Obskures, Skurriles, Schauriges und manchmal sogar Schönes aus der Welt der deutschsprachigen und internationalen Musikszene - mit Schwerpunkt auf den 60er- und 70er-Jahren. Inklusive Nostalgiebonus und einem großen Augenzwinkern ;)
Das Spannende an früheren musikalischen Talentwettbewerben (alias Castingformaten) ist, dass reproduzierende Sänger eher in der Minderheit waren. Die meisten konnten und wollten nicht nur eigene Songs machen, sondern es war eine Art Teilnahmebedingung. Heute heißen diese Gestalten "Singer-Songwriter", damals waren es einfach Sänger, die eigene Musik machen wollten. Beeindruckend - heute schaffen es viele Kandidaten nicht einmal mehr selbstständig die Bodenmarkierung vor der DSDS-Jury zu finden ...
Allerdings gab es damals doch auch manche Entscheidungen, die man nicht verstehen konnte. Es gab nämlich dann auch noch beliebte Haus- und Hof-Schreiberlinge, die natürlich auch in irgendeiner Art und Weise befriedigt werden mussten. Und so gelangten dann auch ihre Lieder in diese Veranstaltungen und wurden den jungen Künstlern mit dem fröhlichen Motto "friss oder stirb" vorgesetzt. Und da gab es schon die eine oder andere "Krot" (dialektal für Kröte), die geschluckt werden musste ...
GOLDIE ENS
Lügen (Autor: unbekannt)
1972, nicht auf Schallplatte veröffentlicht
Die 1954 als Ursula Wratschko in Kapfenberg geborene Sängerin, besuchte die Handelsschule und studierte Musik in Salzburg. Bereits als Kind lernte sie zunächst Klavier und später Gitarre. Den Namen "Goldie" verpasste sie sich - in Anlehnung an Goldie Hawn - selbst. 1972 bewirbt sie sich bei dem von Ö3 und ORF initiierten bundesländerübergreifenden Talentwettbewerb "Show-Chance" und kommt bis ins Finale. Trotz eines eher eigenwilligen Songs erreicht sie Platz 5 und bekommt einen Plattenvertrag. Den Nachnamen "Ens" gibt es frei Haus dazu. 1973 erscheint ihre erste Single ("Meine Stadt"), mit Texten von Alfred Komarek. In weiterer Folge wird Lance Lumsden ihr Manager. Ihren Durchbruch erzielt sie 1974 mit der Single "Goodbye Joe". Fortan singt sie als eine der wenigen österreichischen Künstler(innen) nur noch englisch. Weitere erfolgreiche Titel waren "Tuesday" (1974), "Disco Baby" (1976, #18) und "Can I reach you" (1979).
Nachdem ein deutsches Album mit eigenen Texten nicht realisiert wurde, stieg sie Ende der 70er-Jahre aus dem Popgeschäft aus und ging nach Amerika. In den 80er-Jahren startete sie ein erfolgreiches Comeback in der damaligen Tschechoslowakei, wo sie mehrere Schallplatten veröffentlichte. Für ihr Album "This is my Love" (1983) erhielt sie sogar eine Goldene Schallplatte.
Goldie Ens, die heute Ursula Polster heißt, betreibt den "Wohnsalon P." im ersten Wiener Gemeindebezirk und steht noch gelegentlich als Einrichtungsberaterin im ORF vor der Kamera.
Glas zerbricht - war es nur Verseh'n? Er sieht mich an, kann er versteh'n Dass Zank und Streit keine Zukunft baut Und deshalb nur die Trennung bleibt
Ich hab' versucht, tolerant zu sein Doch einmal hab' auch ich genug Einmal hab' auch ich genug Die größte Liebe geht vorbei
Lügen zerstören was man Liebe nennt Weil die Wahrheit immer siegen wird Lügen zerstören was man Liebe nennt Weil die Wahrheit immer siegen wird
Der Zug fährt ab Und die Nacht umhüllt mein Sein Die Frage bleibt Ob ich ihm je verzeihen kann
Auch ich hab' Schuld, das muss ich eingesteh'n Doch sicher liegt's nicht nur an mir Wer Fehler macht, der zahlt dafür Und wenn dabei das Glück zerbricht
Refrain
In diesem Fall verstehe ich ganz klar, warum es mir bis dato (nach über zehn Jahren!) nicht gelungen ist herauszufinden, wer für diesen Titel verantwortlich ist. Wäre ich die Person, ich würde alles daran setzen, dass das auch weiterhin so bleibt.
Also wer auf die Idee kommt, einer 17jährigen äußerst ansehnlichen jungen Frau so einen Titel zu verpassen wird sich mir vermutlich niemals erschließen. Zudem verdient der Song definitiv den ersten Preis in der Kategorie: "Sperrigste Refrain-Zeile aller Zeiten".
Ihr habt aufgepasst? Es geht schon wieder um ein Beziehungsende! Wieder so ein Heini, der scheinbar mehrgleisig gefahren ist und dessen interner Spitzname vermutlich "Münchhausen" ist. Zudem hat er anscheinend nichts Besseres zu tun, als noch das gute alte Erbgeschirr zu zerdeppern, nur um über seine eigenen Fehltritte hinwegzutäuschen.
Folgende Passage (ich habe übrigens aufgegeben herauszufinden, ob dieses Lied in irgendeiner Form ein Reimschema besitzt) finde ich übrigens besonders faszinierend:
Der Zug fährt ab Und die Nacht umhüllt mein Sein Die Frage bleibt Ob ich ihm je verzeihen kann
Dem Autor dieses Liedes kann man definitiv nicht verzeihen, dass die arme Goldie diesen Schmachtfetzen singen muss. Herzlichste Gratulation meinerseits, dass es so würdevoll schafft. Für den Autor hieß es hoffentlich auch: "Der Zug fährt ab" (nach Nirgendwo).
Das Goldie allerdings wirklich etwas (musikalisch) auf dem Kasten hat und zu recht als österreichische "Disco Queen" bezeichnet wurde, zeigen ihre späteren Titel, wie z. B. "Disco Baby". Hier beweist sie mit lebensbejahender Freude und Power, was so in ihr steckt.
Für alle Zartbesaitete unter euch: Achtet nicht zu genau auf die Umgebung. Ich habe auch jedes Mal große Sorge, dass sie im schummrigen Kellergewölbe mit spärlicher Lichtzufuhr stolpert und rückwärts die Stiege runterfällt. (Spoiler: Es passiert zum Glück nichts!)
Dance, dance, dance, Disco Baby
Playing around at the Girls Run, run, run, Disco Lover I won't get caught in your Arms
You're Casanova Oh Lady Killer No time to Lover Oh Casanova
Turn, turn, turn, Disco Baby Sending Kisses away
Flash, flash, flash, Disco Baby You can't win anyway
Refrain
Burn, burn, burn, burn, burn, you're a Liar Burn, burn, burn, burn, burn, you're a Liar
Burn, burn, burn, burn, burn, you're a Liar
Burn your Lie Burn your Lie Burn
Fly, fly, fly, Disco Baby Call me up every Day Smile, smile, smile, Disco Baby My Love won't change anyway
Refrain
You're a Liar, Baby Keep on dancing, Baby You're a Liar You're a Liar
You're a Liar
Ab jetzt gibt's nur noch die Wahrheit, weil nur die Wahrheit siegen wird. Hoffen wir das Beste - auch für unsere Regierung ;)
Was gibt es Schöneres, als sanft und zärtlich aus dem Schlaf gerissen zu werden. Wenn einem noch ganz verträumt die letzten kleinen Sandkörnchen aus den lahmen Augen auf den heißen Toast kullern, den der oder die Liebste, bereits ans Bett serviert hat. Tja. Schöne Traumvorstellung! Die Realität sieht da ganz anders aus - ich erinnere nur an die sadistischen Aufweckmethoden von "Radio Luxemburg" oder Tana Schanzara.
Das auch wir in Österreich da die eine oder andere Lösung gefunden haben, den Langschläfern den Garaus zu machen, beweist der heutige "Start in den Tag".
STEFANIE
A: Die Weckuhr (M: Stefanie Vyhnak / T: Richard Leonhard) B: Es is a Wahnsinn (M: Stefanie Vyhnak / T: Richard Leonhard)
1982, Lion Baby, LB 3537 produziert von Peter Lossack
Stefanie wurde 1949 als Stefanie Vyhnak in Niederösterreich geboren. Solange sie sich erinnern kann, hat sie gesungen. Das äußerst musikalische Kind, das mit einer Naturstimme gesegnet war, die sie selbst als Geschenk bzw. eine Art inneren Ruf ansah, lernte Gitarre und Barockflöte, sang im Kirchenchor und tingelte bereits als 15-Jährige allabendlich mit verschiedenen Bands durch die Gegend. Im Anschluss daran wechselte sie allerdings ins Klassikfach und übte sich als Koloratursopran, ehe sie aber wieder der Popmusik zuwandte. Knapp anderthalb Jahre war sie Mitglied der vierköpfigen Damengruppe "Soul Magics", mit denen sie zahlreiche Auftritte in Deutschland, Österreich und der Schweiz absolvierten. 1969 übersiedelt sie schließlich für zwei Jahre nach Amerika, wo sie als "Claudia" vor allem Soul und Jazz sang. Um sich über Wasser zu halten, arbeitete sie nebenbei als Serviererin.
1971 frisch aus Amerika zurückgekehrt, wurde Erich Kleinschuster auf sie aufmerksam. Erste Studioaufnahmen mit der ORF-BigBand, den Madcaps, Art Farmer, André Heller und Gipsy Love folgten. 1972 beteiligt sie sich an der "Show-Chance", dem legendären Talentwettbewerb von ORF und Ö3. Leider wurde in diesem Jahr das Reglement geändert und alle Solisten mussten deutsch singen, weshalb ihre wahnsinnig starke Eigenkomposition "Truth" in eine kryptische deutsche Fassung ("Ich such' die Wahrheit") gebracht wird. Trotz allem kann sie diesen Wettbewerb für sich entscheiden und gewinnt. Zwischen 1972 und 1983 erscheinen zahlreiche Single in insgesamt vier Sprachen - Balladen, Pop, Disco, Schlager und Dialekt. Stefanie ist nur schwer in eine Schublade zu stecken - doch das, was ihr am meisten liegen würde, Blues, Soul und Jazz, wird leider nicht mit ihr für die Schallplatte produziert. Veröffentlichte Titel waren beispielsweise "Lies for Sale" (1972), "Der Toni von St. Anton" (1975), "Kleine Plauderei" (1975), "I'm falling in Love again" (1975), "Mister Disco" (1977), "Meine Herr'n gestatten" (1982) und "I möcht' nur an Kuss" (1983).
Darüber hinaus ist sie auch öfters auf der Bühne zu sehen, beispielsweise in der Ballett-Komödie "Der Bauer als Edelmann" (1973, Wiener Burgtheater), "Candide" (1976, Wiener Burgtheater), "Cyrano de Bergerac" (1976, Volkstheater Wien), "Mayflower" (1977, Theater an der Wien) und "Valerie" (1985, Wiener Festwochen).
Stefanie sagte stets, wenn ihr etwas nicht passte. Das waren viele "mächtige Herren" in dieser Zeit nicht gewohnt. Irgendwann hatte Stefanie genug von leeren Versprechen und den ewigen Machtspielchen und kehrte dem Musikbusiness den Rücken zu und suchte sich einen "ordentlichen" Brotberuf. Rund 20 Jahre lang war sie Straßenbahnfahrerin in Wien, bis sie aufgrund einer schweren Krebserkrankung aufhören musste. Ihre Lebensfreude hatte sie bis zuletzt. Ich denke noch immer mit großer Freude an das bewegende Treffen mit ihr im Sommer 2012, ein halbes Jahr vor ihrem Tod. Sie starb im Januar 2013 im Alter von nur 63 Jahren.
Jetzt ist Sense mit'n Schnorchn Olle miasst's jetzt auf mi horch'n Auf mi horch'n, olle miasst's jetzt auf mi horch'n Bei dem Ton von meina Glock'n Haut's an jed'n aus de Sock'n
Aus de Sock'n, haut's an jed'n aus de Sock'n Na bei mir zittert sogar der Luster am Plafond Glaubt's vielleicht ihr kummt's bei mir so leicht davon?
Mir scheint's jetzt hot's eich, hot's eich, hot's eich, hot's eich oba g'riss'n? Hot's eich g'riss'n, no hot's eich oba g'rissn'n? Ja hot's euch, hot's euch vielleicht g'stört? Hot's euch g'stört, hot's euch vielleicht wirklich g'stört?
Jo, hobt's mi, hobt's mi endlich überriss'n? Überriss'n, endlich überriss'n I bin de Weckuhr, i bin de Weckuhr I bin de Weckuhr, de ihr olle so gern hörts
Auße aus da worman Hapf'n Eine in die kolt'n Schlapf'n In die Schlapf'n, eine in die kolt'n Schlapf'n Ja gemma's an, es Arme, Gemma, gemma in die Firma Griana is nimma, gemma, gemma in die Firma Heute wird es garantiert a ries'n Show Denn erst die Arbeit macht den Menschen froh
Nein, keine Sorge. Ihr bekommt heute kein französisches Chanson zu hören - wir haben ja noch immer "österreichische Wochen" ;)
Dafür habe ich heute einen Titel von einer Österreicherin ausgegraben, die man heute immer noch kennt - allerdings nicht mehr in erster Linie nur als Sängerin.
MARIKA LICHER
A: Adieu (M: Jack Grunsky / T: Andreas Miriflor = André Heller) B: Erinnerung (M: Robert Opratko / T: Andreas Miriflor = André Heller)
1968, Amadeo, AVRS 21 534
Marika Lichter wurde 1949 als Mariza Lichter in Wien als Kind eine Polen und einer Ungarin geboren. Bereits als Kind erhielt sie Klavier- und Tanzunterricht, ab dem 14. Lebensjahr auch Gesang.
Bereits als Jugendliche wird sie Mitglied der "Les Sabres", die großteils jüdische Folklore singen und veröffentlicht 1966 eine EP ("Schalom Alechem"). 1969 belegt sie bei der "Show-Chance" von ORF und Ö3 mit "Adieu" den dritten Platz. Zwischen 1968 und 1971 veröffentlicht sie mehrere Singles (u. a. "Luciana", "Dann wird es wieder schön sein", "Tu nicht so", "Ich hab' einen Kummer" und "Ungeküsst"). Zudem vertritt sie in dieser Zeit auch Österreich bei Songfestivals in Rio de Janeiro, Caracas, Mexico und Athen sowie sang in Gerhard Bronners legendärem "Cabaret Fledermaus".
Nach ihrem Opergesangsdiplom stand sie in zahlreichen Operettenproduktionen im Wiener Raimundtheater auf der Bühne, u. a. in "Die Fledermaus" (als Adele), "Der Graf von Luxemburg", "Viktoria und ihr Husar" oder "Wiener Blut" (als Franzi). Weitere Engagements waren unter an dem "Mayflower" (1978, Theater an der Wien), "Die Gräfin vom Naschmarkt" (1979, Theater an der Wien), "Les Misérables" (1988-1991, Raimundtheater), "Elisabeth" (1992, Tehater an der Wien), "Rebecca" (2007, Raimundtheater), "Non(n)sense" (2012-2013, Wiener Kammerspiele) und "Cabaret" (2019, New Stage Theatre Geislingen). Seit 2017 ist sie Intendantin des Musicalsommers Winzendorf.
Zudem gewann Marika Lichter 2005 die erste Staffel der ORF-Fernsehshow "Dancing Stars". Die 1991 gemeinsam mit Ingrid Windisch gegründete Künstleragentur trägt heute den Namen "Glanzlichter" und wird seit 1996 von ihr geführt. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit ist sie auch seit 1990 Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins "Wider die Gewalt".
Du warst irgendwo, mit irgendwem Das hat man mir erzählt Du belügst mich und betrügst mich Das hat man mir erzählt
Und jetzt sitzt du neben mir In deinen Augen spielt das Licht Und es gibt noch Illusionen Bis das letzte Wort zerbricht
Adieu, mehr kann ich dir nicht sagen Dein Weg läuft weit, so weit von mir Adieu, ich kann mich nicht beklagen Es war eine wunderbare Zeit
Liebe fordert nicht, Liebe schenkt nur Das hast du mir erzählt Und du wüsstest schon wie man Träume lebt Das hast du mir erzählt
Refrain
Refrain
Adieu
Das war er: Einer der ersten Fernsehauftritte der damals 19-jährigen Marika Lichter. Als Komponist fungierte Jack Grunsky, den Text steuerte der damalige Ö3-Discjockey Andreas Miriflor bei, der sich bald als André Heller auch international einen Namen machte.
Was gibt es groß zu sagen? Ein schönes Chanson mit anspruchsvollem Text und guter Musik. Ansprechend arrangiert und live - mit der ORF-BigBand - vorgetragen.
Der Text selbst hat (leider) auch heute noch Gültigkeit. Da erfährt man nichts Böses ahnend - da noch immer rosarot-bebrillt - von der Untreue des Geliebten "und jetzt sitzt du neben mir - in deinen Augen spielt das Licht - und es gibt noch Illusionen bis das letzte Wort zerbricht" (Wow! Das ist wirklich eine äußerst treffende Beschreibung für diesen speziellen (und leider auch extrem beschissenen) Zustand, in dem man sich in so einer Situation befindet. Doch unsere Protagonistin kriegt glücklicherweise noch rechtzeitig die Kurve und gibt der treulosen Tomate den Laufpass - wenn sie sich auch ein bisschen zu ehrfürchtig, nicht beklagen kann, schließlich "war es eine wunderbare Zeit".
"Liebe fordert nicht, Liebe schenkt nur" ist übrigens eine äußerst nonchalant-formulierte Umschreibung für: "Ich darf immer und mit so vielen anderen Frauen Sex haben wie ich will - und du bleibst bei mir und beschwerst dich nicht und idealerweise wäschst du auch meine Wäsche, kochst für mich und kommst meinen sexuellen Grundbedürfnissen nach. Und sag gefälligst "Danke", dass ich dich auserkoren habe."
Manche Dinge ändern sich wohl leider nie. Das habe ich auch gerade nach ein paar Kurzschnitten aus der aktuellsten Folge der "Bachelorette" gelernt. Diese Typen gibt es immer noch ... Adieu Mondieu! :/
Ich habe euch bereits im April einen meiner Lieblingssongs (# 39 "Paul") vorgestellt - da wurde es höchste Zeit, noch einen weiteren Titel der Milestones heraus zu kramen. Die Entscheidung fiel tatsächlich sehr schwer, denn die Gruppe hat zwar nicht viele Songs veröffentlicht, aber dafür ist so gut wie jeder auf seine Art doch ein sehr besonderer.
MILESTONES
A: Einmal (M: Günter Grosslercher / T: Mathias Schreiber) B: Der Rattenfänger (M: Günter Grosslercher / T: Alfred Komarek)
1970, WM, 5009
Günter Grosslercher (* 1945) und Robert Unterweger, zwei Mathematik-Studenten im vierten Semester an der TU Wien, musizierten gemeinsam und waren auf der Suche nach einer Sängerin. Mit Beatrix Neundlinger (* 1947), die sich damals im ersten Studienjahr befand, und Rudi Tinsobin wurden schließlich 1968 die "Milestones" gegründet.
Bereits im März 1969 nahmen sie an der von ORF und Ö3 initiierten Casting-Show "Show-Chance" teil, deren ursprüngliches Ziel tatsächlich war, einen geeigneten Kandidaten für den österreichischen Beitrag zum Grand Prix d'Eurovision (= Eurovision Song Contest) zu finden. Die Milestones landeten mit dem Titel "Einmal" auf dem zweiten Platz und qualifizierten sich für das große Finale, das gemeinsam mit den Fernsehanstalten von Deutschland, Österreich und der Schweiz in Mainz abgehalten war. Dort setzten sie sich gegen alle Konkurrenten durch und landeten auf dem ersten Platz.
Kurze Zeit darauf erschien die Single "Einmal" und die erste LP.
1972 gab es größere Umbesetzungen: neu waren Christian Kolonovits (* 1952) und Norbert Niedermayer. In dieser Konstellation vertraten sie 1972 Österreich beim Grand Prix mit dem Titel "Falter im Wind" und belegten Platz 5. Bis zur Auflösung 1975 gab es noch weitere Besetzungswechsel.
Nach der Auflösung wechselten Grosslercher und Neundlinger zu den bereits arrivierten "Schmetterlingen", Niedermayer wechselte zu "Springtime" und Christian Kolonovits wurde zu einem bekannten Komponist und Arrangeur.
Weitere bekanntere Titel aus dem Schaffen der Milestones sind "Paul", "Apfelbaum", "In den neuen, besseren Zeiten" und "An diesem Freitag".
Einmal wird der Stein der Weisen weich Einmal machen nur die Träume reich Einmal wird der Schneemann König sein Einmal fängt der Wind den Alltag ein
Dann wird es heißen - Klingeling Die Welt ist nur ein Märchending Mit einem schwarzen Nasenring
Wenn ein Hasenohr die Harfe spielt Und ein Holzwurm auf das Eisen schielt
Wenn der Purzelbaum den Seiltanz probt
Und der Schlaue seine Dummheit lobt
Refrain
Einmal hängt die Erde fremd im Raum Dumm wie eine Null am Schellenbaum Einmal liegen alle Uhren schief Einmal schreibt uns Adam einen Brief
Dann wird es heißen - schnick und schnack Die Zeit ist nur ein Schabernack Erst macht sie tik, dann macht sie tak Erst macht sie tik, dann macht sie tak Erst macht sie tik, dann macht sie tak
Das Video ist ein schönes Zeitdokument, zeigt es doch gerade diesen (ersten?) Live-Fernsehauftritt der Milestones im Finale der "Show-Chance". Moderator ist übrigens ein Ö3-Discjockey mit dem klingenden Namen "André Miriflor", aus dem später André Heller wurde.
Zugegeben: Dem geneigten Zuhörer wurde damals doch ein eher spezielles Werk aufgetischt, das zwar durch mehrstimmigen Schöngesang und ansprechendes Arrangement zu gefallen weiß, dessen Text aber definitiv als äußerst sperrig und speziell - vorsichtig ausgedrückt: dadaistisch - daherkommt.
Hat man den Wunsch, eine kohärente Geschichte zu erfahren, dann kommt man bei diesem Song nicht wirklich weit. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Autor damals so hundertprozentig eine Absicht in jeder Textzeile hatte, oder ob man einfach etwas Neues schaffen wollte (was ja per se nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein muss!).
In diesem Zusammenhang würde ich den ganzen Song als Fantasiegespinst über eine potentielle neue Weltordnung sehen, in der sich vor allem das Verhältnis zwischen Mensch und Natur sowie Arm und Reich deutlich verschiebt ("Einmal machen nur die Träume reich - Einmal wird der Schneemann König sein").
Die zweite Strophe fällt da noch deutlicher aus dem Rahmen. Dennoch hier mein absoluter Textfavorit: "Und der Schlaue seine Dummheit lobt". Wie viel Wahrheit steckt doch in dieser Phrase ...
Und am Ende, tja, da kommt die große Erkenntnis: Was wissen wir denn eigentlich überhaupt? War alles nur Traum und Fantasie? Ist alles, worauf wir vertraut haben, vielleicht doch nur den kruden Gedankengängen eines anderen entsonnen und unserer eigene Existenz doch nicht so wichtig in der Geschichte der Menschheit oder des Planeten Erde? "Die Zeit ist nur ein Schabernack" - mehr bleibt mir in diesem Zusammenhang nicht zu sagen.
Zuallererst: Nein, bitte! Macht euch keine Sorgen über mich. Alles ist gut. Ja, wirklich. Nein, nicht so, wie wenn Frauen das sagen, dann ist nämlich gar nichts gut. (Diese wichtige Lektion können sich alle mitlesenden männlichen Leser bitte gleich merken! Ha, ihr Frauen, da schaut ihr! Ich habe euch durchschaut!) Bei mir passt aber wirklich alles. Ja, ehrlich. Ihr könnt mir glauben.
... Ja, wirklich!
... ich schwöre!
Gut. Ihr habt sicher schon einmal die Geschichte gehört, dass Inuits rund 100 verschiedene Wörter für Schnee haben. Das ist leider falsch, wie man inzwischen vielerorts nachlesen kann. Allerdings haben die Österreicher ungefähr 100 verschiedene Ausdrücke, um mitzuteilen, dass grad nicht alles in Ordnung ist. Von "Oasch" bis "I bin am Sand". Da einem gerade im November immer eine herrlich-morbide Tristesse um die Ohren fliegt, freut sich das österreichische Herz ein bisschen über ein paar dunkle Töne. Zudem braucht man diese Tiefpunkte, damit man sich bald wieder "richtig leiwand" fühlen kann. Für alle Neo-Österreicher: "am Sand sein" ist auch eine ziemlich perfekte Umschreibung für die Katerstimmung nach einem ordentlichen Besäufnis (vgl. "Gemma auf ans?" optional auch durch vorherige Festlegung eines bestimmten alkoholhaltigen Getränks, z. B. Bier oder Spritzer).
HEINRICH WALCHER
I bin am Sand (M & T: Heinrich Walcher)
1973, Amadeo, aus der LP "Ich male meine Welt"
Der 1947 in Wien geborene Heinrich Walcher beendete 1972 sein Malerei-Studium an der "Angewandten" als Jahrgangsbester. Die "Wiener Schule des Phantastischen Realismus", der auch sein Professor Wolfgang Hutter (1928-2014) angehörte, prägte seinen anfänglichen Kunststil.
Parallel dazu startete er auch eine Karriere als Sänger. Mit dem "Gummi-Zwerg" belegte er 1972 nicht nur den zweiten Platz beim Finale der "Show-Chance", einer österreichweiten Casting-Show, die von ORF und Ö3 initiiert wurde, sondern landete auch gleich mit seiner ersten Veröffentlichung einen Hit in Österreich. Trotz zahlreicher erfolgreicher Veröffentlichungen blieb die bildende Kunst immer sein Steckenpferd. 1977 zog er auf einen Bergbauernhof und widmete sich voll und ganz der Malerei. Seit 1999 lebt er wieder in Wien und Niederösterreich. Er ist nach wie vor musikalisch tätig.
Weitere bekanntere Titel von ihm sind "Luise", "Mimi", "Du bist der Anfang von mein End", "Rosemarie" oder "Erdbeer, Zitrone und Haselnuss".
Er is am Sand Er is am Sand
Heit' steht vur mei'm Fenster Da Nebel, i moch's gor net auf I tram von lauta G'spensta Und woch noch long net auf Sie druck'n mi an'd Wond Obe bis am Rand I bin am Sand Er is am Snad I bin am Sand Er is am Sand Er is am Sand
Und mei Söl, de draht sich Wia a Ringlgspül I steh auf, donn platz' i Vur mein Spiagl fürcht' i mi I drah' mi hin zur Wond I bin mei größte Schond' I bin am Sand Er is am Sand I bin am Sand Er is am Sand Er is am Sand
I wor duat, wo'd Sunn scheint Heit' steh' i im Reg'n Und i bin mei ärgster Feind I mecht' mi in'd Gruab'n leg'n Fünf Ros'n in da Hond Mit an schworz'n G'wond I bin am Sand Er is am Sand I bin am Sand Er is am Sand Er is am Sand
Mei Schiff, des find kan Hof'n Mi schleidert's hin und her I hob' mei Chance verschlof'n Z'ruck find i nimmer mehr Ins Reg'nbog'nlond Vur mir de schwarze Wond I bin am Sand Er is am Sand I bin am Sand Er is am Sand Er is am Sand
Ollas, wos i g'mocht hab'
Kummt heit über mi Wann i in mein G'wiss'n grob Steht da Teifl vis-a-vis Er nimmt mi bei da Hond Und mei Söl als Pfond I bin am Sand Er is am Sand I bin am Sand Er is am Sand Er is am Sand
Okay, ich geb's ja zu: der Titel ist wirklich vieles, aber keinesfalls lebensbejahend. Ja, das stimmt. Deshalb passt er aber auch so herrlich in den November. Diesen sonderbaren Monat, der so unentschlossen ist. Es ist kalt, aber nicht saukalt. Es gibt Nebel, aber eher noch keinen Schnee (daran ist aber auch der Klimawandel schuld!). Es wird früher dunkel, aber die Weihnachtsbeleuchtung ist noch nicht an. Damit nicht alles den Bach runtergeht, gibt es immerhin bereits Kekse.
Den Text lasse ich heute komplett für sich sprechen - ich denke die meisten von euch waren schon einmal in so einer Stimmung und möchten daran nicht noch von einem neunmalklugen Ex-Germanisten erinnert werden. Ich verspreche euch, morgen gibts dann wieder was fröhlich(eres) :D
Ich dachte mir, dass ich wieder einmal ein Österreich-Special machen könnte. Daher bekommt ihr bis einschließlich Montag jeden Tag einen neuen (vermutlich ziemlich unbekannten) Song made in Austria serviert.
SIMPLICISSIMUS
A: Till Sunday Morning (M & T: Werner Wegen) B: Peace will come again (M & T: Michael Kohlweis)
1974, Help Records, HAS 22 014 / Ariola, 13 392 AT
produziert von Eddy Korsche
Das Kärntner Duo "Simplicissimus" bestand aus Hermine "Mini" Erdetschnig (* 1954) und Michael Kohlweis. Als die beiden eigentlich nur als "Zugpferde" für einen lokalen Gesangswettbewerb eingespannt werden sollten, entwickelte sich alles anders als ursprünglich geplant.
Als nämlich tatsächlich erste Erfolge einsetzten, standen sie vor dem Problem, dass die Plattenfirma keine Ahnung hatte, wie sie ihre Schützlinge marketingtechnisch vermarkten könnten. Doch ihr Produzent hatte nicht damit gerechnet, dass die beiden selbst auf Promotour gehen würden und spätestens als sie die Ö3-Österreichparade gewinnen konnten, waren sie überregional bekannt. Problem nur, dass es kaum Schallplatten der beiden gab, die man jetzt verkaufen hätte können ...
1974 nahmen sie an der "Show-Chance", einem österreichweit veranstalteten Talentwettbewerb von ORF und Ö3, teil und belegten mit ihrer Eigenkomposition "Versuch' die Zeit nicht anzuhalten" den fünften Platz im Finale. Zwischen 1972 und 1976 veröffentlichten die beiden fünf Singles ("Dusty Road", "Till Sunday Morning", "Versuch' die Zeit nicht anzuhalten", "Hey, Hey, Hey, wir tanzen im Regen" und "Jet Set Lady").
Beide gründeten Anfang der 80er-Jahre die "Harlekin Company", aus der später die "Seven Hill Singers" hervorgingen. Nach der Scheidung trennten sich ihre gemeinsamen musikalischen Wege. Mini studierte Publizistik, arbeitete in einer Werbeagentur und ist inzwischen Kärntner Landesstellenleiterin der Österreichischen Vereinigung Morbus Bechterew. Michael war viele Jahre Redakteur bei der Kärntner Tageszeitung und ist nach wie vor musikalisch tätig.
Last night I had a dream - tell it to me
I don't know what it mean - tell it to me
Many people I've seen - tell it to me
Speaking oddest words
In the corner stood a man - tell it to me
Oh "War" was his name - tell it to me
And a judge went to him - tell it to me
Put him on a chain
And the people they are dancing round
Singing happy songs
They clap their hands and their voices sing loud
Peace will come again
I dream to destroy the bombs - tell it to me
Burn the uniforms - tell it to me
Forget power and might - tell it to me
And all the world was right
Someone opens the door - tell it to me
And in comes a girl - tell it to me
And suddenly she says -
"My name is Peace"
Refrain
Peace will come again
Refrain
Peace will come again
Zugegeben: Dieser Song ist jetzt natürlich kein literarisches Meisterwerk, aber in seiner Einfachheit doch überraschend ausdrucksstark. Simpel könnte man fast meinen - und manchmal bedarf es auch gar nicht mehr, um die Leute zum Zuhören und Nachdenken anzuregen.
Mini und Michael waren - als dieses Lied entstand - Anfang 20 und die Themen, die sie beschreiben hatten mich in diesem Alter mindestens genauso bewegt.
Und so verpackten sie die alte Mär um Krieg und Frieden in einen Traum, von dem sie nicht wissen, was er bedeutet. Über Menschen die seltsames Zeug sprachen, das er nicht verstand und einen Mann namens "Krieg", der von einem Richter in Ketten gelegt wird. Diese Aktion führt dazu, dass die Leute anfingen zu tanzen, fröhliche Lieder zu singen, in die Hände zu klatschen und zu verkünden, dass der Frieden zurückkehren wird.
Was in weiterer Folge dazu führen würde, alle Bomben zu zerstören, Uniformen zu verbrennen und das ganze Spiel um Macht und Gewalt zu vergessen, damit die Welt wieder zurecht gerückt wird. Und um dieses Bild noch zu vervollständigen, kommt ein Mädchen durch die Tür und sagt, dass sie "Frieden" heißt.
Eine entzückende, heute etwas naiv anmutende, kleine Geschichte, wie für alle Menschen Frieden herrschen könnte. Verpackt in einen gut arrangierten, eingängigen Song, der mit gut harmonierenden Stimmen dargebracht wurde. Schade, dass den beiden nicht mehr Erfolg beschieden war.
Heute widmen wir uns wieder einmal der österreichischen Popmusik. Wichtige Vertreter der frühen Austropop-Gattung waren die Milestones. Meilensteine auf dem Weg der österreichischen Musik. Und der Sound dieser Gruppe aus Wien war durchaus prägend und absolut spannend für diese Zeit. Nachdem ich gestern sehr feministisch unterwegs war, gibt es heute die Geschichte von einem Mann namens Paul - der übrigens im Wald lebte.
MILESTONES A: Paul (M & T: Günter Grosslercher)
B: Der staatenlose Koffer (M & T: Günter Grosslercher)
1971, Bellaphon, BL 1179 Die Milestones formierten sich 1968. Gründungsmitglieder waren: Günther Grosslercher (* 1945) - Gesang, Gitarre Beatrix Neundlinger (* 1947) - Gesang, Flöte Rudi Tinsobin - Gesang, Bass, Flöte, Posaune Robert Unterweger - Gesang, Banjo, Gitarre In dieser Besetzung nahmen sie an einem großen von Ö3 und ORF österreichweit initiierten Talentwettbewerb ("Show-Chance") teil, der im März 1969 mit einer großen Live-Finalausscheidung mit der ORF-Bigband im Fernsehen übertragen wurde. Der junge Ö3-Discjockey André Heller führte durch den Abend und auf dem Siegertreppchen standen die Milestones mit der dadaistischen Eigenkomposition "Einmal (wird der Stein der Weisen weich)". Die ursprüngliche Absicht dieses Wettbewerbs war es einen geeigneten Vertreter für Österreich beim Grand Prix d'Eurovision zu finden (Österreich nahm allerdings erst 1972 wieder am ESC teil!). Die fünf Bestplatzierten traten bei der "Internationalen Show-Chance", in Kooperation mit Deutschland und der Schweiz, in der Rheingoldhalle in Mainz auf - Sieger dieses Bewerbs: Ebenfalls die "Milestones". Ihr Siegertitel wurde auf Schallplatte veröffentlicht und 1970 folgte die erste LP, deren Titel großteils Grosslercher beisteuerte. 1972 stießen Christian Kolonovits (* 1952) und Norbert Niedermayer zu der Gruppe. In dieser Formation wurden sie 1972 als Vertreter Österreichs zum Eurovision Song Contest nach Edinburgh geschickt. Ihr romantischer Titel "Falter im Wind" belegt Platz 5. Am Siegertreppchen landete übrigens Vicky Leandros mit "Aprés toi" für Luxemburg. Bis zur Auflösung 1975 gab es noch weitere Umbesetzungen. Neundlinger und Grosslercher schlossen sich den "Schmetterlingen" an, Niedermayer wechselte zur Band "Springtime" und Christian Kolonovits verlegte sich auf das Komponieren und Arrangieren. Weitere Titel der Gruppe waren "20 Uhr 02" (1970), "Alle Tage" (1973), "Apfelbaum" (1973), "Ballade von Hartmut Winzer" (1970), "Bürgers Traum" (1970), "Chor der Alten" (1970), "Hamlet" (1973), "In den neuen besseren Zeiten" (1970) und "Schade" (1974). Nun aber zur Geschichte von Paul: Er lebte im Wald Und träumte von Waffen Man fasste ihn bald Man wollt' ihn bestrafen Sein Verhängnis: Abnormität Paul hieß er wohl, Paul Und faul war er auch Er hielt sich den Bauch vor Lachen Als eine Taube dem Bürgermeister Schwarz-weiß-grauen Kleister Auf den Hutrand schmiss Refrain Zwei Jahre Gefängnis Paul hieß er ja, Paul Auch war er wohl faul Gerne sprach er zu Mädchen Die ihre Freunde verließen Lieber lief er über leere Wiesen Als so ein Mädchen anzurühren Paul - er ließ sich nie verführen Refrain Zwei Jahre Gefängnis Paul hieß 22 Jahre Paul Steinmetzgehilfe wohl Einer der auf Blechbüchsen schoss Der im Steinbruch Füchse zähmte Und meistens eine unverschämte Lust verspürte Sich vor der Welt zu verstecken Refrain Abnormität Für was anderes war es zu spät
Tja. Das ist also die Geschichte vom 22jährigen Paul, der im Wald lebt und gelegentlich von Waffen träumt. Die attestierte Abnormität bleibt fraglich, die Haftstrafe deutet aber auf ein Vergehen hin. Eine überführte Tat oder war es einfach sein Verhängnis, das er sich als Einsiedler in die Natur zurückzog? Spannend, dass man für einen Song so einen Sonderling in den Mittelpunkt stellt. Paul hat mehr die Züge einer sympathischeren Version von Brechts Parade-Antiheld Baal. Möglicherweise gab es einen Vorfall? Ein Übergriff, eine Vergewaltigung? Zumindest könnte es damit zu tun haben, sonst wäre die dritte Strophe obligat.
Gerne sprach er zu Mädchen Die ihre Freunde verließen Lieber lief er über leere Wiesen Als so ein Mädchen anzurühren Paul - er ließ sich nie verführen Dennoch bleibt das Schicksal des Steinmetzgehilfen in vielerlei Hinsicht rätselhaft. Was wurde aus ihm? "Für was anderes war es zu spät" - das Ende bleibt offen. Das dieser Song kein riesengroßer Hit wurde, verwundert auch weniger. Dennoch haben die Milestones für mich einen unvergleichlichen "Sound". Die klaren, markanten Stimmen harmonieren wahnsinnig gut miteinander und die Arrangements setzen stets das Lied bzw. den Text in den Vordergrund. Sie erinnern mich immer ein wenig an Peter, Paul & Mary. Aber sie kopieren nicht, sie sind komplett eigenständig. Ihr Werk ist absolut einmalig. Ihre Lieder sind meist leise. Es gibt keine großen Ausbrüche, keine überraschenden Harmoniewechsel oder Effekte. Dennoch sind sie nie beiläufig und regen an. Zum Zuhören. Zum Nachdenken. Aber weniger zum Tanzen oder Mitsingen.
Für diesen Song lege ich fünf Meilensteine auf den Weg, in der Hoffnung, dass Paul doch noch zurückfindet. Was Paul wohl heute macht, falls es ihn jemals wirklich gab? Ich glaube, dass man mit ihm durchaus Spaß haben hätte können. Vor allem diese "unverschämte Lust, sich vor der Welt zu verstecken" kann ich ihm sehr gut nachempfinden. Gerade an Tagen wie diesen.