Obskures, Skurriles, Schauriges und manchmal sogar Schönes aus der Welt der deutschsprachigen und internationalen Musikszene - mit Schwerpunkt auf den 60er- und 70er-Jahren. Inklusive Nostalgiebonus und einem großen Augenzwinkern ;)
Ich habe euch bereits im April einen meiner Lieblingssongs (# 39 "Paul") vorgestellt - da wurde es höchste Zeit, noch einen weiteren Titel der Milestones heraus zu kramen. Die Entscheidung fiel tatsächlich sehr schwer, denn die Gruppe hat zwar nicht viele Songs veröffentlicht, aber dafür ist so gut wie jeder auf seine Art doch ein sehr besonderer.
MILESTONES
A: Einmal (M: Günter Grosslercher / T: Mathias Schreiber) B: Der Rattenfänger (M: Günter Grosslercher / T: Alfred Komarek)
1970, WM, 5009
Günter Grosslercher (* 1945) und Robert Unterweger, zwei Mathematik-Studenten im vierten Semester an der TU Wien, musizierten gemeinsam und waren auf der Suche nach einer Sängerin. Mit Beatrix Neundlinger (* 1947), die sich damals im ersten Studienjahr befand, und Rudi Tinsobin wurden schließlich 1968 die "Milestones" gegründet.
Bereits im März 1969 nahmen sie an der von ORF und Ö3 initiierten Casting-Show "Show-Chance" teil, deren ursprüngliches Ziel tatsächlich war, einen geeigneten Kandidaten für den österreichischen Beitrag zum Grand Prix d'Eurovision (= Eurovision Song Contest) zu finden. Die Milestones landeten mit dem Titel "Einmal" auf dem zweiten Platz und qualifizierten sich für das große Finale, das gemeinsam mit den Fernsehanstalten von Deutschland, Österreich und der Schweiz in Mainz abgehalten war. Dort setzten sie sich gegen alle Konkurrenten durch und landeten auf dem ersten Platz.
Kurze Zeit darauf erschien die Single "Einmal" und die erste LP.
1972 gab es größere Umbesetzungen: neu waren Christian Kolonovits (* 1952) und Norbert Niedermayer. In dieser Konstellation vertraten sie 1972 Österreich beim Grand Prix mit dem Titel "Falter im Wind" und belegten Platz 5. Bis zur Auflösung 1975 gab es noch weitere Besetzungswechsel.
Nach der Auflösung wechselten Grosslercher und Neundlinger zu den bereits arrivierten "Schmetterlingen", Niedermayer wechselte zu "Springtime" und Christian Kolonovits wurde zu einem bekannten Komponist und Arrangeur.
Weitere bekanntere Titel aus dem Schaffen der Milestones sind "Paul", "Apfelbaum", "In den neuen, besseren Zeiten" und "An diesem Freitag".
Einmal wird der Stein der Weisen weich Einmal machen nur die Träume reich Einmal wird der Schneemann König sein Einmal fängt der Wind den Alltag ein
Dann wird es heißen - Klingeling Die Welt ist nur ein Märchending Mit einem schwarzen Nasenring
Wenn ein Hasenohr die Harfe spielt Und ein Holzwurm auf das Eisen schielt
Wenn der Purzelbaum den Seiltanz probt
Und der Schlaue seine Dummheit lobt
Refrain
Einmal hängt die Erde fremd im Raum Dumm wie eine Null am Schellenbaum Einmal liegen alle Uhren schief Einmal schreibt uns Adam einen Brief
Dann wird es heißen - schnick und schnack Die Zeit ist nur ein Schabernack Erst macht sie tik, dann macht sie tak Erst macht sie tik, dann macht sie tak Erst macht sie tik, dann macht sie tak
Das Video ist ein schönes Zeitdokument, zeigt es doch gerade diesen (ersten?) Live-Fernsehauftritt der Milestones im Finale der "Show-Chance". Moderator ist übrigens ein Ö3-Discjockey mit dem klingenden Namen "André Miriflor", aus dem später André Heller wurde.
Zugegeben: Dem geneigten Zuhörer wurde damals doch ein eher spezielles Werk aufgetischt, das zwar durch mehrstimmigen Schöngesang und ansprechendes Arrangement zu gefallen weiß, dessen Text aber definitiv als äußerst sperrig und speziell - vorsichtig ausgedrückt: dadaistisch - daherkommt.
Hat man den Wunsch, eine kohärente Geschichte zu erfahren, dann kommt man bei diesem Song nicht wirklich weit. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Autor damals so hundertprozentig eine Absicht in jeder Textzeile hatte, oder ob man einfach etwas Neues schaffen wollte (was ja per se nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein muss!).
In diesem Zusammenhang würde ich den ganzen Song als Fantasiegespinst über eine potentielle neue Weltordnung sehen, in der sich vor allem das Verhältnis zwischen Mensch und Natur sowie Arm und Reich deutlich verschiebt ("Einmal machen nur die Träume reich - Einmal wird der Schneemann König sein").
Die zweite Strophe fällt da noch deutlicher aus dem Rahmen. Dennoch hier mein absoluter Textfavorit: "Und der Schlaue seine Dummheit lobt". Wie viel Wahrheit steckt doch in dieser Phrase ...
Und am Ende, tja, da kommt die große Erkenntnis: Was wissen wir denn eigentlich überhaupt? War alles nur Traum und Fantasie? Ist alles, worauf wir vertraut haben, vielleicht doch nur den kruden Gedankengängen eines anderen entsonnen und unserer eigene Existenz doch nicht so wichtig in der Geschichte der Menschheit oder des Planeten Erde? "Die Zeit ist nur ein Schabernack" - mehr bleibt mir in diesem Zusammenhang nicht zu sagen.
... und schon wieder ist Sonntag. Zugegeben: Der Unterschied zwischen Werk-, Sonn- und Feiertag ist momentan relativ überschaubar, da ohnehin (fast) alles, das nicht den Beinamen "systemrelevant" trägt, geschlossen ist. Waffengeschäfte zum Beispiel. 😬 Die sind schon überlebenswichtig. Vor allem im Krieg. Ach, wir haben gerade gar keinen Krieg? Oh ... dann hab ich das wohl nicht ganz verstanden.
Vielleicht gibt euch ja der heutige Song ein bisschen Antwort darauf? Ich dachte mir, wir könnten gerade wieder ein bisschen Protest-Liedermacher aus der guten alten Zeit gebrauchen. Herrlich oder? Vor allem wenn man bedenkt, dass jede gute alte Zeit einmal eine neue schlechte war 😂
KRISTIN BAUER-HORN
Ave Maria (M & T: Kristin Bauer-Horn)
1967, Da Camera Song, LP "68 Lebensjahre und andere Chansons"
Leider finden sich nicht viele Informationen zu Kristin Bauer-Horn (* 1936 in Thüringen) nur spärliche Informationen. Als sie 1967 ihre erste LP "68 Lebensjahre und andere Chansons" veröffentlichte, war sie eine der ersten politischen Liedermacherinnen ("Chanson-Poetin" betitelte sie Max Nyffeler) in der deutschen Musikszene. Sie widersetzte sich dem Trend, so links wie möglich zu sein und sich auf eine bestimmte Art von Musik (die, die "ankam") festlegen zu lassen. Der Traum einer Karriere als Pianistin zerplatzte bereits mit 13 Jahren - nach mehreren Sehnenscheidenentzündungen. Mit 15 widmete sie sich - mit einer Sondererlaubnis als jüngste deutsche Vollstudierende - der Malerei. Ihre erste eigenen Texte vertonte sie bereits Mitte der 50er-Jahre und erhielt bereits kurz darauf eine Sendung im Südwestfunk. Nachdem sie 1959 ihren Mann kennenlernte, folgte eine kurze Pause - bis die "Waldeck-Zeiten" begannen. In einem Interview äußerte sie 1989, dass ihre Funktion als Liedermacherin sei, "bewusst zu machen, bewusst zu machen, bewusst zu machen! [...] Der Liedermacher hat mit seiner ganzen Person für das einzustehen, was er singt. Nur so hat er das Recht, sich der Gesellschaft gegenüber- und entgegenzustellen." 1982 wurde sie, "die unverwechselbare zeitkritische und poetische Lieder schreibt, komponiert und interpretiert, die, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, für dieses Genre Maßstäbe gesetzt hat", in Mainz mit dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte "Chanson" ausgezeichnet.
Veröffentlichungen: 1967 LP "68 Lebensjahre und andere Chansons" (Da Camera Song) 1983 LP "Was treibt uns um?" (Folk Freak) - als Kristin Horn 1985 LP "Einfach Lieder" (Folk Freak) - als Kristin Horn 2004 CD "Burg Waldeck Festival 1967 Chansons Folklore International" (Studio Wedemark) mit "Ave Maria" (1967) 2006 CD-Box "Liedermacher in Deutschland - Für wen wir singen" (Bear Family Records) mit "68 Jahre" und "Wiegenlied" 2008 CD-Box "Die Burg Waldeck Festivals 1964-1969" (Bear Family Records) mit "Das Ameisenspiel" (1965), "Hat das Gewicht?" (1967), "Herbstlied" (1965), "Sarahs Kinder" (1967), "Trinklied" (1966) und "Und gehen nicht mehr um" (1966)
Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren Dass uns're Luft zu dick zum Atmen wird Ich seh' sie schon als schwere graue Tropfen In uns're aufgesperrten Münder fallen Und uns're Nasenlöcher ganz verstopfen Und den Hausierer, dieses alte Schwein Mit seinen Büstenhaltern, Strümpfen, Gürtelschnallen Als ersten lila werden und ersticken Aber die jungen Witwen, die rosanes stricken Und hellblaues und ganz weit weg blicken Doch es weiß ja noch niemand außer mir Und dem alten Soldaten
Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren Dass uns're Luft zu dick zum Atmen wird Ich seh' sie schon als schwere graue Wellen Den Dichtern auch das letzte Wort verdrecken Und aus den Komponistenfenstern quellen Und allen Malern vor den Staffelein Die Blicke auf den letzten Sonnenfleck verdecken Und uns're Musen schreiend flieh'n Aber die Jünglinge, die durch die Felder zieh'n Und nachts Verse schreiben Und vor Julia knien Doch es weiß ja noch niemand außer mir Und dem alten Soldaten
Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren Dass uns're Luft zu dick zum Atmen wird Ich seh' sie schon als schwere graue Klumpen Die Kirchen und die Glocken überrollen Und die Reliqiuenfledderer und Lumpen Mit ihren Säcken in den Trümmern steh'n Und uns, die Richter, fragen, was sie hier noch sollen Und den Hausierer als den letzten lila werden Aber die freundlichen Worte, die uns Besseres lehren Und seit 2000 Jahren Hosianna auf Erden Doch es weiß ja noch niemand außer mir Und dem alten Soldaten
In diesem Zusammenhang spare ich mir eine ausführliche Interpretation und lasse Kristin Bauern-Horn einfach "bewusst machen". Ein spannendes Zeitdokument - ohne Frage. Erschreckend, wenn ich manche Parallelen zu heute ziehen könnte ...
Zur Unterhaltung und als Ausklang der Woche biete ich hier Zugang zu zwei Dokumentationen, die sich stellenweise decken, über die legendären Musikfestivals auf der Burg Waldeck:
Wieder einmal Montag ... wir starten in die elfte Woche dieses Blogs. Ich hätte zuvor nie gedacht, dass ich jemals für so ein Projekt Zeit finden werde ... Und wieder frage ich mich, was bringt es mir?
PETER HAUPT A: Monday, Monday, was bringst du mir? [Monday, Monday - The Mamas & The Papas] (M: John Philips / dt. T: Günter Loose)
B: Eine Welt ohne Licht [5 o'clock World - The Vogues] (M: Allen Reynolds / dt. T: Günter Loose)
1966, Philips, 348 010 PF
Peter Haupt veröffentlichte zwischen 1966 und 1976 insgesamt sechs Singles: "Gaslight" (1967), "Wieso?" (1967), "Dardanella" (1968 als "Peter von Stambul"), 1974 die deutsche Version von "Beach Baby" als "Peter & Wolf" (mit Wolfgang Mürmann) und 1975 "So schön kann keine Frau sein" (eine Adaption des Gitte-Hits).
Interessant (aber nicht ungewöhnlich für diese Zeit) ist, dass fünf seiner ersten sechs Titel Coverversionen englischsprachiger Titel sind.
Peter Haupt starb bereits im Jahre 1999 an einer Rauchvergiftung.
Hier nun eine absolut legitime deutsche Coverversion des Mamas&Papas-Hits (es gibt übrigens noch eine weitere deutsche Coverversion (mit anderem Text) von Bettina aus dem Jahr 1971):
Monday, Monday, was bringst du mir? Bringst du Tränen oder Glück und Liebe von ihr Der Montagmorgen, er verspricht mir, es wird für uns schön Doch Montagabend kann der Traum zu Ende geh'n
Monday, Monday, was fang ich an? Monday, Monday, ich wüsst' so gern, was kommen kann Am Montagmorgen seh' ich unser Leben voll Sonnenschein Doch Montagabend lässt mich dein Herz vielleicht allein
Jeder neue Tag - Jeder neue Tag Jeder neue Tag Jeder neue Tag, der beginnt, ist schwer Ausgerechnet Montag früh Da seh' ich die ganze Welt nur noch grau und leer Grau und so leer
Refrain
Okay, zugegeben. Das ist jetzt nicht gerade der optimistischste Start in die Woche, aber das ist an einem Montag auch ein bisschen zu viel verlangt, oder? Die Coverversion ist auf jeden Fall gut gemacht und Peter Haupt hat damit ein würdiges Schallplattendebut gegeben. Der Text könnte vielleicht etwas lebensbejahender sein, aber hey ... es ist halt einfach beschissen, wenn man seine Liebste nur einen Tag pro Woche sehen kann.
Wer eine schöne und gut-gemachte Parodie von "The Mamas & The Papas", die stellenweise wirklich erschreckend authentisch ist, dem sei dieses Video des britischen Comedy-Duos French & Saunders sehr ans Herz gelegt!
Habt einen schönen Start in die Woche! Ich bemühe mich auch ehrlich, mit positiverem Beispiel voranzugehen ;)
Heute widmen wir uns wieder einmal der österreichischen Popmusik. Wichtige Vertreter der frühen Austropop-Gattung waren die Milestones. Meilensteine auf dem Weg der österreichischen Musik. Und der Sound dieser Gruppe aus Wien war durchaus prägend und absolut spannend für diese Zeit. Nachdem ich gestern sehr feministisch unterwegs war, gibt es heute die Geschichte von einem Mann namens Paul - der übrigens im Wald lebte.
MILESTONES A: Paul (M & T: Günter Grosslercher)
B: Der staatenlose Koffer (M & T: Günter Grosslercher)
1971, Bellaphon, BL 1179 Die Milestones formierten sich 1968. Gründungsmitglieder waren: Günther Grosslercher (* 1945) - Gesang, Gitarre Beatrix Neundlinger (* 1947) - Gesang, Flöte Rudi Tinsobin - Gesang, Bass, Flöte, Posaune Robert Unterweger - Gesang, Banjo, Gitarre In dieser Besetzung nahmen sie an einem großen von Ö3 und ORF österreichweit initiierten Talentwettbewerb ("Show-Chance") teil, der im März 1969 mit einer großen Live-Finalausscheidung mit der ORF-Bigband im Fernsehen übertragen wurde. Der junge Ö3-Discjockey André Heller führte durch den Abend und auf dem Siegertreppchen standen die Milestones mit der dadaistischen Eigenkomposition "Einmal (wird der Stein der Weisen weich)". Die ursprüngliche Absicht dieses Wettbewerbs war es einen geeigneten Vertreter für Österreich beim Grand Prix d'Eurovision zu finden (Österreich nahm allerdings erst 1972 wieder am ESC teil!). Die fünf Bestplatzierten traten bei der "Internationalen Show-Chance", in Kooperation mit Deutschland und der Schweiz, in der Rheingoldhalle in Mainz auf - Sieger dieses Bewerbs: Ebenfalls die "Milestones". Ihr Siegertitel wurde auf Schallplatte veröffentlicht und 1970 folgte die erste LP, deren Titel großteils Grosslercher beisteuerte. 1972 stießen Christian Kolonovits (* 1952) und Norbert Niedermayer zu der Gruppe. In dieser Formation wurden sie 1972 als Vertreter Österreichs zum Eurovision Song Contest nach Edinburgh geschickt. Ihr romantischer Titel "Falter im Wind" belegt Platz 5. Am Siegertreppchen landete übrigens Vicky Leandros mit "Aprés toi" für Luxemburg. Bis zur Auflösung 1975 gab es noch weitere Umbesetzungen. Neundlinger und Grosslercher schlossen sich den "Schmetterlingen" an, Niedermayer wechselte zur Band "Springtime" und Christian Kolonovits verlegte sich auf das Komponieren und Arrangieren. Weitere Titel der Gruppe waren "20 Uhr 02" (1970), "Alle Tage" (1973), "Apfelbaum" (1973), "Ballade von Hartmut Winzer" (1970), "Bürgers Traum" (1970), "Chor der Alten" (1970), "Hamlet" (1973), "In den neuen besseren Zeiten" (1970) und "Schade" (1974). Nun aber zur Geschichte von Paul: Er lebte im Wald Und träumte von Waffen Man fasste ihn bald Man wollt' ihn bestrafen Sein Verhängnis: Abnormität Paul hieß er wohl, Paul Und faul war er auch Er hielt sich den Bauch vor Lachen Als eine Taube dem Bürgermeister Schwarz-weiß-grauen Kleister Auf den Hutrand schmiss Refrain Zwei Jahre Gefängnis Paul hieß er ja, Paul Auch war er wohl faul Gerne sprach er zu Mädchen Die ihre Freunde verließen Lieber lief er über leere Wiesen Als so ein Mädchen anzurühren Paul - er ließ sich nie verführen Refrain Zwei Jahre Gefängnis Paul hieß 22 Jahre Paul Steinmetzgehilfe wohl Einer der auf Blechbüchsen schoss Der im Steinbruch Füchse zähmte Und meistens eine unverschämte Lust verspürte Sich vor der Welt zu verstecken Refrain Abnormität Für was anderes war es zu spät
Tja. Das ist also die Geschichte vom 22jährigen Paul, der im Wald lebt und gelegentlich von Waffen träumt. Die attestierte Abnormität bleibt fraglich, die Haftstrafe deutet aber auf ein Vergehen hin. Eine überführte Tat oder war es einfach sein Verhängnis, das er sich als Einsiedler in die Natur zurückzog? Spannend, dass man für einen Song so einen Sonderling in den Mittelpunkt stellt. Paul hat mehr die Züge einer sympathischeren Version von Brechts Parade-Antiheld Baal. Möglicherweise gab es einen Vorfall? Ein Übergriff, eine Vergewaltigung? Zumindest könnte es damit zu tun haben, sonst wäre die dritte Strophe obligat.
Gerne sprach er zu Mädchen Die ihre Freunde verließen Lieber lief er über leere Wiesen Als so ein Mädchen anzurühren Paul - er ließ sich nie verführen Dennoch bleibt das Schicksal des Steinmetzgehilfen in vielerlei Hinsicht rätselhaft. Was wurde aus ihm? "Für was anderes war es zu spät" - das Ende bleibt offen. Das dieser Song kein riesengroßer Hit wurde, verwundert auch weniger. Dennoch haben die Milestones für mich einen unvergleichlichen "Sound". Die klaren, markanten Stimmen harmonieren wahnsinnig gut miteinander und die Arrangements setzen stets das Lied bzw. den Text in den Vordergrund. Sie erinnern mich immer ein wenig an Peter, Paul & Mary. Aber sie kopieren nicht, sie sind komplett eigenständig. Ihr Werk ist absolut einmalig. Ihre Lieder sind meist leise. Es gibt keine großen Ausbrüche, keine überraschenden Harmoniewechsel oder Effekte. Dennoch sind sie nie beiläufig und regen an. Zum Zuhören. Zum Nachdenken. Aber weniger zum Tanzen oder Mitsingen.
Für diesen Song lege ich fünf Meilensteine auf den Weg, in der Hoffnung, dass Paul doch noch zurückfindet. Was Paul wohl heute macht, falls es ihn jemals wirklich gab? Ich glaube, dass man mit ihm durchaus Spaß haben hätte können. Vor allem diese "unverschämte Lust, sich vor der Welt zu verstecken" kann ich ihm sehr gut nachempfinden. Gerade an Tagen wie diesen.
Heute habe ich etwas ganz Besonderes ausgegraben. Eines meiner absoluten Lieblingslieder. Zugegeben, es ist ziemlich skurril und dessen Thematik besonders, aber in Zeiten wie diesen ist mir jedes Mittel recht ;)
Das Bild zeigt die beiden bei ihrem Auftritt auf der Burg Waldeck 1967
ELKE & ALEXANDER
Der schöne Alfred (M: Pete-Alexander Kugler & Elke Nicolaisen-Gerstenberg / T: Rudolf Alexander Schröder)
1967, Live-Mitschnitt vom Festival auf der "Burg Waleck" CD "Burg Waldeck Festival 1967. Chanson, Folklore, International. Eine Dokumentation" (studio wedemark, 2004)
Der Text basiert auf einem Gedicht von Rudolf Alexander Schröder (1878-1962), einem deutschen Schriftsteller und Dichter, der u. a. mit Hugo von Hoffmansthal 1913 die "Bremer Presse" gründete. 1950 schrieb er die von Hermann Reute vertonte "Hymne an Deutschland", die sich letztlich aber nicht als neue Nationalhymne durchsetzen konnte.
Da liegt er nun, der schöne Knabe Oh Freunde weint an seinem Grabe Und singt mit lautem Klaggetön'
Der gute Alfred war so schön, so schön Der gute Alfred war so schön Der gute Alfred war so schön, so schön Der gute Alfred war so schön
Es kommen 180 Frauen In Trauerkleidern, langen grauen Und singen auch mit Klaggetön'
Refrain
Es kommen Fräuleins an, dreitausend Vor Kummer bleich, vor Schrecken grausend Und singen auch mit Klaggetön'
Refrain
Es kommen 30 holde Knaben Um ihren Abgott zu begraben Und singen auch mit Klaggetön'
Refrain
Der ganze Friedhof steht voll Herren Die alle ihrem Kummer wehren Und singen auch mit Klaggetön'
Der gute Alfred war so schön, so schön Der gute Alfred war so schön - kann man wohl sagen Der gute Alfred, ja, war so schön Der gute Alfred war so schön
Ja selbst die dieses Lied hier hören Geh'n sie nach Haus, ich möchte schwören Sie singen auch mit Klaggetön'
Refrain Was soll ich sagen? Ich glaube ich habe noch niemals ein originelleres Lied über eine Beerdigung gehört! Zudem finde ich das Arrangement äußerst gelungen und wie die beiden stimmlich die unterschiedlichen Trauergruppen darstellen, erfreut mich nach wie vor mit nie enden wollender Heiterkeit. Dafür gebe ich beiden stolze fünf von fünf Taschentüchern! Bis vor einigen Wochen waren es bloß Elke und Alexander für mich. Sämtliche Rechercheversuche scheiterten gnadenlos. Mein heutiger Google-Versuch führte auf einmal ihre Identitäten zutage. Ein erfreuliches Gefühl, wenn aus den Stimmen zweier Namen auf einmal "echte" Menschen werden und man auch Bilder der beiden findet. Und nun haben sie eine Identität bekommen: Elke Nicolaisen-Gerstenberg (* 1944) und Peter-Alexander Kugler-Righetti (1944-1988). Die Grafikerin und der Germanist lernten sich 1965 kennen. Zuvor hatten die beiden bereits unterschiedliche Erfahrungen in der Berliner Jazz- und Folkloreszene gesammelt. Nun begannen die beiden zusammenzuarbeiten und suchten nach interessantem Liedmaterial, das sich positiv abhob. In diesem Zusammenhang lernten sie Volker von Törne (1934-1980) kennen und seine Texte lieben. Ein Kritiker schrieb über die beiden: "Elke und Alexander sind Bänkelsänger von der leisen, der durchtriebenen Art, der rüde Protest und der schrille Aufschrei sind nicht ihre Art, dagegen der leise Hohn, die subversive Sanftmut, die diskrete Kritik. Mit diesen Liedern reiben sie Salz in die Wunden, die die deutsche Geschichte den Bürger zufügte, die sich die Bürger selbst zufügen."
Von Elke und Alexander gibt es leider nur wenige Aufnahmen: "Das Attentat" (CD-Box "Die Burg Waldeck Festivals 1964-1969", Bear Family, 2008) "Kudamm-Bummel" (LP "Steve Club Berlin", Thorofon, 1969) "Lied über den Terroristen Karl-Heinz Pawfla" (LP "Steve Club Berlin", Thorofon, 1969)
Aber es gibt eine LP:
Elke Nicolaisen und Alexander Righetti singen Volker von Törne - Im Lande vogelfrei (Sound-Star-Ton, 1983) Auf der Elbchaussee / Ballade vom braven Mann / Ballade von Helga M. / Beim Straßenbau / Die apokalyptischen Reiter / Frei wie ein Vogel / Im Fabelreich / Kinderlied / Küchenlied / Lied über den Terroristen Karl-Heinz Pawla / Lied von den Helden in dieser Zeit / Kudamm-Bummel / Not War Elke ist bis heute noch als Liedermacherin - unter dem Namen "Elke Querbeet" - vor allem in Berlin aktiv und tritt immer wieder auf.
Da ich diesen Blog mitunter auch als Bildungsauftrag verstehe, gibt es hier einen kurzen, aber nicht minder kritischen, TV-Bericht über das Festival auf der Waldeck von 1966. Es hat einen ungeheuren Charme, wie sich pseudo-despektierlich über die schreckliche Jugend, die dorthin pilgert, geäußert wird. Zudem wird es mit ein paar wenigen schönen und zahlreichen ziemlich obskuren musikalischen Beiträgen angereichert. Ansehen höchst empfehlenswert!
Was zeigt uns dieses Lied in Zeiten wie diesen? Wenn man einen Menschen verliert, ist das unfassbar traurig. Aber woran soll man denken? An das Gute, an das Schlechte? An das Erlebte, an das Versäumte? An das Schöne.
"Am Grab der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben."