Obskures, Skurriles, Schauriges und manchmal sogar Schönes aus der Welt der deutschsprachigen und internationalen Musikszene - mit Schwerpunkt auf den 60er- und 70er-Jahren. Inklusive Nostalgiebonus und einem großen Augenzwinkern ;)
Die leisen Töne sind es, die mich aktuell beschäftigen. Die, die meist überhört werden. Und doch gibt es aktuell kaum etwas, dass ich mir mehr wünschen würde, als das Herz und Verstand wieder mehr Einzug in unsere Gesellschaft finden würden ...
DIE HUTHMACHERS Herz und Verstand (M & T: Dieter Huthmacher)
1978, Doppelfant, aus der LP "Lieder" Die Huthmachers bestanden aus Karin Huthmacher, geb. Oehler (1950-2020) und Dieter Huthmacher (* 1947). Das Duo, das auch privat ein Paar war, formierte sich 1977 und trat bis zur Scheidung 1999 gemeinsam auf. Im Juli 1977 traten sie im "Talentschuppen" und 1979 in Michael Schanzes Fernsehsendung "Michael Schanze präsentiert Nachwuchkünstler" auf. Dieter Huthmacher nahm solistisch bereits 1974 ("Ich sing' jetzt nicht das Deutschlandlied") und 1976 ("Immer in Eile") Langspielplatten auf.
Zwischen 1978 und 1996 veröffentlichten sie gemeinsam mehrere Langspielplatten mit ihren eigenen Titeln.
Wenn keine Zeit mehr bleibt Wenn keine Zeit mehr bleibt Für ein paar Gefühle
Wenn keine Zeit mehr bleibt Wenn keine Zeit mehr bleibt Für ein paar Gefühle
Wenn keine Zeit mehr bleibt
Wenn keine Zeit mehr bleibt
Für ein paar Gefühle
Bleibt mir nur der Verstand
Bleibt mir nur der Verstand
Und nichts mehr, was ich liebe
Bleibt mir nur der Verstand
Bleibt mir nur der Verstand
Und nichts mehr, was ich liebe
Bleibt mir nur der Verstand
Bleibt mir nur der Verstand
Und nichts mehr, was ich liebe
Dass, ich beides mir bewahr
Verstand und Herz sogar
Erfinde ich die Lüge
Dass, ich beides mir bewahr
Verstand und Herz sogar
Erfinde ich die Lüge
Dass, ich beides mir bewahr
Verstand und Herz sogar
Erfinde ich die Lüge
Und bau' auf den Verstand
Und bau' auf den Verstand
Auf dass er mir genüge
Und bau' auf den Verstand
Und bau' auf den Verstand
Auf dass er mir genüge
Und bau' auf den Verstand
Und bau' auf den Verstand
Auf dass er mir genüge
Weil keine Zeit mehr bleibt
Weil keine Zeit mehr bleibt
Für ein paar Gefühle
Weil keine Zeit mehr bleibt
Weil keine Zeit mehr bleibt
Für ein paar Gefühle
Dem ist fast nichts hinzuzufügen. Faszinierend wie wenig Worte man manchmal verwenden muss, um doch ganz viel auszusagen. Die wichtigste Botschaft steckt allerdings auf den leeren Zeilen dazwischen ... doch die finden leider nur die wenigsten.
Nach ein paar Tagen Abstinenz habt ihr euch hoffentlich von den skurrilen 80er-Hits der letzten Postings erholt und freut euch wieder auf leisere Töne. Heute stelle ich euch eine ganz besondere Rarität vor:
GOLEM Die Zeit [The Time] (M: Peter Kutzer-Salm / dt. T: Georg Danzer)
1970, Rundfunkaufnahme (leider niemals auf Platte veröffentlicht)
Die Wiener Band Golem wurde Ende der 60er-Jahre von Peter "Piet" Kutzer-Salm (* 1946) in Wien gegründet. Weitere Mitglieder waren Horst "Flöti" Noibinger (* 1944), Martin Wolfer (1947-1999), Sylvia Sylt (bis 1970) und Karin Stranig (ab 1970). 1971 wurde die Gruppe um den Bassisten Peter Altrichter (* 1947) erweitert.
1970 versuchten sie ihr Glück bei der Vorausscheidung zur "Show-Chance" 1970, einem großen von ORF und Ö3 (rund um Rundfunk-Legende Evamaria Kaiser) initiierten Talentwettbewerb, kamen jedoch mit ihrem Titel im Wiener Dialekt nicht ins Finale, da die Jury meinte, dass man diese Art von Musik nicht wolle (den Bewerb hat übrigens ex äquo mit Eric, der ein englisches Lied sang, Marianne Mendt mit "Wie a Glock'n" gewonnen!).
Am 20. September 1970 traten sie mit ihrer Eigenkomposition "The Time" in Peter Rapps legendärer Musiksendung "Spotlight" auf - übrigens die allererste Sendung im ORF, die in Farbe ausgestrahlt wurde!
Golem spielt keine Lieder zum Mittanzen, sie machen Musik zum Zuhören. Mit ihrer Eigenkomposition "Your Time is over", die sie aus acht vorgegebenen Takten komponierten, errangen sie bei der "Show-Chance" 1971 den Sieg. Der Titel wurde später auch als Single veröffentlicht. 1973 folgte die EP "Rote Sonne Golgotha" mit Liedern zu Bildern des Künstlers Roland Litzenburger (1917-1987) unter der musikalischen Leitung von Gerhard Bronner. Bei der Produktion der geplanten Langspielplatte kam es allerdings zu Unstimmigkeiten innerhalb der Gruppe, weshalb die gesamte Produktion von Bronner vernichtet wurde. Lediglich der Titel "Jonah saß im Wal" wurde von Bronner selbst mit Golem als (ungenannten) Begleitchor als Single veröffentlicht.
Nach dem Ausstieg von Martin Wolfer 1974 löste sich die Gruppe auf. 1975 gründete Kutzer gemeinsam mit Karin Stranig, Evamaria Kaiser und Ernst Kugler die Clowngruppe "KaiKuKaS", mit der sie nicht nur zahlreiche Auftritte absolvierten, sondern auch mehrere Tonträger veröffentlichten.
Die vorliegende Aufnahme "Die Zeit" ist die deutsche Version von "The Time". Der deutsche Text ist ein Frühwerk des jungen Georg Danzer (1946-2007), der nach zwei eher gefloppten Singles als Komponist und Texter für andere InterpretInnen tätig war.
Die Zeit deines Lebens Ist so wie ein rotes Band Das du hältst in deiner Hand Halt' es fest und nütz' die Zeit
Und frag' nicht vergebens Nach dem Rätsel dieser Welt Deine Stunden sind gezählt Halt' sie fest und nütz' die Zeit
Zeit ist ein Traum, ein Flug ohne Flügel Sie läuft dahin, wie ein Pferd ohne Zügel Zeit ist ein Haus mit offenen Türen Durch das du gehst
Zeit zu vergessen, Zeit zu vergeben Du hast wenig zum Leben Und darum nütz' die Zeit Deines Lebens Sie gehört nur dir allein Und für immer ist sie dein Halt' sie fest und nütz' die Zeit
Refrain
Ein wahnsinnig poetischer Text von Georg Danzer, der auch 50 Jahre später nicht an Aktualität verloren hat. Und ich glaube, heute fühlt sich alles noch schnelllebiger an, als damals. Und eigentlich ist dem Ganzen nichts hinzuzufügen, oder? Wir alle haben jeden Tag 24 Stunden zur Verfügung und die Chance, das Beste daraus zu machen. Manchmal gelingt es uns, häufig aber so überhaupt nicht. An sich ist das auch überhaupt kein Problem, allerdings weiß leider keiner von uns, wann der Sand in unserer Sanduhr durchgelaufen ist. Denken wir in diesem Moment dann an das, was schön war oder an das, was wir ver(ab)säumt, falsch gemacht, nicht gesagt haben?
"Am Grab der meisten Menschen trauert - tief verschleiert - ihr ungelebtes Leben." (Georg Jellinek, 1851-1911)
Gut. Ich habe meinen Vorsatz meine liebsten Songs made in Austria zu posten, gerade wieder verworfen, da mir gerade dieses Lied wieder unter kam.
ALEXANDRA A: Sehnsucht (M: Rudi Bauer / T: Fred Weyrich)
B: Was ist das Ziel? [Les Ballons roughes - Serge Lama] (M: Serge Lama / dt. T: Fred Weyrich)
1968, Philips, 384 504 PF produziert von Fred Weyrich
Alexandra wurde 1942 in Heydekrug als Doris Treitz geboren. Nach der Evakuierung des Memellandes 1944 und anschließender Flucht vor der Roten Armee kam ihre Familie zunächst nach Sachsen und anschließend nach Kiel, wo sie die Volksschule und das Gymnasium besucht. Sie lernte die Gitarre und Klavier und begann früh eigene Lieder und Gedichte zu schreiben. Zwei Jahre vor dem Abitur brach sie die Schule ab, um Modedesignerin zu werden. Sie begann ein Grafikstudium und schlug sich mit mehreren Gelegenheitsjobs über Wasser. 1961 zog sie mit ihrer (inzwischen geschiedenen) Mutter und einer Schwester nach Hamburg, wo sie die Meisterschule für Mode besuchte. 1962 nahm sie an der Miss-Germany-Wahl teil und belegte Platz neun. In Hamburg lernte sie auch ihren späteren Ehemann, den Russen Nikolai Nefedov (1912-1989), kennen, der bei ihnen zur Untermiete wurde. Im Juni 1963 wird ihr gemeinsamer Sohn Alexander geboren. Die Pläne, gemeinsam nach Amerika auszuwandern, werden verworfen, nachdem die Ehe scheitert.
Alexandra versuchte, ihr Studium zu beenden und arbeitete nebenbei als Zeichnerin. Nach dem Abschluss der Schauspielschule erhielt sie ein Engagement an einem Theater in Neumünster und nahm Gesangsunterricht. Produzent Fred Weyrich wurde schließlich auf die Folklore-Sängerin mit der tiefen Stimme aufmerksam und gemeinsam mit Manager Hans R. Beierlein wurde versucht, Alexandra zum Star aufzubauen und ihr ein Image zu geben, dass bisher am deutschen Schlagermarkt noch nicht verbreitet war: Russland.
1967 gab sie ihr Schallplattendebüt - nicht mit einer Single, wie sonst üblich, sondern mit einem ganzen Album: "Premiere mit Alexandra". Die ausgekoppelte Single "Zigeunerjunge" erreichte #22 der deutschen Charts. Ihr größter Hit wurde "Sehnsucht" (#12), ein Titel, der ihr selbst überhaupt nicht gefiel. Bereits nach kurzer Zeit hatte die vielseitige Künstlerin, die auch selbst komponierte und textete, genug auf slawisch-folkloristische Schlager reduziert zu werden. Sie suchte Kontakt zu französischen Chansonnieres wie Salvatore Adamo und Gilbert Bécaud und übertrug einige ihrer Titel in deutsche Sprache. Eine enge Freundschaft entstand mit Udo Jürgens, die gemeinsam 1968 den Titel "Illusionen" (#38) herausbrachten. Anfang 1969 zog Alexandra nach München und verlobte sich mit Pierre Lafaire.
Am 31. Juli 1969 fuhr Alexandra mit ihrem Sohn und ihrer Mutter von Hamburg Richtung Sylt in den lange geplanten Urlaub. Beim Überqueren einer Kreuzung in Tellingstedt kollidiert ihr Fahrzeug mit einem Lastwagen. Das Fahrzeug wurde schwer beschädigt, Alexandra starb 27jährig noch am Unfallort, ihre Mutter wenig später im Krankenhaus. Der auf der Rückbank schlafende sechsjährige Alexander wurde nur leicht verletzt.
Neben den bereits erwähnten zählen zu ihren bekanntesten Titeln "Erstes Morgenrot", "Aus", "Mein Freund der Baum", "Der Traum vom Fliegen" oder "Schwarze Balalaika".
Nun zum heutigen Song:
Es ist November und der Regen Kriecht durch die Kleider auf die Haut Ich geh' alleine auf den Wegen Die mir vom Sommer her vertraut
Wem wohl die kalten Tage nützen Was gestern lebte, ist heut' taub Und in den schmutzig grauen Pfützen Ertränkt der Bäume welkes Laub
Was ist das Ziel in diesem Spiel Das der Natur seit je gefiel?
An ein paar Zweigen hängen Blätter Die heute Nacht der Wind vergaß Den Pavillon versperren Bretter Wo manches Liebespärchen saß
Sogar die Nester in den Bäumen Sind ohne Leben ohne Sinn Und mir alleine bleibt das träumen Weil ich ein Mensch mit Träumen bin
Was ist das Ziel in diesem Spiel Das der Natur seit je gefiel?
Ich bin auf einmal so alleine Wo ist das Glück, das hier begann? Die kahlen Bäume und die Steine Die schau'n mich durch den Regen an
Ich suche oben in den Sternen Ein wenig Trost für mein Geschick Doch der, der Trost sucht, sollte lernen Er ist vergänglich wie das Glück
Was ist das Ziel in diesem Spiel Das der Natur seit je gefiel?
Doch aus Verzweiflung wächst das Hoffen Das uns die Kraft zum Atmen schenkt Zwar bleiben viele Wünsche offen Weil irgendwer das Schicksal lenkt
Solange hier bei uns auf Erden Man einen Hauch von Leben spürt Sorgt dieses Schicksal für das Werden Und gibt das Glück, dem Glück gebührt
Das ist das Ziel in diesem Spiel Das der Natur seit je gefiel
Zum Vergleich das Original von Serge Lama
Und hier die absolut sehenswerte Dokumentation "Alexandra - Die Legende einer Sängerin" von Marc Boettcher aus dem Jahr 1999.
Um Alexandras Tod ranken sich zahlreiche Mythen. Drohungen, Vorahnungen und dubiose Vorfälle. Alexandra verfasste vor ihrem Urlaub noch kurzerhand ein Testament und kaufte ein Doppelgrab. War es ein tragischer Unfall, Selbstmord oder Mord? Wieso fuhr Alexandras neuer Wagen ungebremst über die Kreuzung? Nach ihrem Tod wurde in ihre Wohnung eingebrochen und verschiedene Dinge verschwanden. Wieso gab es einen versuchten Einbruch in die Leichenhalle? Zudem kam vor einigen Jahren ans Tageslicht, dass ihr Verlobter Pierre Lafaire nicht nur Bigamist, sondern auch US-Geheimagent war. Diesen dubiosen und zum Teil rätselhaften Dingen geht Marc Boettcher in seiner Dokumentation auf dem Grund.
Viele Rätsel ranken sich um das kurze Leben der Sängerin Alexandra, die mit ihrer einzigartigen Stimme einen großen Platz im deutschen Musikgeschäft einnimmt. Wie wäre ihr Leben weitergegangen, was wäre aus ihr geworden? Würde man ihren Namen heute noch kennen, wenn sie nicht so früh verstorben wäre?
Alexandras Titel sind meist mit dunkler Melancholie und russischer Folklore verknüpft, das musikalische Erbe ihrer weniger als drei Jahre andauernden Karriere ist aber um einiges umfangreicher. Vor allem ihre selbst geschriebenen Titel zeigen, um was für eine talentierte, intellektuelle und feinfühlige Sängerin es sich bei ihr gehandelt haben muss. Das Lied "Was ist das Ziel?", im Original von Serge Lama, beweist (im Vergleich mit dem Original), was Alexandra für eine begnadete Interpretin war und wie sie es schafft, jedes Lied zu ihrem eigenen zu machen. Ihre Lieder klingen nie beliebig, sie hat etwas zu sagen. Und auch wenn das vorliegende Lied alles andere als lebensbejahend den Laufe des Jahres (im Speziellen den Herbst) zum Thema hat, merkt man doch, wie es - auch durch das ansteigende und immer gewaltiger werdende Arrangement - ihr ein Anliegen ist, ihre Gedanken zum Ausdruck zu bringen.
Für mich ist und bleibt Alexandra immer erste Wahl - auch abseits trister Novembermonate ;)