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Sonntag, 2. August 2020

# 119 - "Die Zeit" - Golem (1970)

Nach ein paar Tagen Abstinenz habt ihr euch hoffentlich von den skurrilen 80er-Hits der letzten Postings erholt und freut euch wieder auf leisere Töne. Heute stelle ich euch eine ganz besondere Rarität vor:




GOLEM
Die Zeit [The Time] (M: Peter Kutzer-Salm / dt. T: Georg Danzer)

1970, Rundfunkaufnahme (leider niemals auf Platte veröffentlicht)



Die Wiener Band Golem wurde Ende der 60er-Jahre von Peter "Piet" Kutzer-Salm (* 1946) in Wien gegründet. Weitere Mitglieder waren Horst "Flöti" Noibinger (* 1944), Martin Wolfer (1947-1999), Sylvia Sylt (bis 1970) und Karin Stranig (ab 1970). 1971 wurde die Gruppe um den Bassisten Peter Altrichter (* 1947) erweitert.
1970 versuchten sie ihr Glück bei der Vorausscheidung zur "Show-Chance" 1970, einem großen von ORF und Ö3 (rund um Rundfunk-Legende Evamaria Kaiser) initiierten Talentwettbewerb, kamen jedoch mit ihrem Titel im Wiener Dialekt nicht ins Finale, da die Jury meinte, dass man diese Art von Musik nicht wolle (den Bewerb hat übrigens ex äquo mit Eric, der ein englisches Lied sang, Marianne Mendt mit "Wie a Glock'n" gewonnen!).
Am 20. September 1970 traten sie mit ihrer Eigenkomposition "The Time" in Peter Rapps legendärer Musiksendung "Spotlight" auf - übrigens die allererste Sendung im ORF, die in Farbe ausgestrahlt wurde!

Golem spielt keine Lieder zum Mittanzen, sie machen Musik zum Zuhören. Mit ihrer Eigenkomposition "Your Time is over", die sie aus acht vorgegebenen Takten komponierten, errangen sie bei der "Show-Chance" 1971 den Sieg. Der Titel wurde später auch als Single veröffentlicht. 1973 folgte die EP "Rote Sonne Golgotha" mit Liedern zu Bildern des Künstlers Roland Litzenburger (1917-1987) unter der musikalischen Leitung von Gerhard Bronner. Bei der Produktion der geplanten Langspielplatte kam es allerdings zu Unstimmigkeiten innerhalb der Gruppe, weshalb die gesamte Produktion von Bronner vernichtet wurde. Lediglich der Titel "Jonah saß im Wal" wurde von Bronner selbst mit Golem als (ungenannten) Begleitchor als Single veröffentlicht.

Nach dem Ausstieg von Martin Wolfer 1974 löste sich die Gruppe auf. 1975 gründete Kutzer gemeinsam mit Karin Stranig, Evamaria Kaiser und Ernst Kugler die Clowngruppe "KaiKuKaS", mit der sie nicht nur zahlreiche Auftritte absolvierten, sondern auch mehrere Tonträger veröffentlichten.

Die vorliegende Aufnahme "Die Zeit" ist die deutsche Version von "The Time". Der deutsche Text ist ein Frühwerk des jungen Georg Danzer (1946-2007), der nach zwei eher gefloppten Singles als Komponist und Texter für andere InterpretInnen tätig war.


Die Zeit deines Lebens
Ist so wie ein rotes Band
Das du hältst in deiner Hand
Halt' es fest und nütz' die Zeit

Und frag' nicht vergebens
Nach dem Rätsel dieser Welt
Deine Stunden sind gezählt
Halt' sie fest und nütz' die Zeit

Zeit ist ein Traum, ein Flug ohne Flügel
Sie läuft dahin, wie ein Pferd ohne Zügel
Zeit ist ein Haus mit offenen Türen
Durch das du gehst

Zeit zu vergessen, Zeit zu vergeben
Du hast wenig zum Leben
Und darum nütz' die Zeit
Deines Lebens
Sie gehört nur dir allein
Und für immer ist sie dein
Halt' sie fest und nütz' die Zeit

Refrain






Ein wahnsinnig poetischer Text von Georg Danzer, der auch 50 Jahre später nicht an Aktualität verloren hat. Und ich glaube, heute fühlt sich alles noch schnelllebiger an, als damals. Und eigentlich ist dem Ganzen nichts hinzuzufügen, oder? Wir alle haben jeden Tag 24 Stunden zur Verfügung und die Chance, das Beste daraus zu machen. Manchmal gelingt es uns, häufig aber so überhaupt nicht. An sich ist das auch überhaupt kein Problem, allerdings weiß leider keiner von uns, wann der Sand in unserer Sanduhr durchgelaufen ist. Denken wir in diesem Moment dann an das, was schön war oder an das, was wir ver(ab)säumt, falsch gemacht, nicht gesagt haben?

"Am Grab der meisten Menschen trauert - tief verschleiert - ihr ungelebtes Leben." (Georg Jellinek, 1851-1911)

Freitag, 5. Juni 2020

BONUS - "Du suchst im Spiegel dein Gesicht" - Anita & Georg (1967)

Als kleine Wiedergutmachung für die Vernachlässigung der letzten Tage (und ich bin ja immer noch in Verzug und hole das auch heute Abend nicht mehr auf), ein kleiner Bonus!



1968, ein ORF-Fernsehstudio in Wien. Scheinwerfer gehen an. In der Kulisse stehen ein 21jähriger Mann und eine 17jährige Frau - er mit Rollkragenpullover und Gitarre, sie in Bluse und langem Rock. Sie singen eine seiner Eigenkompositionen: "Du suchst im Spiegel dein Gesicht".
Gerhard Bronner, der die beiden in seine Sendung "Showfenster" eingeladen hat, prognostiziert dem jungen Mann eine Weltkarriere. Er erinnert sich daran später hier

Er hieß Georg Danzer (1946-2007) und veröffentlicht kurz darauf zwei Solo-Singles, die beide - im Udo-Jürgens-Stil gehalten - kolossal floppen. Es dauerte mehr als fünf Jahre bis er als Sänger in Österreich Erfolg hat, aber dann gab's bald - bis zu seinem leider viel zu frühen Tod - kein Halten mehr.

Und wer war sie? Anita Ammersfeld, 1950 in Wien geboren. Nach einem Gesangsstudium am Royal Conservatory of Music in Toronto/Kanada, kehrt sie nach Wien zurück, um hier weiterzustudieren. Dieses Studium legte sie 1974 ab und debütierte im gleichen Jahr als Cherubino - und frischgebackenes Ensemblemitglied - in "Le Nozze di Figaro" an der Wiener Volksoper. Zahlreiche weitere Engagements folgten.
Von 2005 bis 2015 war sie Intendantin des stadtTheaters walfischgasse in Wien.




Ein wahnsinnig schönes, gut gesungenes Chanson aus der Feder von Georg Danzer, der Ende der 60er-/Anfang der 70er-Jahre zahlreiche poetische Lieder für verschiedene österreichische Sänger komponierte und textete.

Du suchst im Spiegel dein Gesicht
Du kennst dich selbst nicht mehr
Dein Tag ist ohne Wiederkehr

Du gehst den Weg der Einsamkeit
Du fragst nicht nach dem Ziel
Die Antwort wäre dir zu viel

Der Tag ist bald vorbei, die Nacht wird kalt
Noch suchst du irgendeinen Halt
Wenn du zurückkehrst aus der Dunkelheit
Dann ist das Ende nicht mehr weit

Du gehst den Weg der Einsamkeit
Du fragst nicht nach dem Ziel
Die Antwort wäre dir zu viel

Erst, wenn du dich nach nichts mehr sehnst
Ist deine Zeit vorbei
Dann bist du wieder von dir frei

Refrain


Zugegeben - ein Party- oder Stimmungskracher ist das definitiv nicht. Aber poetisch.
Wie auch immer. Ich wünsche euch einen schönen Abend und bin unfassbar dankbar darüber, dass es von diesem schönen Song einen Fernsehauftritt als Zeitdokument gibt. Jünger hat man Georg Danzer definitiv nie wieder gesehen ;)

Dienstag, 5. Mai 2020

# 48 - "Weanerisch is klass" - The Malformation (1971)

Ist Patriotismus gut? Darf man sich darüber freuen, ÖsterreicherIn zu sein? Was ist denn eigentlich dieses Österreichische? Der Wiener Charme, Salzburger Nockerl, das Grantln, das Z'sammsitz'n oder die unfassbar große Bandbreite an sympathischen Schimpfwörtern, die so in keiner anderen Sprache funktionieren?

Was auch immer es genau ist, ich hab eine große Begeisterung für diese (heute) ein wenig eigentümlich wirkende Musik!




THE MALFORMATION
A: I steh' auf di (M & T: Georg Danzer)
B: Weanerisch is klass (M & T: Georg Danzer)

1971, EMI Columbia, E 006 33 041
produziert von René Reitz

"Wie diese Dialektwelle, die heute als Ursprung des sogenannten 'Austro-Pop' verstanden wird, wirklich begonnen hat, ist nicht ganz klar. Fix ist, dass es entgegen der gängigen Auffassung nicht die Gerhard-Bronner-Komposition 'Wie a Glock'n' war, die dieses Genre begründet hat.
Die Ursprünge in der damals sehr vitalen Wiener Folk-Szene zu vermuten, ist schon eher nahe liegend. Einige nennen Walter Frey, den Sänger der Wiener Underground-Band Jesus H.C., den eigentlichen Erfinder des Austropops. 1967 sei er bereits in Wiener Clubs mit der Interpretation bekannter Folk-Songs auf Wienerisch aufgetreten. 1969 fragte die ORF-Jugendredaktion bei der Wiener Folk- und Blues-Band The Worried Man Skiffle Group an, ob diese nicht Lust hätten, für eine Sendung ein paar Songs auf Wienerisch aufzunehmen. (...) Der im TV uraufgeführte Song 'Glaubst i bin bled?' führte daraufhin sieben Wochen die österreichische Hitparade an und öffnete dem Mundart-Pop Tür und Angel. 1970 toppte Columbia diesen Erfolg mit dem Mega-Seller 'Wie a Glock'n' von Marianne Mendt (...).

Die Vermarktbarkeit dieses neuen Dialektphänomens bewegte einige österreichische Bands dazu, von Englisch auf Wienerisch umzusatteln. Die Lost Generation zum Beispiel, die schon eine englischsprachige Single eingespielt hatten, brachten im neuen, zeitgemäßen Gewand mit 'Hau di am Dampfer, Zwutschkerl' einen der fiesesten Put-down-Songs aller Zeit heraus. (...) Columbia legte nach. Innerhalb kurzer Zeit wurden neue Bands ins Rennen geschickt, die alle nach der gleichen Rezeptur gestrickt waren: Englischer Name, Wienerischer Gesang, derber Humor und harter Sound. Eine der profiliertesten war die Formation The Madcaps, die vier Singles und ein Album herausbrachten. Der junge Georg Danzer, der sich in den Jahren zuvor mit wenig Erfolg an einer Solo-Karriere versucht hatte, stieg nach der ersten Single (...) in die Band ein, war aber weiterhin auch als Komponist für andere Künstler tätig. So schrieb er auch für The Malformation den Song 'Weanerisch is klass', der als Hymne für dieses junge - von später folgenden Peinlichkeiten noch völlig verschonte - Genre 'Austro-Pop' verstanden werden kann." (Al "Bird" Sputnik, Trash Rock Archives - Part 1: Beat in Österreich - Die Sechziger Jahre)


Diese ursprüngliche Art von Austro-Pop ist wirklich spannend, da man diese Musik - meiner Meinung nach - mit keiner anderen musikalischen Gattung auch nur ansatzweise vergleichen kann. Federführend für diese musikalische Weiterentwicklung war definitiv Georg Danzer (1946-2007), dem nach dem großen Erfolg von "Tschik" (1972 unter Pseudonym) erst 1975 mit "Jö schau" auch ein Hit unter seinem bürgerlichen Namen gelang.

Mitglieder von "The Malformation" (zu deutsch: die Missbildung) waren
Stefan Haselmayer
Ludwig Kalkus
Karl Mayerhofer
Albin Wegerbauer
Bernd Zischka

Nach zwei Singles in "weanerisch", orientierte sich die Band wieder an englischer Popmusik und wurde zu Österreichs einziger Glam-Rock-Band (a la Sweet).
Zwischen 1971 und 1976 brachte The (New) Malformation insgesamt sieben Singles auf den Markt.




I steh' auf mi söba
Heut' is alles leiwand
Hat vielleicht von euch no irgendwer an Einwand - ha?
I brauch kane Häuser, dass ma amoi guat geht
I brauch nur an Sound, der was ma untern Huat geht - jo

I brauch kan Blues mehr und kan Underground
Weu i sag: Weanerisch is klass
Und die Erkenntnis stesst mi au'n G'wand
I bin auf nix mehr anders haas

Endlich bin i frei, weu i jetzt die Musik hab
Die ma alles gibt, was i heut' fir a Glick hab - jo!
Weanerisch is klass, des war scho längstens föllig
I steh' auf mi söba, i bin richtig söllig - jo 





Da muss man doch gar nichts mehr extra dazusagen, oder? Sunst kaunst di übad'Häusa hau'n, wenn'st a Problem host ... fong jetzt gfölligst kan Ballawatsch an und hau di am Dampfer, Zwutschkerl!

All jene, die mit dieser sprachlichen Varietät wenig anfangen können bzw. die starke Verständnisschwierigkeiten haben, kann ich nur sagen: Die Musik ist geil. Und wenn man's nicht versteht, auch wurscht (wer versteht schon die Texte von französischen Chansons  ...)!

Habt trotz bescheidenem Wetter einen möglichst leiwand'n Tag!