann man nur laut bei Davids Aussprache rufen. Aber man darf es ihm nicht übel nehmen. Der junge Mann kam aus England und hatte sicher kaum Zeit, deutsch zu lernen. Vermutlich hat er den Song nur weitestgehend phonetisch gelernt. Aber nachdem seine Holde jetzt scheinbar doch Reißaus genommen hat und einem anderen "ihrä groasä Lieubä schewoa" wäre er besser beraten, seine Deutschkenntnisse aufzumöbeln (ha, Mega-Wortspiel :P!) als die Arbeit des armen Umzugsunternehmers zu behindern.

Freitag, 5. Juni 2020

# 78 - "Aus!" - Peggy Peters (1974)

Keine Sorge: Mit dem Blog ist es (hoffentlich noch lange) nicht aus! Eher mit der Ruhe und ungewöhnlichen Zwangspause ... trotzdem darf man noch nicht leichtsinnig, alles "auf eine Karte setzen", sonst ist's bald wieder "Aus" mit Veranstaltungen und neugewonnener Freiheit - das wusste übrigens bereits die Zukunftsforscherin: Prof. DDr. Peggy Peters anno 1964.


NACHTRAG für DONNERSTAG!



PEGGY PETERS
A: Ich setze alles auf eine Karte (M: Heino Gaze / T: Fred Ignor)
B: Aus [Shout - The Isley Brothers] (M: O'Kelly, Ronald & Rudolph Isley / dt. T: Georg Buschor)

1964, Hansa, 11 088 AT

Peggy Peters, die am 25. Dezember 1946 als Christa Zarlewski in Berlin geboren wurde, sang bereits von Kindesbeinen an und erhielt früh Ballettunterricht. Nach der Schule arbeitete sie als Hostess bei einer Fluggesellschaft.
Mit ihrem Jugendfreund Drafi Deutscher (1946-2006) nahm sie 1962 an einem Talentwettbewerb im Rahmen der Berliner Funkausstellung teil, den sie promt gewann. Sie erhielt einen Plattenvertrag, das Pseudonym Peggy Peters und veröffentlichte 1964 ihre erste Solosingle "Keine Schule mehr". Parallel dazu war sie Mitglied in unterschiedlichen Formationen ("Die Peggy Peters Sisters", "Die Petras" und "Die Sweetles"). Mit ihrem späteren Ehemann Peter Rainford veröffentlichte sie Mitte der 60er-Jahre (als "Peggy & Peter") die Single "Limelight Boy", der noch zahlreiche folgten. In dieser Zeit etabliert sich auch ihr späterer Künstlername Tina Rainford
Immer wieder kreuzten sich die Wege von Tina und Drafi, der regelmäßig für sie Titel schrieb und sie auch in sein Studio-Projekt "WIR" holte.
Und eben dieser Drafi war es auch, der Tina den größten Erfolg ihrer Karriere bescheren sollte. 1976 gelang ihr ein Riesenhit mit dem, von Drafi geschriebenen, Song "Silverbird". Der Titel verkaufte sich millionenfach und erreichte sogar #25 der US-Country-Charts.
Nachdem sie mit den Nachfolgesongs an diesen Erfolg nicht mehr anknüpfen konnte, zog sie sich in den 80er-Jahren ins Privatleben zurück.
Im Rahmen ihrer Autobiographie "Wenn Sterne fallen" verarbeitete sie nicht nur ihre jahrzehntelange Tabletten- und Alkoholsucht, sondern auch Bulimie. All das hat sie inzwischen überwunden und lebt mit ihrem zweiten Ehemann auf Mallorca. In unregelmäßigen Abständen veröffentlicht sie noch Songs.

Es ist nun wirklich mit uns aus
Aus meinem Herzen bist du raus
Du bildest dir doch wohl nicht ein
Ich könnte ohne dich nicht sein
Es ist nun wirklich mit uns aus

Die große Liebe ist vorbei
Du warst mir keine Stunde treu
Du gehst mit ander'n Mädchen aus
Und lässt mich ganz allein zu Haus
Es ist nun wirklich mit uns aus

Die schönen Träume
Ich hab genug von dir
Hör endlich auf zu lügen
My Boy, nun reichst du mir 
Yeah
Yeah 
Yeah
Yeah - Yeah - Yeah

Refrain

Von heute an bist du mir egal
Du kannst mit ander'n geh'n
Ruf nie mehr an, denn auf keinen Fall
Will ich dich wiederseh'n
Yeah, es ist nun aaaaaaaaus
Yeaaaaah, es ist nun aus

Mit den letzten lautmalerischen "Yeahs" bin ich ein wenig sparsamer umgegangen ;)


Ja, die Peggy Peters hat ordentlich Temperament und das bei einer Größe von nur knapp 1,50 Meter. Starke Stimme und starker Groove ... zugegeben, dass eine oder andere Yeah wäre verzichtbar gewesen. 
Eines kann ich euch versprechen, wenn man sich mit so einer Frau anlegt, dann hat der "Boy" später nichts mehr zu lachen! Aber wir wissen ja .... Karma is a bitch! ;) Von daher, können wir uns entspannt zurücklehnen und abwarten, was dem armen Knilch so widerfahren wird ;)

Text

Dienstag, 26. Mai 2020

# 69 - "Ein Student aus Uppsala" - Kirsti (1969)

Den heutigen Beitrag widme ich all jenen, die bereits große Freude mit der musikalischen Verbindung alltäglicher Dinge mit eingängigen tonalen Künsten haben. Wir erinnern uns da beispielsweise an Ni-cool-e ;)




KIRSTI
A: Ein Student aus Uppsala (M: Henry Mayer / T: Georg Buschor)
B: Und die Sonne geht auf (M: Henry Mayer / T: Georg Buschor)

1969, Telefunken, U 56 044


Der erfolgreiche Textautor Georg Buschor (1923-2005) schrieb u. a. "Zwei kleine Italiener" (Conny Froboess, 1962), "Schuld war nur der Bossa Nova" (Manuela, 1963), "Liebeskummer lohnt sich nicht" (Siw Malmkvist, 1964), "Winter in Canada" (Elissa Gabbai, 1966), "Wärst du doch in Düsseldorf geblieben" (Dorthe, 1967), "Arrividerci Hans" (Rita Pavone, 1968), "Akropolis Adieu" (Mireille Mathieu, 1971) oder "Der Stern von Mykonos" (Katja Ebstein, 1973).

Die 1946 geborene norwegische Sängerin Kirsti Sparboe arbeitete nach ihrer kaufmännischen Lehre als Sekretärin. Sie unternahm erste Auftritte als Sängerin einer Tanzkapelle, nahm Gesangsunterricht und erhielt bereits mit 17 Jahren ihren ersten Schallplattenvertrag. Dreimal vertrat sie - mit mäßigem Erfolg - Norwegen beim Grand Prix d'Eurosivion (1965 Platz 13, 1967 Platz 14, 1969 Platz 16).

Gleich ihre erste Single "Du darfst nicht weinen" erreicht im Juni 1968 #24 der Charts. Weitere erfolgreiche Titel waren "Von mir aus kann es regnen" (November 1968, #38), "Napoleon und Josefine" (Juli 1969, #34) und "Die treuen Husaren" (November 1969, #37).

Ihr größter Hit in Deutschland wird die im März 1969 veröffentlichte Single "Ein Student aus Uppsala", die sich 14 Wochen in den Charts hält und bis auf #15 kommt.

Ihre letzte Single in Deutschland erscheint 1972, in Norwegen ist sie noch bis Mitte der 80er-Jahre aktiv.

Im Vergleich mit anderen skandinavischen Sängerinnen, die zeitgleich im deutschsprachigen Raum vertreten sind, hat sie eine deutlich kürzere Karriere. In diesem Zusammenhang waren Dorthe (* 1947, Dänemark), Siw Malmkvist (* 1936, Schweden), Gitte (* 1946) und Wencke Myhre (* 1947, Norwegen) deutlich erfolgreicher - die letzten drei auch als Sängerinnen beim Eurovision Song Contest!

Nun aber zum heutigen Song, zu dem ich glücklicherweise auch ein Video mit Kirsti gefunden habe:

Ein Student aus Uppsala-la-la-la La-la-la-la-la-la-la-la-la-la
Ein Student aus Uppsala-la-la-la La-la-la-la-la Laaaa

Meine Freundin rief an
Ob ich mitkommen kann
Auf die Hütte im Schnee
Und ich sagte: "Okay!"

In der Sonne im März
Da verlor ich mein Herz
Als ich ihn damals sah
Er war Student aus Uppsala

Refrain


Und am Abend beim Tee
Auf der Hütte im Schnee
Sprach er leise zu mir:
"Ich bleib' immer bei dir"

Und wir hatten kein Geld
Aber schön war die Welt
Denn der Himmel war nah
Und mein Student aus Uppsala

Refrain

Ich kam später im Mai
An der Hütte vorbei
Und ich fand keinen Schnee
Denn da blühte der Klee

Doch die Sonne, die schien
Und ich dachte an ihn
Den ich nie wieder sah
Er war Student aus Uppsala

Refrain






Freunden der leichten Muse ist dieser Titel möglicherweise im Rahmen der anspruchsvollen, zeitaktuelleren (2015), Coverversion der Hot Banditoz ("Shake your Balla") bekannt.





Nun was für eine Geschichte erzählt uns Kirsti da? Eine Freundin bittet Kirsti, sie auf eine nicht näher definierte "Hütte im Schnee" zu begleiten. Kirsti - keine Freundin großer Worte - willigt mit einem lässigen "Okay" ein und die beiden machen sich im März auf eine (Aprés-)Ski-Tour. Inwieweit die sogenannte Freundin an den weiteren Geschehnissen oder sie vielleicht sogar als Drahtzieherin an dem frostigen Liebeskomplott beteiligt ist, konnte bisher nicht ermittelt werden.
Fakt ist jedenfalls, dass die beiden - oder zumindest Kirsti - nicht alleine waren. Was im März durchaus überraschend ist. Ich kombiniere, es muss ein langer, kalter Winter gewesen sein. Der nicht näher definierte Mann gibt an, Student im schwedischen Uppsala zu sein. Bereits am selben Abend witterte der Täter bei einer Tasse JagaTee seine Chance und erklärte der jungen Kirsti spontan seine Liebe und dass er immer bei ihr bleiben wolle. Kirsti, rosarot-bebrillt, war sofort begeistert (wir erinnern uns, die ehemals gute Freundin, deren Schnaps-Idee der ganze Ausflug war, taucht an dieser Stelle nicht mehr auf), obwohl sie nach eigenen Angaben beide mittellos waren, empfanden sie die Welt als schön und den Himmel als nah (gut... somit wäre bereits eine weniger lebensbejahende Alternative einer eigenwilligen Vorstellung von gemeinsamer Zukunft gegeben). 
Zwei Monate gingen ins Land und Kirsti kehrte an den einstigen Ort ihrer großen Liebe zurück. Der Schnee war weg, genauso wie der Student, von dem Kirsti - trotz großer Liebesbekundung - scheinbar nicht einmal den Namen wusste (Anfängerfehler oder vielleicht doch zu viel ... Tee?). Naja. Kirsti ist allem Anschein nach ja mit Klee und Sonnenschein auch leicht zufriedenzustellen und begnügt sich damit, an den treulosen Herzensdieb zu denken. Ist ja auch schön. 
Vermutlich hat sich der Gute an eine (finanziell) bessere Partie rangemacht und arbeitete fortan erfolgreich als Heiratsschwindler. Nachforschungen an der Universität von Uppsala blieben übrigens erfolglos. Kirsti hätte sich zumindest eine Studienbestätigung zeigen lassen oder seine Matrikelnummer notieren müssen.
Vielleicht war er aber auch nur ein Erasmusstudent, der ein bisschen länger geblieben ist, um den schönen Winter zu genießen?

Wir werden es wohl nie erfahren ... also aufpassen im Umgang mit AkademikerInnen!

Sonntag, 17. Mai 2020

# 60 - "Du spielst immer Räuberhauptmann" - Valerie Pascale (1969)

Für alle, die heute noch keine Idee haben, was sie spielen können oder nach einer neuen Identität Ausschau halten, habe ich etwas Leichtfüßiges vorbereitet: 




VALERIE PASCALE
A: Du spielst immer Räuberhauptmann [?] (M: Gianni Meccia / dt. T: Rudi Lindt = Rudi von der Dovenmühle)
B: Immer wenn es Abend wird (M & T: Rudi Lindt / Günter Sonneborn / Frank Stern)

1969, Vogue, DV 14 825


Bei Valérie Pascale handelt es sich um eine junge belgische Sängerin, die Mitte der 60er-Jahre erste Schallplattenaufnahmen machte. Zwischen 1968 und 1969 nahm sie drei Singles in deutscher Sprache auf - nach dieser wurde der Vertrag augenscheinlich nicht mehr verlängert. Der letzte Hinweis auf ihr musikalisches Schaffen ist ein Fernsehauftritt im Jahr 1971. Was aus ihr wurde, ist nicht bekannt.

Bekannter hingegen war der Kölner Textautor Rudi von der Dovenmühle (1920-2000), von dem u. a. Titel wie "Ich will 'nen Cowboy als Mann" (Gitte, 1963), "Caroline" (Ray Miller, 1970) oder die "Liechtensteiner-Polka". Auch der deutsche Beitrag zum Grand Prix d'Eurovision von 1964, "Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne" von Nora Nova, stammte aus seiner Feder. Der Song selbst fiel leider durch und landete - punktelos - am letzten Platz.

Nun aber zu diesem literarischen Hochgenuss:

Du spielst immer Räuberhauptmann
Wie das sonst die Buben tun
Du raubst heimlich jedes Mädchenherz
Und bereitest damit Liebesschmerz
Du machst alles wie ein Tunichtgut

Kaputt - kaputt - kaputt

Du spielst immer Räuberhauptmann
Wie das Ali Baba tat

Morgens kommen Blumen schön verpackt
Und bei Nacht und Nebel wird dein Herz geknackt
Du machst alles wie ein Tunichtgut
Kaputt - kaputt - kaputt

Wenn ein Mädchenherz auch goldig ist, ja, ja
Sowas stielt man nicht bei Nacht, no, no

Du hast schon so manches Girl gekränkt
Und vielleicht hätt' grad dieses Girl 

Dir von Herzen lieb und gern ihr Herz geschenkt
(Wiederholung)





Ja, wer kennt sie nicht, die bösen Räuber, die Nachts kommen und einfach Herzen klauen. (Ein Umstand, der auch Gaby Baginsky nicht fern war und ein paar Jahre später auch von ihr musikalisch in Szene gesetzt wurde.) Gut, dass die brave Valerie ihres besonders heftig bewacht hat. Andere Stellen wurden möglicherweise auch mithilfe eines zeitgemäßen Keuschheitsgürtels (farblich passend zum Mini) kaschiert. Besonders dankbar bin ich Textautor Rudi vor allem für die Verwendung des Worts "Tunichtgut" - eine großartige bildhafte Bezeichnung für manch fragwürdige Individuen, die man einfach nicht treffender beschreiben kann - das sich auch besonders gut auf das akzentbehaftete "kapuuut" reimt.

Literarisches Highlight ist definitiv folgende Verszeile: "Du hast schon so manches Girl gekränkt und vielleicht hätt' grad dieses Girl dir von Herzen lieb und gern ihr Herz geschenkt". Das fehlerfrei (in diesem Tempo) auszusprechen, fiele selbst mahnschäm ... pardon, manchem Muttersprachler schwer. An dieser Stelle also noch ein Sonderpunkt für Valerie und an jene Person, die die ehrenvolle Aufgabe bekam, reihenweise Geschirr zu zerdeppern, um dem Song das "gewisse Etwas" zu verleihen (und um zweifellos einiges kaputt zu machen)!

Wenn ihr euer Herz verschenken möchtet, dann müsst ihr es gar nicht nett einpacken. Lasst es aber vielleicht nicht an zu öffentlichen Orten liegen, sonst wird es am Ende von der falschen Person "geknackt" und ist dann nur noch kaputt kaputt kaputt ...

Samstag, 16. Mai 2020

# 59 - "Isabell" - Gerd-Michaelis-Chor (1974)

Um euch nach der ganzen Ernsthaftigkeit der letzten Tage wieder ein bisschen unbeschwerte Fröhlichkeit zu bieten, habe ich heute einen meiner liebsten Gute-Laune-Songs ausgegraben! Viel Spaß!




GERD MICHAELIS CHOR
A: Isabell (M: Gerd Michaelis / T: Wolfgang Brandenstein) Solo: Hartmut "Muck" Schulze-Gerlach
B: Der romantische Mond (M: Hartmut Schulze-Gerlach / T: Wolfgang Brandenstein) - Solo: Werner Düwelt & Hartmut "Muck" Schulze-Gerlach

1974, AMIGA, 4 55 992



Der Gerd-Michaelis-Chor wurde 1967 als Teil des Wolfgang-Brandenstein-Ensembles gegründet und war ein achtköpfiges Vokalensemble aus der DDR, das nicht nur mit Schlagern, sondern auch mit politischen Liedern erfolgreich wurde. Mehrere SängerInnen starteten später erfolgreiche Solokarrieren (u. a. Jan Gregor und Gerti Möller). Der Chor wirkte - neben seiner regen Konzerttätigkeit sowie eigenen Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen - bei zahlreichen musikalischen Aufnahmen in der DDR mit.
"Isabell" war 1973 der erste Hit des Chores. Nach dem plötzlichen Tod von Sängerin Beate Barwandt (1950-1975) stürzte Gerd Michaelis in eine Krise und gab die Leitung des Chores an Vlady Slezák weiter, der ihn ab 1976 als "Cantus-Chor" weiterführte.

1974 bestand der Chor aus Renate Baptist, Beate Barwandt, Werner Düwelt, Ingeborg-Jette Lehmann, Benno Penssler, Hartmut Schulze-Gerlach, Eva Maria Slezák und Vlady Slezák.


Hartmut Schulze-Gerlach wurde 1948 in Dresden geboren und ist gelernter Betonbauer. Ab 1973 Mitglied im Gerd-Michaelis-Chor prägte er die Songs mit seiner markanten Stimme. Seinen Künstlernamen "Muck" - ein Relikt aus Kindertagen, weil er seinen Namen nicht aussprechen konnte - gabs obendrauf. Nachdem er den Chor 1976 verlassen hat, begann er seine Solokarriere. Erfolgreiche Titel von ihm waren "He, kleine Linda", "Chin-Chin-Julia" und "Wandern wir mal". Als Komponist arbeitete er für zahlreiche DDR-Künstler.

1981 startete er in der Show "Sprungbrett", in der er jungen Künstlern Auftrittsmöglichkeiten gab, seine zweite Karriere als Fernsehmoderator. Von 1995 bis 2018 moderierte er beim MDR die Oldieshow "Damals war's". Er lebt heute mit seiner Frau und zwei Kindern auf einem ehemaligen Bauernhof auf der Insel Rügen.

Nun aber zum Song!

Isabell, Isabell
Komm, setz' dich auf mein Bärenfell
Ich hab' dich gern in meiner Näh'
Isabell, Isabell
Für dich nur liegt das Bärenfall
Auf meinem alten Kanapee

--> Ich sag's gleich vorweg: Das Bärenfell ist natürlich nicht echt. Und ja, es mussten auch keine unschuldigen Teddybären, die Muck Isabells Vorgängerinnen geschenkt hat, dafür sterben. Und auch alle Vegetarier und Veganer können unbesorgt sein: In diesem Fall sind natürlich nicht die kleinen Appetithäppchen (Canapés) gemeint, sondern ein Sofa bzw. eher eine Art Diwan, wo man es sich zu zweit ganz besonders gemütlich machen kann (mit und ohne Fake-Bärenfell).

Gibt der kleine Muck 
Sich einen Ruck
Dann geht er ran
Ist die Wirtin weg
Dann wird er keck
Und das kommt an

Unser Muck ist ein Filou
Und dein Herz fischt er im Nu
Und auch mehr eventuell
Aber nur bei Isabell

--> Na holla die Waldfee! Der kleine Muck geht aber ganz schön ab. So wie diese Geschichte klingt, ist der gute Mann kein Kostverächter und Isabell sicher nicht die erste Wahl ... In einem alten Fernsehbericht habe ich gehört, dass die letzte Refrainzeile ursprünglich "Aber nie bei Isabell" ... das ging natürlich für die strengen Zensoren nicht und so musste die Zeile adaptiert werden.

Isabell, Isabell
Findest du es nicht auch zu hell?
Ein bisschen Stimmung muss schon sein
Isabell, Isabell
Du bist auf meinem Bärenfell
Nochmal so schön im Kerzenschein

--> Ja klar. Um herauszufinden, ob Isabells Unterwäsche auch farblich zur Bettwäsche passt, einfach mal die Sicherungen rausgedreht, damit man sich noch besser am Bärenfell rekeln kann ... Kamin hat er aber scheinbar keinen. DAS hätte definitiv mehr Eindruck geschunden, als so ein paar lahme Kerzen. Vielleicht gabs wenigstens Räucherstäbchen (hoffentlich ohne Patschuli ... wuaaaha !)...

Refrain

Isabell, Isabell
Warum willst du denn gar so schnell
Hals über Kopf nach Hause geh'n?
Isabell, Isabell
Ich sitz' auf meinem Bärenfell
Und kann die Welt nicht mehr versteh'n

--> Tja, da ging der Muck, unser feuchtfröhlicher Filou, wohl etwas zu forsch ran und hat die gute, treuselige und keusche Isabell wohl etwas mit seiner Keckheit überfordert. Und bekam wohl auf seine Anfrage im Nu nicht nur einen Ruck, sondern auch einen Korb. Ans "Kommen" war dann wohl nicht mehr zu denken ...
Aber so ein Bärenfell kann ja auch ganz kuschelig sein ... in einsamen Nächten!

Oh Isabell, Isabell
Denk' auch mal an mein Bärenfell
Und lass dich bald mal wiederseh'n
Oh lass dich bald mal wiederseh'n
Yeah Isabell ...




Wenn euch dieser Song gefallen hat, dann sucht doch mal nach einem YouTube-Tutorial für Fake-Bären-Felle, näht es nach und macht es euch - mit einer Packung Gummibären (Marke nach Wahl) - darauf bequem. Sollte jemand von euch Isabell heißen, dann tut es mir leid, dass ich hiermit die Büchse der Pandora geöffnet habe und du wohl zeitlebens mit diesem Lied zurechtkommen musste.
Solltet ihr einmal in die Situation kommen, dass euch jemand - neben seiner Briefmarkensammlung - auch ein Bärenfell zeigen möchte, dann könnt ihr sicher sein, dass er auch körperlich starkes Interesse an euch verspürt. Beruht dies auf Gegenseitigkeit, wünsche ich euch viel Spaß mit Canapés am Kanapee. Ist dies allerdings nicht der Fall, dann packt präventiv am besten eine Bärenfalle an ;) 

Sonntag, 10. Mai 2020

# 52 - "Was mach' ich ohne dich" - Francoise Hardy (1970)

Keine Sorge, ich lebe noch! Tut mir leid, dass ich gestern nicht wie gewohnt für euch einen Titel raussuchen konnte. Es lag nicht an mir - zumindest nicht nur! Aus irgendeinem Grund hat mein Laptop sich nicht mehr mit dem Internet verbinden lassen - warum genau, entzieht sich meiner Kenntnis. Ein Grund dafür ist vermutlich, dass ich seit heute ein neues (besseres) Teil mein Eigen nennen darf ... offenbar spüren das auch Geräte und so musste ich gestern karmatechnisch einiges einstecken :/

Aber egal. Jetzt bin ich wieder da und hier für euch der Ersatzsong von gestern (der Ersatzsong von heute kommt dann etwas später). Der Titel des Songs ist definitiv Programm ;)




FRANCOISE HARDY
Was mach' ich ohne dich? [It hurts to say Goodbye - Margaret Whiting] (M: Arnold Goland & Jack Gold / dt. T: Walter Brandin)

1970, LP "Träume", Philips


Die 1944 geborene Französin Francoise Hardy unterschrieb im November 1961 ihren ersten Schallplattenvertrag bei Vogue. Kurz nach ihrer bestandenen Matura veröffentlichte sie ihre erste Single ("Oh oh Chéri"). Die B-Seite des Titels ("Tous les garcons et les filles") ließ die Scheibe - nach einem Auftritt in einer beliebten Jugendsendung - zwei Millionen Mal über den Ladentisch gehen.
Es folgte eine Reihe von Hits, die größtenteils von ihr selbst getextet und komponiert waren. 1963 vertrat sie mit "L'amour s'en va" Monaco beim Grand Prix de la Chanson und erreichte Platz 5.
Im deutschsprachigen Raum hatte sie vor allem mit "Frag' den Abendwind" (1965) große Erfolge. Die Bravo-LeserInnen wählten Francoise daraufhin 1966 zur zweitbeliebtesten Sängerin des Jahres.

Francoise avancierte bald zu einer Stilikone der 60er-Jahre. Designer wie Paco Rabanne und Yves Saint Laurent kleideten sie ein.
In Frankreich hielt ihre Popularität bis weit in die 80er-Jahre an, obwohl sie aufgrund ihres großen Lampenfiebers seit 1968 nur noch sehr selten vor großem Publikum auftrat. 
Mit ihrem Album "Clair Obscur", das in Frankreich bereits wenige Wochen nach der Veröffentlichung sechsstellige Verkaufszahlen erzielte, gelang ihr im Mai 2000 ein großes Comeback. Sie veröffentlichte insgesamt 25 Alben. Nach einer Krebserkrankung hat sie die Musik aufgegeben und arbeitet jetzt hauptsächlich als Schriftstellerin.

Serge Gainsbourg schrieb für sie 1970 einen ganz besonderen Text, der in seiner Message lustigerweise sowohl in französisch, englisch als auch deutsch funktioniert! (An dieser Stelle ein großes Kompliment an Walter Brandin - der übrigens auch 1969 für die deutsche Übersetzung des Musicals "Hair" zuständig war)


Nach zwei Cognac ex bekamst du Mut
Deine Abschiedstexte waren gut
Ratlos und perplex nur dachte ich
Was mach' ich ohne dich?

Stets war mein Komplex, du bist zu schön
Charme hast du für sechs, ach was für zehn
Liebt denn sowas exklusiv nur mich?
Was mach' ich ohne dich?

Ob du daran denkst
Wie einsam und verloren ich bin
Nein, du hast schon längst eine and're im Sinn

Gib mir keinen Extrakuss jetzt mehr
Der nur noch Reflexbewegung wär'
Ratlos und perplex nur frag' ich mich:
Was mach' ich ohne dich?
Was mach' ich ohne dich?


All die Nächte mit dir
Voll von Glück bis zum Morgengrau
Die und dich stahl mir eine andere Frau

Diese Dame X, die dich mir nimmt

Fliegt auf deine Tricks, wie ich bestimmt
Dann als deine Ex sagt sie wie ich:
'Was mach' ich ohne dich?'

'Was mach' ich ohne dich?'




Ich glaube es gibt keinen deutschen Text, der mehr X bzw. "ich"-Laute enthält, als dieser! Francoise Hardy hat das gewisse Etwas - sowohl in Stimme als auch Optik! Große Effekte sucht man bei ihr vergebens. Diese Stimme gepaart mit einer perfekten Lage ... und dazu diese großgewachsene, scheu-verträumt-wirkende wunderschöne Frau ...

Fraglich, wie jemand diese Frau betrügen kann! (Kein Mitleid mit ihm ... mit F. H. schon!)

Das englische Original klingt wie ein typischer amerikanischer Song aus den 60er-Jahren. Aufwendig arrangiert und groß orchestriert. Francoise beweist wieder mal, dass man das alles gar nicht braucht, wenn die Interpretation "wahrhaftig" ist.

Hier gibt es bis Mitte Juni noch eine interessante und sehr empfehlenswerte (deutsch-synchronisierte) Dokumentation aus dem Jahr 2016!

Dieser Song, mit dem gewissen Augenzwinkern, ist ein absolutes Highlight und Juwel der deutschen Musikszene und klingt auch 50 Jahre später keinesfalls altmodisch.

Mérci, Francoise!

Sonntag, 3. Mai 2020

# 46 - "Ade, du graue Welt" - Horst Janson (1974)

NEIN! Bitte, macht euch keine Sorgen! Das sind keine Abschiedsworte meinerseits. Der Blog wird noch weiterbestehen. Darüberhinaus bin ich nicht suizidal und auch nicht depressiv oder deprimiert. Der Titel ist nicht so tragisch, wie es scheint.




HORST JANSON & MONIKA LUNDI
A: Wir wollen es haben [Having my Baby - Paul Anka] (M: Paul Anka / dt. T: Michael Kunze)
B: Ade, du graue Welt (M & T: Michael Kunze)

1974, Music, 13 564 AT
produziert von Michael Kunze


Bereits in den 70er-Jahren war es immer wieder populär, dass auch bekannte und beliebte SchauspielerInnen Songs aufnahmen - unabhängig ihrer musikalischen Eignung dafür.

Horst Janson (* 1935) zählt zu den erfolgreichsten Schauspielern im deutschsprachigen Raum. Bekannt wurde er durch die Verfilmung von "Die Buddenbrooks" (1959). Sein Durchbruch gelang ihm 1968 in der ARD-Fernsehserie "Salto Mortale", in der er einen Trapezartisten spielte. 
Einem breiteren Publikum wurde er durch die Fernsehserie "Der Bastian" (1973) und die Filme "Die Zwillinge vom Immenhof" (1973) sowohl "Frühling auf Immenhof" (1974) bekannt. Er wirkte aber auch in internationalen Produktionen, wie beispielsweise "Zwei Kerle aus Granit" (1970), "Steiner - Das Eiserne Kreuz II" (1979) oder "The McKenzie Break" (1970), mit. Janson ist bis heute noch aktiv.

Von 1973 bis 1976 war er mit der Schauspielerin Monika Lundi (* 1942), mit der er diese Single aufnahm und auch öfters gemeinsam vor der Kamera stand, wie beispielsweise in der Konsalik-Verfilmung "Ein toter Taucher nimmt kein Gold" (1974), verheiratet.

Michael Kunze (* 1943) ist einer der erfolgreichsten deutschen Liedtexter. Er ist Grammy-Preisträger und wurde mit mehr als 70 Goldenen- und Platin-Schallplatten ausgezeichnet.
Zu seinen größten Hits zählen "Du" (Peter Maffay, 1970), "Lady Bump" (Penny McLean, 1975), "Nacht voll Schatten" (Juliane Werding, 1983), "Ohne dich schlaf' ich heut' Nacht nicht ein" (Münchner Freiheit, 1985), "Ein Bett im Kornfeld" (Jürgen Drews, 1976), "Griechischer Wein" (Udo Jürgens, 1974), "Fly Robin fly" (Silver Convention, 1977) und "Ich war noch niemals in New York" (Udo Jürgens, 1982).

Kunze übertrug die bekanntesten Broadway-Musicals ins Deutsche, so u. a. "Evita", "Cats", "Das Phantom der Oper", "Into the Woods", "A Chorus Line", "Der kleine Horrorladen", "Der König der Löwen" und "Mamma mia!".
Seit den 90er-Jahren ist er vor allem als Textautor von Musicals tätig, u. a. "Elisabeth", "Rebecca" oder "Tanz der Vampire".

Wir halten also fest, dass Herr Kunze tatsächlich musikalisch EINIGES drauf hat. Die schwache Stunde, in der "Ade, du graue Welt" entstand, sei hiermit offiziell verziehen.

Ade, du graue Welt ich geh' zum Zirkus
Da mal' ich mir die Nase an und werde Clown
Wenn Licht erstrahlt in vielen Farben
Werd' dich vergessen haben
Und wieder meinem Glück vertrau'n

Seitdem ich dich verloren hab'
Geht's mit mit immer mehr bergab
Mir schmeckt kein Wein und keine Zigarette mehr
Mein Herz ist schwer

Seitdem ich dich verloren hab'
Red' ich im Schlaf und träum' am Tag
Ich werfe jedem vor, dass ich allein sein muss
Doch jetzt ist Schluss

Refrain

Ich grüble dauernd vor mich hin
Und weil ich schlechter Laune bin
Gerate ich mit manchem guten Freund in Streit
Das geht zu weit

Ich fang' den ganzen Tag nichts an
Weil ich dich nicht vergessen kann
Und wenn du nicht zurückkommst
Bleib' ich auch nicht hier
Dann sag' ich mir

Refrain



Hätten wir das also auch besprochen. Gut, dass Horst dann doch nicht zum Zirkus gegangen ist. Wäre schade, um einige seiner Filme gewesen.
Die Sinnhaftigkeit dieses Liedes erschließt sich mir leider nicht so ganz - muss es auch nicht. Gedanken sind ja schließlich frei. Wer weiß, wie viele arme Männer sich in den 70er-Jahren in ihrer Verzweiflung - nach einem Beziehungsaus - einem Zirkus angeschlossen und dort neues Glück als Löwendompteur oder bärtige Frau gefunden haben? Dabei wollten sie eigentlich nur kurz Zigaretten kaufen ... aber das nützt jetzt eh nichts mehr, denn die schmecken - wie Horst tragisch beschreibt - leider auch nicht mehr (nicht mal der griechische? Wein!).

Von mir gibt's dafür fünf Clownnasen für das Zirkusfeeling @ Home.

Sollte ich die nächsten Tage nicht erreichbar sein, recherchiert bitte, ob ein Zirkus in der Stadt ist und falls ich mich - in geistiger Umnachtung - eben jenem angeschlossen haben sollte, holt mich bitte raus! Bitte! Danke!

Samstag, 18. April 2020

# 31 - "Cadillac'" - Jutta Weinhold (1974)

Nach den ganzen lieblichen Songs der gestrigen Tage (aka "Balsam für die Seele" mit "Glanz und Gloria"), gibt es heute mal etwas Rockigeres auf die Ohren.
Die 70er-Jahre waren ja beliebt und bekannt für die unterschiedlichsten musikalischen Genres. Eine Vertreterin des deutschsprachigen Rocks wird heute vorgestellt. Sie ist auch ein deutlicher Gegenbeweis dafür, dass man mit einem Namen wie Jutta Weinhold auch international für Furore sorgen kann ;) - und so spießig wie der Name klingt, ist die gute Jutta auf keinen Fall!




JUTTA WEINHOLD
A: Cadillac (M: Sam L. Goldfield = Michael Holm & Rainer Pietsch / T: Michael Holm)
B: Ticket nach Memphis (M: Rainer Pietsch / T: Michael Holm) 

1974, Ariola 13 259 AT
produziert von Michael Holm

Die Zeit der Rock-Ladies bricht an. Rau und draufgängerisch rasen die Pop-Amazonen über die Bühnen und verunsichern männliche Kollegen und Zuhörer. In das harte Rock-Geschäft schlägt eine noch nicht dagewesene Emanzipationswelle ein. "Cadillac" ist die zweite Single des rassigen Münchener Super-Girls Jutta Weinhold, ehemals "Sheila""-Darstellerin im Rock-Musical "Hair". In diesen Aufnahmen verbirgt sich die perfekte Schockwirkung einer dreist-kratzigen, provokativen Stimme. Jutta Weinhold gilt als der vielversprechendste Tipp für das deutsche Rock-Jahr 1974.
So schrieb zumindest die Plattenfirma auf der Rückseite des Single-Covers. Klingt ein bisschen selbstgefällig und leicht belächelnd. So nach dem Motto "Naja, wenn die Frauen das wollen, dann sollen sie es halt machen" - und jede Frau, die auf eine eigene Meinung besteht und sich nicht von Männern Dinge vorschreiben will, wird automatisch zur Emanze gekrönt.


Jutta Weinhold wurde 1947 in Mainz geboren. Nach ersten Erfahrungen in Amateurbands folgten zwischen 1969 und 1972 Engagements in den deutschsprachigen Uraufführungen der Muscials "Hair" (Hauptrolle Sheila), "Jesus Christ Superstar" und "Godspell". 1973 bekommt sie einen Plattenvertrag und covert Suzi Quatros Hit "48 Crash" in deutscher Sprache ("Feuer und Eis").
Weinhold gilt als eine der bekanntesten deutschen Rocksängerin, sie sang u. a. bei "Amon Düül II" und Udo Lindenberg. Mit ihrer 1985 ins Leben gerufenen Band Zed Yago gilt sie als Mitbegründerin des Dramatic-Metal-Genres.
Jutta Weinhold tritt seit 2012 wieder regelmäßig mit ihrer Band (Kollegen aus verschiedenen früheren Formationen) auf - Metal, Rock, Soul und Blues zählen nach wie vor zu ihren Stärken.


Der Song, mit dem wir uns heute beschäftigen, ist tatsächlich etwas unbequemer als viele andere Lieder dieser Zeit. Besungen wird nämlich der Alltag aus Sicht eines Stalkingopfers. Eine durchaus ungewöhnliche Thematik für die damalige Zeit. 

Vor meinem Haus, das halt' ich nicht aus,
Steht er bei Tag und bei Nacht
Wo er mich sieht, da hupt er ganz wild
Und überall fährt er mir nach

Vor meiner Tür liegen Blumen, ich schau' nicht hinaus
"Baby, ich will immer nur bei dir sein"
Er läuft mir nach, wenn ich auch wie ein Eisberg bin
"Baby, steig' ein, ich bin so allein"
Ich sage "Nein" Goodbye Goodbye

Cadillac, fahr' weg
"Heut' nacht bin ich frei - Na, wie wär's mit uns zwei?"
Oh no Cadillac fahr' weg
"Wir beide ein Paar, das wär wunderbar"

--> Der Song ist in der Hinsicht speziell, dass sich erstmals in einem deutschen Song eine Frau von den Avancen eines Mannes nicht geschmeichelt, sondern bedrängt fühlt. Doch so liebevoll, wie der Mann seine Anliegen untermauert, sind sie vermutlich nicht. Der Besitz des Objekts seiner Begierde wird angestrebt. Das männliche Ego ist angekratzt, weil es verschmäht wurde. Jetzt soll sie spüren, wer die Hosen anhat und was passiert, wenn sie nicht gehorcht.


Die zweite Strophe wird etwas präziser.
"Sonntags um acht werde ich wach" und er steht wieder vor der Tür und lacht.
"Und mir wird übel bei Nacht"


Ich setz mich auf mein Fahrrad und radle fort

"Baby nicht den Feldweg, der ist so schmal"
Doch komm ich mittags heim, ja, wer wartet dann?
"Küss mich, dann verzeih' ich dir noch einmal"
Ich sage nein, Goodbye, Goodbye


--> Ist der einzige Ratschlag, der in diesem Song gegeben wird, neben nicht aus dem Fenster zu sehen, den Rest ihres Lebens den schmalen Feldweg zu nehmen, weil ihr der fette Cadillac dort nicht folgen kann? Oder wartet der Typ dort das nächste Mal - ohne Cadillac - im fahlen Abendlicht auf sein "Opfer"?


Ich gehe in mich und frage mich, was mich an diesem Song stört. Liegt es daran, dass der Textautor ein Mann ist? Dass die ganze Thematik, das Leid der jungen Frau, verharmlost wird? Er ist ihr doch nur ein bisschen nachgefahren, wollte sie sehen, ihr nah sein, sie überraschen. Was ist denn da dabei? - Sehr viel ist dabei. Vor allem dann, wenn die andere Person das partout nicht möchte. Und so wie die gute Jutta in dem Song auftritt, hat sie es ihm bestimmt bereits mehr als einmal klipp und klar mitgeteilt. "Ich sage nein-nein-nein-nein-oh-nein" - ein ganz wichtiger Punkt! Doch kann Jutta mit dem Lied anderen Frauen Mut machen - außer dem lapidaren "Nein"-sagen? Das Lied lässt mich ein wenig ratlos zurück. War dieses mutige Unterfangen am Ende ein wenig zu halbherzig verfolgt?
Wahrscheinlich stört mich am meisten, dass es keine Auflösung gibt. Keine Strophe darüber, dass die Polizei kam und ihm verbot sich ihr zu nähern. Kein "Happy End". Aber das ist vielleicht auch gut so, weil es dieses "Happy End" für viele Frauen im echten Leben auch nicht gibt. Weil ihnen nicht geglaubt wird. Weil andere Männer sagen, dass sie sich nicht so anstellen sollen.
In manchen Momenten schämt man sich für das, was andere Männer Frauen antun können. Und man hofft darauf, dass es irgendwann besser wird. Das Frauen so sein dürfen, wie sie wollen, und ein kurzer Rock oder ein Oberteil mit Ausschnitt kein Freifahrtsschein oder eine Extraeinladung zur Befriedigung der männlichen Libido sind. #metoo




Trotz alledem muss man der guten Jutta gutheißen, dass so ein Song 1974 produziert wurde und sie auch bei diesem Liveauftritt definitiv alles gibt. Ihre Performance erscheint - geschuldet durch den Nostalgiebonus - ein wenig eigenwillig und steigert sich frenetisch-extatisch bis zum Höhepunkt (speziell ab Minute 2:47). Das ein Song über eine Frau, die vor ihrem Stalker flüchtet, zum Tanzen anregt, befremdet mich irgendwie auch. Noch schlimmer finde ich allerdings das Mitklatschen des Studiopublikums. Aber gut, das ist den Deutschen scheinbar angeboren, sobald der Musikrhythmus von den Klatschsynapsen erkannt wurde.

Ich vergebe heute fünf aufgestochene Reifen (inklusive Reserverad) eines nicht näher definierten Cadillacs für diesen Song!

Ein kleiner Kommentar trotzdem: Die weiße Hose gibt eindeutig mehr preis, als vielleicht notwendig gewesen wäre (ab Minute 1:24, speziell 2:04) ;)

Jutta hat sicher oft genug Aktenzeichen XY ungelöst angeschaut und weiß daher, wie man sich als Frau in einer unangenehmen Situation verhalten muss. Und so wie sie sich bewegt glaube ich, dass sich jeder Triebtäter dreimal vorher überlegen sollte, sie anzusprechen. Denn ich glaube, ihre Gegenwehr ist schärfer und stärker als so manches Pfefferspray!

Passt auf euch auf! Und falls ihr einen Cadillac besitzen solltet, macht einen großen Umweg um Jutta! (Das meine ich ernst!)