Dienstag, 21. April 2020

# 34 - "Falsch geparkt, 20 Mark'" - Sandra & Peter (1976)

Nachdem es ja momentan eher schwierig ist, neue Menschen kennenzulernen geschweige denn - zwischen Toilettenpapier, Nudeln und Mund-Nasen-Schutz-Masken - die große, lang ersehnte, Liebe zu finden, habe ich heute wieder ein Lied ausgegraben, dessen Story wohl selbst für "How I met your Mother" zu skurril gewesen wäre.




SANDRA & PETER
A: Falsch geparkt, 20 Mark (M: Gerhard Eisenmann / T: Pablo Pencil = Dieter Liffers)
B: Unsere Welt ist auserwählt (M: Gerhard Eisenmann / T: Peter Pollux = Dieter Liffers) 

1976, Elite Special, LLS 60.036
produziert von Dieter Liffers



Dieter Liffers hat unter verschiedenen Pseudonymen auch als Texter gearbeitet. Besonders originelle Titel aus seiner Feder sind etwa "Applaus für ein total verrücktes Haus" (Maggie Mae, 1975), "Eine Dame von 18 Jahr'n" (Mandalena, 1977), "Flower-Power-Superman" (Sandra & Sharon, 1968), "Heute wird ein Stier gegrillt" (Mona & Michael, 1976), "Küsse im Fahrstuhl" (Peter Manao, 1978), "Tanz' keinen Tango mit Django" (Ulla Wiesner, 1975) oder  "Wenn die Trommel ruft" (Erik Silvester, 1975).

Was aus Sandra und Peter geworden ist, ist nicht bekannt. Sollte es sich dabei tatsächlich um eine autobiographische Geschichte handeln, haben beide hoffentlich ihren Frieden gefunden und müssen sich um etwaige Strafmandate keine Gedanken mehr machen.

Gestern um halb acht
Hat ein junger Polizist
Mich vor der Discothek
Im Parkverbot erwischt

War auch der Parkplatz voll
So half auch all mein Reden nichts
Er schrieb ein Protokoll
Denn er tat seine Pflicht


--> Da kann man sehen, das Einzige, was bei Aufregung aufgrund von Knöllchenschreibern hilft, ist in Ruhe den Sachverhalt zu analysieren und schweigend die Schuld bei sich selbst zu suchen. Brave Bürgerin!

"Sie haben falsch geparkt
Das kostet 20 Mark"
So sagte mir der Polizist
Der mich sonst immer freundlich grüßt


--> Naja, das freundliche Grüßen war vermutlich genauso eine Amtshandlung wie dieser Strafzettel. 20 Mark sind heute 10 Euro - bei dieser Strafsumme würden wohl so manche einem Polizisten aus purer Dankbarkeit um den Hals fallen.

Sie haben falsch geparkt
Das kostet 20 Mark
Erst sah ich ihren Führerschein
Dann nahm ich die Gebühren ein


--> Romantischer kann man so eine Amtshandlung wohl kaum auf den Punkt bringen, oder?

Heute um halb acht
Traf ich ihn dann in zivil
Er hat mich angelacht
Doch ich blieb ernst und kühl


Als er so vor mir stand
Da ließ ich mich auf gar nichts ein
Der nächste Tanz begann
Und ich zahlt' es ihm heim


--> Ah ja. Er war vermutlich wieder in der Mission "Die Polizei, dein Freund und Helfer" unterwegs und wollte sich - rein aus Nächstenliebe - nach ihrem Befinden erkundigen, nicht das etwaige Resozialisierungsmaßnahmen verabsäumt würden ... das wäre ja, tragisch! Oder hat er es vielleicht sogar mit einer Wiederholungstäterin ohne Schuldbewusstsein zu tun?

Sie haben falsch geparkt

Das kostet 20 Mark
Ich wusste die Chance kam

Dass sie bei mir Revanche nahm

Sie haben falsch geparkt
Das kostet 20 Mark
So sagte ich, dass war mein Ziel
Er hatte sich in mich verliebt


--> Hui. Das ist aber schnell gegangen. Aber gut, Liebe auf den ersten Blick soll es ja geben. Mmh ... auf den ersten kann es ja nicht gewesen sein, er hat sie ja immer freundlich grüßt. Aaaaah ... Liebe auf den ersten Blick auf den Führerschein. Oder die gute Sandra scheint "heißer" zu tanzen, "als die Polizei erlaubt" ;)

Sie haben falsch geparkt
Das kostet 20 Mark
In diesen Worten liegt mein Schicksal
Sie wurden zum Glückssymbol
Denn uns're Liebe kam per Zufall
Verursacht durch ein Protokoll


Wer hätte gedacht, dass auch aus einem Strafzettel für Falschparken die große Liebe entstehen kann? Solltet ihr also das nächste Mal in der Kurzparkzone erwischt werden, achtet besonders auf den/die Aussteller/in, vielleicht handelt es sich ja dabei um die Liebe eures Lebens? 💖

Auf einen Strafzettel würde ich es aber trotzdem nicht ankommen lassen - die Kosten dafür sind seit 1976 doch recht stark angestiegen ;)

Für diese Liebesgeschichte gehen fünf Punkte nach Flensburg! ;)

Montag, 20. April 2020

# 33 - "Vater, such' mir einen Mann'" - Sylvia Poluxis (1973)

Zugegeben. Heute ist mein Post auch nicht wirklich früh - aber immerhin bin ich sieben Stunden früher dran als gestern ;) Der heutige Tag startete übrigens ganz gut - das lag vermutlich auch am Wetter! Es ist einfach angenehmer von Sonnenschein geweckt zu werden ..

Das heutige Lied widme ich allen Single-Frauen da draußen, die in der Corona-Krise beschlossen haben, auf ihre lang-erkämpften Frauenrechte zu verzichten und stattdessen die Auswahl eines geeigneten Partners in Familienhände zurückzulegen.




SYLVIA POLUXIS
A: Zwei Jahre und ein Tag (M: Carli / T: Horst Carmienke)
B: Vater, such' mir einen Mann (M: Frank Duval / T: Horst Carmienke) 

1973, Maritim 12 794 AT
produziert von Frank Duval



Drei Plattenfirmen versuchten zwischen 1972 und 1976 mit Sylvia Poluxis ihr Glück. Der große Erfolg blieb aber aus.

"Sylvia Poluxis war viele Jahre an der Spitze der Showstars ihrer Heimat Rumänien. Nach einem Gastspiel in Deutschland bat sie um politisches Asyl und lebt seither in Dannenberg an der Elbe." schrieb die Plattenfirma damals.

Mitte der 70er-Jahre eröffnete sie ein jugoslawisches Restaurant in Dannenberg. Heute soll sie in Hamburg leben. Um 2009 tauchte sie als Moderatorin bei "Nord-Gay-Radio" in Erscheinung (den Sender gibt es heute allerdings nicht mehr).

Führt man ihre zehn veröffentlichten Songs in einer beliebigen Reihenfolge an, so ergeben sich mitunter originelle Kurzgeschichten:

Es war im Abendrot am schwarzen Meer
- Du allein?
Zwei Jahre und ein Tag. Kennst du die Sehnsucht?
Lass mich heut' Abend nicht allein
Es gibt noch Liebe!
- Wie Mephisto kam ein Mann
Väterchen!
- Die Welt ist schön
Ich will Liebe nur von Peter
- Augustin
Vater, such' mir einen Mann!



Textautor Horst Carmienke konnte übrigens nur in Zusammenhang mit Liedern von Sylvia Poluxis gebracht werden. Er lebt nach wie vor in Dannenberg (ein Zufall?). Eine mögliche Verbindung zu Sylvia Poluxis konnte ich auf die Schnelle allerdings nicht herstellen. Aber wer weiß ...

Nun aber zu diesem schönen, eher wenig emanzipierten, Schlagersong, der den patriachal-geführten Heiratsmarkt ankurbeln soll:

Vater
Vater, Vater, such mir einen Mann
Weil ich nachts nicht schlafen kann
Vater, Vater, immer so allein

Vater, nein, das darf nicht sein

Vater, Vater, such' mir einen Mann

Vater, Vater, sagt, das ist so schwer
Jedes Mal verlang ich mehr
Vater, ich bin immer ohne Mann
Wann bekomm' ich einen, wann?

Vater, Vater, such' mir einen Mann

Vater
Vater

Vater, eines Nachts hab' ich geträumt
Wie viel ich schon hab versäumt
Vater, und auf einmal, Gott sei Dank
Hat das Glück auch mich erkannt

Vater, Vater, such' mir einen Mann

Vater
Vati

Groß und blond mit blauen Augen
So ein Mann, der muss was taugen
Tag und Nacht will ich ihn küssen
Und er bleibt, denn er wird müssen

Vater, Vater, such' mir einen Mann
Vater, wann bekomm' ich einen, wann?

Vater






Gut. Wir analysieren den Fall jetzt einmal gründlich: 
Sie braucht einen Mann. Diesen Mann kann ihr aber aus nicht näher definierten Gründen niemand anderes zur Verfügung stellen, als der eigene Vater. Der Hauptgrund für die Notwendigkeit eines Mannes im Haushalt ist der totale Übermüdungszustand von Sylvia P., die zu ihrer Verteidigung anführt: "Weil ich nachts nicht schlafen kann [...] immer so allein [...] nein, das darf nicht sein!".
Anscheinend wurden aber bereits einige Mühen des Vaters unternommen, um einen geeigneten Schwiegersohn bereitzustellen, was aber stets an den konsequent exponentiell steigenden Anforderungen der Tochter scheiterte - diesen Fakt räumt sie auch reuevoll ein ("jedes Mal verlang' ich mehr"). Diesen Umstand scheint sie aber bereits nach kürzester Zeit wieder unter den Tisch fallen zu lassen und agiert heftig protestierend: "Vater, ich bin immer ohne Mann! Wann bekomm' ich einen, wann?"
Ich gebe zu, ich habe solche Gebärden in Spielwarenhandlungen erlebt, als einem nicht näher definierten Kind ein nicht näher definiertes Spielzeug aus einem nicht näher definierten Grunde verwehrt wurde. Aber in Bezug auf die Partnerwahl? Dem Schallplattencover zufolge hat Sylvia P. zu diesem Zeitpunkt das Kleinkindstadium, das ähnliche Vorfälle charmant toleriert hätte, bereits deutlichst überschritten.
In der dritten Strophe berichtet sie dann aber von einer Erscheinung im Traum, die ihr augenscheinlich die Augen geöffnet hat. War es Jesus? War es Gott? Oder doch klassisch Maria, die ihr die Augen geöffnet hat und ihr weismachen wollte, dass für eine handelsübliche Empfängnis Männer ohnehin zweitrangig sind? Man weiß es nicht. Aber immerhin "hat das Glück auch mich erkannt", tönt es freudestrahlend.
Die Attribute sind auch gleich aufgezählt: groß, blond, blaue Augen, arisch. Ach ja, und zu irgendwas "taugen" muss er natürlich auch. Man hat ja schließlich Ansprüche. Kommen wir zum Urteil: Das Opfer erhält Tag und Nacht Küsse und wird in anschließender Sicherheitsverwahrung untergebracht. Dort bleibt er auch, "denn er wird müssen". Das Gericht zieht sich zurück.

Als besonderes Zuckerl vergebe ich für dieses Lied heute fünf Hemden mit Vatermörderkragen ;)

Tja. Diese Lied beweist eindeutig, dass es heutzutage ganz angenehm ist, wenn man die Partnerwahl eigenverantwortlich in Angriff nimmt. Auch wenn es - zugegebenermaßen - aktuell schwierig ist, real neue Menschen kennenzulernen. Und auch Körperkontakt und Zärtlichkeiten wohl erst wieder neu erlernt werden müssen. Aber gut. Vielleicht wird winken aus zwei Meter Abstand bald ein größerer erotischerer Nervenkitzel sein, als sich nackt mit Sprühsahne und Schokosauce einzureiben? Wir bleiben gespannt ;)

Sonntag, 19. April 2020

# 32 - "Wenn der Regen auf uns fällt'" - Lena Valaitis & Costa Cordalis (1984)

Heute habe ich deutlich länger gebraucht, um diesen Post zu verfassen, als sonst. Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich antriebslos - und das obwohl ich tatsächlich so etwas wie "echte" Arbeit hatte. Am Ende hatte mich dieser kurze Anflug von Normalität aber nicht so glücklich gemacht, wie ich es mir erhofft hatte, sondern schmerzlich aufgezeigt, wie weit wir noch von so etwas wie Normalität entfernt sind ... und dann hat es zu regnen begonnen. Die fallenden Tropfen auf meinem Fensterbrett übten etwas überraschend Beruhigendes auf mich aus. Und dann kam mir auch schon die Idee, welches Lied es heute sein wird:




LENA VALAITIS & COSTA CORDALIS
A: Wenn der Regen auf uns fällt [When the Rain begins to fall - Jermaine Jackson & Pia zadora] (M: Mike Bradley, Peggy March & Steve Wittmack / dt. T: Michael Kunze)
B: Ein Ticket in die Freiheit (M: Jack White / T: Michael Kunze) 

1984, Ariola 107 083-100
produziert von Uve Schikora

"When the Rain begins to fall" war ein großer Hit für Jermaine Jackson und Pia Zadora. Den wenigsten ist vermutlich bekannt, dass es sich hierbei um eine deutsche Produktion aus dem Hause Jack White (alias Horst Nussbaum) handelt. Während sich der Song in Europa über 1-Million-mal verkauft, erreicht er nur Platz 54 der amerikanischen Billboard-Charts.
Grund genug eine deutsche Version zu veröffentlichen. Die Wahl fiel dabei auf zwei der erfolgreichsten deutschen Künstler in der Schlagerbranche: Costa Cordalis und Lena Valaitis, deren letzte Hits bereits einige Zeit her waren.

Costa Cordalis (geboren als Konstantinos Koriates, 1944-2019) kam mit 16 Jahren nach Deutschland. Er besuchte das Goethe-Institut in Frankfurt/Main, um Deutsch zu lernen, machte sein Abitur und studierte Philosophie und Germanistik. 1965 begann er seine Gesangskarriere. Bekannte Titel waren "Tränen in den Augen" (1965), "Und die Sonne ist heiß" (1971), "Carolina, komm" (1973), "Steig' in das Boot heute Nacht, Anna Lena" (1974), "Es stieg ein Engel vom Olymp" (1975), "Anita" (1976) oder "Pan" (1980). Bis zu seinem Tod stand er regelmäßig auf der Bühne - häufig mit seinem Sohn Lucas, der übrigens Daniela Katzenberger geehelicht hat.

Fun-Fact am Rande: Das Costa Cordalis 2004 in der ersten Staffel von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" den Titel "Dschungelkönig" einheimste, dürfte noch einigen bekannt sein. Das er aber 1985 bei der Nordischen Skiweltmeisterschaft im Langlauf für sein Heimatland startete, wissen viele vermutlich nicht. In dieser Disziplin wurde er sogar zweimal griechischer Landesmeister.

Lena Valaitis (* 1943 als Anelé Luise Valaityé in Memel/Litauen geboren) kam als Kind nach Westdeutschland. Sie machte später eine Lehre bei der Post und sang in verschiedenen Amateurbands. 1970 erhielt sie einen Plattenvertrag.
Bekannte Titel sind "Ob es so oder so oder anders kommt" (1971), "So wie ein Regenbogen" (1972), "Bonjour, mon Amour" (1974), "Wer gibt mir den Himmel zurück?" (1975), "Da kommt José, der Straßenmusikant" (1976), "Ein schöner Tag" (1976), "Ich spreche alle Sprachen dieser Welt" (1977), "Johnny Blue" (1981, als Vertreterin Deutschlands beim Grand Prix d'Eurovision auf Platz 2) und "Gloria" (1982). Valaitis ist bis heute musikalisch aktiv.


Ich sage gleich vorweg: die deutsche Version ist gar nicht mal so schlimm. Als künstlerisch anspruchsvoll kann man das Original auch nicht unbedingt bezeichnen und so würde ich sagen, steht die deutsche Version dem in Nichts nach ... wobei ... der Auftritt in der ZDF-Hitparade tut schon weh (was die Outfits betrifft):

Sag wo geh'n wir hin, was gestern war ist heute schon so weit
Bleib bei mir, lass uns die Träume nie verlieren
Die Zeit zerstört so viel, doch dich und mich kann nichts mehr trennen

Und wenn der Regen auf uns fällt

Wirst du mein Regenbogen sein
Wenn dich die Nacht gefangen hält
Wird deine Liebe mich befrei'n
Brennt links um uns die ganze Welt
Will ich mit dir durchs Feuer geh'n
Und wenn der Regen auf uns fällt
Will ich mit dir zur Sonne seh'n

Zeit ist so wie Sand, sie rinnt mir durch die Hand, was ich auch tu'
Nichts gehört mir ganz, doch alles was ich wirklich will bist du
Du machst mich so stark, gemeinsam sind wir unbesiegbar

Refrain

Wenn die Dunkelheit uns auch umgibt
In uns ist immer noch ein Licht
Das wird uns führen, wir verlier'n uns nicht

Auf den Text gehe ich jetzt nicht näher ein. Das ist im Großen und Ganzen ein handelsüblicher deutscher Schlagertext mit den stets ausreichend Hoffnung bereitenden Alltagsliebesfloskeln, die sich ziemlich am Original orientieren. Zugegeben ein bisschen Schmalz und Sado-Masochismus ("Brennt links um uns die ganze Welt, will ich mit dir durchs Feuer geh'n") sind auch dabei.
P.s.: Wenn links die Welt brennt, würde ich erstmal versuchen nach rechts zu gehen ;)




Das Schönste an diesem Song ist aber, dass sie live in der ZDF-Hitparade aufgetreten sind. Und die beiden sehen aus, als wären sie ein Bilderrätsel das laut schreien würde: "Welches Jahrzehnt bin ich?". Ich glaube, dass ich noch niemanden gesehen habe, der mehr wie die 80er-Jahre aussieht, als diese beiden. Und leider haben sie so ziemlich alles an sich, woran man nicht mehr erinnert werden möchte. Grelle Farben (die nicht zusammen passen), sonderbare Kleidungsschnitte, Schulterpolster, hochgekrempelte Sakkos, Dauerwelle-Fönfrisur etc.
Allein die gelbe Kombi von C. C. lässt viele Fragen offen: z. B. Hat er das alles in ein und demselben Laden gefunden oder sich mühsam zusammengesucht? Würde das auch Bibo aus der Sesamstraße anziehen? 
Doch das Ganze ist nichts, sobald L. V. in einer Kombi aus ... ja ... aus was eigentlich? Ich würde sagen: der personifizierten Ratlosigkeit einer Kostümbildnerin, die von allem zu viel übrig hatte, das sonst nirgends dazu gepasst hat. Ein pinkes Satinkleid (Negligé?), darüber eine rote lange Bluse und darüber ein blitzblauer Blazer. Geilo. Aber wenn man ihr eine ordentliche Fönfrisur mit extra-viel Dreiwettertaft verpasst, fällt das doch kaum auf, oder? Vielleicht noch ein paar kleine Goldohrringe dazu, dann "verläuft" sich das schon. Mmmh ... vielleicht noch ein silbernes Armband. Was? Gold und Silber verträgt sich nicht? Stimmt doch gar nicht. Das sieht super aus! In die rote Bluse haben wir übrigens noch ein paar Knoten reingemacht, das wirkt dann ein bisschen frecher-peppiger ... nein, das ist nicht deswegen gemacht worden, weil man sonst sehen würde, dass es zu lang ist. Und die schwarze Hose, die sie unterhalb anhat? Achso ... ja ... Strumpfhosen gabs leider keine mehr. Also keine, die sich auch noch ordentlich mit dem gesamten Outfit geschlagen hätten ... man muss ja schließlich konsequent bleiben.

Besonders schön an der ZDF-Hitparade ist ja, dass die Leute hier immer so nett vorbei kommen und den SängerInnen, während sie live performen müssen, Blumen überreichen. Süß oder? Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Wer da in einem Studio einem Künstler näher kommen will, wird allein schon beim Gedanken von etwaigen Security-Bolzen aus dem Weg geräumt. Was bei Minute 1:25 noch ganz nett beginnt, kann aber ganz schnell ausarten: beispielsweise ab 1:50 - und die junge Frau bei 1:59 macht gleich den größten Groupie-Anfängerfehler! Sie übergibt der Lena die olle Rose falschrum! Aber Lena behält Nerven und rearrangiert sich die Blumen aus dem Effeff und mit einer Hand - selbst ist die Frau!
Ein weiterer Blick auf die junge Frau mit der grau-schwarz-weiß-karierten Jacke: Achtet mal darauf, was für ein mickriges Blümchen sie der Lena bei 2:07 in die Hand drückt und welch imposantes Gesteck für Costa bestimmt ist ;) Da sieht man wahre Fan-Treue!

Eine gekonnte Pose von Lena folgt noch bei Minute 2:11 - sie präsentiert ihr steiles Outfit - frei nach dem Motto: "Alles, was ich trage, können Sie auch anziehen - sofern Sie Entscheidungsschwierigkeiten, keinen Geschmack und kein Problem damit haben, ausgelacht zu werden".

Wie dem auch sei: Für diese steile Performance - gut, ein paar schiefe Töne muss ich abziehen - vergebe ich fünf Regenschirme und eine Dose Dreiwettertaft.

Holt doch mal eure Modesünden aus dem Kleiderschrank und zieht alle einmal an - am besten gleich übereinander, dann seid ihr mindestens genauso "cool" wie Lena! ;)

Samstag, 18. April 2020

# 31 - "Cadillac'" - Jutta Weinhold (1974)

Nach den ganzen lieblichen Songs der gestrigen Tage (aka "Balsam für die Seele" mit "Glanz und Gloria"), gibt es heute mal etwas Rockigeres auf die Ohren.
Die 70er-Jahre waren ja beliebt und bekannt für die unterschiedlichsten musikalischen Genres. Eine Vertreterin des deutschsprachigen Rocks wird heute vorgestellt. Sie ist auch ein deutlicher Gegenbeweis dafür, dass man mit einem Namen wie Jutta Weinhold auch international für Furore sorgen kann ;) - und so spießig wie der Name klingt, ist die gute Jutta auf keinen Fall!




JUTTA WEINHOLD
A: Cadillac (M: Sam L. Goldfield = Michael Holm & Rainer Pietsch / T: Michael Holm)
B: Ticket nach Memphis (M: Rainer Pietsch / T: Michael Holm) 

1974, Ariola 13 259 AT
produziert von Michael Holm

Die Zeit der Rock-Ladies bricht an. Rau und draufgängerisch rasen die Pop-Amazonen über die Bühnen und verunsichern männliche Kollegen und Zuhörer. In das harte Rock-Geschäft schlägt eine noch nicht dagewesene Emanzipationswelle ein. "Cadillac" ist die zweite Single des rassigen Münchener Super-Girls Jutta Weinhold, ehemals "Sheila""-Darstellerin im Rock-Musical "Hair". In diesen Aufnahmen verbirgt sich die perfekte Schockwirkung einer dreist-kratzigen, provokativen Stimme. Jutta Weinhold gilt als der vielversprechendste Tipp für das deutsche Rock-Jahr 1974.
So schrieb zumindest die Plattenfirma auf der Rückseite des Single-Covers. Klingt ein bisschen selbstgefällig und leicht belächelnd. So nach dem Motto "Naja, wenn die Frauen das wollen, dann sollen sie es halt machen" - und jede Frau, die auf eine eigene Meinung besteht und sich nicht von Männern Dinge vorschreiben will, wird automatisch zur Emanze gekrönt.


Jutta Weinhold wurde 1947 in Mainz geboren. Nach ersten Erfahrungen in Amateurbands folgten zwischen 1969 und 1972 Engagements in den deutschsprachigen Uraufführungen der Muscials "Hair" (Hauptrolle Sheila), "Jesus Christ Superstar" und "Godspell". 1973 bekommt sie einen Plattenvertrag und covert Suzi Quatros Hit "48 Crash" in deutscher Sprache ("Feuer und Eis").
Weinhold gilt als eine der bekanntesten deutschen Rocksängerin, sie sang u. a. bei "Amon Düül II" und Udo Lindenberg. Mit ihrer 1985 ins Leben gerufenen Band Zed Yago gilt sie als Mitbegründerin des Dramatic-Metal-Genres.
Jutta Weinhold tritt seit 2012 wieder regelmäßig mit ihrer Band (Kollegen aus verschiedenen früheren Formationen) auf - Metal, Rock, Soul und Blues zählen nach wie vor zu ihren Stärken.


Der Song, mit dem wir uns heute beschäftigen, ist tatsächlich etwas unbequemer als viele andere Lieder dieser Zeit. Besungen wird nämlich der Alltag aus Sicht eines Stalkingopfers. Eine durchaus ungewöhnliche Thematik für die damalige Zeit. 

Vor meinem Haus, das halt' ich nicht aus,
Steht er bei Tag und bei Nacht
Wo er mich sieht, da hupt er ganz wild
Und überall fährt er mir nach

Vor meiner Tür liegen Blumen, ich schau' nicht hinaus
"Baby, ich will immer nur bei dir sein"
Er läuft mir nach, wenn ich auch wie ein Eisberg bin
"Baby, steig' ein, ich bin so allein"
Ich sage "Nein" Goodbye Goodbye

Cadillac, fahr' weg
"Heut' nacht bin ich frei - Na, wie wär's mit uns zwei?"
Oh no Cadillac fahr' weg
"Wir beide ein Paar, das wär wunderbar"

--> Der Song ist in der Hinsicht speziell, dass sich erstmals in einem deutschen Song eine Frau von den Avancen eines Mannes nicht geschmeichelt, sondern bedrängt fühlt. Doch so liebevoll, wie der Mann seine Anliegen untermauert, sind sie vermutlich nicht. Der Besitz des Objekts seiner Begierde wird angestrebt. Das männliche Ego ist angekratzt, weil es verschmäht wurde. Jetzt soll sie spüren, wer die Hosen anhat und was passiert, wenn sie nicht gehorcht.


Die zweite Strophe wird etwas präziser.
"Sonntags um acht werde ich wach" und er steht wieder vor der Tür und lacht.
"Und mir wird übel bei Nacht"


Ich setz mich auf mein Fahrrad und radle fort

"Baby nicht den Feldweg, der ist so schmal"
Doch komm ich mittags heim, ja, wer wartet dann?
"Küss mich, dann verzeih' ich dir noch einmal"
Ich sage nein, Goodbye, Goodbye


--> Ist der einzige Ratschlag, der in diesem Song gegeben wird, neben nicht aus dem Fenster zu sehen, den Rest ihres Lebens den schmalen Feldweg zu nehmen, weil ihr der fette Cadillac dort nicht folgen kann? Oder wartet der Typ dort das nächste Mal - ohne Cadillac - im fahlen Abendlicht auf sein "Opfer"?


Ich gehe in mich und frage mich, was mich an diesem Song stört. Liegt es daran, dass der Textautor ein Mann ist? Dass die ganze Thematik, das Leid der jungen Frau, verharmlost wird? Er ist ihr doch nur ein bisschen nachgefahren, wollte sie sehen, ihr nah sein, sie überraschen. Was ist denn da dabei? - Sehr viel ist dabei. Vor allem dann, wenn die andere Person das partout nicht möchte. Und so wie die gute Jutta in dem Song auftritt, hat sie es ihm bestimmt bereits mehr als einmal klipp und klar mitgeteilt. "Ich sage nein-nein-nein-nein-oh-nein" - ein ganz wichtiger Punkt! Doch kann Jutta mit dem Lied anderen Frauen Mut machen - außer dem lapidaren "Nein"-sagen? Das Lied lässt mich ein wenig ratlos zurück. War dieses mutige Unterfangen am Ende ein wenig zu halbherzig verfolgt?
Wahrscheinlich stört mich am meisten, dass es keine Auflösung gibt. Keine Strophe darüber, dass die Polizei kam und ihm verbot sich ihr zu nähern. Kein "Happy End". Aber das ist vielleicht auch gut so, weil es dieses "Happy End" für viele Frauen im echten Leben auch nicht gibt. Weil ihnen nicht geglaubt wird. Weil andere Männer sagen, dass sie sich nicht so anstellen sollen.
In manchen Momenten schämt man sich für das, was andere Männer Frauen antun können. Und man hofft darauf, dass es irgendwann besser wird. Das Frauen so sein dürfen, wie sie wollen, und ein kurzer Rock oder ein Oberteil mit Ausschnitt kein Freifahrtsschein oder eine Extraeinladung zur Befriedigung der männlichen Libido sind. #metoo




Trotz alledem muss man der guten Jutta gutheißen, dass so ein Song 1974 produziert wurde und sie auch bei diesem Liveauftritt definitiv alles gibt. Ihre Performance erscheint - geschuldet durch den Nostalgiebonus - ein wenig eigenwillig und steigert sich frenetisch-extatisch bis zum Höhepunkt (speziell ab Minute 2:47). Das ein Song über eine Frau, die vor ihrem Stalker flüchtet, zum Tanzen anregt, befremdet mich irgendwie auch. Noch schlimmer finde ich allerdings das Mitklatschen des Studiopublikums. Aber gut, das ist den Deutschen scheinbar angeboren, sobald der Musikrhythmus von den Klatschsynapsen erkannt wurde.

Ich vergebe heute fünf aufgestochene Reifen (inklusive Reserverad) eines nicht näher definierten Cadillacs für diesen Song!

Ein kleiner Kommentar trotzdem: Die weiße Hose gibt eindeutig mehr preis, als vielleicht notwendig gewesen wäre (ab Minute 1:24, speziell 2:04) ;)

Jutta hat sicher oft genug Aktenzeichen XY ungelöst angeschaut und weiß daher, wie man sich als Frau in einer unangenehmen Situation verhalten muss. Und so wie sie sich bewegt glaube ich, dass sich jeder Triebtäter dreimal vorher überlegen sollte, sie anzusprechen. Denn ich glaube, ihre Gegenwehr ist schärfer und stärker als so manches Pfefferspray!

Passt auf euch auf! Und falls ihr einen Cadillac besitzen solltet, macht einen großen Umweg um Jutta! (Das meine ich ernst!)

Freitag, 17. April 2020

# 30 - "Fluffy'" - Gloria Balsam (1980)

Heute feiere ich mit euch den ersten Monat dieses Blogs. Die wohl 30 sonderbarsten Tage meines Lebens liegen hinter mir. Angereichert mit vielen schönen Momenten und ebenso vielen traurigen. Hoffnung, Perspektivlosigkeit, Optimismus, Ratlosigkeit, Freude, Trauer, Glück und Leid gaben sich stets die Klinke in die Hand.
Was ist geblieben? Was ist mir eigentlich in meinem Leben wichtig? Was ist wichtig, was verzichtbar? Wo liegt der Sinn? Fragen über Fragen, auf die ich auch heute - etwas mehr als einen Monat der "menschlichen Entbehrungen" noch keine Antwort gefunden habe. Und vermutlich auch so schnell nicht finden werde.

An solchen Tagen ist dieser Blog zu einer angenehmen Ablenkungen geworden. Eine tägliche Aufgabe, zu der man sich aufraffen muss. Und am Ende des Tages ein kleines Sinnbild dafür, dass man zumindest "etwas" geleistet hat. Zudem treibt es mir selbst meist ein kleines (oder sehr großes) Lächeln ins Gesicht und all die Skurrilitäten lassen mich ein bisschen vergessen und helfen mir dabei, das Kopfkino klein zu halten und mich mit kindlicher Naivität an den vielen Kleinigkeiten des Alltags zu erfreuen.

Zum 1-Monats-Jubiläum daher etwas Besonderes: Heute sogar in englischer Sprache!




GLORIA BALSAM
A: Fluffy (M: Richard van Dorn / T: Davey Sayles)
B: Rockin' high Hopes (M & T: Sammy Cahn & Jimmy van Heusen) 

1980, Richmond Records, RICH 3
produziert von Richard van Dorn


Gloria Balsam ist definitiv das Skurrilste und Schrägste, das mir jemals untergekommen ist. Ich würde sie als "Florence Foster Jenkins der 80er-Jahre" bezeichnen.

"Not many have heard 'Fluffy', but the few that have will never forget it."

Dieses Zitat spricht bereits Bände.

Nun aber ein paar Facts zu Gloria Balsam. Gloria wurde Ende der 50er-Jahre als Cynthia Frantz in Philadelphia geboren. Die Familie zog mehrfach um. Für Cynthia, die Tochter eines in den Niederlanden geborenen Bürgerrechtlers und einer Mutter mit "Spionage-Neigung", war es schier unvermeidlich, dass sie von der Bühne und öffentlichen Auftritten wie magisch angezogen wurde. Während ihrer High-School-Zeit in Kalifornien, kam sie mit der "Pre-Punk-Underground"-Szene in Kontakt und knüpfte hier erste Kontakte. Es folgten Auftritte in verschiedenen Formationen, ehe sie die Möglichkeit bekam, in einer TV-Show aufzutreten (es wurde bewusst jemand gesucht, der möglichst wenig Gesangstalent besitzt). Und dieser Auftritt schlug ein und führte letztlich zu ihrer einzigen Schallplattenaufnahme "Fluffy". Doch es war schwierig, die Kosten für diese Produktion zu übernehmen.
An einem Frühlingstag 1978, als Cynthia bei einem Freiluftevent am Uni-Campus ein Lied san... äh ... zum "Besten" gab, hörte sie ein gewisser Jeff Finder. Dieser war so fasziniert von den Tönen, die die junge Frau - jenseits von Gut und Böse - produzierte, dass er sofort versuchte, sie ausfindig zu machen. Es war Cynthias Glückstag. Er finanzierte die Produktion von 1.000 Singles, die im Frühling 1980 "in die Welt" gingen und u. a. auch Teil von "Rhino's Worlds Worst Records" wurde.


"A comedienne extraordinaire and scintillating songstress ... her skirts sometimes mini, but her talent always maxi." (Rock Scene, Januar 1981)

Cynthia hatte etwas, das den Leuten gefiel. Sie war souverän und verkaufte sich gut. Dass sie kein Gesangstalent besaß, war da tatsächlich nebensächlich.
1981 zog sie nach New York, wo sie einige Jahre "performte", ehe sie zurück ans College ging und Jura studierte. Sie lebt und arbeitet ("juvenile defender") heute in Vermont.

Nun zum Text: Natürlich ist mir klar, dass das ganze Projekt "Gloria Balsam" nicht wirklich ernst gemeint war - trotzdem wurde vermutlich nicht wenig Geld hinein investiert und die Singles gibt es ja ... also muss man es trotzdem bewerten!

Eigentlich müsste ich zuerst das Bildcover bewerten. Schwarz-weiß. Es ist ein ganz normaler Tag. Die junge Cynthia sitzt, wie üblich, in ihrem 50er-Jahre Kleid mit ihrer Nerzstola in der Gondel. Als sie ihren Blick über die weißen Handschuhe, die natürlich perfekt zu ihren Strümpfen passen, schweifen lässt, stellt sie fest, dass die "Haltevorrichtung" von Fluffy leer ist. Der kleine Köter muss sich irgendwann unbemerkt aus dem Staub gemacht haben.
Doch wie konnte er Glorias liebevollen und sanftmütigen Rufen widerstehen?

Here, Fluffy
Where are you? Where are you?

First time I saw Fluffy, was a cold December night
Shivering in the darkness by the roadside
A lost and lonesome puppy that couldn't reallywalk, but tried
To run to me somehow, I knew my Fluffy would always be by my side

I took you home and cared for you and nursed you back to health
Everyday we would run and play
How we've grown to love each other, everywhere we go
You and me, somehow I knew my Fluffy would always be by my side


--> Der arme Hund dachte sich wohl, dass das Leben schon beschissen genug ist, wenn man mitten in der Pampa ausgesetzt wird. Das einen dann aber noch eine hysterische junge Frau mit eindeutig zu viel Begeisterung und Liebenswürdigkeit einfach einpackt und mitnimmt, konnte niemand ahnen. Am wenigsten wohl Fluffy, der eigentlich Bob, Bello oder Vladimir hieß. Jedenfalls etwas maskuliner als Fluffy.

Here, Fluffy
Where are you? Where are you?
Oh, how much you mean to me

One day we went camping and little Fluffy got lost
Oh, where? Oh, where could Fluffy be?
We looked but couldn't find you when it was time to go
Somewhere my Fluffy's looking for me


--> Fluffy hat die einzige mögliche Chance genutzt und sich aus den Fängen dieser vermeintlichen Tierliebhaberin entzogen. Vermutlich wäre er sonst zu Tode geschmust, geknuddelt oder gestreichelt worden. Man vermutet, dass er inzwischen - gemeinsam mit Grobi aus der Sesamstrasse - ein Drogenimperium auf Costa Rica eröffnet hat. Eine Liaison mit Daisy (dem Hund von Rudolph Moßhammer) wurde ihm ebenfalls nachgesagt. Möglicherweise eine Zeitungsente.

Now I'm lost and lonesome, I'm wondering everywhere
Looking for my Fluffy, please come home
Got so dark, I lost my way then Fluffy came to me
And led me home, somehow I knew my Fluffy would always be by my side


Here, Fluffy
Where are you? Where are you?
Oh, much you mean to me



Ich vergebe fünf Dosen Chappy an Fluffy, wenn er noch möglichst lange weit weg bleibt!

Tja. Jetzt habt ihr Gloria Balsam gehört und ich glaube, ihr werdet sie nie vergessen. 
Sie beweist aber auch, dass sie eine noch viel bessere Livekünstlerin ist, was das unten stehende Video aus den 80er-Jahren beweist. Anhören auf eigene Gefahr!




Eigentlich hätte Fluffy wieder auftauchen müssen. Oder ein anderer Hund. Oder Fledermäuse. Die Frequenzen, in denen sich Gloria Balsams Töne bewegen, sind normalerweise (mein Beileid!) nur von Tieren hörbar. Der angerichtete Schaden kann allerdings nicht beziffert werden. Der Markt für Tier-Ohropax ist leider recht klein.

Ja. Die meisten Dinge wissen wir erst dann zu schätzen, wenn wir sie nicht mehr haben. Bei den einen sind es kleine flauschige Hunde, bei anderen zwischenmenschliche Kontakte. Ein Kuss, eine Umarmung, ein Händeschütteln, ein achtloses Anrempeln vorm Konservendosenregal im Supermarkt. Irgendwann wird es vielleicht wieder so werden wie früher. Bis dahin tut mir nur BITTE einen Gefallen: Singt und schreibt kein Lied darüber! Danke und Amen.

Donnerstag, 16. April 2020

# 29 - "Radio Luxemburg wünscht 'Guten Morgen'" - Herlinde Grobe (1975)

Ja, die aktuelle Zeit hat auch Positives zu bieten. Viele Menschen werden nicht mehr tagtäglich um 6 Uhr aus den schönsten Träumen gerissen und müssen ihre trägen Körper in die Arbeit manövrieren. Vielfach sind Termine relativ geworden und auch die Kernarbeitszeiten wurden angepasst. Ausschlafen ist momentan für einige Menschen also nicht nur am Sonntag drin, sondern an allen Tagen.
Das es unterschiedliche Methoden gibt, wie man liebevoll geweckt werden kann, ist obligatorisch. Ob durch den Duft von frisch-gebrühtem Kaffee in Form von Frühstück, das einem ans Bett gebracht wird, durch zärtliche Hahnenrufe im ländlichen Idyll oder weil die Müllmänner überlaut die Mülltonnen entleeren - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Doch in den 70er-Jahren, als Radio noch Hochkonjunktur hatte, weil YouTube und Spotify noch nicht mal bei den fortschrittlichsten Zukunftsforschern plausibel erschienen, da gab es auch "Weck-Musik". Radio Luxemburg hat ihre sogar auf Schallplatte pressen lassen.




Herlinde Grobe
A: Mon Ami, c'est la Vie (M: Horst-Heinz Henning / T: Max Mainzel = Christine Neuhausen)
B: Radio Luxemburg wünscht guten Morgen (M: Horst-Heinz Henning / T: Max Mainzel) 

1975, Decca, 6.11682 AC
produziert von Horst-Heinz Henning


"Herlinde Grobe" - ein Name wie Musik. Ja, die gute Frau heißt wirklich so und wurde 1948 in der Nähe des südhessischen Offenbachs geboren. Neben einer klassischen Tanzausbildung und ersten Choraktivitäten absolvierte sie eine Ausbildung zur Feintäschnerin (Lederverarbeitung), ehe sie alles auf die goldene "Schlager"-Karte setzte. Ihre ersten Schallplattenaufnahmen kamen 1965 auf den Markt. Es folgten Duette mit Teenie-Idol Thomas Fritsch sowie zahlreiche Schallplattenproduktionen. In dieser Zeit nennt sie sich Berti, Berti Glockner und Angela Burg. Als Mitglied der für kurze Zeit bestehenden Gruppe "Meeting Point" nimmt sie auch an der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix d'Eurovision teil.
Großen Erfolg hatte sie als Begleitsängerin von Frank Farian (dem Erfinder von "Boney M." und "Milli Vanilli") bei seinen 1976 veröffentlichten Hits "Rocky" und "Spring' über deinen Schatten, Tommy". Ein erneuter Versuch sie, die "Rocky-Sängerin", solistisch zu pushen, scheitert. Herlinde arbeitet wieder verstärkt im Studio und Background ehe sie Mitte der 80er-Jahre als "Bianca" ins Show-Geschäft zurückkehrt. Und ab dem Zeitpunkt läuft es für sie. Sie ist häufiger Gast in Fernsehsendungen und komponiert auch für andere SängerInnen. Ihr Steckenpferd sind nun volkstümliche Lieder mit meist christlichen Inhalten. Mehrfach nahm sie am Grand Prix der Volksmusik teil.

Das Herlinde eher eine Frau "fürs Grobe" ist, beweist auch dieser "sanfte" Morgenweckruf. An dieser Stelle bin ich ehrlich zu euch: Wenn ich so geweckt werde, gibt es bei mir wirklich Mord und Totschlag. In der Früh bin ich für Martern dieser Art NICHT zu gebrauchen! (Und ein Vergehen dieser Art wird lebenslänglich nicht verziehen, geschweige denn vergessen! Ich sage nur #Vendetta^3)

Radio Luxemburg wünscht "Guten Morgen"
Alles Gute, alles Liebe und viel Glück
Radio Luxemburg vertreibt die Sorgen

Wie jeden Tag mit seiner fröhlichen Musik

--> Kennt ihr dieses Gefühl, wenn man in der Früh aufwacht und das Gefühl hat, der ganze Tag ist bereits gelaufen? Das man wirklich sowas von mit dem falschen Fuß aufgestanden ist und weiß, dass die einzige Lösung, den Tag halbwegs zu überstehen, wäre, sich rücklings wieder ins Bett fallen zu lassen und die Decke über den Kopf zu ziehen? Ja? Genau diese Assoziation habe ich, nachdem dieser Refrain ertönt. Wenn ich etwas noch weniger leiden kann, als unfreiwillig geweckt zu werden, dann ist es, wenn die Person, die mich weckt, UNFASSBAR gute Laune hat - und das bereits in der Früh!

Der fröhliche Wecker mit Musik und Humor
Auf den vier fröhlichen Wellen
Bringt Schwung in den Alltag für den, der zuvor
Nicht vergisst, sich auf uns einzustellen

--> Ja, ich kann meinen Wecker stellen. Ja, ich kann mich darauf einstellen, dass er irgendwann (idealerweise zu der von mir festgelegten Zeit) ertönt, aber NEIN, ich kann mich auf DIESEN Weckruf sicher NIEEEEEEEEEEEEEEEEMALS einstellen!

Refrain

Der fröhliche Wecker macht das Aufsteh'n euch leicht
Mit Tipps und mit Information
Vielleicht auch oft kopiert, aber nie ganz erreicht
Treffen wir hier den richtigen Ton


--> Wenn so für euch "leichtes Aufstehen" aussieht, dann will ich gar nicht erst wissen, wozu ihr noch alles fähig seid! Gott sei Dank hat bis dato NIEMAND versucht, diesen brutalen Weckruf zu kopieren. Und Herlinde, es tut mir wirklich leid, aber ihr trefft damit um 06:23 sicher nicht den richtigen Ton für MICH.

Refrain

Der fröhliche Wecker ist ein lustiger Trick
Für euren Tagesbeginn
Wir haben dabei etwas Schalk im Genick
Und kein Sinn hat auch einen Sinn


--> Mit der letzten Strophe merkt man überdeutlich, dass euch jetzt auch schon bewusst geworden ist, dass euer Unterfangen echt nicht nett war und euch jetzt KEINERLEI rationale gute Gründe mehr einfallen, um diesen sado-masochistischen Anfall zu begründen, geschweige den "mildernde Umstände" zu erfehlen. Das man "Schalk im Nacken" hat, weiß ich, aber was passiert wenn man zu viel Schalk "im Genick" hat, war mir bis dato unklar. Möglicherweise wirkt es sich auf das Kurzzeitgedächtnis aus. Oder auf das Textverständnis. Aber egal. Wie sagte doch bereits der große Dichter Edgar Allan Pöter "Und kein Sinn hat auch einen Sinn".



Meine Bewertung fällt sehr kurz aus. Für dieses brutale Machwerk vergebe ich nichts. Aber, wenn es in meiner Nähe ertönen würde, würde ich mindestens fünf schwere Gegenstände in diese Richtung werfen!

Ich hoffe, dass ihr heute angenehmer geweckt wurdet. Bei mir hat das freundlicherweise die Sonne erledigt. Die ist ganz sanft einfach aufgegangen und hat mich durch ihr fröhlich-sanftes Erscheinen liebevollst entschlummert. Danke dafür, btw! 
Solltet ihr einen ganz schlimmen Feind haben oder wünschen, dass jemand furchtbar gemein geweckt wird, empfehle ich dieses Lied. Idealerweise in der Endlosschleife. Mit so einem fröhlichen Wecker kann der Tag doch gar nicht anders als ... ich höre lieber auf. Ich glaube ich habe gerade die Tür zu meinem finstersten und abgrundtiefst bösartigsten Inneren gefunden. Die mach' ich lieber schnellstmöglich wieder zu. Bis morgen :)

Mittwoch, 15. April 2020

# 28 - "David und Goliath" - WIR (1972)

Heute gibts etwas ganz Besonderes auf die Ohren. Nachdem Drafi Deutscher Anfang der 70er-Jahre nicht mehr ganz an seine früheren Erfolge ("Marmor, Stein und Eisen bricht") anknüpfen konnte und seine Karriere einen starken Knick erleidete (nachdem er 1967 in alkoholisiertem Zustand von einem Balkon auf die Straße uriniert hatte), verschwand er zunächst von der Bühne. Er widmete sich anderen KünstlerInnen und arbeitete unter zahllosen Pseudonymen im Hintergrund. 
Eines dieser Studioprojekte, "WIR", schlug derart ein, dass Anfragen für Fernsehauftritte eintrafen. Schnell musste aus einem Teil der StudiosängerInnen und weiteren Personen aus Drafis Dunstkreis eine fernsehtaugliche Gruppe formiert werden.

Das Besondere an dieser Gruppe war das Genre, in dem sie sich bewegten: Sacropop (also christliche Popmusik ... quasi deutscher Gospel). Was in anderen Nationen und Sprachen funktioniert, muss doch im Deutschen auch gehen, oder?




WIR
A: David und Goliath (M & T: Jack Goldbird = Drafi Deutscher & Hans Georg Moslener)
B: Jerusalem [Pop Concert - Pop Concert Orchestra] (M: Paul de Senneville & Olivier Toussaint / dt. T: Jack Goldbird & Hans Georg Moslener) 

1972, Metronome, M 25 445


Hier nun der glorreiche Text. Wie schade, das diese christlich-fröhliche Popmusik nicht öfter durch klerikale Hallen dröhnt. Möglicherweise hätte das so manche sonntägliche Kirchenbank aus allen Nähten platzen lassen (wenn alle gecheckt haben, wie cool "Godfather in the house" ist).


David und Goliath
Welch eine große Tat
David, der war so klein
Doch nur mit einem Stein
Traf er genau ins Ziel
Sodass der Riese fiel
David schlug Goliath
Durch unser'n Herrn

Wer von euch es wagt
Kämpft mit Goliath
Der Riese war so laut
Das alles sofort erschrak

Alle rannten fort
Keiner blieb am Ort
Nur einer hatte Mut
Denn er glaubte an den Herrn

Refrain

David nahm kein Schwert
Das war ihm nichts wert
Fünf Sterne nahm er nur
Und ging auf den Riesen zu

Als der Riese sah
Wer der Kämpfer war
Hat er ganz laut gelacht
Schrie: "Du, wer bist denn du?"

Refrain

Sieger durch die Kraft
Die der Himmel schafft
Der Starke ist nur stark
Wenn es unser Herr so will

Die Geschichte lehrt
Es ist gar nichts wert
Wenn man ein Riese ist
Dem der Glaube aber fehlt

Refrain


Über den Text schweige ich mich aus. Da bin ich tatsächlich ziemlich enttäuscht, ob der einfallslosen Einerleireimerei. 

Das war eine ziemlich revolutionäre Idee, den Religionsunterricht in das deutsche Kinder- und Jugendzimmer zu transportieren und den "vom Weg abgekommenen Teenies" den "coolen" Glauben zurückzubringen und ihnen ein bisschen was von der "holy message" zu überbringen. Tja. Was bei den Les Humphries Singers ganz gut funktionierte - man kann wirklich darüber staunen wie ausführlich der "Lord" in den frühen 70er-Jahren "gepraised" wurde - verfehlte seine Wirkung in der deutschen Sprache ziemlich, weshalb das Wir-Projekt schließlich 1973 wieder ad-acta gelegt wurde. Schade! (Oder Gott sei Dank ... das Alte und Neue Testament hätten sicher noch den einen oder anderen schmissigen Dance-Party-Song parat gehabt)

("Jesus cried on the day that the died" kann man halt auf englisch auch besser grölen, wenn man nicht so genau versteht, was es exakt bedeutet!)




Foto: ?, Pete Rainford, Christa Zalewski, Claudia Gorden, ?, Mulle Deutscher und Wolfgang Pliverits 

Mitglieder, dieser von 1971 bis 1973 aktiven Gruppierung waren:

- Christa Zalewski (* 1946; Duett mit Mann Pete; solo als Peggy Peters, Julie Winters und Tina Rainford -> Hit "Silver Bird" 1976)
- Claudia Gorden-Nowy (Solo als Claudia Gorden von 1969-1973, danach hauptsächlich Backgroundsängerin)
- Richard "Drafi" Deutscher (1946-2006; größter Hit "Marmor, Stein und Eisen bricht" 1965)
- Günther Bayer (Solo als Gary Christian von 1971-1974)
- Karin "Mulle" Deutscher (Drafis erste Ehefrau von 1966-1976)
- Peter "Pete" Rainford (Ehemann von Christa)
- Peter Schlaper (Solo 1972-1973)
- Wolfgang Pliverits (* 1941, Solo als Tom Schütt und Norman Ascot, Texter/Komponist)


Auftritt in der ZDF-Musiksendung "Disco" mit dabei
(v.l.n.r.) Claudia, Norman, Pete, Tina, Drafi und Mulle

Die genaue Anzahl an Muppets, die für Claudias Jacke ihr Leben lassen mussten, ist nicht überliefert. Es wird aber von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgegangen.


Ein Auftritt im Film "Blau blüht der Enzian" - hier sind Drafi, Mulle, Tina, Norman, Pete und Peter (sowie einige StatistInnen) zu sehen.


Tinas Latzhose ist so unvorteilhaft geschnitten, dass es so aussieht, als würden ihr permanent die Beine "durchknicken". Aber immerhin versuchte man eine steile Choreographie zu liefern ;)
Es wirkt ein bisschen so, als wäre es bereits Take 732. Während Tina vor nie enden wollender Begeisterung und Gottesglückseligkeit nur so sakral vor sich hin sprüht, wirkt Mulle im blauen Oberteil nicht mehr ganz so bei der Sache und gestaltet die Anmerkung "ein Stein" mit dem minimalsten Aufwand :D


Drafi stand ab den 80er-Jahren wieder verstärkt selbst auf der Bühne. Seine größten Hits als Komponist/Texter waren "Silverbird" (Tina Rainford, 1976), "Fly away pretty Flamingo" (Peggy March, 1977), "Mama Leone" (Bino, 1978), "Belfast" (Boney M., 1977) sowie 1983 "Guardian Angel", das im deutschsprachigen Raum als "Jenseits von Eden" ein Riesenhit für den jungen Nino de Angelo wurde.


Für diesen "Sacropop"-Song vergebe ich fünf von fünf Steinen sowie zwei Vater-Unser, drei Ave-Maria und zwei Rosenkränze.

In schwierigen Zeiten kann einem der Glaube helfen. An Gott. An die Wissenschaft. An die Liebe. An die Menschheit. Oder an die nie enden wollende Anzahl skurriler Songs. Hallelujah!