Dienstag, 5. Mai 2020

# 48 - "Weanerisch is klass" - The Malformation (1971)

Ist Patriotismus gut? Darf man sich darüber freuen, ÖsterreicherIn zu sein? Was ist denn eigentlich dieses Österreichische? Der Wiener Charme, Salzburger Nockerl, das Grantln, das Z'sammsitz'n oder die unfassbar große Bandbreite an sympathischen Schimpfwörtern, die so in keiner anderen Sprache funktionieren?

Was auch immer es genau ist, ich hab eine große Begeisterung für diese (heute) ein wenig eigentümlich wirkende Musik!




THE MALFORMATION
A: I steh' auf di (M & T: Georg Danzer)
B: Weanerisch is klass (M & T: Georg Danzer)

1971, EMI Columbia, E 006 33 041
produziert von René Reitz

"Wie diese Dialektwelle, die heute als Ursprung des sogenannten 'Austro-Pop' verstanden wird, wirklich begonnen hat, ist nicht ganz klar. Fix ist, dass es entgegen der gängigen Auffassung nicht die Gerhard-Bronner-Komposition 'Wie a Glock'n' war, die dieses Genre begründet hat.
Die Ursprünge in der damals sehr vitalen Wiener Folk-Szene zu vermuten, ist schon eher nahe liegend. Einige nennen Walter Frey, den Sänger der Wiener Underground-Band Jesus H.C., den eigentlichen Erfinder des Austropops. 1967 sei er bereits in Wiener Clubs mit der Interpretation bekannter Folk-Songs auf Wienerisch aufgetreten. 1969 fragte die ORF-Jugendredaktion bei der Wiener Folk- und Blues-Band The Worried Man Skiffle Group an, ob diese nicht Lust hätten, für eine Sendung ein paar Songs auf Wienerisch aufzunehmen. (...) Der im TV uraufgeführte Song 'Glaubst i bin bled?' führte daraufhin sieben Wochen die österreichische Hitparade an und öffnete dem Mundart-Pop Tür und Angel. 1970 toppte Columbia diesen Erfolg mit dem Mega-Seller 'Wie a Glock'n' von Marianne Mendt (...).

Die Vermarktbarkeit dieses neuen Dialektphänomens bewegte einige österreichische Bands dazu, von Englisch auf Wienerisch umzusatteln. Die Lost Generation zum Beispiel, die schon eine englischsprachige Single eingespielt hatten, brachten im neuen, zeitgemäßen Gewand mit 'Hau di am Dampfer, Zwutschkerl' einen der fiesesten Put-down-Songs aller Zeit heraus. (...) Columbia legte nach. Innerhalb kurzer Zeit wurden neue Bands ins Rennen geschickt, die alle nach der gleichen Rezeptur gestrickt waren: Englischer Name, Wienerischer Gesang, derber Humor und harter Sound. Eine der profiliertesten war die Formation The Madcaps, die vier Singles und ein Album herausbrachten. Der junge Georg Danzer, der sich in den Jahren zuvor mit wenig Erfolg an einer Solo-Karriere versucht hatte, stieg nach der ersten Single (...) in die Band ein, war aber weiterhin auch als Komponist für andere Künstler tätig. So schrieb er auch für The Malformation den Song 'Weanerisch is klass', der als Hymne für dieses junge - von später folgenden Peinlichkeiten noch völlig verschonte - Genre 'Austro-Pop' verstanden werden kann." (Al "Bird" Sputnik, Trash Rock Archives - Part 1: Beat in Österreich - Die Sechziger Jahre)


Diese ursprüngliche Art von Austro-Pop ist wirklich spannend, da man diese Musik - meiner Meinung nach - mit keiner anderen musikalischen Gattung auch nur ansatzweise vergleichen kann. Federführend für diese musikalische Weiterentwicklung war definitiv Georg Danzer (1946-2007), dem nach dem großen Erfolg von "Tschik" (1972 unter Pseudonym) erst 1975 mit "Jö schau" auch ein Hit unter seinem bürgerlichen Namen gelang.

Mitglieder von "The Malformation" (zu deutsch: die Missbildung) waren
Stefan Haselmayer
Ludwig Kalkus
Karl Mayerhofer
Albin Wegerbauer
Bernd Zischka

Nach zwei Singles in "weanerisch", orientierte sich die Band wieder an englischer Popmusik und wurde zu Österreichs einziger Glam-Rock-Band (a la Sweet).
Zwischen 1971 und 1976 brachte The (New) Malformation insgesamt sieben Singles auf den Markt.




I steh' auf mi söba
Heut' is alles leiwand
Hat vielleicht von euch no irgendwer an Einwand - ha?
I brauch kane Häuser, dass ma amoi guat geht
I brauch nur an Sound, der was ma untern Huat geht - jo

I brauch kan Blues mehr und kan Underground
Weu i sag: Weanerisch is klass
Und die Erkenntnis stesst mi au'n G'wand
I bin auf nix mehr anders haas

Endlich bin i frei, weu i jetzt die Musik hab
Die ma alles gibt, was i heut' fir a Glick hab - jo!
Weanerisch is klass, des war scho längstens föllig
I steh' auf mi söba, i bin richtig söllig - jo 





Da muss man doch gar nichts mehr extra dazusagen, oder? Sunst kaunst di übad'Häusa hau'n, wenn'st a Problem host ... fong jetzt gfölligst kan Ballawatsch an und hau di am Dampfer, Zwutschkerl!

All jene, die mit dieser sprachlichen Varietät wenig anfangen können bzw. die starke Verständnisschwierigkeiten haben, kann ich nur sagen: Die Musik ist geil. Und wenn man's nicht versteht, auch wurscht (wer versteht schon die Texte von französischen Chansons  ...)!

Habt trotz bescheidenem Wetter einen möglichst leiwand'n Tag!

Montag, 4. Mai 2020

# 47 - "15 ist ein undankbares Alter" - Juliane Werding (1972)

Der heutige Titel schockiert mich. Nicht wegen des Textes oder Gesangs. Nein. Sondern weil mir dadurch bewusst wird, dass mein eigenes 15-jähriges Ich - mit heute - 15 Jahre her ist. Und es fühlt sich noch immer an, als wäre es gestern. Nur sitze ich heute auf meiner Couch, in meiner Wohnung, 130 km von meinem Elternhaus entfernt.
Was würde ich wohl jetzt meinem 15-jährigen Ich sagen? Wahrscheinlich: "30 ist auch ein undankbares Alter" ;) ... nein. Ich glaube, dass ich ihm sagen würde, dass er mehr an sich glauben soll ... an das, was in ihm steckt ... und sich weniger Gedanken um das machen soll, was andere von ihm halten oder in ihm sehen wollen. So ungefähr. Außer vielleicht, dass er sich mit 17 nicht die Haare färben soll ... aber gut, solche Fehler macht jeder mal ;)
Aber im Großen und Ganzen hat sich nicht so viel geändert zwischen uns ... wenn man vom Gewicht und der Anzahl an grauen Haaren absieht ... ;)





JULIANE WERDING
15 ist ein undankbares Alter (M: Dieter Zimmermann / T: Hans-Ulrich Weigel)

1972, Hansa
aus der LP "In tiefer Trauer"
produziert von Peter Meisel

Juliane Werding wurde 1956 in Essen geboren. Im Juni 1971 hatte sie ihren ersten Fernsehauftritt im SWR-Talentschuppen und erhielt bereits vor der Sendung ihren ersten Plattenvertrag.
Gleich ihre erste Single "Am Tag, als Conny Kramer starb" schlug im Frühjahr 1972 ein. Der Song erreichte Platz 1 der deutschen Charts und konnte sich 14 Wochen in den Top-10 halten. Die Single verkaufte sich mehr als 1.000.000-mal - das folgende Album "In tiefer Trauer" 100.000-mal. Juliane wurde über Nacht berühmt - Ende des Jahres erhielt sie die "Goldene Europa" und den goldenen "Bravo-Otto" als beliebteste Sängerin des Jahres.
Trotz dem ganzen Ruhm machte sie 1973 ihre mittlere Reife und absolvierte danach die Handelsschule.
Juliane Werding ist eine der wenigen SängerInnen, deren Karriere mehr als drei Jahrzehnte überdauerte. Weitere Hits waren "Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst" (1975), "Nacht voll Schatten" (1983), "Stimmen im Wind" (1985), "Sehnsucht ist unheilbar" (1985), "Sie weiß, was sie will" (1992), "Du schaffst es" (1993) oder "Engel wie du" (1994 - mit Viktor Lazlo und Maggie Reilly). Insgesamt hat Juliane Werding, die Mutter zweier Kinder ist, mehr als 25 Millionen Platten verkauft.
Bereits in den 80er-Jahren begann Werding eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. 2009 zog sie sich aus dem Showgeschäft zurück, um dieser Tätigkeit wieder in einer Gemeinschaftspraxis in Starnberg nachzugehen.

Den Beginn ihrer Karriere prägte auch Hans-Ulrich Weigel (wir erinnern uns an seinen Namen durch die Zusammenarbeit mit Carola) mit. Weigel, dem 1971 mit "Mamy Blue" ein Riesenerfolg für Ricky Shayne glückte, versuchte sich in die damals 15-Jährige hineinzuversetzen - und es gelang ihm auch. Die Lieder passen zum damaligen Zeitgeist und machen Juliane über Nacht zur "Problemsängerin" - im positiven Sinn. Sie spricht die Themen an, die die Jugendlichen interessieren - Drogen, Umweltverschmutzung, Ausgrenzung, Krieg, Technisierung, aber auch Frieden und Freundschaft. Kurzum ein großer Coup.

Komponist Dieter Zimmermann war nicht nur kurzzeitig mit Agnetha Fältskog (ja, die von ABBA!) verlobt, sondern auch musikalisch für den deutschen Grand-Prix-Beitrag 1971 ("Diese Welt" von Katja Ebstein) verantwortlich - immerhin Platz 3! Leider starb er bereits 1978 - im Alter von 34 Jahren - an Leukämie.

15 ist ein undankbares Alter
Du siehst aus 17
Doch sie behandeln dich wie 13

15 ist ein undankbares Alter
Du hast Probleme mit der Liebe und dem Leben
Und darfst noch nicht darüber reden

Du fühlst dich bewacht, wie in einer Kaserne
Doch von deinem Taschengeld leben Konzerne
Es gibt eine Zeitung extra für dich
Doch nach deiner Meinung fragen sie nicht

Refrain


Deine besten Freunde will man dir vermiesen
Deine Ideale, die tritt man mit Füßen
Doch du findest dich ab und denkst, das wird sich geben
Und du lernst mit dem schlechten Gewissen zu leben

Refrain




Zimmermann und Weigel entwickelten einen speziellen Sound, der sich vom damals üblichen seichten Schlagereinerlei deutlich abhebt. Es klingt ehrlicher, moderner, revolutionärer. Man fühlt sich nicht nur verstanden, sondern auch ernst genommen. Zudem hat Juliane etwas Cooles - auch in ihrer Stimme - und sie findet Gehör: frei nach dem Motto "eine von uns, die sagt, was wir denken".

Für diesen nostalgischen Song geb ich doch glatt fünf Bravo-Zeitungen!

Spannend, wenn man sich den Text anschaut. Der hat auch fast 50 Jahre später kaum an Aktualität verloren. Ich glaube vielen Jugendlichen würde der Titel auch heute noch aus dem Herzen sprechen ... wenn sie kurz mal auf Snapchat, Instagram oder tiktok verzichten würden.

Leider gehört aber das Erwachsenenwerden zum Leben dazu. In dieser Hinsicht ist es schon ganz praktisch, nicht mehr 15 zu sein. Allerdings ist 30 manchmal auch ein undankbares Alter, merke ich zumindest jetzt gerade ...

Sonntag, 3. Mai 2020

# 46 - "Ade, du graue Welt" - Horst Janson (1974)

NEIN! Bitte, macht euch keine Sorgen! Das sind keine Abschiedsworte meinerseits. Der Blog wird noch weiterbestehen. Darüberhinaus bin ich nicht suizidal und auch nicht depressiv oder deprimiert. Der Titel ist nicht so tragisch, wie es scheint.




HORST JANSON & MONIKA LUNDI
A: Wir wollen es haben [Having my Baby - Paul Anka] (M: Paul Anka / dt. T: Michael Kunze)
B: Ade, du graue Welt (M & T: Michael Kunze)

1974, Music, 13 564 AT
produziert von Michael Kunze


Bereits in den 70er-Jahren war es immer wieder populär, dass auch bekannte und beliebte SchauspielerInnen Songs aufnahmen - unabhängig ihrer musikalischen Eignung dafür.

Horst Janson (* 1935) zählt zu den erfolgreichsten Schauspielern im deutschsprachigen Raum. Bekannt wurde er durch die Verfilmung von "Die Buddenbrooks" (1959). Sein Durchbruch gelang ihm 1968 in der ARD-Fernsehserie "Salto Mortale", in der er einen Trapezartisten spielte. 
Einem breiteren Publikum wurde er durch die Fernsehserie "Der Bastian" (1973) und die Filme "Die Zwillinge vom Immenhof" (1973) sowohl "Frühling auf Immenhof" (1974) bekannt. Er wirkte aber auch in internationalen Produktionen, wie beispielsweise "Zwei Kerle aus Granit" (1970), "Steiner - Das Eiserne Kreuz II" (1979) oder "The McKenzie Break" (1970), mit. Janson ist bis heute noch aktiv.

Von 1973 bis 1976 war er mit der Schauspielerin Monika Lundi (* 1942), mit der er diese Single aufnahm und auch öfters gemeinsam vor der Kamera stand, wie beispielsweise in der Konsalik-Verfilmung "Ein toter Taucher nimmt kein Gold" (1974), verheiratet.

Michael Kunze (* 1943) ist einer der erfolgreichsten deutschen Liedtexter. Er ist Grammy-Preisträger und wurde mit mehr als 70 Goldenen- und Platin-Schallplatten ausgezeichnet.
Zu seinen größten Hits zählen "Du" (Peter Maffay, 1970), "Lady Bump" (Penny McLean, 1975), "Nacht voll Schatten" (Juliane Werding, 1983), "Ohne dich schlaf' ich heut' Nacht nicht ein" (Münchner Freiheit, 1985), "Ein Bett im Kornfeld" (Jürgen Drews, 1976), "Griechischer Wein" (Udo Jürgens, 1974), "Fly Robin fly" (Silver Convention, 1977) und "Ich war noch niemals in New York" (Udo Jürgens, 1982).

Kunze übertrug die bekanntesten Broadway-Musicals ins Deutsche, so u. a. "Evita", "Cats", "Das Phantom der Oper", "Into the Woods", "A Chorus Line", "Der kleine Horrorladen", "Der König der Löwen" und "Mamma mia!".
Seit den 90er-Jahren ist er vor allem als Textautor von Musicals tätig, u. a. "Elisabeth", "Rebecca" oder "Tanz der Vampire".

Wir halten also fest, dass Herr Kunze tatsächlich musikalisch EINIGES drauf hat. Die schwache Stunde, in der "Ade, du graue Welt" entstand, sei hiermit offiziell verziehen.

Ade, du graue Welt ich geh' zum Zirkus
Da mal' ich mir die Nase an und werde Clown
Wenn Licht erstrahlt in vielen Farben
Werd' dich vergessen haben
Und wieder meinem Glück vertrau'n

Seitdem ich dich verloren hab'
Geht's mit mit immer mehr bergab
Mir schmeckt kein Wein und keine Zigarette mehr
Mein Herz ist schwer

Seitdem ich dich verloren hab'
Red' ich im Schlaf und träum' am Tag
Ich werfe jedem vor, dass ich allein sein muss
Doch jetzt ist Schluss

Refrain

Ich grüble dauernd vor mich hin
Und weil ich schlechter Laune bin
Gerate ich mit manchem guten Freund in Streit
Das geht zu weit

Ich fang' den ganzen Tag nichts an
Weil ich dich nicht vergessen kann
Und wenn du nicht zurückkommst
Bleib' ich auch nicht hier
Dann sag' ich mir

Refrain



Hätten wir das also auch besprochen. Gut, dass Horst dann doch nicht zum Zirkus gegangen ist. Wäre schade, um einige seiner Filme gewesen.
Die Sinnhaftigkeit dieses Liedes erschließt sich mir leider nicht so ganz - muss es auch nicht. Gedanken sind ja schließlich frei. Wer weiß, wie viele arme Männer sich in den 70er-Jahren in ihrer Verzweiflung - nach einem Beziehungsaus - einem Zirkus angeschlossen und dort neues Glück als Löwendompteur oder bärtige Frau gefunden haben? Dabei wollten sie eigentlich nur kurz Zigaretten kaufen ... aber das nützt jetzt eh nichts mehr, denn die schmecken - wie Horst tragisch beschreibt - leider auch nicht mehr (nicht mal der griechische? Wein!).

Von mir gibt's dafür fünf Clownnasen für das Zirkusfeeling @ Home.

Sollte ich die nächsten Tage nicht erreichbar sein, recherchiert bitte, ob ein Zirkus in der Stadt ist und falls ich mich - in geistiger Umnachtung - eben jenem angeschlossen haben sollte, holt mich bitte raus! Bitte! Danke!

Samstag, 2. Mai 2020

# 45 - "Es wird hell, Michel" - Mara Landin (1977)

Manchmal darf man sich auch etwas thematisch bei mir wünschen ... et voilá, der heutige Tageshit ist selbstverständlich wieder einmal eine Coverversion!
Allen Menschenmassen gewidmet, die sich heute morgen wohl das Gleiche dachten, und sofort aus dem Bett sprangen, um die langersehnten Geschäfte endlich wieder plündern zu dürfen!




MARA LANDIN
A: Es wird hell, Michel ([Lost in France - Bonnie Tyler] (M: Ronnie Scott & Steve Wolfe / dt. T: Frank Dostal)
B: Liebeskummer [Staying Power - Barbi Benton] (M: Howard Greenfield / dt. T: Frank Dostal)

1976, Telefunken, 6.11998
produziert von Frank Dostal


Frank Dostal zeichnete auch dieses Mal wieder für einen speziellen Text verantwortlich. Nachdem das "Monchhichi-Lied" bereits für große Begeisterung sorgte, kommt hier ein weiteres Werk aus seiner Feder.
Über die Interpretin Mara Landin selbst ist wenig bekannt. Sie veröffentlichte zwischen 1974 und 1976 insgesamt vier Singles, die alle etwas gemeinsam hatten: nämlich den fehlenden Erfolg. Hört man sich diesen Song (ihre letzte Single) an, dann erkennt man, dass Mara sicherlich in vielen Dingen äußerst talentiert ist - Singen gehört aber eher nicht dazu.

Allen Frischverliebten, die wenig Wert auf anspruchsvoll-romantische Lyrik legen:

Es wird hell, Michel
Hör' wie schön die Vögel singen
Es wird hell, Michel
Soll ich dir das Frühstück bringen?

Lass uns aufsteh'n und spazieren geh'n
Dem neuen Tag in die Augen seh'n
Es wird hell, Michel, wach' auf

Es wird hell, Michel
Heute dürfen wir nicht schlafen
Du ich denk' grad dran
Wie es war, als wie uns trafen

Du warst schüchtern, ich war sehr formell

Doch hier in Frankreich, da vergeht das schnell
Es wird hell, Michel, wach' auf

Ulalala ulalala uh
Ulalalala je t'aime
Ulalala ulalala uh
Ulalalala je t'aime

Es wird hell, Michel

Ich will dir noch so viel sagen
Es wird hell, Michel
Ich muss dich noch so viel fragen

Weißt du was, ich ruf zu Hause an
Und sag', dass ich noch nicht kommen kann
Es wird hell, Michel, wach' auf


Ja. Da wären wir nun am Ende angelangt. Zugegeben, Bonnie Tyler stand damals noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Und "Lost in France" klingt auch anders, als ihre späteren Titel. Grund dafür: es war vor einer Stimmbandoperation. Aber unabhängig ob kratzige Stimme oder nicht, Bonnie hat halt Power und trägt den Song die knappen vier Minuten - trotz banalem Ulala-Geplänkel. Das kann man von Maras Version leider nicht behaupten. Die ist einfach viel zu banal geraten und das übertriebene Gesäusel eher zum Abgewöhnen (wenn ich Michel wäre, würde ich mir die Decke über den Kopf ziehen). 
Wäre die Aufgabe: "Verfasse einen Abenteueraufsatz über deine erste große Liebe im Ausland" gewesen, dann hätten wir hier ein klassisches "Thema verfehlt". Es fehlt an Spannung, romantischem Knistern, Leidenschaft - also so ziemlich allem. Da nützt es auch nichts mehr, wenn man so beiläufig Romantik-Hotspot-Land "Frankreich" einwirft (wenn, dann hätte es schon direkt Paris sein müssen!). Die ersten Strophen könnten genauso gut die Beschreibung von Backpackern in einem Hostel sein, die heute noch 347 "Sightseeing-Highlights" unterbringen müssen, bevor sie ihren morgigen Interrail-Trip fortsetzen müssen.
Schade! (#Ironieoff) Am besten gleich wieder vergessen!




Im Februar 1977 kam übrigens eine weitere Coverversion - mit abweichendem Text - auf den Markt. Gesungen wurde es von einer Kerstin. Das Plattencover zeigt nicht mal ihr Gesicht. Schade, denn diese Version ist - allein schon wegen ihrer Stimme, die mehr Ähnlichkeit mit Bonnie Tyler hat - deutlich stärker. Der Text (von Rolf Dahmen) ist definitiv stärker und intensiver. Leider gibt es keinerlei Informationen über Kerstins Identität. Schade! (#ernstgemeint)




Mein Urteil: Mara Landin muss als Wiedergutmachung Menschen, die den Namen Michel(le) tragen, fünfmal Frühstück ans Bett bringen. Hoffen wir, dass sie nicht untertaucht und sich dabei selbst verliert.

Freitag, 1. Mai 2020

# 44 - "Boutique für schöne Mädchen" - Stephan Bergen (1973)

Zuerst wollte ich heute - anlässlich des Tags der Arbeit - einen fröhlichen DDR-Schinken ausgraben, der zum fröhlich-kollektiven Ärmel-Hochkrempeln einlädt, aber den spar ich mir noch für einen anderen Tag auf ;)

"Reales" Shopping wird ja langsam wieder zum Thema, nachdem auch bald größere Geschäfte ihre Türen öffnen dürfen.




STEPHEN BERGEN
A: Boutique für schöne Mädchen (M: Christian Anders / T: Fred Jay)
B: Amore in Roma (M: Christian Anders / T: Fred Jay)

1973, Hansa, 12 537 AT
produziert von Günter Henne


Schlager-Star Christian Anders alias Antonio Augusto Schinzel-Tenicolo ("Geh' nicht vorbei", "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo", "Sechs Uhr früh in den Straßen") komponierte nicht nur für sich, sondern auch für andere. Neben dieser (einzigen) Zusammenarbeit mit Stephan Bergen, komponierte er beispielsweise für Britt Malmkjell ("Männer, die noch keine sind"), Anna-Lena ("Wenn es falsch ist dich zu lieben"), Jean-Claude ("Ich komm wieder, kleine Geisha") oder Tanja Berg ("Das Herz, das du brichst").

Über Stephan Bergen selbst ist wenig bekannt. Zuvor veröffentlichte er bei Polydor als Stephan Berger zwei Singles ("Immer, immer wieder" und "Nur für dich hab' ich Zeit").

"Stephan Bergen, Student der Volkswirtschaft, wurde 1950 in Berlin geboren. Er ist 1,76 m groß, hat braune Augen und braunes Haar. Schon während seiner Schulzeit sang er im Rias-Kinderchor und nahm fleißig Musikunterricht. Seit einiger Zeit singt er ständig in einem Berliner Theater-Chor. Stephan Bergen legt keinen Wert auf Äußerlichkeiten - er ist ein echtes Kind unserer Zeit.", schrieb seine Plattenfirma. 
Der letzte Satz ist echt in vielerlei Hinsicht originell ... so als hätte man bei der Hippie-Sängerin Feli Flower geschrieben "Als echter Hippie legt sie keinen Wert auf Hygiene - sie ist ein echtes Blumenkind dieser Zeit". Zudem möchte ich erinnern, dass der Song, den Stephan besingt, den Titel "Boutique für schöne Mädchen" trägt. Würde er keinen Wert auf Äußerlichkeiten legen, könnte es doch einfach "Boutique für (alle/jedes) Mädchen" heißen oder? Und würden wir noch eine Genderdiskussion anregen, schlicht "Boutique für Menschen"?

Im April 1973 hat er mit dem vorgestellten Titel einen Auftritt in der ZDF-Hitparade, kann sich allerdings zurecht nicht platzieren. Zu dieser Zeit stand er in "Hello, Dolly!" - neben Marika Rökk - auf der Bühne des "Theater des Westens" (heute Stage Theater des Westens) in Berlin. Möglicherweise hat er später in einer "Boutique" ein passendes Gegenstück gefunden und trat daher nicht mehr singend in Erscheinung. Zumindest sind keine weiteren Platten bekannt.

Kommen wir also zu diesem besonderen Titel! Und ich warne euch gleich vorweg: Wir müssen diesen Titel wörtlich nehmen. Die "Boutique für schöne Mädchen" ist nämlich kein Geschäft, in dem Mädchen einkaufen. 

In der Boutique für schöne Mädchen
Die's nur in meinen Träumen gibt
Da findet jeder gleich die eine
In die er sich sofort verliebt

In allen Farben, allen Größen
Sind sie in Reihen aufgestellt
Ein wunderbares Warenlager
Für jeden etwas, das gefällt


--> Ja, da schreien zurecht einige Leute: "Das ist ja Sexismus!". Welche Frau möchte nicht als "Ware" bezeichnet werden und lässt sich gern "in allen Farben, allen Größen (...) in Reihen aufgestellt" präsentieren? Moment ... gibt es solche "Boutiquen" nicht auch in real? Ich glaube die heißen Laufhäuser ...

Und wenn der Frühling dann ins Land kommt
Freu'n sich alle schon darauf
Denn wie in jedem guten Laden
Gibt's einen Winter-Ausverkauf


--> Genau! Im Frühling ist dann die Zeit von "Rudis Resterampe" gekommen, um alle Schreckens-Schabraken, die noch keinen Kerl abgekriegt haben, zum Dumpingpreis "an den Mann zu bringen". All you can eat, oder so. Frauenfeindlicher Trash der übelsten Art!

Ja, die Boutique für schöne Mädchen
Die hätte manchen int'ressiert
Doch sie ist einer jener Träume
Aus denen nie was Rechtes wird


--> Was wäre denn "was Rechtes"? Gut, dass der liebe Stephan nicht auf Äußerlichkeiten achtet. Ach ja, wie heißt nochmal schnell der Laden? Genau: "Die Boutique für schöne Mädchen". Danke für diese Gedächntnisstütze!

Wenn einer mal kein Mädchen hat
Was tut er dann, was tut er dann?
Er geht traurig durch die ganze Stadt
Und schmiedet manchen Plan


--> Eine schöne Beschreibung für testosterongesteuerte Männer mit Libido-Engpass (liebevoll auch "Stangenfieber" genannt). Jetzt wäre es natürlich blöd, wenn gerade heute Feiertag oder Sonntag ist und ausgerechnet jetzt die Boutique geschlossen hat, um in letzter Sekunde diesen Notstand ... äh ... Notfall zu verhindern. Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Mit Glück fällt ihm das Rechte ein
Am rechten Ort, zur rechten Zeit
Wenn er Pech hat, bleibt er lang allein
Und tut sich selber leid


--> Na da haben wir ja Gott sei Dank noch rechtzeitig die Kurve gekratzt. Allerdings muss es natürlich wieder "das Rechte am rechten Ort zur rechten Zeit" sein (also zumindest nicht das Linke!) ... und wenn der Plan nicht aufgeht, wird netterweise nicht zu einer Einladung für feuchtfröhliche Vergewaltigung aufgerufen, sondern zu einem tragischen Eremitendasein - Selbstmitleid inklusive.

Warum nur lässt man das auf sich beruh'n?
Man könnte doch etwas dagegen tun?

Refrain und Wiederholung



Wenn ich mir die Performance von Stephan ansehe, der sich ja durchaus Mühe gibt, habe ich das Gefühl, dass sich seine Stimme nach dem Stimmbruch nicht für eine große Schlagerkarriere entwickelt hat. Zudem weckt sein Auftreten den Anschein, als wäre er eher an schönen Männchen a la Jürgen Marcus interessiert.




Gut. Ich lasse sämtliche weitere Interpretationen offen und vergebe fünf Extra-Schließtage für die armen Mädchen, die in dieser Boutique ihr Dasein fristen müssen.
(Ja, aufgrund solcher Titel lässt sich nachvollziehen, warum es Feministinnen gab, die sich zu Frauenmusik a la Schneewittchen zusammenschlossen!) Schönen Start ins Wochenende!

Donnerstag, 30. April 2020

# 43 - "Träume gehen schnell vorbei" - Big Mouth & Little Eve (1975)

Heute habe ich wieder ein originelles Duo - made in Holland - für euch ausgegraben:




BIG MOUTH & LITTLE EVE
A: Träume gehen schnell vorbei [Uncle] (M: Hans van Hemert / dt. T: Nina Martin = Marianne Rebesky)
B: Hi, Hey, Ho and Hello [Hi, Hey, Ho and Hello] (M: Hans van Hemert / dt. T: Christian Heilburg)

1975, Philips, 6012 530
produziert von Hans van Hemert

Big Mouth & Little Eve war das Nachfolgeprojekt von Mouth & MacNeal, die zwischen 1971 und 1974 mehrere Hits (u. a. "Hello-a" und "How do you do?") verbuchen konnten. Die neue Partnerin von Mouth, alias Willem Duyn (1937-2004), wurde Ingrid Kup (* 1954). Die beiden waren miteinander verheiratet. Ich habe aber nicht herausgefunden, ab wann und wie lange bzw. ob diese Ehe bis zu seinem Tod andauerte. Dort fand ich nur den Hinweis, dass unter den Hinterbliebenen seine zweite Ehefrau und sechs Kinder sind.
Das Duo bestand von 1975 bis 1978, danach machten beide mit unterschiedlichem Erfolg solistisch weiter. Nur zwei Singles wurden in deutscher Sprache veröffentlicht.

Das vorliegende Werk ist die deutsche Version ihres ersten gemeinsamen Songs "Uncle". Wie immer bzw. wie wir es ja schon gewohnt sind, hat der deutsche Text mit dem englischen Original inhaltlich/thematisch absolut nichts gemeinsam!

Mouth war generell für seine schrägen Outfits und "speziellen" Performances berühmt und beliebt. So ist es äußerst erfreulich, dass es ein Video von den beiden gibt, dass sie bei einer Live-Performance während der Internationalen Funkausstellung in Berlin 1975 zeigt.

Ich habe dich geseh'n im Traum, im Traum, im Traum
Mit meiner ander'n geh'n im Traum, im Traum, im Traum
Liebling, es ist heller Tag und du weißt, dass ich dich mag
Glaub' mir, für dich geh' ich durchs Feuer

Sie war ganz dein Typ im Traum, im Traum, im Traum
Du warst sehr verliebt im Traum, im Traum, im Traum
Liebling, Träume sind nur Schäume, sie und ich sind gute Freunde
Und du weißt, ich würd' dich nie betrügen

Träume gehen schnell vorbei
Und was bleibt, sind nur wir zwei
Denn wer glaubt schon einen dummen Traum?

Träume werden niemals wahr
Eines ist uns sonnenklar
Außer dir und mir gibt's niemand auf der Welt

Doch sie war hier
Ganz nah bei dir

Träume gehen schnell vorbei
Und was bleibt, sind nur wir zwei
Denn du weißt, ich liebe nur dich

Sie war ganz dein Typ im Traum, im Traum, im Traum
Ich fand einen Brief im Traum, im Traum, im Traum
Liebling, wo ist er geblieben, ich ließ ihn bestimmt nicht liegen
Weißt du nicht, dass ich ein treuer Mann bin?

Refrain

Doch sie war hier
Ganz nah bei dir


Okay. Fassen wir zusammen: Wir haben ein - vermutlich glückliches - Paar. Beide sind friedlich gemeinsam eingeschlafen und am nächsten Tag aufgewacht. Anfangs wirkt es so, als wäre es ein ganz normaler Tag für unseren Herrn M. - aber da hat er die Rechnung ohne seine Partnerin E. gemacht: denn am Frühstückstisch hängt plötzlich der Haussegen schief. Grund dafür: E. hat schlecht geschlafen - noch schlimmer, sie hat schlecht geträumt ("Ich habe dich geseh'n [...] mit einer ander'n geh'n im Traum"). Das sind ja mal Vorwürfe! Und nun soll sich der Partner zum "verträumten" Ehebruchversuch äußern und gefälligst ein Alibi parat halten (ähm ... ja ... natürlich!). Doch die Anschuldigen hören nicht auf ("Sie war ganz dein Typ [...] Du warst sehr verliebt") - doch es ist eine Falle, denn dies sind ja nur unbestätigte Mutmaßungen bzw. Interpretationen (Traumdeutung a la Freud lässt grüßen). Doch unser M., ein Mann wie aus dem Bilderbuch, tappt blindlings in diese Falle und äußerst "Liebling, Träume sind nur Schäume, sie und ich sind gute Freunde". WTF? Wieso?? Diese Äußerung ist doch überhaupt nicht notwendig. Sollte E. bislang noch keinen starken Verdacht gehabt haben, betrogen zu werden, dann hat sie ihn spätestens jetzt!! Da nützt es auch gar nichts, dass er noch beteuert, "ich würd' dich nie betrügen".

Aus germanistischer Sicht finde ich vor allem den zweiten Refrainteil äußerst reizvoll:
"Träume werden niemals wahr
Eines ist uns sonnenklar
Außer dir und mir gibt's niemand auf der Welt"


(Keine Sorge, mein Rotstift bleibt ungezückt. Aber anmerken möchte ich es schon!)

Jetzt kommt der nächste Coup. Sie hat einen Brief gefunden. Doch was ist damit geschehen? M. macht den nächsten Fehler und bringt sich damit wieder in die Bredouille: "Liebling, wo ist er geblieben? Ich ließ ihn bestimmt nicht liegen. Weißt du nicht, dass ich ein treuer Mann bin?"

Aha! Also schreibt M. doch heimlich Liebesbriefe, sorgt aber dafür, dass sie vor E. verborgen bleiben. Ich gebe dieser Beziehung maximal noch eine Refrainwiederholung!




Für dieses Lied vergebe ich fünf Alibis für den nächsten Ehekrach und einen Gutschein für einen guten Scheidungsanwalt.
E. hat sich vermutlich dann mit dem Onkel von M. aus dem Staub gemacht. Oder auch nicht? Wenn euch das Video und die Outfits und die Choreographie und die Mimik und die Stimmen der beiden im obigen Video noch nicht gereicht haben, dann empfehle ich euch definitiv auch ein sehr originelles Video vom englischen Original, dass die beiden deutlich in Action zeigt! Nein, nicht so wie ihr denkt! Sondern bei Sport und Spaß! Und Eve hat bei dieser Performance blöderweise auch vergessen, sich einen BH anzuziehen ... aber gut, an alles kann man nicht denken ;) (Sollte jemand beim Ping-Pong-Spiel von gewissen "Argumenten" abgelenkt werden, Eve hat 17:3 verloren!)



P.s.: "Träume gehen schnell vorbei" wurde im selben Jahr auch noch von einem Duo namens "Rosy & Rüdy" aufgenommen - deren Version ist allerdings genauso uninspiriert, wie der Name der beiden es bereits verspricht ;)

Habt noch einen schönen Abend und einen entspannten Feiertag morgen ... gut, Feiertag. Ist ja nicht so, dass sich das in letzter Zeit so deutlich von allen anderen Tagen unterscheidet. Im Zweifel habt aber wenigstens schöne Träume ;)

Mittwoch, 29. April 2020

# 42 - "Der Zuckerbäcker-Beat" - Tilly (1971)

Nachdem ich euch die letzten Tage kulinarisch etwas vernachlässigt habe, habe ich mich heute intensiv - nicht nur wegen meines bald anstehenden Geburtstages - mit Kuchen und Torten auseinandergesetzt. Herausgekommen ist dabei die folgende musikalische "Entdeckung":




TILLY
A: Der Zuckerbäcker-Beat (M: Rudi Bauer / T: Kurt Hertha)
B: Ällebätsch (M: Peter Horton / T: Kurt Hertha)

1971, Global, 6004 975
produziert von Egon Pfrenger

Bei Tilly handelt es sich um die belgische Sängerin Tilly Heylen (* 1947), die zwischen 1967 und 1973 15 Singles in Belgien, Deutschland und den Niederlanden veröffentlichte.
Deutsche Titel waren u. a. "Regen auf den Wegen" (1968), "So ein himmelblauer Tag" (1969) oder "Fische brauchen frisches Wasser" (1971). Nach dem Tod ihres deutschen Produzenten endete ihre Gesangskarriere abrupt, da die belgische Plattenfirma kein Interesse mehr zeigte. Auch ihre Ehe wird als Grund genannt. Erst nach ihrer Scheidung begann sie wieder als Sängerin aufzutreten, u. a. mit Eddy Wood. Mehr ist über Tilly, die vielfach als die "belgische Brenda Lee" bezeichnet wurde, nicht bekannt.

Textautor Kurt Hertha war in der Szene durchaus bekannt und gefragt. Einige Hits aus seiner Feder waren beispielsweise "Monsieur" (Petula Clark, 1962), "My Boy Lollipop" (Heidi Bachert, 1964), "Ganz in weiß" (Roy Black, 1965), "Bianca" (Freddy Breck, 1973) oder "Du kannst nicht immer 17 sein" (Chris Roberts, 1974).

Der heutige Titel ist da schon etwas "spezieller":

Wir tanzen, wir tanzen den Zuckerbäcker-Beat
Den Zuckerbäcker-Beat
Den Zuckerbäcker-Beat

Der Kuchen, die Torten
Der Zuckerbäcker-Beat
Die machen das Leben so süß

Neulich ging ich in die Konditorei
Doch da war leider der Kuchen schon aus

Denn die Bäcker sangen und tanzten
Mit schneeweißen Hüten durchs Haus


Refrain

Abends war ich in meiner Discothek
Da kam ein junger Konditor herein
Und wir beide schauten uns lächelnd an
Nun bin ich nicht mehr allein

Refrain


Also ich hab ja wirklich schon einigen Blödsinn gehört - aber in Bezug auf Kuchen und Torten darf man wirklich keine schlechten Witze machen! Was möchte uns der Textautor mit diesem Titel sagen? Ich habe absolut keine Ahnung! Wenn es wenigstens ein Lobgesang auf das Zuckerbäckerhandwerk wäre, aber nein, nicht einmal eine Ode an die Diabetis. 
Die arme Tilly kann den verunsicherten ZuhörerInnen nicht einmal verbal nahebringen, was den "Zuckerbäcker-Beat" vom "Schornsteinfeger-Beat" oder "Gas-Wasser-Installateur-Beat" unterscheidet. Außer, dass scheinbar "Der Kuchen, die Torten" involviert sind. Aber "machen sie das Leben nur süß" oder sind sie auch notwendige Hilfsmittel zur korrekten Performance? Diese Fragen kann uns Textautor Kurt Hertha leider nicht beantworten. Die Tilly scheint das ja nicht weiter zu stören. Sie wollte zwar in die Konditorei gehen, um vermutlich einen Kuchen für ihre kranke Großmutter, die einsam und allein in einer Hütte im Wald lebt, zu besorgen. Als sie feststellt, dass der Kuchen aus ist, verlässt sie die Konditorei allerdings nicht, um sich andernorts nach Ersatz umzusehen, sondern ist begeistert von der Zuckerbäckerbelegschaft, die lieber fröhlich singt und tanzt, als Kuchennachschub bereit zu stellen.
Tillys weitere Vorgehensweise überrascht, als sie als nächstes berichtet, dass sie daraufhin abends in eine Disco geht. Die Oma wird wohl noch einen Tag leben, wenn das junge Girl Spaß haben will und hey, Kuchen war eh aus. So what! Ich bin begeistert, dass Tilly sofort erkannte, dass es sich bei dem jungen Mann - in den sie sich natürlich sofort Hals über Kopf verliebte - selbstredend um einen Konditor handelte. Wahrscheinlich trug er noch immer sein Zuckerbäcker-Outfit und war direkt aus der Backstube in die Disco getänzelt. Na super, jetzt habe ich Lust auf Kuchen - aber Hauptsache Tilly ist nicht mehr allein!





Für diesen flotten Käse...kuchen vergebe ich fünf Tortenheber, die man - zur Aufwertung des Songs - noch fröhlich-unrhythmisch gegen den Takt aneinanderschlagen kann. Bei der Musik kann einem selbst der beste Kuchen vergehen :/