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Sonntag, 29. November 2020

BONUS - "Sunday Morning" - Bertice Reading (1974)

Es ist wieder BONUS-Zeit!
Eigentlich bin ich mit diesem Song jetzt schon ziemlich spät dran, schließlich heißt er ja "Sunday Morning". Ich hätte ihn wirklich sehr gerne bereits in der Früh geposted, befand mich zu der Zeit aber noch im Reich der Träume. Dafür war aber die Nachtschicht zumindest nicht umsonst.

Einen großen Vorteil gibt es aber auch bei diesem Song: "Der nächste Sonntag kommt bestimmt" (das wusste bereits Tina York 1970. Ich würde euch empfehlen, nicht nach diesem Song zu googeln - außer ihr seid masochistisch veranlagt ...).




BERTICE READING

A: Sunday Morning (M: Danny Daniel / T: J. Jamison)
B: Lean on me (M: Danny Daniel / T: Bertice Reading)

1974, CBS, 2719


Über den Textautor konnte ich leider nichts herausfinden. Der Komponist hingegen ist der Spanier Danny Daniel, 1942 als Daniel Candón de la Campa geboren. Bekannt wurde er beispielsweise für Songs wie "This World today is a Mess" (Donna Hightower, 1973).

Bertice Reading (1933-1991) war eine amerikanische Schauspielerin und Sängerin. Große Erfolge hatte sie bereits in den 50er-Jahren in den Revuen "The Jazz Train" in Paris und im Piccadilly Theatre in London. Großen Erfolg hatte sie im Theaterstück "Requiem for a Nun", das sie 1957 am Broadway spielte und ihr auch eine Nominierung für den Tony Award einbrachte. Sie spielte in zahlreichen Revuen und Musicals, z. B. "South Pacific" oder in der Musical-Verfilmung von "Little Shop of Horrors" (1986). Sie starb im Alter von 57 in London an einem Schlaganfall.

Sunday Morning, singin' a song
... marchin' along
There's a cabin, down by the sea
Danny is waitin' for me

Sunday Morning, gettin' up late
Feel the breeze it flow on my face
Love get ready, make yourself free
Danny is waitin' for me

Early in the morning when the sun rise
I can hardly way to see
Never been so happy, never been so pleased
Going ... to find my day

Sunday Morning, honey and tea
Bake and ... is good for me
Livin' can easy, feelin' so free
Danny is waitin' for me

Sunday Morning, look to the pie
Feelin' lovely, everything's fine
... is so lovely, feels like a dream
Danny is waitin' for me






Tja, so einen Mann wie Danny lässt man nur ungern warten. Und so eine Frau wie Bertice noch weniger! Der Auftritt stammt übrigens aus der spanischen Musiksendung "Senoras y Senores" von Januar 1975.
Und eines muss man Bertice definitiv lassen: Sie hat Spaß auf der Bühne und ist sich auch für keinen noch so flachen Gag zu schade. Die Frau hat definitiv Power und Persönlichkeit - und eine riesige Portion Humor. Ich bin mir nicht sicher, ob es heute Frauen (oder auch Männer) geben würde, die nicht doch damit hadern würden, von einem Gabelstapler (!), den zwei Bohnenstangen-Hupfdohlen (!!) bedienen, hochgehoben werden. Und besagte Ladies (heute wären sie sicher prädestinierte Heulsusen-Zicken, die bereits in einer der ersten Folgen bei Germany's next Topmodel - tränenreich - ausscheiden würden) fordern Bertice anschließend noch zum offiziellen Wiegen ("The Biggest Looser" lässt grüßen) und müssen natürlich zeigen, dass eine Waage allein nicht ausreicht. Großartig, dass Bertice so viel Power hat, dass sie durch ihre Tanzeinlagen eine korrekte Messung vereitelt. 1:0!

Wenn man sich beispielsweise die drei Mädels mit Model-Figuren (deren optische Reize sehr niedrig einzustufen sind, vor allem von der rechten) in 1:38 ansieht, dann bestätigt sich wieder einmal, dass Persönlichkeit und Ausstrahlung keine Frage von Körpergewicht sind. Bertice beweist definitiv mehrfach in diesem Video wie viel Spaß und Energie sie hat und zeigt damit auch, wie sehr sie mit sich und ihrem Körper im Reinen ist.
Schade, dass man Bertice Reading im deutschsprachigen Raum ziemlich unbekannt ist - und, dass man leider so wenig Sachen von ihr online findet :(

Mittwoch, 24. Juni 2020

# 98 - "Dance, Bunny Honey, dance" - Penny McLean (1977)

Mit großen Schritten nähern wir uns Post #100! 💗ֺ Heute gibt es zur Abwechslung wieder einmal etwas Englisches. Da die Interpretin aus Österreich und das Team um die Scheibe auch aus dem deutschsprachigen Bereich stammen, zählt es sowieso als "deutsche" Produktion.



PENNY McLEAN
A: Dance, Bunny Honey, dance (M: Stefan Klinkhammer / T: Michael Kunze)
B: Summernight Stomp (M: Stefan Klinkhammer / T: Michael Kunze)

1977, Jupiter, 11 313 AT
produziert von Michael Kunze


Wenn man 1946 als Gertrude Wirschinger in Klagenfurt geboren wird und Ambitionen in Richtung Rampenlicht hat, dann kommt man um einen Künstlernamen nicht drum herum.

Bevor wir uns nun ihrer Biographie genauer widmen, hier eine spezielle Quizfrage:

"Ihr bürgerlicher Name lautet Gertrude Wirschinger. Bitte suchen Sie sich einen international klingenden Künstlernamen aus?"
A) Tjorven
B) Barbi Münzer
C) Barbra
D) Penny McLean

Die richtige Antwort lautet natürlich E! Gertrude Wirschinger ist unter all diesen Künstlernamen aufgetreten.

Nach ihrer musikalischen Ausbildung in Klagenfurt machte sie Mitte der 60er-Jahre eine Ausbildung zur Erzieherin in München. 1967 heiratete sie den Komponisten und Schauspieler Holger Münzer, mit dem sie von 1966 bis 1969 als "Holger & Tjorven", mit Folksongs und Chansons, auftrat. Nach der Scheidung versuchte sie es solistisch und als Duettpartnerin von Helmut Frey ("Barbra & Helmut" sowie in einem Trio mit Antony & Liza Monn), dies war der Beginn ihrer Zusammenarbeit mit Produzent Michael Kunze.

Produzent Kunze ließ Gertrude Münzer, wie sie nach ihrer Hochzeit hieß, bald englisch singen und versuchte sie international zu vermarkten. Ihr Song "Lady Bump", der 1975 veröffentlicht wurde, erreichte Platz 1 der Charts und Goldstatus in Deutschland. Parallel entwickelte sich der "Bump" zu einem Modetanz, der für einige Jahre beliebt blieb. (In Corona-Zeiten wäre das wieder eine ganz praktische Ausgrabung, da hauptsächlich das menschliche Hinterteil bei diesem Tanz zum Einsatz kommt!)
Parallel dazu wurde sie, die damals auch als Backgroundsängerin in München tätig war, Mitglied der Formation "Silver Convention". Die aufkeimende Disco-Welle ermöglichte ihnen mit "Fly, Robin, fly" #1 der US-Billboard-Charts (+ mehr als eine Million verkaufte Platten in USA). Kunze wurde für seine Silver-Convention-Produktionen mit einem Grammy ausgezeichnet. 1977 vertritt sie als Teil von Silver Convention Deutschland mit dem Titel "Telegram" beim Eurovision Song Contest und belegt Platz 8.
Nachdem der kommerzielle Erfolg der Gruppe nachließ, fokussierte sie sich wieder auf ihre Solokarriere. Sie veröffentlichte später neben zahlreichen englischen Platten auch zwei mit deutschen Titeln ("Zwischen zwei Gefühlen" und "Wenn die Träume Flügel kriegen").

Seit den 80er-Jahren machte sich Penny McLean als Autorin über Numerologie und Esoterik einen Namen. Sie gibt regelmäßig Vorträge, Kurse und Seminare. Ihr aktuellstes Buch stammt aus dem Jahr 2018 und trägt den Titel: "Gestorben ist noch lang nicht tot. Was uns wirklich im Jenseits erwartet".

Ihre größten Erfolge solistisch waren: "Lady Bump" (1975, #1 DE & AT), "1, 2, 3, 4 ... Fire!" (1976, #3 DE, #11 AT), "Devil Eyes" (1976, #21 DE), "Nobody's Child" (1977, #49 DE) und "Dance, Bunny Honey, dance" (1977, #26 DE).

Nun zu unserem heutigen Song:

Dance! Dance! Dance!
Dance, Bunny Honey, dance - dance
Dance, Bunny Honey, dance - dance
Dance, Bunny Honey, dance - dance
Dance, Bunny Honey, dance

In a room full of strangers
She's waiting on tables every night
Her face always smiling
She's hiding her feelings deep inside

She's laughin' and talkin'
Drinkin' champagne with everyone
Getting up to the dance floor
When the dirty old man says: 'Let's have fun'

Refrain

It isn't hard to realize
Her smile is only her disguise
There are tears in her eyes

A girl from the country
One morning she left her parent's home
She came to the city to live the good life
She'd never known

The lights and the music
Made her believe she would be free
But now she's a puppet
When the dirty old man says: 'Come with me'

Refrain

It isn't hard to realize
Her smile is only her disguise
There are tears in her eyes

Refrain



Na, das ist ja mal ein interessanter fröhlicher Discosong! Blöderweise habe ich aber den Text ein bisschen zu genau gelesen ... denn so "easy listening" ist die Story von "Bunny Honey" definitiv nicht.

"Bunny Honey" wartet jeden Abend lächelnd darauf, dass sich ein Freier ... äh ... freier Mann ihrer annimmt. Doch hinter ihrem Lachen sind Tränen verborgen, denn ihr Inneres bleibt tief verborgen. Am Programm stehen Champagner trinken und tanzen, bis der widerliche alte Typ sagt: "Komm, lass uns Spaß haben". Und dann tanzt Bunny Honey ... 
Dass hinter ihrem Lächeln, das nur Fassade ist, Tränen verborgen sind, ist eigentlich leicht zu erkennen - wenn nur jemand genau hinschauen würde.
"Bunny Honey" stammt aus einfachen Verhältnissen vom Land. Eines Morgens verließ sie ihr Elternhaus und ging in die Stadt, um ein besseres Leben, das sie bisher nicht kannte, zu führen.
Die Lichter und die Musik im Etablissement, geplatzte Träume. Sie dachte, sie würde hier frei sein, aber jetzt ist sie nichts weiter als eine Marionette, die springen muss, wenn ein Typ mit ihr aufs Zimmer will.

Uff ... die Story "Aus dem Leben einer (Zwangs-)Prostituierten" ist schon ein ziemlicher Stimmungskiller. Irgendwie strange, dass zu dieser Story dann so eine fröhliche Up-tempo-Disco-Spaß-Melodie gemacht wurde ... 

Das Video von Pennys Auftritt hat durchaus einen skurrilen Touch. Videotechnisch spektakulär eingefangen (man beachte die damals wirklich revolutionäre Blue-Screen-Technik) shaked und schüttelt Penny alles was sie hat. Böse Zungen behaupten ja, dass sie großteils aus Beinen, Zähnen und Haaren bestand. Ein Umstand, den ich nicht bestätigen möchte.
Dennoch wirkt ihr Erscheinungsbild für eine 31jährige Frau, die sich ihren Lebensunterhalt als Discosängerin verdingt, doch etwas bieder und verbreitet eher den Charme einer Sekretärin in einem mittelständischen Unternehmen oder Verkäuferin eines Schreibwarenladens. Aber Penny gibt alles - und unter dem Motto "Viel hilft viel" wurde weder an Fönfrisur, Polyesterpulli noch Kajal (da wird selbst Cleopatra blass!) gespart. Ihre Tanzambitionen versuchen den "Tanzbarkeitsgrad" des Songs ins Unermessliche zu steigern, bebildern aber doch eher die zweifelhafte Motivation, da die gute Penny vermutlich tatsächlich weiß, was der Text, den sie da zum Besten geben darf, bedeutet (auch wenn dieser Umstand in den Refrainpassagen wie weggeblasen ... pardon ... erscheint). Und das Schicksal einer Frau im Rotlichtgewerbe ist jetzt nicht unbedingt der 1A-Party-Dancefloor-Knaller. Und auch das pathetische Greifen ins Gesicht, bei der Stelle mit den "Tränen in den Augen" wirkt bloß wie ein billiges Mitleidserhaschen, das noch kurz vorm Ende des Songs noch halbherzig hingeworfen wird. Aber immerhin hat sie sämtlichen Familienschmuck angelegt und die Fingernägel frisch lackiert (rot natürlich!). Immerhin wirft sie sich danach - drehend und headbangend - voll in den Song, aber das reißt zu dem Zeitpunkt leider auch nix mehr aus ...

... und auch wenn heute am Abend die Lichter wieder ausgehen, wird sich "Bunny Honey" noch immer an ihrer Stange drehen und sich wünschen, dass aus dem alten Radio heute hoffentlich nicht wieder dieser Song läuft, der ihr so drastisch vor Augen führt, wie leer ihr Leben eigentlich ist. Oder darauf hoffen, dass ihr der nächste Typ, der kommt, vielleicht einen Ausweg, zurück in ihr altes Leben, bietet. Dance ... dance ... dance ...

Donnerstag, 21. Mai 2020

# 64 - "Urlaub auf dem Meeresgrund" - Tina (1983)

Taktgefühl ist manchmal im Leben wichtig. Vor allem wenn man mit einer anderen Person verreisen möchte. Da stehen - nicht nur im wohlverdienten Urlaub - Kompromisse an der Tagesordnung. Ein etwas exklusiveres Reiseziel für the day after Corona präsentiere ich euch heute:




TINA
A: Taktgefühl (M: Harry Jeske / T: Claire Din)
B: Urlaub auf dem Meeresgrund (M: Harry Jeske / T: Claire Din)

1983, AMIGA, 4 56 536


Tina Daute wurde in Karl-Mark-Stadt (heute Chemnitz), in der damaligen DDR geboren. Sie besuchte dort die Bezirksmusikschule und lernte Blockflöte, Klarinette, Klavier und Saxophon. Später studierte sie am Robert-Schumann-Konservatorium in Zwickau und der Musikhochschule "Carl Maria von Weber" in Dresden Gesang, Klarinette und Saxophon. Während dieser Zeit war sie auch Sängerin und Saxophonistin in der Rockband "Dialog".
Harry Jeske von den Puhdys komponierte für sie, von denen "Urlaub auf dem Meeresgrund" 1983 ein Hit wurde und mehrfach in der Fernsehsendung "bong" auf die höchste Stufe gewählt wurde. Weitere Titel von ihr waren "Sonnenschein im Blut", "Samba durch alle Straßen" (als Duo "Traumboot") oder "Grande Emotione".
Ende der 80er-Jahre hatte sie eine eigene Fernsehshow. Nach der Wende arbeitete sie als Rundfunkmoderatorin beim MDR und einem Berliner Radiosender. Zuletzt hatte sie 1998 noch ein CD veröffentlicht und war als Künstlerin (Malerin) tätig.

(Alle pubertären LeserInnen dieses Blogs: ja, mir ist auch bereits aufgefallen, dass Tina Daute am Singlecover ein wenig Ähnlichkeit - optisch - mit GNTM-Finalistin Lijana aufweist.)

Heute Morgen bin ich auf dem Wasserbett erwacht
Aus einem tiefen Traum
Eine Reise hab' ich leise durch das Meer gemacht
Hör' die Stimmen kaum


In der Tiefe sah ich Sterne, die lebendig war'n
Tausend Wünsche hatt' ich frei
Vieles habe ich von Käpt'n Nemo erfahr'n
Spannung war dabei

Liebesleben ewig frisch
Schwimmen wie ein Tintenfisch

Neptuns Küsse sehr gesund
Urlaub auf dem Meeresgrund

Sieben Meilen ohne Eilen durch die tiefe See
Mit der Nautilus
Korallen, alte Schiffe und zum Frühstück Algentee
Von Delphinen mancher Gruß
Abenteuer, Ungeheuer, Steine schön und glatt
Muscheln sprangen auf
Und am Abend sah ich die versunkene Stadt
Wieder treibt es mich zum Licht hinauf

Refrain





Der Zusammenschnitt dieses Musikvideos beweist, dass "flippige" Outfits und Synth-Pop auch - gerade noch rechtzeitig ;) - in der DDR angekommen sind!

Ich bin übrigens äußerst fasziniert, dass das "Wasserbett" in der DDR nicht der Zensur zum Opfer gefallen ist - das gab es im "Konsum" sicher nicht zu kaufen ;) Vielleicht haben sie das aber auch für etwas ganz anderes gehalten.

"Liebesleben ewig frisch
Schwimmen wie ein Tintenfisch


Neptuns Küsse sehr gesund
Urlaub auf dem Meeresgrund"



Das ist doch wirklich wahre Poesie. Auch ich würde manchmal gerne meine sieben Tentakel einpacken und fröhlich durchs Meer planschen. Dass die Liebe frisch hält, beweisen nicht nur praktische unzerstörbare Tupperdosen, sondern auch die - gesund machenden - Küsse von Neptun. Ob das Käpt'n Nemo gefällt, der ihr schon "Vieles" verraten hat, lässt sich nicht sagen. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich persönlich - als gesundheitsfördernde Maßnahme - aber wohl eher für Arielle entscheiden. Aber Geschmäcker sind ja zum Glück verschieden ;)

Wer jetzt drauf warten möchte, wann wieder mal ein Delphin eine WhatsApp-Nachricht schreibt, den Fahrplan der Nautilus checken möchte oder wissen will, wo die nächste Muschel aufspringt, ja, der kann sich ja schon mal mit einem herrlichen Algentee an die Bar einen Tisch im Gastro-Bereich des All-Inclusive-Unterwasserhotels mit ausreichend Sicherheitsabstand und maximal drei weiteren Personen setzen und herausfinden, ob man dort - zusätzlich zum MNS - auch eine Taucherbrille tragen muss! ;)

Bleibt alle schön frisch! :)

Samstag, 18. April 2020

# 31 - "Cadillac'" - Jutta Weinhold (1974)

Nach den ganzen lieblichen Songs der gestrigen Tage (aka "Balsam für die Seele" mit "Glanz und Gloria"), gibt es heute mal etwas Rockigeres auf die Ohren.
Die 70er-Jahre waren ja beliebt und bekannt für die unterschiedlichsten musikalischen Genres. Eine Vertreterin des deutschsprachigen Rocks wird heute vorgestellt. Sie ist auch ein deutlicher Gegenbeweis dafür, dass man mit einem Namen wie Jutta Weinhold auch international für Furore sorgen kann ;) - und so spießig wie der Name klingt, ist die gute Jutta auf keinen Fall!




JUTTA WEINHOLD
A: Cadillac (M: Sam L. Goldfield = Michael Holm & Rainer Pietsch / T: Michael Holm)
B: Ticket nach Memphis (M: Rainer Pietsch / T: Michael Holm) 

1974, Ariola 13 259 AT
produziert von Michael Holm

Die Zeit der Rock-Ladies bricht an. Rau und draufgängerisch rasen die Pop-Amazonen über die Bühnen und verunsichern männliche Kollegen und Zuhörer. In das harte Rock-Geschäft schlägt eine noch nicht dagewesene Emanzipationswelle ein. "Cadillac" ist die zweite Single des rassigen Münchener Super-Girls Jutta Weinhold, ehemals "Sheila""-Darstellerin im Rock-Musical "Hair". In diesen Aufnahmen verbirgt sich die perfekte Schockwirkung einer dreist-kratzigen, provokativen Stimme. Jutta Weinhold gilt als der vielversprechendste Tipp für das deutsche Rock-Jahr 1974.
So schrieb zumindest die Plattenfirma auf der Rückseite des Single-Covers. Klingt ein bisschen selbstgefällig und leicht belächelnd. So nach dem Motto "Naja, wenn die Frauen das wollen, dann sollen sie es halt machen" - und jede Frau, die auf eine eigene Meinung besteht und sich nicht von Männern Dinge vorschreiben will, wird automatisch zur Emanze gekrönt.


Jutta Weinhold wurde 1947 in Mainz geboren. Nach ersten Erfahrungen in Amateurbands folgten zwischen 1969 und 1972 Engagements in den deutschsprachigen Uraufführungen der Muscials "Hair" (Hauptrolle Sheila), "Jesus Christ Superstar" und "Godspell". 1973 bekommt sie einen Plattenvertrag und covert Suzi Quatros Hit "48 Crash" in deutscher Sprache ("Feuer und Eis").
Weinhold gilt als eine der bekanntesten deutschen Rocksängerin, sie sang u. a. bei "Amon Düül II" und Udo Lindenberg. Mit ihrer 1985 ins Leben gerufenen Band Zed Yago gilt sie als Mitbegründerin des Dramatic-Metal-Genres.
Jutta Weinhold tritt seit 2012 wieder regelmäßig mit ihrer Band (Kollegen aus verschiedenen früheren Formationen) auf - Metal, Rock, Soul und Blues zählen nach wie vor zu ihren Stärken.


Der Song, mit dem wir uns heute beschäftigen, ist tatsächlich etwas unbequemer als viele andere Lieder dieser Zeit. Besungen wird nämlich der Alltag aus Sicht eines Stalkingopfers. Eine durchaus ungewöhnliche Thematik für die damalige Zeit. 

Vor meinem Haus, das halt' ich nicht aus,
Steht er bei Tag und bei Nacht
Wo er mich sieht, da hupt er ganz wild
Und überall fährt er mir nach

Vor meiner Tür liegen Blumen, ich schau' nicht hinaus
"Baby, ich will immer nur bei dir sein"
Er läuft mir nach, wenn ich auch wie ein Eisberg bin
"Baby, steig' ein, ich bin so allein"
Ich sage "Nein" Goodbye Goodbye

Cadillac, fahr' weg
"Heut' nacht bin ich frei - Na, wie wär's mit uns zwei?"
Oh no Cadillac fahr' weg
"Wir beide ein Paar, das wär wunderbar"

--> Der Song ist in der Hinsicht speziell, dass sich erstmals in einem deutschen Song eine Frau von den Avancen eines Mannes nicht geschmeichelt, sondern bedrängt fühlt. Doch so liebevoll, wie der Mann seine Anliegen untermauert, sind sie vermutlich nicht. Der Besitz des Objekts seiner Begierde wird angestrebt. Das männliche Ego ist angekratzt, weil es verschmäht wurde. Jetzt soll sie spüren, wer die Hosen anhat und was passiert, wenn sie nicht gehorcht.


Die zweite Strophe wird etwas präziser.
"Sonntags um acht werde ich wach" und er steht wieder vor der Tür und lacht.
"Und mir wird übel bei Nacht"


Ich setz mich auf mein Fahrrad und radle fort

"Baby nicht den Feldweg, der ist so schmal"
Doch komm ich mittags heim, ja, wer wartet dann?
"Küss mich, dann verzeih' ich dir noch einmal"
Ich sage nein, Goodbye, Goodbye


--> Ist der einzige Ratschlag, der in diesem Song gegeben wird, neben nicht aus dem Fenster zu sehen, den Rest ihres Lebens den schmalen Feldweg zu nehmen, weil ihr der fette Cadillac dort nicht folgen kann? Oder wartet der Typ dort das nächste Mal - ohne Cadillac - im fahlen Abendlicht auf sein "Opfer"?


Ich gehe in mich und frage mich, was mich an diesem Song stört. Liegt es daran, dass der Textautor ein Mann ist? Dass die ganze Thematik, das Leid der jungen Frau, verharmlost wird? Er ist ihr doch nur ein bisschen nachgefahren, wollte sie sehen, ihr nah sein, sie überraschen. Was ist denn da dabei? - Sehr viel ist dabei. Vor allem dann, wenn die andere Person das partout nicht möchte. Und so wie die gute Jutta in dem Song auftritt, hat sie es ihm bestimmt bereits mehr als einmal klipp und klar mitgeteilt. "Ich sage nein-nein-nein-nein-oh-nein" - ein ganz wichtiger Punkt! Doch kann Jutta mit dem Lied anderen Frauen Mut machen - außer dem lapidaren "Nein"-sagen? Das Lied lässt mich ein wenig ratlos zurück. War dieses mutige Unterfangen am Ende ein wenig zu halbherzig verfolgt?
Wahrscheinlich stört mich am meisten, dass es keine Auflösung gibt. Keine Strophe darüber, dass die Polizei kam und ihm verbot sich ihr zu nähern. Kein "Happy End". Aber das ist vielleicht auch gut so, weil es dieses "Happy End" für viele Frauen im echten Leben auch nicht gibt. Weil ihnen nicht geglaubt wird. Weil andere Männer sagen, dass sie sich nicht so anstellen sollen.
In manchen Momenten schämt man sich für das, was andere Männer Frauen antun können. Und man hofft darauf, dass es irgendwann besser wird. Das Frauen so sein dürfen, wie sie wollen, und ein kurzer Rock oder ein Oberteil mit Ausschnitt kein Freifahrtsschein oder eine Extraeinladung zur Befriedigung der männlichen Libido sind. #metoo




Trotz alledem muss man der guten Jutta gutheißen, dass so ein Song 1974 produziert wurde und sie auch bei diesem Liveauftritt definitiv alles gibt. Ihre Performance erscheint - geschuldet durch den Nostalgiebonus - ein wenig eigenwillig und steigert sich frenetisch-extatisch bis zum Höhepunkt (speziell ab Minute 2:47). Das ein Song über eine Frau, die vor ihrem Stalker flüchtet, zum Tanzen anregt, befremdet mich irgendwie auch. Noch schlimmer finde ich allerdings das Mitklatschen des Studiopublikums. Aber gut, das ist den Deutschen scheinbar angeboren, sobald der Musikrhythmus von den Klatschsynapsen erkannt wurde.

Ich vergebe heute fünf aufgestochene Reifen (inklusive Reserverad) eines nicht näher definierten Cadillacs für diesen Song!

Ein kleiner Kommentar trotzdem: Die weiße Hose gibt eindeutig mehr preis, als vielleicht notwendig gewesen wäre (ab Minute 1:24, speziell 2:04) ;)

Jutta hat sicher oft genug Aktenzeichen XY ungelöst angeschaut und weiß daher, wie man sich als Frau in einer unangenehmen Situation verhalten muss. Und so wie sie sich bewegt glaube ich, dass sich jeder Triebtäter dreimal vorher überlegen sollte, sie anzusprechen. Denn ich glaube, ihre Gegenwehr ist schärfer und stärker als so manches Pfefferspray!

Passt auf euch auf! Und falls ihr einen Cadillac besitzen solltet, macht einen großen Umweg um Jutta! (Das meine ich ernst!)