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Samstag, 20. Juni 2020

# 93 - "Schach matt" - Roland Kaiser (1979)

Eigentlich hatte ich einen ganz konkreten Plan für den Freitag-Song, doch dann kam - wieder einmal - alles anders. Beim "youtüblichen Degustieren" für neue akustische SchrecklichBesonderheiten wurde mir ein Video vorgeschlagen. Ich klickte es an und hörte es mir passiv an. "Eh ganz ok", dachte ich mir. Aber bei Weitem nicht so skurril oder spektakulär wie andere Songs. Als ich es für meine Favoriten-Playlist speicherte, stellte ich fest, dass es mehr als 205.747 Views (!) hatte. Das überraschte mich doch sehr. Zwei andere Videos von Fernsehauftritten mit dem selben Titel wiesen lediglich 551 und 8.468 Views auf. Also muss es irgendetwas mit dem Video auf sich haben ... und siehe da, ein besonderes "Stück" Fernsehgeschichte ;)

Da ich aber inzwischen zu einer gewissen Verlässlichkeit neige, wenn ich mir bestimmte Dinge nicht notiere und sich mein Terminkalender wieder mehr und mehr füllt, habe ich dann auf dieses Video und den dazugehörigen Beitrag komplett vergessen. Erst als ich kürzlich meinen Blick durch mein Bücherregal schweifen ließ, während ich mit einer Freundin, die lange Zeit als Kostümassistentin im Musiktheaterbereich gearbeitet hat, fiel dieser auf ein Buch von Gundula Wolter: "Die Verpackung des männlichen Geschlechts. Eine illustrierte Kulturgeschichte der Hose" - ein wirklich faszinierendes Buch, das ich vor Jahren ganz günstig bei einem Bücherflohmarkt erstanden hatte - und wie Schuppen von den Augen fiel mir besagtes Video wieder ein, dass ich euch nicht vorenthalten möchte!

NACHTRAG FÜR FREITAG




ROLAND KAISER
A: Schach matt (M: Bernd Dietrich & Gerd Grabowski = G. G. Anderson / T: Roland Kaiser & Heino Petrik)
B: Ich will für andere niemals Vorbild sein (M & T: Roland Kaiser & Heino Petrik)

1979, Hansa, 100 794
produziert von Peter Meisel & Heino Petrik



Co-Textautor Heino Petrik, der auch selbst unter dem Pseudonym Ron Petrik musikalisch in Erscheinung trat, arbeitete ab 1969 als Komponist und Texter für zahlreiche bekannte SängerInnen, wie z. B. Ricky Shayne, Bernhard Brink, Juliane Werding, Gunter Gabriel, Marianne Rosenberg, Rex Gildo, Howard Carpendale, Peter Orloff und Nana Mouskouri.


Mit mehr als 90 Millionen verkauften Tonträgern gehört Roland Kaiser zu den erfolgreichsten deutschen Schlagersängern. Der 1952 als Ronald Keiler in Berlin geborene Sänger wuchs bei einer alleinerziehenden Pflegemutter auf, nachdem ihn seine Mutter, die mit 16 schwanger wurde, zur Adoption freigab. Mit 15 Jahren wurde er Vollwaise, brach die Volksschule ab und begann eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann in einem Supermarkt, ehe er 1969 eine Lehre als Automobilkaufmann in einem Autohaus absolvierte, dessen Werbeabteilung er später leitete. Der junge Mann, der in dieser Zeit auch vielfach in Kneipen und auf Hochzeiten sang, wurde von Gerd Kämpfe und Thomas Meisel entdeckt. Seine erste Single ("Was ist wohl aus ihr geworden?") wird 1974 veröffentlicht. Mit "Frei - das heißt allein" konnte er 1976 seinen ersten Verkaufserfolg verbuchen, den zahlreiche weitere folgten.

"Kaisers Texte behandeln laut eigener Aussage nicht die gefühlsduseligen Klischees der einzig wahren Liebe, sondern die verstörenden Emotionen von Sehnsucht, Sex und Seitensprüngen. Dabei finde sich dem Künstler zufolge ein erotisches Spiel aus Erlebtem und Phantasie in seinen Liedtexten wieder. Darüber hinaus sei Kaiser stets bedacht, immer einen Schritt weiterzugehen, da dies der Aspekt sei, auf den der Mensch hinarbeite. (...) Folglich betitelt Roland Kaiser seine Musik als Pop-Erotik mit Anfass- und Streicheltexten." (Wikipedia)

Anne Tönnissen vom Stern bezeichnete Kaiser als den "Soft-Pornographen des deutschen Schlagers".

Seine größten Hits sind u. a. "Sieben Fässer Wein" (1977, #7 DE), "Santa Maria" (1980, #1 DE, #3 AT - mehr als 1.200.000-mal verkauft!), "Lieb' mich ein letztes Mal" (1981, #3 DE), "Dich zu lieben" (1981, #5 DE), "Manchmal möchte ich schon mit dir" (1982, #7 DE), "Joana" (1984, #35 DE) und "Warum hast du nicht 'Nein' gesagt?" (2014, #55 DE).

Kaiser ist trotz seiner COPD-Erkrankung bis heute aktiv und gibt laufend Konzerte, die sich großer Begeisterung erfreuen.

Nun aber zu dem heutigen Ständerchen:

Am Anfang war da nur ein kurzer Blick zu mir
Ein Lächeln auf ihrem Gesicht
Dann strichen ihre Finger durch ihr langes schwarzes Haar
Viel mehr tat sie nicht

Doch für mich war das mehr als genug
Ich bin als Mann so gebor'n
Sie griff an mit den Waffen der Frau
Und ich war verlor'n

Schach matt
Durch die Dame im Spiel
Schach matt
Weil sie mir so gefiel

Schach matt
Denn sie spielte sehr klug
Schach matt
Packte mich Zug um Zug

Sie siegt, dachte ich mir
Sie spürt, dass ich verlier'
Die Frau bringt mich um den Verstand

Sie war so zärtlich beinah wie ein kleines Kind
Und doch so wild wie ihr Land
Sie war so wie ein kühler Tropfen Tau auf dem Gras
Und doch setzte sie mich in Brand

Heiß und kalt hatte sie mich erwischt
Seit dem ersten Augenblick
Viel zu viel ist bis heute gescheh'n
Ich kann nicht mehr zurück

Refrain


Dieser Roland ist schon ein kleiner Filou. Setzt die Frau, die ihm den Kopf verdreht, mit einem heimtückischen Schachzug gleich. Tja, Schach matt! Möglicherweise haben Björn & Benny von ABBA beim Hören dieses Lieds ihre Idee zum Musical "Chess" gefällt ... Egal. Someone else's story.

Nun aber zu dem bisher verschwiegenen Grund, warum das Video über 200.000 Views hat. Also: zugegeben, Roland Kaiser hat definitiv Stimme und Talent. Und mit 27 konnte er sich auch optisch zeigen lassen. Sein charakteristisch bis zum Bauchnabel geöffnetes Hemd, das einen Blick auf die unbehaarte gebräunte Brust samt Goldkettchen freilegte, tauschte er ab Anfang der 80er-Jahre gegen Anzug und Krawatte.

Bei diesem Auftritt im September 1979 boykottierte sich allerdings Roland Kaiser selbst - und das mit der Wahl seiner Hose. Gut, so eine Hose muss man wirklich tragen können. Da braucht man schon wirklich eine ordentliche Figur - denn die verzeiht weder Fettpölsterchen noch Unebenheiten. Ach ja, da wären wir schon beim Thema, denn der "kleine Roland" drängte sich deutlich sichtbar in den Vordergrund und stahl dem "großen" dadurch fast die Show ;) Aber was soll man sagen: So eng wie diese Hose sitzt, war definitiv kein Platz mehr für ein kaschierendes Unterhöschen.

Highlight-Momente des Videos:
- ab 0:34: Rolands Hüftschwung bringt nicht nur so manche Frau aus der Fassung, sondern lässt auch "indoor" das eine oder andere "entgleiten" 
- 0:58: für alle die bis jetzt noch geglaubt haben, dass das einfach eine ungünstige Falte war, erleben jetzt den Beweis, dass hier etwas versucht, sich den Weg ins Freie zu bahnen (das sah bei 0:06 noch deutlich "züchtiger" aus)
- 1:47: Roland verlässt das Podest und macht sich auf Richtung Zuschauer. Achtet bitte vor allem auf die Damen in den vordersten Reihen und vor allem auf deren Blickrichtungen - "a penny for their thoughts"...
- 1:56 Roland hat den Mittelgang aka die Mini-Showtreppe erklommen. Im Publikum sitzen übrigens einige bekannte Fußballspieler (ich glaube vom HSV, bin mir aber nicht sicher).
- 1:58 peinlich-berührte Blicke der männlichen Zuseher und bei 2:00 - OMG! - Wie hat R. K. diesen Move in DIESER Hose geschafft, ohne dass er sich verletzt oder sie gerissen ist? Hallelujah!
- 2:04 peinlich-berührte Blicke Vol. 2 als Rolands Hüftschwung einsetzt. Hier gibt es anscheinend tiefere Einblicke als in der Umkleidekabine ...
- 2:09 Einer kann gar nicht mehr hinsehen und hält sich schützend die Hand vor die Augen, aus Angst, in näheren Kontakt mit den kaiserlichen Klöten zu kommen.
- 2:13 Blick riskiert. Scheiße, immer noch da.

Eines kann man Roland immerhin nicht vorwerfen: Er hat bei seinem Auftritt definitiv ALLES gegeben!






Mit diesen Bildern verabschiede ich mich in ein beschwingtes Wochenende!

Samstag, 25. April 2020

# 38 - "Die Emma" - Schneewittchen (1978)

Heute gibt es wieder etwas Besonderes auf die Ohren: Frauenpower. Frauenmusik. Frauenlieder. (Alle Machos, die diesen Blog verfolgen, wurden jetzt hoffentlich nicht vor Schreck in einen komatösen Zustand versetzt. Falls doch, hoffe ich, dass es noch Rettung für euch gibt!)




SCHNEEWITTCHEN
Die Emma (M & T: Bruni Regenbogen)
ausgekoppelt aus der LP "Zerschlag' deinen gläsernen Sarg"

1978, Philips

Mitglieder:
Angi Domdey (* 1950) - Gesang, Gitarre, Percussion, Querflöte
Anka Hauter - Gesang, Gitarre, Mundharmonika, Querflöte, Saxophon
Bruni Regenbogen - Bass, Bratsche, Geige, Gesang, Gitarre, Querflöte
Rotraut Colberg - Akkordeon, Bass, Cello, Gesang, Klavier, Schlagzeug


Die Jazzsängerin Angi Domdey und die Künstlerin und Musikerin Bruni Regenbogen lernten sich im März 1977 auf einem Frauenmusiktreffen in Göttingen kennen. Gemeinsam mit Anka Hauter und Rotraut Colberg gründeten sie Anfang 1978 die Band "Schneewittchen". In ihren Liedern setzten sie sich für die Befreiung und Selbstverwirklichung von Frauen ein. Die Gruppe - übrigens eine der ersten Frauen-Profibands Deutschlands, da sie von Management, Technik bis zum Transport alles in Eigenregie übernahmen - bestand bis 1981 und veröffentlichte vier Alben. Ihre Musik begleitete die deutsche Frauenbewegung der 70er- bis 90er-Jahre.
Das von Angi Domdey geschriebene Lied "Unter dem Pflaster liegt der Strand" ist eines ihrer bekanntesten Lieder.

Heute widmen wir uns aber mit einem Lied ihrer ersten LP einem deutlich emanzipatorischeren Thema. Der direkte Vergleich Mann vs. Frau. Wer darf was und was würde passieren, wenn auf einmal die Rollen getauscht werden könnten?

Wie wär' es wohl, wenn alle Frauen
Emanzipiert aus der Wäsche schauen?

Die Männer, wie erniedrigend
Putzten dann auf dem Knie liegend
Wer früher ein Boss war, schwingt Putzlappen jetzt
Ist da nicht die göttliche Ordnung verletzt?

Ja, da sagen die Männer: "Da ist gemein!
Die Emma-Emanzipation darf gar nicht sein!"
Ja, da sagen die Männer: "Das ist gemein!
Die Emma-Emanzipation darf gar nicht sein!"

Wie wär' es wohl, wenn Männer jetzt
Von Frauen würden als Freiwild gehetzt?
Im Dunkeln würd' keiner alleine mehr geh'n
Auch würd' mancher Lustmord an Männern geschehen
Frigide gemacht und mit Angst in der Brust
Würden sie Sklaven der weiblichen Lust

Ja, da sagen die Männer: "Das ist nicht fair!
Die Emma-Emanzipation bedroht uns sehr!"
Ja, da sagen die Männer: "Das ist nicht fair!
Die Emma-Emanzipation bedroht uns sehr!

Wie wär' es wohl, käm' mancher Spaß
Den Männer hatten, den Frauen zupass?
Kein' Busen geb's mehr als Augenschmaus
Jetzt müssten all die Pimmel heraus
Man würde gleich bei jedem Mann seh'n
Ob seine Formen auch richtig steh'n

Ja, da wär' zwar die Welt für die Männer ein Graus
Doch Frauen lebten endlich mal in Saus un Braus
Ja, da wär' zwar die Welt für die Männer ein Graus
Doch Frauen lebten endlich mal in Saus und Braus

Oh, yeah



Zugegeben: Dieser Song tönt heute ziemlich harmlos und brav daher. In den späten 70ern war das aber gar nicht so einfach, als Frau seine Meinung kundzutun, ernst genommen und respektiert zu werden. Von daher ein großer Respekt an viele Frauen, die sich im Rahmen der Frauenbewegung so stark für die Verbesserung der weiblichen Rechte eingesetzt haben. Vieles, das heute als selbstverständlich angesehen wurde, ist diesen Frauen zu verdanken. Und es ist noch viel Arbeit zu tun ... wenn man feststellt, dass auch über 40 Jahre später Frauen noch immer nicht gleich viel - für die selbe Arbeit - bezahlt bekommen wie Männer. Und wie wir inzwischen gelernt haben, ist nichts selbstverständlich in unserer Zeit und kann sich - erschreckend schnell - auch wieder ändern. Da müssen gar nicht erst einzelne PolitikerInnenköpfe rollen ...

Warum vieles noch nicht so umgesetzt wurde, hat unterschiedliche Gründe. Möglicherweise auch den, das die Frauenbewegung von vielen Männern in hohen Positionen viel zu lang belächelt und erfolgreich verhindert wurde. Zugegeben: Es gibt auch viele Frauen, die diese Bewegung negativ geprägt haben. Emanzipation und Feminismus sind wichtige Themen unserer Gesellschaft, aber - wie bei allen Dingen - löst Extremismus meist das Gegenteil aus. Und nur weil Frauen netterweise wählen dürfen und das "Binnen-I" in offiziellen Schriftstücken eingesetzt wird, ist damit noch keiner Frau auf diesem Planeten auf ewig geholfen. 

Aus dem Bereich des Alltagschauvinismus stammt diese schöne Stilblüte:
"Ich hab' ja nix gegen Feministinnen. Vor allem nicht gegen die mit großen Busen und geilen Hintern." 
Aussagen wie diese bestätigen, dass der Weg, den viele Frauen auf dieser Welt noch zu gehen haben, leider noch ein langer und mitunter beschwerlicher sein wird. Frauen sind kein "Freiwild", nur weil sie einen kurzen Rock tragen und dürfen auch nicht erst dann ihre Meinung sagen, die angehört und akzeptiert wird, wenn sie hässlich wie die Nacht sind. Äußerlichkeiten stehen vielfach zu stark im Fokus und die eigentlichen Absichten dahinter werden nicht gehört oder ignoriert.

Gut. Im Fall von Schneewittchen muss ich einräumen, dass ich mich schon auch frage, warum Feministinnen, die für "Frauenmusik" und "Frauenlieder" stehen, eine hohe Präferenz für die Farben beige, altrosa und violett haben, und selten wie TeilnehmerInnen von Germanys next Topmodel aussehen. 
Das ist möglicherweise eines der großen und ungelösten Mysterien unserer Menschheit . Dazu gehören übrigens genauso die Fragen, wieso in katholischen Gruppierungen alle immer so erschreckend fröhlich sind (sogar zu unchristlichen, frühmorgendlichen Uhrzeiten) und Deutsche bei jedem Lied mitklatschen wollen. Vermutlich sind doch die Illuminati, Ausserirdische, Chemtrails und/oder Gluten schuld daran. #verschwörungmaldrölf!

Wenn auch die Vorstellungen von "Schneewittchen" - heute betrachtet - naiv und angestaubt wirken, hat es damals etwas (und vor allem viele Frauen) bewegt, motiviert und aus der Seele gesprochen ... und weil mitunter einige Männer bei den Performances weniger mit ihren "Pimmeln" beschäftigt waren, haben vielleicht sogar ein paar zugehört ...




Für diese Live-Performance vergebe ich ein Jahresabo der EMMA und wünsche euch einen emanzipierten Samstagabend! Morgen gibt es dann - als Ausgleich - etwas Männlicheres ;)